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  • 04.09.2013
  • Mann mit Kopfschmerzen - Foto: geralt/pixabay.de

    Herr Rabe hat unerträgliche Kopfschmerzen. Und keiner kann ihm helfen.

     

Teil 2: Die Wunderheilung des Herrn Rabe

Herr Rabe führte ein beschauliches Leben, bis ihn eines Tages die Kopfschmerzen heimsuchten. Er schleppte sich von Arzt zu Arzt - weiterhelfen konnte ihm keiner. Doch durch einen glücklichen Zufall gelang es dem Rentner sich selber zu therapieren ...

Herr Rabe war 73 Jahre alt und blickte voller Zufriedenheit auf sein Leben zurück. Er hatte es in seinem Beruf als Projektmanager bis in die oberste Riege seiner Firma geschafft, seine zwei Kinder hatten beide ihr Studium abgeschlossen und standen mitten im Leben. Er selbst genoss gemeinsam mit seiner Ehefrau Lena das Leben in einem hübschen Häuschen am Stadtrand. Auch um die Gesundheit stand es bestens. Vor vielen Jahren hatte man ihm die Galle entfernt, seine Frau hatte mittlerweile ein neues Hüftgelenk wegen starker Arthrose. Doch viel mehr gab es in dieser Hinsicht nicht zu berichten. Das Ehepaar fühlte sich fit und vital und machte mindestens zwei mal pro Jahr einen ausgedehnten Aktiv-Urlaub.

In einem dieser Urlaube auf der schönen Insel Madeira begann die Geschichte von Herrn Rabe. Er wachte eines morgens auf und hatte diese unsäglichen Kopfschmerzen. Sein Kopf schien zerbersten zu wollen. So bat er seine Frau an diesem Tag auf die geplante Wanderung zu verzichten. Der Tag verging, seine Kopfschmerzen blieben. Am nächsten Tag gab es keine wesentliche Besserung und Herr Rabe nahm auf Anraten seiner Frau gleich am Morgen zwei Aspirin aus der Reiseapotheke. Am Mittag nahm er weitere zwei Tabletten, ebenso am Nachmittag. Die Kopfschmerzen blieben unverändert und bald suchte er einen deutschen Arzt auf der Insel auf. Dieser befragte ihn nach Alkohohlexzessen und riet an, auf Ibuprofen zu wechseln und viel Wasser zu trinken.

Eine Woche später war das Ehepaar wieder in der Heimat eingetroffen und Herr Rabe, so schien es, hatte die Kopfschmerzen im Gepäck. Zwar gab es Tage, an denen der Schmerz etwas milder ausfiel, doch immer wieder kehrte er in einer unerträglichen Intensität zurück. Der Ärztemarathon des Herrn Rabe begann bei seinem Hausarzt, der zunächst auf ein weiteres NSAR wechselte. In den folgenden drei Monaten wurde Herr Rabe bei einem Neurologen vorstellig, der ein CT anordnete, aber keine Diagnose formulieren konnte. Dann ging es weiter zum HNO-Arzt, der sämtliche Differentialdiagnosen bald wieder verwarf und Herrn Rabe anriet, einen Kieferorthopäden aufzusuchen, denn auch beim Kauen hatte der Patient mittlerweile recht starke Schmerzen. Die  Winkel seines Kiefers wurden akribisch vermessen und eine Seitenungleichheit konnte diagnostiziert werden. Herrn Rabe erhielt eine nächtliche Bissschiene, die Linderung bringen sollte. Doch auch die handgefertigte und individuell angepasste Schiene war dem Kopfschmerz nicht gewachsen. Herr Rabe fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben ohne Hoffnung und wurde von Tag zu Tag verzweifelter. Er sah noch weitere Fachärzte. Eine Dermatologin verschrieb ihm eine Cortisonsalbe für die kleine Hautläsion an der Schläfe, ein Orthopäde checkte seine Halswirbelsäule und fand eine leichte Einengung des dritten Foramen intervertebrale, sein Augenarzt korrigierte die Sehschärfe seiner Brille, denn manchmal taten dem Patienten tagsüber die Augen weh. 

Als das alles ohne Ergebnis blieb und es nach wie vor an der Schläfe des Patienten hämmerte, riet sein Hausarzt ihm zu einer ambulanten Psychotherapie. Abends saß Herr Rabe mit der Überweisung für eine psychosomatische Behandlung in der Hand in seinem Lieblingssessel und fragte sich, ob er nun so langsam verrückt würde. So viele Ärzte hatte er in den vergangenen Wochen gesehen und keiner hatte ihm helfen können. Auch an diesem Abend hatten seine Kopfschmerzen wieder ein unerträgliches Maß erreicht. Seine Frau war bereits zu Bett gegangen. Wahrscheinlich hielt sie ihn  für einen Hypochonder. Wer konnte es ihr verdenken? Und während Herr Rabe so vor sich hin grübelte, fiel ihn ein, dass seine Frau im vergangenen Jahr doch wegen irgendeiner allergischen Reaktion Cortison genommen hatte. Dieses Zeug ist doch gegen alles gut, so dachte er und machte sich auf ins Badezimmer, wo er tatsächlich die angefangene Schachtel fand und eine Tablette davon schluckte. Als er am Morgen aufwachte, waren seine Kopfschmerzen wie weggeblasen. So gut hatte er sich das letzte Mal vor seinem Urlaub vor vier Monaten gefühlt. Von nun an nahm er morgens und abends eine dieser Tabletten. Zehn Tage lang war er glücklich und beschwerdefrei. Dann kehrte der bekannte Schmerz zurück. Die Tabletten waren nämlich aufgebraucht.

Diese Geschichte erzählte uns der fröhliche Herr Rabe bei einem Seminar im Fach Rheumatologie. Herr Rabe war seine phantastische Selbstmedikation irgendwie unheimlich und so tauchte er eines Tages in der internistischen Ambulanz der Uniklinik auf.  Dort machte man unverzüglich eine Biopsie der Arteria temporalis und diagnostizierte eine Riesenzellarteriitis (RZA), die mit 60 mg/d Cortison schnell beschwerdefrei wurde. Als der Dozent die 12 Teilnehmer nach der Diagnose befragte, sagten alle 12 im Chor „Arteriitis temporalis“. Herr Rabe schüttelte ungläubig den Kopf. Wieso wussten Studenten, was all die Fachärzte übersehen hatten? Wahrscheinlich weil man uns für diese Krankheit sensibilisiert hat und die Rheumatologie einen zunehmend großen Stellenwert im Formenkreis der internistischen Krankheiten einnimmt.

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