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  • Beyza Saritas
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  • 17.08.2020

Famulatur in der Unfallchirurgie

Vier Wochen Famulatur in der Unfallchirurgie. Zwischen Röntgenbesprechungen, Visiten, OPs, Sprechstunden, zwischen Leben und Tod. Lokalredakteurin Beyza schildert in diesem Bericht Erfahrungen aus ihrer ersten Famulatur.

 

Die erste Famulatur jagt dem ein oder anderen Medizinstudierenden einen Schauer über den Rücken. Nach zwei Jahren Medizinstudium, wohlbemerkt mit so viel Patientenkontakt, dass man diesen an zwei Händen abzählen kann, heißt es plötzlich: Praxis statt Theorie. Blut abnehmen, im OP assistieren, Röntgenbilder deuten – statt dem Lernen von biochemischen Zyklen, Ursprüngen und Ansätzen von Muskeln, physikalischen Formeln.

 

Probieren statt Studieren

Die erste Famulatur sorgt für Herzklopfen, aber auch für Zweifel, die sich immer tiefer in das eigene Gewissen bohren. Schneller als man denkt, darf man in die Arztrolle schlüpfen – und damit meine ich nicht nur verkleidet im weißen Kittel durch die Krankenhausflure schreiten, sondern bereits eigene Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die Konsequenzen haben können. Konsequenzen, die Menschenleben betreffen. Wurde einem bisher nur vage vermittelt, dass die im Studium gelernten Inhalte für das spätere Berufsleben wichtig sind, merkt man dies nun am eigenen Leib. Plötzlich sind physiologische Normwerte doch nicht mehr so irrelevant, wie man bisher gedacht hat, und winzige anatomische Knochenvorsprünge bedeutungsvoller als zuvor angenommen.

Das erste Mal ein bisschen Arzt sein, gleicht einem Sprung ins kalte Wasser – als Nichtschwimmer. Aber hatten wir nicht alle etwas Angst, als wir unsere Schwimmflügel das erste Mal ablegen mussten? Schien das Meer nicht endlos, so als würde es uns verschlucken wollen? Die erste Famulatur wirkt anfangs ebenso bedrohlich, doch mit der Zeit lernt man, wie man Blut abnimmt, wie man Wunden näht, auch, wie man Arthrosen und Frakturen im Röntgenbild erkennt. Wie beinahe überall gilt auch hier: Kein Meister ist vom Himmel gefallen. Ärztliche Tätigkeiten wollen gelernt sein. Und irgendwo muss man ja anfangen.

 

Röntgenbesprechungen: Schwarz-Weißes Rätsellösen

Dass zwei Jahre Medizinstudium dennoch nicht nutzlos für die Praxis gewesen sind, erkenne ich besonders in den Röntgenbesprechungen. Punkt halb acht, im Demonstrationsraum. Das Geräusch der Beamer übertönt das „Gute Morgen”, das beinahe jeder Arzt beim Eintreten in den Raum ruft. Mal lauter, mal leiser. Bald wird das gedimmte künstliche Licht von dem grellen Licht der Beamer abgelöst, die auf die vorderen Leinwände projizieren. Nach und nach trudeln auch die letzten Ärzte zur Tür hinein und setzen sich auf ihre Plätze. Dabei ist es mehr oder weniger ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Studierenden hinten sitzen. Nebenbei werden Röntgenbilder, MRTs und CTs des vorherigen Tages vorgestellt, hin und wieder füttert einer der Ärzte die anderen mit Informationen über die Vorgeschichte des jeweiligen Patienten. Fragestellungen und Befunde werden erläutert, Scheibe für Scheibe das Innerste eines Jeden betrachtet.

 

Der Kick im OP

Schon kurz danach verziehen sich die Schwärme aus Weißkitteln in ihre Arztzimmer, besprechen hier im Rahmen einer Übergabe noch einmal jeden stationären Patienten. Wer wird heute verlegt, wer bekommt einen neuen Verband, wer wird operiert? Im Anschluss geht es für die Visite auf Station. Ein paar Sätze werden ausgetauscht, natürlich im Schnellverfahren. Während der Visite klingelt mein Telefon; im OP wird Hilfe gebraucht. Während ich mir im Krankenpflegepraktikum noch weit weg vom OP-Tisch den Hals verrenken musste, um einen Blick auf das OP-Gebiet zu erhaschen, heißt es für mich als erste OP-Assistenz nun aktiv mitoperieren. Plötzlich ist man angehende Ärztin, und nicht mehr die Schülerin, die nach dem Abitur ihr Krankenpflegepraktikum ableistet. Und dennoch: Hierarchien sind prävalent, und man merkt, dass man in diesen weit unten steht.

Nach dem minutenlangen Einwaschritual, und dem Überziehen der Röntgenschürze, die gefühlt ein Fünftel meines Körpergewichts ausmacht, geht es auch schon los. Der Patient ist bereits gelagert, der Operateur und ich werden von einer OTA steril eingekleidet. Das OP-Gebiet wird mit Kodan, einem orangefarbenen Hautantiseptikum, desinfiziert. Je nachdem, wer operiert, darf ich mehr oder weniger machen. Dennoch sind der anfängliche Schnitt und die abschließende Naht bald geübte Handgriffe. Aber auch vom Haken halten wird man als Studentin nicht verschont. Nicht selten habe ich nach den mehrstündigen OPs, in denen ich die Haken keinen Zentimeter bewegen darf, Muskelkater im Arm und manchmal sogar den Fingern.

 

Medizin zwischen Insektenstichen und Verkehrsunfällen

Gegen Mittag steht die tägliche Sprechstunde an. Zwischen Notfällen, wie einer Oberschenkelhalsfraktur, gibt es auch Patienten, die ihren Hausarzt mit der zentralen Notaufnahme verwechseln. „Manchmal ist es schon verrückt, wenn ich daran denke, was hier in zwei Räumen, nicht weit weg voneinander, alles passiert. Während in einem Raum ein Patient mit Oberschenkelhalsfraktur liegt, der notfallmäßig operiert werden muss, wartet in einem anderen Raum ein Patient ungeduldig auf die Behandlung seines Insektenstichs”, sagt ein Assistenzarzt nachdenklich.

Eines Tages klingelt das Schockraumtelefon während der Sprechstunde. Ein Verkehrsunfall, der in wenigen Minuten mit dem Helikopter in unser Krankenhaus gebracht wird. Schnell werden mehrere Anästhesisten, ein Internist, ein Unfallchirurg, ein Neurochirurg und einige weitere Ärzte in den Schockraum getrommelt. Keiner weiß so richtig, wie schlimm es wirklich um den Patienten steht, der in wenigen Minuten notfallmäßig behandelt werden muss. Dann geht es schnell. Der Patient wird bereits intubiert durch den Rettungsdienst in den Schockraum gebracht. Danach läuft alles weiter nach dem ABCDE-Schema: Airway. Breathing. Circulation. Disability. Exposure. Der Reihe nach untersucht jeder Arzt den Patienten seiner Fachdisziplin entsprechend, Zugänge werden gelegt, der Patient für ein EKG verkabelt. Gemeinsam geht es ins CT, um Hirnblutungen und weitere Frakturen auszuschließen.

 

Patienten lernen von Medizinern, Mediziner von Patienten

„Unfallchirurgie ist qualitative Chirurgie”, erklärt mir ein Arzt im OP, während im Hintergrund das Radio läuft. Und Recht hat er, da die meisten Operationen bereits langfristig geplant sind. Hüft- und Knie-TEPs stehen meist schon Wochen vorher fest; Ziel dabei ist es, die Lebensqualität des Patienten zu erhöhen. Doch es gibt sie: die schlimmen Unfälle, die Familientragödien. Die Patienten, die im gleichen Alter wie ich sind, und deren Leben endet, während meines erst richtig beginnt. Die Patienten, durch die man sein Leben mehr schätzt als bisher schon. Solche Momente machen bewusst, dass nicht nur der Patient vom Mediziner, sondern auch der Mediziner vom Patienten lernt. Lektionen der Menschlichkeit.

 

Fazit: Famulieren will gelernt sein

Meine erste Famulatur in der Unfallchirurgie hat mir gezeigt, dass ein Medizinstudium noch lange keinen Arzt aus einem macht. Die unzähligen theoretischen Grundlagen, die man im Laufe des Studiums lernt, dienen sicherlich als gutes Fundament für das spätere Berufsleben. Letztlich kann jedoch nur der von seiner Famulatur profitieren, der sich traut, der ausprobiert und seine Komfortzone verlässt. Keiner erwartet, dass man alles auf Anhieb kann. Doch ein wenig Interesse und Lernbereitschaft ermöglichen einem, in vier Wochen praktisch mehr zu lernen als in den bisherigen zwei Jahren Medizinstudium. Schwimmen lernt man schließlich auch nicht aus einem Buch.

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