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  • Verena Päschke
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  • 18.02.2005

Famulatur-Tagebuch (2)

Erste Male

Irgendwann ist immer das erste Mal: Über Verenas erste Visite, erste Blutabnahme und ersten Rüffel.

Foto: Jupiterimages

 

Morgenstund ...

Rrrrrr – mit scheußlichem Schnarren reißt mich der Wecker aus der REM-Phase. 05:45 blinken die roten Zahlen gnadenlos. Gestern bin ich um halb zehn auf dem Sofa eingeschlafen. Wieder einmal frage ich mich, warum ich nicht ins Kreiskrankenhaus gegangen bin, ein paar Blöcke weiter in meiner Straße. Nein, die 40 km entfernte Klinik musste es sein. Weil das Kreiskrankenhaus keine Famulanten auf der Gyn akzeptiert.

... hat Gold im Mund?

Mit dem Fahrrad düse ich zum Bahnhof, mit dem Eilzug zum Hauptbahnhof, von dort aus wieder per Drahtesel zur Klinik. Über eine Stunde dauert die Anfahrt. Im Zug ist es so schön warm und ruhig, schnell liege ich wieder in Morpheus` Armen. Was sich beim Aufwachen natürlich rächt, denn meine Kontaktlinsen rebellieren. Irgendwann lande ich dann doch in der Morgenbesprechung, diesmal in passend weißem Aufzug. Ein paar Gesichter lächeln mich freundlich an – die PJler, allesamt an ihren Namensschildern erkennbar. Achmed stellt mir Tanja und Mirko vor. Noch zwei Mädels kommen näher – Yara und Pia-Anne machen ebenfalls Famulatur im Hause! Ich bin doch nicht ganz allein, juhu. Wir reden über die PJ-Fortbildung, die heute auf dem Programm steht. Um Ort und Uhrzeit müssen sich die Studenten selbst kümmern. Bin ja gespannt: "Die gynäkologische Untersuchung am Phantom" heißt das heutige Thema.

Gerade noch rechtzeitig zur Oberarzt-Visite

Zuerst düsen Achmed und ich auf die Onkologie, gerade rechtzeitig noch zur Visite mit Prof. Weinreich, dem leitenden Oberarzt der Strahlenabteilung. Er ist unheimlich dick und sieht schlecht gelaunt aus, begrüßt mich aber freundlich. Ein riesiger Pulk zieht von Zimmer zu Zimmer, denn die Schwestern gehen alle auf Visite mit. Das kenne ich noch vom Pflegepraktikum. Damals war die Visite für mich der Höhepunkt des Tages, heute nervt es mich ein bisschen, dass mehr als zehn Leute von Bett zu Bett marschieren. Gerade schwerhörige, ältere Patientinnen – viele haben ein Cervix-Karzinom und werden täglich bestrahlt – tun sich damit sehr schwer. Aber auch junge Patientinnen zwischen 30 und 50 Jahren liegen auf der Station, einige mit Brustkrebs, zwei mit Ovarialkarzinom. Immer wieder neu bin ich überrascht vom Lebensmut und dem Kampfgeist, den die Frauen an den Tag legen. Kaum eine hat sich aufgegeben, die meisten wissen genau über ihre Krankheit Bescheid und bitten den Professor um Auskunft, zum Beispiel über seine Meinung zur Misteltherapie. Zwischen den einzelnen Zyklen der Chemotherapie gehen sie in der Regel wieder nach Hause, so dass es jeden Tag Neuaufnahmen zu machen und Entlassungsbriefe zu schreiben gibt.

Blut abnehmen – jetzt darf ich ran

Vorher warten noch die Blutabnahmen auf Achmed und mich. So recht mag er mich noch nicht ranlassen, das merke ich genau. Dabei hat mir ein netter AiPler während meines Pflegepraktikums das Blutabnehmen schon beigebracht. Das ist allerdings schon ein Jahr her... Nachdem wir fast alle Röhrchen gefüllt haben – Achmed sticht, ich reiche an – darf ich endlich auch mal, und zwar bei einer Patientin, deren prall gefüllte Vene auch ein Halbblinder nicht übersehen kann. Es klappt einwandfrei, haha! Und der Patientin hat auch nichts wehgetan. Beglückt umklammere ich die Röhrchen. Zurück im Stationszimmer kriegen wir gleich wieder einen Dämpfer aufgesetzt: Sandra ärgert sich, weil wir irgendeine Notiz aus dem "Schwarzen Buch" noch nicht erledigt haben. Ins "Schwarze Buch" schreibt ein Student während der Visite rein, was für jeden Patienten erledigt werden muss: Untersuchungen anmelden, Chemotherapie berechnen etc. Wenn alle Punkte abgehakt sind, könnten wir theoretisch Feierabend machen, aber irgendetwas kommt immer dazwischen, so dass wir viele unerledigte Dinge für den nächsten Tag noch mal aufschreiben müssen.

Auch Schwester Käthe beschwert sich bei uns, weil eine in der Nacht über die Notaufnahme gekommene Patientin noch nicht internistisch untersucht worden ist. Ohne studentische Sklavenarbeit würde hier wohl gar nichts laufen, denke ich insgeheim. Für mich ist das ok, schließlich kann ich noch nichts und bin nur für kurze Zeit hier. Aber die PJler müssen den Überblick über die ganze Station behalten und als Dank dafür dürfen sie auch noch ihre Essensmarken selbst bezahlen. Beim Essen schlage ich mir wieder den Bauch voll: Frühaufstehen und Rumrennen macht hungrig.

Mit Feuereifer bei der Fortbildung

In einem uralten Hörsaal mit gefliesten Sitzreihen kommen wir nachmittags in den Genuss der PJ-Fortbildung. Oberarzt Sander erklärt an vier Phantomunterleiben, wie man mit Spekula und Fingern gynäkologisch untersucht. Alle sind mit Feuereifer bei der Sache. Tatsächlich – die einzelnen Unterleibe unterscheiden sich! Bei einem tastet man ein Myom, beim nächsten sieht die Cervix "entzündet" aus, ein schwangerer Uterus fühlt sich viel fester als ein normaler an. Beim Untersuchen kommt man schnell ins Gespräch: Famulantin Yara ist auch erst im zweiten klinischen Semester, Pia-Anne im schon im fünften. PJlerin Miriam hat schon zwei kleine Kinder und muss täglich eine dreimal so lange Zugfahrt hinter sich bringen wie ich. Sander wippt lässig zwischen uns herum und telefoniert immer wieder, denn sein Piepser steht keine Sekunde lang still. Viel zu schnell müssen wir wieder zurück auf Station, wo eine Menge Befunde auf uns warten. Sandra macht Kinderwunschsprechstunde, so dass wir das Ärztezimmer für uns alleine haben. Achmed geht eine rauchen, ich blättere in den Patienten-Journalen. Um halb vier schickt er mich nach Hause, obwohl der Arbeitstag dienstags und mittwochs offiziell bis fünf Uhr dauert. Passieren kann nichts, da Sandra heute nicht mehr auf Station auftauchen wird. Da lasse ich mich nicht lange bitten. Schließlich ist heute abend "Emergency Room" angesagt!

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