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  • Verena Päschke
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  • 19.02.2005

Famulatur-Tagebuch (3)

Der unmotivierteste PJ`ler aller Zeiten

Verena erlebt eine äußerst unangenehme Situation und lernt den „unmotiviertesten PJ´ler aller Zeiten“ kennen.

Foto: Jupiterimages

Annette ist zurück

Nach der Visite im großen Pulk wartet statt Blutabnehmen erst mal eine ganz andere Aufgabe auf uns: Annette ist wieder vom Urlaub zurück. Sie hat eine Drittmittel-AiP-Stelle und beschäftigt sich tagtäglich mit onkologischen Studien. Aber manchmal hilft sie auf Station aus, wenn dort alles drunter und drüber geht. Für heute hat sie in Angriff genommen, den Rezeptdrucker zu reparieren, der schon seit einigen Wochen streikt. Und so telefonieren wir mit der Herstellerfirma, legen das ganze Ding auseinander und bauen es wieder zusammen. Annette ist zwar genauso energisch wie Sandra und dazu noch ziemlich hektisch, aber viel netter. Sie erzählt von ihren Auslandsfamulaturen, und so vergeht der Morgen wie im Flug.

 

Eine unangenehme Situation

Kurz vor dem Mittagessen bringen Achmed und ich eine ältere Patientin im Rollstuhl mit Verdacht auf Cervix-Karzinom in die "Strahlenambulanz" im Erdgeschoss. Dort soll Prof. Weinreich sie anschauen und über das weitere Procedere entscheiden. Vorgestellt wird ihm die Dame von Assistenzarzt Peters, über den sich Sandra und Annette den lieben langen Tag lang echauffieren. Peters hat ebenfalls eine Drittmittelstelle und lässt sich den zwei AiPlerinnen zufolge eher selten zu Routinearbeiten hinreißen. Momentan arbeitet er in der Tagesklinik "Onko I", wo Patientinnen ambulante Chemotherapie bekommen. Doch da die Patientin im Rollstuhl nachts mit unklaren Blutungen zu ihm in die Notaufnahme kam, ist er für sie zuständig. Prof. Weinreich untersucht Frau B. auf dem gynäkologischen Stuhl, während Peters, Achmed und ich im engen Ambulanzzimmer betreten herumstehen. Denn sie blutet stark vaginal, offensichtlich ist der Tumor schon fortgeschritten. "Jetzt Sie!", befiehlt Weinreich barsch. Peters muss auch noch ran, obwohl der Patientin die Untersuchung Schmerzen bereitet. "Welches Parametrium ist frei? Diagnose!" verlangt Weinreich.

Peters braucht Ewigkeiten, wird immer nervöser. Schließlich nennt er die richtige Seite. Doch beim Ausziehen seiner blutigen Handschuhe passt er nicht auf: Blut spritzt durch den Raum, überall an Decke, Boden, Türe und auf mir landen feine Spritzer. Peters ist es hochnotpeinlich, er wischt überall mit Papiertüchern herum und entschuldigt sich bei mir, während Weinreich einige Brüller loslässt. Mir wird das Ganze zuviel, ich verziehe mich ins PJ-Zimmer. Schnell runter mit dem blutbespritzten Zeug. Zum Glück habe ich mir im Nähzimmer zwei Hosen geben lassen, und ein herrenloser Kittel liegt auch noch rum. Zehn Minuten bleibe ich auf dem alten Sofa sitzen und atme tief durch.

 

Der unmotivierteste PJ`ler aller Zeiten

So ein PJ-Zimmer ist schon was Schönes – ein richtiger Zufluchtsort. Auch wenn es äußerst spartanisch eingerichtet ist und von den Putzfrauen offensichtlich gemieden wird. Immerhin gibt es ein Telefon. Es dauert nicht lang, bis Achmed und Mirko reinkommen, die das Zimmer ebenfalls intensiv nutzen. Mirko nennt sich selbst "den unmotiviertesten PJ-ler aller Zeiten". Seit sechs Monaten malocht er nun schon umsonst und hat fast jegliche Lust auf das Arzt-Dasein verloren. Denn gelernt hat er noch nicht viel bisher, meint er. Seine Doktorarbeit im Labor hat ihm so gut gefallen, dass er vielleicht ganz in die Forschung gehen will. Achmed dagegen möchte gern Internist werden. Bei den Aufnahmen fühle ich mich zunehmend sicherer.

Nach einer Diskussion über die Vor- und Nachteile von Gynäkologie gegenüber anderen Fächern gehen wir zum Essen. Sandra ist auch schon in der Kantine, zum Glück braucht sie immer mindestens eine Stunde. Nachmittags passiert nicht mehr viel außer ein paar Aufnahmen. Darin fühle ich mich jetzt schon viel sicherer, so langsam kriege ich heraus, welche Fragen ich nicht vergessen darf. Steht ja schließlich alles auf den Vordrucken im Journal. Auch das Untersuchen macht Spaß, denn die meisten Frauen sind aus internistischer Sicht "gesund" und sie haben keine Schmerzen dabei. Viele reden ganz offen über ihren Krankheitsverlauf. Allerdings habe ich den Eindruck, dass viele nicht richtig realisieren , dass es eigentlich keine Heilung gibt, sondern nur ein Hinauszögern. Wahrscheinlich ist das ein Selbstschutz. Nach Dienstschluss rufe ich bei meiner Frauenärztin an und lasse mir einen Termin für Anfang nächster Woche geben. Sicher ist sicher.

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