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  • 21.11.2013

Teil 5: Nur ein Myom?

Charlotte hat Probleme mit ihrer Periode. Sorgen machte sie sich darüber keine, schließlich ist sie in den Wechseljahren. Als eine ständige Müdigkeit dazu kommt, geht sie zu ihrem Hausarzt, der ein gutartiges Leiomyom diagnostiziert und sie beruhigt. Doch als Charlotte der Überweisung in die Klinik folgt, wird der dortige Oberarzt stutzig.

 

Frau in Hängematte - Foto: Fotolia/Fritz Langmann

Symbolbild: Fotolia/Fritz Langmann  

 

Die Tatsache, dass ihre Periode seit mehr als einem Jahr unregelmäßig und teilweise sehr heftig war, beunruhigte Charlotte in keinster Weise. Immerhin hatte sie drei Kinder zur Welt gebracht und mit Ende vierzig können sich durchaus die Wechseljahre ankündigen. Mit diesen Erklärungen beruhigte sie sich selbst und als sie über entsprechende Anzeichen des Klimakteriums in einer Frauenzeitschrift las, maß sie der ganzen Angelegenheit noch weniger Bedeutung zu.

Erst nachdem über Wochen hinweg eine bleierne, unbezwingbare Müdigkeit auf ihr lastete, suchte sie ihren Hausarzt auf. Zu diesem Zeitpunkt konnte sie ihren Halbtagsjob in einem kleinen Architekturbüro nur noch mit gequälter Konzentration bewerkstelligen und das Alltagsleben wurde ihr regelrecht zur Last.

Ganz der Devise folgend: Hörst du Hufgetrappel, denk an Pferde nicht an Zebras, folgerte der erfahrene Allgemeinmediziner das Naheliegendste. Bei der Kombination von überperiodenstarken Blutungen und zunehmender Abgeschlagenheit würde es sich wohl am ehesten um ein gutartiges Leiomyom mit Hb-wirksamen endometrialen Blutungen handeln.

Charlotte leuchtete seine Erklärungen ein und sie war ein weiteres Mal beruhigt. Dennoch machte sie zügig einen Termin in der gynäkologischen Ambulanz des nächsten Krankenhauses aus. Und genau hier lernte ich die sympathische Endvierzigerin kennen. Ich machte gerade eine Famulatur und war für diesen Tag zur Patientenaufnahme in der Ambulanz eingeteilt. Ihr Überweisungsschein teilte mir die vermutete Diagnose mit. Ich fand die Anamnese nicht wirklich spannend, da in dieser Woche sicherlich schon der zehnte Uterus myomatosus vor mir saß. Sehnsuchtsvoll dachte ich an die aufregenden Fälle in der Uniklinik und ich hockte hier in der öden Provinz.

Als Charlotte dann auch noch das Wort „Abgeschlagenheit“ benutzte, erinnerte ich mich an die letzte Klausur in Innerer Medizin. Nach B-Symptomatik wurde dort gefragt. Meinen abschweifenden Gedanken nachgebend, fragte ich, ob sie Nachtschweiß kenne. Sie bejahte meine Frage und lieferte die Erklärung gleich mit: Wechseljahre. Zweimal pro Nacht müsse sie das durchgeschwitzte Nachthemd wechseln, erzählte sie. Können das die Wechseljahre verursachen? Ich hatte keine Ahnung.  

Nach abgeschlossener Anamnese ging es weiter zur Oberarztvorstellung. Bei der TVS, der transvaginalen Sonografie, zeigt sich eine circa 4 cm große, intramurale, gut abgrenzbare Struktur, die durchaus einem Myom hätte entsprechen können. Doch dann stutzte der Oberarzt plötzlich und deutete auf einen intracavitären, echoreichen Bereich. „Serometra“ sagte ich leise. Er nickte. Das war kein myomtypischer Befund. Er klärte die Patientin sorgsam darüber auf und veranlasste ein baldmöglichste Hysteroskopie mit Abrasio. Außerdem bat er mich, Blut für ein großes Blutbild abzunehmen. Ich stutzte. Dies entsprach keineswegs der üblichen Vorgehensweise.

Ich zückte mein Handy und durchforstete meine Apps nach „Serometra“. „Intrauteriner Sekretstau durch Zervikalstenose oder Tumor“ ergab die Suche. Vermutete der Oberarzt einen Tumor? Wieso dann das Blutbild? Als das Ergebnis der Blutuntersuchung vorlag, war ich ratloser als je zuvor. Zwei Werte stachen sofort ins Auge: Leukozyten und Lymphozyten. Sie waren bedenklich erhöht. Vorsichtig klopfte ich an die Oberarzttür. Er winkte mich hinein und zeigte auf die Werte von Charlotte. „Ich habe eine Knochenmarkpunktion veranlasst. Der Verdacht auf ein Lymphom liegt nahe“, sagte er. „Was hat der Uterus myomatosus der Patientin mit einem Lymphom zu tun?“, fragte ich staunend. „Gar nichts“, sagte er, „in sehr seltenen Fällen lassen sich maligne Non-Hodgkin Lymphome als Erst- und auch als Sekundärmanifestation im Uterus finden. Zweimal habe ich das in den vergangenen fünfzehn Jahren meiner Berufstätigkeit erlebt. Diese Lymphome zeigen ein sehr schnelles Wachstum und die Patientinnen sind meist um die 50 Jahre alt. Das häufigste Symptom sind vaginale Blutungen, Fluor und manchmal auch Dyspareunie und diffuse Unterbauchschmerzen. Es kann aber auch sein, dass die Patientinnen völlig asypmtomatisch sind.“ Ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals von diesem Zusammenhängen gehört zu haben und schlug am Abend in einem dicken Fachwälzer nach. Uterine Lymphome waren darin nicht einmal erwähnt.

Einige Tage später erwies sich der Vermutung des Oberarztes als goldrichtig. Das auffallend weiche Abradat der Abrasio, die Knochenmarkbiopsie sowie Röntgen-Thorax und ein CT bewiesen ein aggressives, diffus großzelliges B-Zell-Lymphom im Ann Arbor Stadium I. In der Tat handelte es sich um eine seltene, uterine Primärmanifestation. Die Patientin wurde an ein Zentrum überwiesen. Dort erhielt sie eine kurative Polychemotherapie nach dem R-CHOP Protokoll. Ihr Alter, der gute Allgemeinzustand, das niedrige Stadium mit strikt lokalisierter Manifestation und eine günstige Subgruppe, die mittels genetischer Genexpressionsanalyse ermittelt wird, waren glücklicherweise mit einer durchaus positiven Prognose für Charlotte assoziiert.

Dieser Fall machte mich nachdenklich und ich bin sicher, ich werde ihn niemals vergessen. Und das keineswegs, weil das Hufgetrappel sich als Zebra entpuppte, sondern weil er mich seither ermahnt, jeden Routinefall, sei er auch noch so unspektakulär, ernst zu nehmen und aufmerksam zu betrachten. Was man in einem Provinzkrankenhaus so alles lernt!

 

 

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