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  • Verena Päschke
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  • 20.02.2005

Famulatur-Tagebuch (4)

Der Kissen-Eklat

Verena diskutiert mit dem „Arzt, dem die Frauen vertrauen“ über die heikle Frage, ob eine Patientin über ihre Metastasen aufgeklärt werden soll oder nicht. Mit Schwester Rosa kommt es zum „Kissen-Eklat“.

Foto: Jupiterimages

Aufklären oder nicht?

Bei der Visite lerne ich den zweiten Oberarzt der "Onko II" kennen, Prof. Brand. Vollbart, Nickelbrille, sanfter thüringischer Dialekt – ein Arzt, dem die Frauen vertrauen. In seinem Ambulanzzimmer diskutieren wir den ganzen Vormittag darüber, ob einer Patientin mit progredienten Hirnmetastasen, die neurologisch noch völlig unauffällig ist, das Ergebnis des Verlauf-CTs mitgeteilt werden soll oder nicht. Sandra und Annette sind dafür, Prof. Brand dagegen, Achmed und ich halten uns vornehm im Hintergrund. Prof. Brand dachte schon vor einigen Jahren, als die Patientin Lebermetastasen bekam, dass sie bald sterben würde und ist deshalb dagegen, ihr den Lebensmut zu nehmen. Sandra und Annette plädieren dafür, ihr zu sagen, wie viel Zeit ihr noch mit ihren vier Kindern bleibt... Nach einer Stunde einigen sie sich darauf, Frau A. eine Therapie mit dem Antikörper Herceptin anzubieten, der für Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs zugelassen ist.

Kissenbeziehen ist nicht mein Job

Bei einer Patientin gelingt uns die Blutabnahme nicht, deshalb marschieren Achmed und ich mit ihr zu den Anästhesisten. Oberärztin Dr. Adriani findet ganz rasch eine feine Vene am Handrücken, die Patientin ist erleichtert, wir bewundern die geschickten Finger der Anästhesistin. Bei ihrem Tun erklärt sie uns ganz genau, wie man Nadeln legt und sticht, auch wenn es keine "schönen Venen" gibt. Zurück auf Station möchte Frau O. gern ein Stützkissen für ihre Hand. Ich frage Schwester Rosa – aus Serbien, mit Dinosaurierstatur und Giftblick – ob sie ihr eines bringen kann. Ein böser Fehler: "Ja Frau Doktor, gern Frau Doktor" schnauft sie mich an. Offensichtlich kann sie es nicht verkraften, dass ich ihr einen Befehl gegeben habe, wo sie mich doch letztes Jahr noch unter ihrer Fuchtel hatte. Zu schnell lasse ich mich einschüchtern und beziehe das Kissen selbst im Wäscheraum. Darüber ärgere ich mich noch den ganzen Nachmittag. Warum war ich so dumm? Kissenbeziehen ist nicht mein Job. Ich hätte es darauf anlegen müssen. Andererseits hat mir die Patientin leid getan. Wie auch immer, meine Laune ist im Keller und ich sende Wolken von Hassgedanken in Richtung Rosa, sobald ihr monströses Hinterteil mein Blickfeld kreuzt. Sie freut sich natürlich, dass sie die eingebildete Studentin kleingekriegt hat.

Zum Glück komme ich nächste Woche auf eine andere Station.

 

Die neue Station

Die lerne ich nachmittags gleich kennen: Achmed stellt mich auf der "Operativ I" vor. Stationsarzt Peter Reinhardt sieht haargenau so aus wie der Ex-Betreuer meiner inzwischen ruhmlos abgebrochenen Doktorarbeit – trotzdem gelingt es ihm, einen sympathischen Eindruck auf mich zu machen. "Da freuen wir uns, wenn Du nächste Woche zu uns kommst", lächelt er mich an. "Ähh, ich freu mich auch", grinse ich verlegen zurück. Ob es hier wohl auch eine Schwester Rosa gibt? Auf jeden Fall kumulieren ab Montag alle drei Famulantinnen auf "OP I" – Yara, Pia-Anne und ich werden eine Woche lang zusammenarbeiten. Yara war fast die ganze Zeit schon auf "OP I", Pia-Anne auf der Wochenstation. Sie ist froh, von dort wegzukommen. Ich glaube, das wird ziemlich gut mit Reinhardt und den beiden Mädels. Auch Stations-AiP Tom sieht um einiges studentenfreundlicher aus als seine kratzbürstige Kollegin von Onko II. Letztes Jahr war er schließlich selbst noch PJ-ler im Haus, und im Gegensatz zu Sandra kann er sich daran anscheinend noch erinnern.

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