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  • Marc Siddique
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  • 02.10.2003

Attraktiv: Ambulant operieren

Eigeninitiative zeigen: Wer Praxis-Erfahrungen sammeln will, muss sich selber drum kümmern! Ambulante OPs sind ein attraktiver Nebenjob und bieten die Möglichkeit, schon als Student regelmäßig bei Operationen zu assistieren. Nachfragen lohnt sich!

Foto: Thomas Möller, Thieme

 

Assistent gesucht!

"Student für chirurgische Assistenz gesucht". Das stand am Schwarzen Brett im Klinikum Mannheim. Ein niedergelassener Gefäß- und Unfallchirurg aus Mannheim bot die Stelle an. Geld kann man ja bekanntlich immer gebrauchen, dachte ich, als ichzufällig den Aushang sah. Und nebenbei würde ich noch etwas lernen! Nach dem Vorstellungsgespräch am selben Tag musste ich meine Gehaltsvorstellung allerdings nach unten korrigieren. Das machte dieses Jobangebot aber keinesfalls unsympathischer. Die Stelle versprach mehr als nur irgendeine Aushilfstätigkeit zu werden, vorausgesetzt, ich würde mich nicht allzu ungeschicktanstellen.

Ich zögerte nicht lange und sagte zu: Einmal pro Woche sollte ich 6-8 Stunden am Operationstisch stehen. So hatte ich nur wenige Tage später meine Premiere im ambulanten OP der Praxisklinik Mannheim-Käfertal. Ich wurde als erster Assistent einem Chirurgen zugeteilt, dereinem Tag in der Woche einen Operationssaal zur Verfügung hatte. Insgesamt operieren hier mehr als zehn weitere Ärzte derFachrichtungen HNO, Orthopädie, Chirurge und Gynäkologie.

Auch als Student integriert

Schnell merkte ich, dass hier ein äußerst angenehmes und persönliches Arbeitsklima herrscht. Ich wurde schnell und freundlich ins das Team integriert. Und das, obwohl ich nur ein Student war! Jeder, der schon die eine oder andere Famulaturhinter sich hat, weiß, dass dies in einer großen Klinik nicht selbstverständlich ist. Dass es hier anders war, mag an der überschaubaren Belegschaft des Praxisteams liegen. Vielleicht aber auch daran, dass sich die positiven Erfahrungen der Anästhesisten mit studentischen Helfern bis zu den Chirurgen herumgesprochen haben.

 

Weit mehr als Haken halten

Nachdem ich mich zunächst einmal durch das altbekannte "Haken halten" zur weiteren Ausbildung qualifizierte, wurde ich während des zweiten Einsatzes an das atraumatische Nähen der Haut herangeführt. Natürlich musste ich zuvor zuhause mit einem geliehenen Nadelhalter ein wenig üben.

Von Woche zu Woche durfte ich immer häufiger die Haut zunähen, während der Chirurg an anderer Stelle weiteroperierte. Er kontrollierte anschließend meine Arbeit, um sie entweder zu kritisieren, zu korrigieren oder zu loben.

Zum umfangreichen Spektrum der durchgeführten ambulanten Operationen gehörten unter anderem Varizen-Stripping-OPs, verschiedene Hernien-Operationen, Operationen an Hand und Fuß, wie zum Beispiel Hallux-valgus-OPs nach Keller-Brandes oderoffene Karpaltunnel-Opera.tionen, OPs von Morbus Dupuytren ,aber auch Entfernungen von Osteosynthese-Material und subkutanen Tumoren. Im Laufe eines Jahres konnte ich auf diese Art bei mehr als einhundert Operationen assistieren.

 

Theorie kommt nicht zu kurz

Mit zunehmender OP-Erfahrung wurden mir dann auch weitere Aufgaben übertragen. Dazu gehörten subkutane Nähte, Ligatur von Gefäßen, Freilegen und Entfernen von Osteosyntheseplatten und Osteotomien - selbstverständlich unter der kritischenBeobachtung meines Chefs. Selbständiges Abwaschen und Abdecken sei hier nur am Rande erwähnt, obwohl es wahrscheinlich spätestens im AIP von einem erwartet wird und Grundlage sterilen Operierens ist.

Bei der Vorbereitung auf die Eingriffe blieb es nicht aus, dass ich mich wieder eingehend mit der Anatomie beschäftigen musste. Zum Beispiel für die Biomechanik einer Hallux-valgus-Umstellungsosteotomie, die ich dann - direkt am Patienten - mit meinem erfahrenen Unfallchirurgen besprechen konnte.

Das Verhältnis zu meinem chirurgischen Lehrmeister blieb nicht auf die Arbeit am OP-Tisch beschränkt. Gelegentlich brachte mein Chef Röntgenbilder aus der Praxis mit, um mit mir die Diagnose und Therapie durchzusprechen. Oder wir besprachen einen interessanten Artikel aus einer Ärztezeitschrift.

 

Praxis hautnah

Mein erstes Jahr OP-Erfahrung war für mich im Rückblick hoch interessant, lehrreich und einprägsam. Auf diese Weise Praxis-Erfahrungen zu sammeln hat mich sehr motiviert.

Auch wenn ich für meinen Job die eine oder andere Vorlesung habe ausfallen lassen musste, war es mir fast immer möglich, einen Tag in der Woche frei zu halten. Vorlesungen sind sowieso oft Geschmacksache. Theorie lässt sich aus Büchern lernen,praktische Fertigkeiten nicht. Und wenn man dabei noch den ein oder anderen Euro verdient, ist das doppelt motivierend. Nebenbei sei bemerkt, dass natürlich ein nettes Arbeitszeugnis dabei herausspringen kann, welches sich später gut in jederBewerbungsmappe macht.

Es ist schade, dass niedergelassene Ärzte nur selten in die Ausbildung angehender Mediziner einbezogen werden. Doch umso mehr ist dies eine zusätzliche Chance für Medizinstudenten mit Eigeninitiative, die sich neben dem Studium fitfür die Praxis zu machen wollen. Das gilt nicht nur für die Chirurgie: Im ambulanten OP-Betrieb sind auch viele andere Fachrichtungen vertreten: zum Beispiel Orthopädie, HNO und Gynäkologie.

Meiner Meinung nach bieten sich besonders die Anästhesie, die Unfall-, Visceral- und Gefäßchirurgie als Betätigungsfelder für Studenten an. Hier gibt es am ehesten die Möglichkeit, selbst Hand anzulegen, Erfahrung zu sammeln und Geld zu verdienen. Es muss nicht immer ein Nebenjob im Pflegedienst sein!

Initiative ist gefragt!

In der Regel ist es leider noch der Eigeninitiative überlassen, sich so einen solchen Ausbildungs-Job zu suchen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es genügend niedergelassene Ärzte gibt, die sich für die Lehre begeistern können und junge Mediziner an ihrer Erfahrung teilhaben lassen wollen. Ein Student ist in der Regel eher eine Hilfe als eine Belastung, wenn er richtig eingewiesen und ausgebildet wird.

Der Autor: Der Autor ist 27 Jahre alt und studiert im 11. Semester Medizin an der Medizinischen Fakultät Mannheim der UniversitätHeidelberg.

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