• Bericht
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  • Jing Wu
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  • 10.10.2017

Zwischen Kuh und Klinik – Eine Famulatur der etwas anderen Art

„Und nun die Wettervorhersage für heute“, säuselt die Gute-Laune-Stimme im Radio. Es ist sieben Uhr dreißig und meine Fahrgemeinschaft tuckert etwas verschlafen, aber motiviert über die Chamer Landstraßen im Bayerischen Wald, um zu unseren Hausarztpraxen zu gelangen. „Strahlende Sonne und warme Temperaturen, das perfekte Wetter für Badesee und Biergarten.“ Und das perfekte Wetter für Bedside-Teaching und Blut abnehmen, denke ich mir.

Zusammen mit rund 30 weiteren Medizinstudierenden nehme ich im August im Bayerischen Wald an dem Programm „Exzellenter Sommer“ teil. Einige machen im Rahmen dieses Programms ihr Pflegepraktikum, andere famulieren in der Chirurgie oder in der Inneren Medizin und wiederum andere absolvieren wie ich die Hausarztfamulatur in der Praxis. Das Besondere dabei: Wir wohnen in der Zeit unserer Praktika zusammen in zwei Ferienhäusern, fahren gemeinsam zwischen Wälder und Kuhweiden zu den Kliniken und Praxen, haben nachmittags Teachings und Seminare und am Wochenende Sportangebote und klinische Fortbildungen. 24/7 Medizinerprogramm und das für einen Monat – das Projekt der LandArztMacher stellt hohe Anforderungen sowohl an die Studierenden als auch an die Organisatoren.

 

Der Schweinefuß muss für einen Nahtkurs herhalten. Foto: Mandy Kölbl

 

Dr. Wolfgang Blank ist Allgemeinarzt und einer der vier Gründer des Projekts. Er gehört zu den LandArztMachern, eine Initiative, die Ärzten und Medizinstudenten die Arbeit im ländlichen Raum näher bringen möchte. Über die Anfänge des „Exzellenten Sommers“ sagt Dr. Blank: „Wir von den LandArztMachern haben uns damals zusammengesetzt, weil es eine Diskrepanz gibt zwischen Studenten, die in der Stadt leben wollen und Landärzten, die ihren Beruf lieben. Wir möchten Studierenden zeigen, mit welcher Freude Ärzte im ländlichen Bereich arbeiten.“

Damit dieser Plan aufgeht, mussten Sponsorengelder beschaffen werden. Für die Teilnehmer ist das Programm kostenfrei, die LandArztMacher bringen für jeden Studenten rund 850 Euro auf, wovon ein Großteil für die Unterkunft und die Mobilität genutzt wird. Hauptsponsor des Projekts ist derzeit die AOK, weitere Gelder stammen von lokalen Unternehmen und Firmen.

In meiner Hausarztpraxis von Dr. Holzinger und Dr. Etti in Cham kommt an diesem Tag ein schmerzgeplagter, junger Mann in die Sprechstunde. „Ich kann kaum noch schlucken, Herr Doktor. Und hier an meinen Händen und Füßen wird der Ausschlag immer schlimmer.“ Und tatsächlich, das Exanthem breitet sich auf der Haut weiter aus, der Rachen ist gerötet und von Aphten übersät. Diagnose: Hand-Fuß-Mund-Krankheit, sehr selten bei Erwachsenen zu sehen und von daher hochinteressant.

Am Nachmittag lädt uns ein weiterer Hausarzt aus der Gegend zu hitzigen Fallbesprechungen und kaltem Aufschnitt ein. Zusammen mit Dr. Enderlein diskutieren wir über ACE-Hemmer und Beta-Blocker, reden über Sinn und Unsinn von Cannabis in der Schmerztherapie und fachsimpeln bei Zwetschgenkuchen und Cola über die Risiken des Diabetes. Ein bisschen Selbstironie gehört zum Medizinerberuf dazu, denke ich und sprühe mir eine große Portion Schlagsahne auf mein Stück Kuchen.

Am Abend sitzen wir draußen vor unserem Ferienhaus gemütlich beisammen, lassen den Tag bei Wraps mit Gemüse und Pilz-Feta-Soße Revue passieren und philosophieren über das Leben, das Universum und den ganzen Rest. „Konkrete Kunst ist gar nicht konkret“, sagt Markus. Und abstrakte Kunst ist gar nicht abstrakt, denke ich. Ist das dann ein Fehler in der Definition oder im Inhalt, denke ich weiter, während Valerie sagt: „Betty, warum kann ein Wurstbrot nicht telefonieren?“ „Weiß ich nicht, warum denn?“, fragt diese zurück. „Weil es belegt ist.“ Heiteres Gelächter ertönt, die Stimmung ist locker.

 

Zur Stärkung der Medizinstudenten gab es leckere Wraps. Foto: Jing Wu

 

In den vier Wochen in unserer gemeinsamen Unterkunft lernen wir uns gut kennen, kochen und grillen, spielen Karten, gehen wandern, mountainbiken und Kanufahren. Wenn eine Gruppe fremder Menschen zusammentrifft, sich gegenseitig morgens noch vor sechs Uhr aus den Federn holt und sich abends bei Bier und Bio-Mango-Lassi tief in die Seelen blicken lässt, dann kann sie nicht anders als zusammenzuwachsen.

 

Die Teilnehmer bei der gemeinsamen Kanufahrt. Foto: Mandy Kölbl

 

„Teamgeist“ nennt Dr. Blank das. Teamgeist müssten die Teilnehmer mitbringen, damit das Projekt erfolgreich verlaufen könne. Um das Team und das Projekt nicht zu stören, gehen die Organisatoren des Projekts streng vor. So dürfen angereiste Freunde zum Beispiel nicht über Nacht bleiben, „weil das sonst die Gruppendynamik stört“. Dass diese Regelung zu Schwierigkeiten führt, sieht Dr. Blank aber auch ein. „Sie sind jung, bei Ihnen kann es schwierig sein, wenn Sie Ihren Partner vier Wochen lang nicht sehen. In Zukunft wollen wir es so regeln, dass Ihre Partner, Familienmitglieder oder Freunde Sie an einem bestimmten Wochenende des Projekts besuchen können.“

Die Sonne schiebt sich hinter den Bergen zurück, der Himmel verfärbt sich orangerot. Auf dem Tisch vor unserer Unterkunft leeren sich die Teller, eine müde Zufriedenheit macht sich breit. In den nächsten Tagen und Wochen werden wir noch so einige Male abends hier zusammensitzen, uns über Krankheitsbilder und Kuchenrezepte austauschen und uns fragen, wo wir wohl in einigen Jahren Fuß fassen werden.

Sorgt das Projekt „Exzellenter Sommer“ wirklich dafür, dass wir später alle einmal Landärzte werden? Dr. Blank schmunzelt. „Ob Sie sich später dafür entscheiden oder nicht, das ist ja immer noch Ihr Bier“.


Mehr Infos über das Projekt und die Bewerbung gibt es unter http://www.landarztmacher.de/

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