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  • cand. med.
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  • 04.09.2013
  • Ärzte beim Operieren - Foto: Fotolia /  Zsolt Nyulaszi

    Tag für Tag kämpfen Ärzte im OP um das Leben ihrer Patienten.

     

Teil 3: Dein Wille geschehe

Ärzte kämpfen täglich. Sie kämpfen um das Leben ihrer Patienten. Sie kämpfen gegen ihre Müdigkeit und strapaziöse Arbeitsbedingungen. Doch der schwerste Kampf ist der um das Selbstverständnis ärztlichen Handelns, das zuweilen in einem Spagat zwischen Fürsorge und Patientenautonomie münden kann.

Mit dem Betreten eines Krankenzimmers wird medizinisches Personal mit der Persönlichkeit des Patienten, seiner Krankengeschichte und seiner so genannten Laienmeinung konfrontiert. Bereits in meinen ersten klinischen Semestern machte ich damit Bekanntschaft. So erinnere ich mich an die alte Dame in der Orthopädie, die meinte, „Arosa“ in Knie zu haben. Das Wort Arthrose war ihr entfallen und so ersetzte sie es mal eben mit dem Namen des hübschen Schweizer Ferienortes. Als der untersuchende Arzt sie freundlich darauf aufmerksam machte, konnten alle Anwesenden inklusive der Patientin herzhaft darüber lachen. Im Anschluss an diese fröhliche Begebenheit erzählte der muntere Mediziner, dass derlei Wortkreationen immer wieder vorkämen. Schließlich sei es für Laien wirklich schwierig, die medizinische Sprache zu verstehen und korrekt wiederzugeben.

Zum Beispiel der Patient, der während der Anamnese in einem Bedside-Kurs einer Kommilitonin erzählte, dass er eine Lungenentzündung mit allem drum und dran gehabt hätte, sogar mit „Speck“. Damit konnte nur die Pleuraschwarte gemeint sein. Etwas kniffliger hingegen war das „Jörg-Syndrom“, das eine Patientin als Diagnose postulierte. Erst bei der näheren Beschreibung ihrer Symptome: Mundtrockenheit, Augentrockenheit in Verbindung mit einer rheumatoiden Arthritis wurde klar, dass es sich hier nur um das Sjögren-Syndrom handeln konnte.

Doch selbst Mediziner können schnell ins Fettnäpfchen ungewollter Verballhornungen treten. So konnte mir obiger Stationsarzt von einem Überweisungsschein mit der ärztlichen Diagnose „Willy-Brandt-Syndrom“ berichten. Gemeint war natürlich das Von-Willebrand-Syndrom, eine erworbene oder angeborene Gerinnungsstörung. Ich lachte herzlich darüber und wurde augenzwinkernd ermahnt, solche kleinen Fauxpas nicht mit „Bronchialgewalt hoch zu sterilisieren“.

(Patieten-)Entscheidung auf Leben oder Tod

In den darauf folgenden Semesterferien stürzte ich mich mal wieder mit Elan in eine Famulatur. Dieses Mal mit dem Schwerpunkt gynäkologischen Onkologie. Hier sollte ich neben viel Praxis und theoretischen Hintergründen auch mit dem Thema Laienmeinung konfrontiert werden. Es handelte sich um Frau S., eine 63 jährige Patientin mit einem Cervixkarzinom FIGO IIA, Cin III. Als Therapie hatte man ihr die Wertheim-Meigs-OP vorgeschlagen. Also eine Hysterektomie mit Resektion der Parametrien, des oberen Scheidendrittels und paraaortaler und pelviner Lymphonodektomie. Doch die Patientin lehnte einen operativen Eingriff mit aller Vehemenz ab und dies, obwohl sie rezidivierend starke Blutungen hatte und ihre Hb-Werte in der Folge deutlich sanken. Dieser Fall interessierte mich brennend und bei passender Gelegenheit machte ich mich mit weiteren Einzelheiten vertaut. So erfuhr ich, dass die Patientin an einer psychischen Erkrankung litt und bereits in einem Pflegeheim lebte.

 

Doch das allein schien mir zu wenig und so sprach ich den Oberarzt der Station auf den Fall an. Er lud er mich zu einem spontanen Gespräch mit Frau S. ein. Wir klopften an ihre Türe und trafen auf eine gepflegte Person, die am Fenster saß und in den Park hinunter schaute. Behutsam thematisierte der Oberarzt ihre Krankheit und die mögliche OP. Daraufhin brauste die Patientin leicht auf und meinte, dass sie ihr ganzes Leben lang alle ihre Krankheiten mit Kamillentee und einer phantastischen Heilpraktikerin kuriert habe. So wolle sie auch jetzt vorgehen und wenn das nicht funktioniere, dann sei ihr Tod wohl der Wille Gottes. Alle Versuche das Gespräch Richtung medizinischer Therapieansätze zu lenken, scheiterten und so verließen wir resigniert ihr Zimmer. Selbstverständlich hatte Frau S. aufgrund ihrer psychischen Erkrankung einen gesetzlichen Betreuer. Auch dieser tat sich schwer, ihre Entscheidung zu akzeptieren und hatte Rat bei den Ärzten der Station und auch bei der Ethikkomission gesucht. Ihren Willen zu befolgen war somit das Ergebnis eines langen und sicherlich nicht einfachen Entscheidungsprozesses. Noch während meiner Famulatur wurde die Patientin zurück in ihr Pflegeheim gebracht. Ihre Prognose war infaust.

Mittlerweile bin ich fast am Ende meines Medizinstudiums angekommen. Ich glaube, dass ich viel über Möglichkeiten und Grenzen der Medizin gelernt habe. Dass ein Patient jedoch aufgrund persönlicher Überzeugungen restriktive eigene Grenzen konstruiert, fällt mir immer noch schwer zu akzeptieren. Vor allem dann, wenn damit gesundheitliche Gefahren und sogar der Tod in Kauf genommen werden. Für den Arzt tut sich hier in ein Spannungsfeld zwischen der Autonomie des Patienten und den Möglichkeiten der Medizin auf.

Bluttransfusionen – nicht erwünscht

Auch religiöse Sichtweisen kollidieren immer wieder mit den Leitlinien der modernen Medizin. Spitzenreiter solcher Konflikte ist sicherlich die biologische Schweineherzklappe. Doch auch Bluttransfusionen gehören in diesen Reigen. So gibt es eine weltweite agierende und mitgliederstarke Glaubensgemeinschaft, die sich vehement gegen Bluttransfusionen wehrt. Wer denkt, dass auch sonstige medizinische Verfahren wie Transplantationen oder Gelenkersatz abgelehnt werden, liegt falsch. Es geht einzig um das Thema Blut. Die Anhänger der Gemeinschaft, beziehen sich auf einen relativ kurzen Text im Buch Mose, in dem es heißt, dass das Blut eines Menschen nicht vergossen werden dürfe. Sie legen ihr Schicksal in die Hand Gottes und erheben ihr Gebet, denn „Dein Wille geschehe.“ So erläutere mir eine Patienten und Anhängerin dieses Glaubens den Sachverhalt als ich sie während meines chirurgischen Blockpraktikums kennen lernte.

Blutkonserve - Foto: PhotoDisc

Auf gezielte Nachfrage sprach sie sehr offen über ihren Glauben. Es handelte sich um eine 76-jährige Patientin in bestem Allgemeinzustand, die zu einem Aortenklappenersatz in die Klinik gekommen war. Die biologische Herkunft der Klappe war ihr einerlei, doch sie wollte unter gar keinen Umständen transfundiert werden. Selbst eine vorangehende Eigenblutspende war für sie vollkommen inakzeptable. Die Operateure wussten um diese Situation. Nicht zuletzt aufgrund ihres exzellenten Allgemeinzustandes erklärten man sich mit ihrer Bedingung einverstanden und sicherte ihr zu, ihren Willen, komme was wolle, zu berücksichtigen. Die OP der netten alten Dame verlief in der Tat reibungslos und ohne jegliche Komplikationen.

Auch hier handelten die Ärzte im Sinne der Autonomie des Patienten und respektierten ihre Wünsche. Doch wie verhält sich ein Mediziner, der dieses Wagnis nicht in Kauf nehmen will? Ein Arzt, der solchen oder vergleichbaren Bedingungen nicht zustimmen kann, darf - mit dem deutschen Gesetz im Rücken - die Behandlung ablehnen. Ist der Patient allerdings ein Kind, so besteht die Möglichkeit, die Eltern kurzfristig per Gerichtsbescheid ihrer Erziehungsberechtigung zu entheben und das Kind lege artis zu behandeln. Und dies, so wissen Juristen zu berichten, kommt regelmäßig vor.

Es stellt sich die Frage, wie weit die Autonomie des Patienten reicht? Der Arzt muss akzeptieren, wenn der Patient eine Behandlung, aus welchen Gründen auch immer, ablehnt, aber der Patient kann eine nicht medizinisch indizierte Behandlung keineswegs einfordern. Ein kurioser Fall hat sich unlängst in der HNO-Abteilung eines städtischen Krankenhauses zugetragen. Hier erschien ein Patient, der die Entfernung seines rechten Innenohrs einforderte. Er erhoffte sich davon, die Heilung eines unerträglichen Tinnitus. Da jedoch ein solcher Eingriff weder die Beseitigung des Tinnitus garantiert, noch ein Lege-Artis-Eingriff ist, muss der Arzt, will er sich nicht eines Kunstfehlers schuldig machen, ein solchen Eingriff ablehnen.

Ich sehe, dass ich in den vergangenen Semestern viel Fachwissen angehäuft habe, doch das allein wird mich nicht zu einer guten Ärztin machen.

 

 

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