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  • Uwe Glatz
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  • 17.08.2006

Praxisanleitung: Verhalten im OP

Für viele junge Mediziner ist der erste OP-Einsatz wie ein Sprung ins kalte Wasser. Zwar wissen die meisten, welche Gefäße aus dem Truncus coeliacus abgehen und was eine Weber C-Fraktur ist. Aber wie man sich chirurgisch „wäscht“, anzieht und am OP-Tisch verhält, erfährt man oft erst vor Ort unter Zeitdruck. Wir erklären Ihnen, was bei Ihren ersten OP-Einsätzen auf Sie zukommt.

Tipps für die sterile Zone

Fremde Welt OP: Nicht mal anziehen darf man sich hier selbst, und wenn man aufs Klo möchte, muss man erst fragen! Wenn man ein paar Mal mitgeholfen hat, werden die ganzen Rituale aber schnell zur Routine und man kann sich auf das Wesentliche konzentrieren. Foto: Uwe Glatz

Fremde Welt OP: Nicht mal anziehen darf man sich hier selbst, und wenn man aufs Klo möchte, muss man erst fragen! Wenn man ein paar Mal mitgeholfen hat, werden die ganzen Rituale aber schnell zur Routine und man kann sich auf das Wesentliche konzentrieren.

       

Der erste Besuch im OP ist einer der spannendsten und verwirrendsten Momente im Medizinstudium. Plötzlich befindet man sich in einer fremden Welt. Hier ist alles neu und seltsam: überall Geräte und Apparaturen, die man nicht kennt, Instrumente, von denen man nicht weiß, ob man sie anfassen darf, Menschen, von denen man nur die Augen sieht und die mit einem reden, ohne dass man die Mundbewegungen verfolgen kann. Dazu spuken einem wage Gerüchte durch den Hinterkopf über die „raue Luft“, die hier wehen soll. Stimmt es, dass OP-Neulinge besonders begehrte Mobbing-Opfer sind? Kann es wirklich passieren, dass man während eines OP-Einsatzes zwölf Stunden lang nicht aufs Klo darf? Keine Angst! Alles ist halb so schlimm, wenn man einige grundlegende Verhaltensregeln beherzigt. Vor allem die Besonderheiten der sterilen Umgebung muss man kennen. Dann kann man den ersten Einsätzen im OP getrost entgegensehen und sich auf die faszinierenden Seiten der Chirurgie konzentrieren.

 

Verwandlung in Grün

Auf dem Weg in den OP lassen Sie das Schild mit der Aufschrift „Zutritt für Unbefugte verboten“ links liegen und betreten die Umkleideschleuse. Hier deponieren Sie im „unreinen Bereich“ Ihre Straßenschuhe. Auf der „sauberen Seite“ der Umkleide ziehen Sie Ihre Stationskleidung aus und die meist grüne oder hellblaue OP-Bereichskleidung an. Dazu gehören: Hose, Oberteil, OP-Schuhe, OP-Haube und Mundschutz. Schmuck sollten Sie in der Umkleide ablegen und wegschließen. Lange Haare müssen Sie nach hinten hochstecken und komplett unter der Haube verbergen, damit sie nicht nach vorne übers Gesicht hängen und eventuell ins OP-Gebiet fallen. Jetzt legen Sie noch einen Mundschutz an, dann dürfen Sie den OP-Trakt betreten.

 

Passen Sie den Nasenbügel Ihrer Gesichtsform an. Dann binden Sie die beiden oberen, dann die beiden unteren Zügel – so dass der Mundschutz nicht plötzlich herunterrutschen kann. Brillenträger müssen darauf achten, dass die Brille trotz Mundschutz nicht beschlägt. Foto: Uwe Glatz

Passen Sie den Nasenbügel Ihrer Gesichtsform an. Dann binden Sie die beiden oberen, dann die beiden unteren Zügel – so dass der Mundschutz nicht plötzlich herunterrutschen kann. Brillenträger müssen darauf achten, dass die Brille trotz Mundschutz nicht beschlägt.

 

Sind Sie völlig neu im OP, sollten Sie sich in der Nähe eines erfahrenen OP-Gängers aufhalten – sei es Ihr Stationsarzt, die leitende OP-Schwester oder der zuständige Oberarzt. Lassen Sie sich die Räumlichkeiten zeigen! So können Sie sich in der ungewohnten Umgebung besser orientieren. Wo liegen die OP-Säle, wo die Einleiträume, wo der Aufenthaltsraum? Wenn Sie den OP-Grundriss kennen, wartet dann meist schon die nächste Herausforderung: Ihr erster Einsatz am OP-Tisch! Der Oberarzt kommt auf Sie zu und sagt: „Dann waschen Sie sich schon mal! Sie müssen mir bei der Sprunggelenksfraktur assistieren!“ Und schon ist er hinter der nächsten Ecke verschwunden. Wenn Ihnen das Wort „Waschen“ im Zusammenhang mit einer OP in diesem Augenblick überhaupt nichts sagt und Sie sich schon fragen, ob Sie sich jetzt unter eine Dusche stellen sollen, wenden Sie sich am besten schnell an Ihren OP-Begleiter. Er wird Ihnen erklären, wie man sich für eine Operation richtig „wäscht“. Außerdem wird er Ihnen sagen, ob bei der OP mit einem Röntgen-Durchleuchter gearbeitet wird. Dann müssen Sie nämlich schon vor (!) dem Waschen eine Röntgen-Schürze anziehen. Was Sie außerdem noch erledigen sollten, bevor Sie mit dem Waschen beginnen: Stellen Sie sich kurz bei der OP-Schwester oder dem OP-Pfleger vor! Immerhin werden Sie in Kürze von ihr oder ihm angezogen. Wer möchte das schon von jemand Unbekanntem erledigen lassen?

 

Chirurgisches „Waschen“

Die chirurgische Händedesinfektion beginnen Sie, indem Sie Ihre Hände und Unterarme mindestens drei Minuten lang waschen. Während dieser Zeit bürsten Sie auch die Fingernägel – die Sie natürlich schon zu Hause gekürzt und gereinigt haben – mit Seife, um sie von restlichem, unsichtbarem Schmutz zu befreien.

 

Zu Beginn der chirurgischen Händedesinfektion müssen Sie Ihre Fingernägel gründlich mit Bürste und Seife reinigen. Die Haut sollten Sie nicht bürsten. Dadurch würden Sie obere Epithelschichten abschilfern und zusätzlich Keime aus der Haut freisetzen. Foto: Uwe Glatz

Zu Beginn der chirurgischen Händedesinfektion müssen Sie Ihre Fingernägel gründlich mit Bürste und Seife reinigen. Die Haut sollten Sie nicht bürsten. Dadurch würden Sie obere Epithelschichten abschilfern und zusätzlich Keime aus der Haut freisetzen.

 

Nachdem Sie Hände und Unterarme mit Papiertüchern gründlich abgetrocknet haben, müssen Sie sie mit Desinfektionsmittel einreiben. Welches Ihre Haut am besten verträgt, müssen Sie ausprobieren – irgendwann hat jeder Chirurg „seines“ gefunden. Dabei sollten Sie beachten, dass verschiedene Desinfektionsmitte lim OP möglicherweise unterschiedlich lang einwirken müssen, um eine chirurgische Keimfreiheit zu erreichen. Normalerweise machen Sie alles richtig, wenn Sie Unterarme und Hände fünf Minuten lang desinfizieren.

 

Bevor Sie jetzt mit der Desinfektion der Hände und Unterarme loslegen, stellen Sie die Uhr! Fünf Minuten sind Goldstandard. Foto: Uwe Glatz

Bevor Sie jetzt mit der Desinfektion der Hände und Unterarme loslegen, stellen Sie die Uhr! Fünf Minuten sind Goldstandard.

       

Informieren Sie sich aber trotzdem, ob in Ihrer Klinik eventuell andere Hygienestandards gelten. Diese Vorgaben sind für Sie entscheidend!

Bei der Desinfektion gehen Sie folgendermaßen vor: Geben Sie reichlich Desinfektionsmittel in die geöffnete Hohlhand und verteilen Sie die Flüssigkeit gleichmäßig über beide Unterarme und Hände – bei Bedarf holen Sie Nachschub.

 

Spritzen Sie ausreichend Desinfektionsmittel in die Handfläche. Dabei betätigen Sie den Spender nur mit dem Ellenbogen! So vermeiden Sie, dass Keime vom Spender auf bereits desinfizierte Hautpartien gelangen. Foto: Uwe Glatz

Spritzen Sie ausreichend Desinfektionsmittel in die Handfläche. Dabei btätigen Sie den Spender nur mit dem Ellenbogen! So vermeiden Sie, dass Keime vom Spender auf bereits desinfizierte Hautpartien gelangen.

       

Etwa ein Drittel der Zeit verwenden Sie, um den gesamten Unterarm einschließlich Hand bis zum Ellenbogen einzureiben. Dabei wechseln Sie zwischen rechtem und linken Arm. Sind sämtliche Hautareale benetzt, lassen Sie das Desinfektionsmittel verdunsten. Dann geht’s wieder von vorne los: Desinfektionsmittel aus dem Spender holen, einreiben, einwirken lassen. Im zweiten Drittel der eingestellten Zeit wird nur noch bis zur Mitte des Unterarms desinfiziert. Die proximalen Anteile dürfen nicht mehr berührt werden. Während des letzten Drittels bearbeiten Sie ausschließlich die Hand und die Fingerzwischenräume.

 

Bei der chirurgischen Händedesinfektion werden zunächst beide Hände und Unterarme komplett bis zum Ellenbogen mit Desinfektionsmittel eingerieben (A). Im zweiten Schritt desinfizieren Sie bis zum mittleren Unteram-Drittel (B). Abschließend werden nur noch die Hände und Fingerzwischenräume bearbeitet (C). Zwischendurch sollten Sie das Desinfektionsmittel verdunsten lassen, damit es seine volle Wirkung entfalten kann. Achten sie dabei immer darauf, dass kein Desinfektionsmittel vom Ellenbogen Richtung Hände läuft! Foto:Uwe Glatz

Bei der chirurgischen Händedesinfektion werden zunächst beide Hände und Unterarme komplett bis zum Ellenbogen mit Desinfektionsmittel eingerieben (A). Im zweiten Schritt desinfizieren Sie bis zum mittleren Unteram-Drittel (B). Abschließend werden nur noch die Hände und Fingerzwischenräume bearbeitet (C). Zwischendurch sollten Sie das Desinfektionsmittel verdunsten lassen, damit es seine volle Wirkung entfalten kann. Achten sie dabei immer darauf, dass kein Desinfektionsmittel vom Ellenbogen Richtung Hände läuft!

       

Nach fünf Minuten meldet sich der Zeitmesser, und Sie können den OP-Saal betreten.

 

Beten und Anziehen

Manchmal muss die OP-Schwester noch die Instrumente fertig richten oder erst dem Oberarzt den OP-Kittel anziehen, bevor sie sich Ihnen widmen kann. Bis Ihnen der sterile Kittel angezogen wird, müssen Sie deswegen Ihre Hände und Unterarme steril halten. Jetzt dürfen Sie nichts mehr anfassen! Halten Sie während der Wartezeit Ihre Hände etwa auf Brusthöhe und legen Sie die Fingerspitzen oder Handflächen aneinander – in etwa so, als ob Sie beten würden. Die Zonen oberhalb der Brust und unterhalb des Bauchnabels sind absolute Tabuzonen. Achten Sie auch peinlich darauf, dass Sie den bereits gerichteten, sterilen OP-Tischen und Abdeckungen nicht zu nahe kommen. Eine Berührung mit dem Zipfel Ihrer grünen Bereichskleidung reicht aus, um etwas unsteril zu machen.

Gibt Ihnen die OP-Schwester das Signal zum Start, treten Sie vor sie hin. Sie hält ihnen den OP-Kittel auf, sodass Sie mit den Armen hineinschlüpfen und die Hände in die Ärmel schieben können.

 

Die OP-Schwester hält den Kittel auf. Sie schlüpfen mit beiden Armen hinein. Achten Sie dabei darauf, dass Sie nur die Innenseite des Mantels berühren dürfen. Dann schieben Sie ... Foto: Uwe Glatz

Die OP-Schwester hält den Kittel auf. Sie schlüpfen mit beiden Armen hinein. Achten Sie dabei darauf, dass Sie nur die Innenseite des Mantels berühren dürfen. Dann schieben Sie ...

... Ihre Hände durch den Ärmel. Sind die Bünde zu eng, hilft Ihnen die OP-Schwester. Keinesfalls dürfen Sie die Ärmel selbst nachziehen, solange Sie noch keine Handschuhe tragen! Foto: Uwe Glatz

... Ihre Hände durch den Ärmel. Sind die Bünde zu eng, hilft Ihnen die OP-Schwester. Keinesfalls dürfen Sie die Ärmel selbst nachziehen, solange Sie noch keine Handschuhe tragen!

       

Von hinten geht Ihnen eine zweite, nicht steril gekleidete OP-Pflegekraft – der so genannte Springer - „an den Kragen“. Er verschließt Ihren Kittel am Hals und auf Beckenhöhe.

Eine zweite OP-Pflegekraft, der so genannte Springer, verschließt Ihren Kittel auf der unsterilen Innenseite am Hals ... Foto: Uwe Glatz

Eine zweite OP-Pflegekraft, der so genannte Springer, verschließt Ihren Kittel auf der unsterilen Innenseite am Hals ...

... und auf Beckenhöhe. Dabei bleiben Sie mit der Frontseite der steril gekleideten OP-Schwester zugewandt. Foto: Uwe Glatz

... und auf Beckenhöhe. Dabei bleiben Sie mit der Frontseite der steril gekleideten OP-Schwester zugewandt.

       

Dann drehen Sie sich langsam um die eigene Achse, während Sie von der OP-Schwester eingewickelt werden.

Die Schwester greift sich die nach rechts abstehende Gürtelschleife. Sie drehen sich gegen den Uhrzeigersinn etwa eine Dreivierteldrehung um die eigene Achse, ...Foto: Uwe Glatz

Die Schwester greift sich die nach rechts abstehende Gürtelschleife. Sie drehen sich gegen den Uhrzeigersinn etwa eine Dreivierteldrehung um die eigene Achse, ...

... bis die OP-Schwester den Kittel mit dem Gegenstück zur Gürtelschleife auf der sterilen Außenseite verschließen kann. Foto: Uwe Glatz

... bis die OP-Schwester den Kittel mit dem Gegenstück zur Gürtelschleife auf der sterilen Außenseite verschließen kann.

       

Dabei dürfen Sie mit dem Kittel selbstverständlich keine unsterilen Gegenstände berühren.

Zum Schluss werden noch Ihre Hände steril verpackt*.

Die OP-Schwester hält Ihnen zuerst den rechten Handschuh auf. Dabei berührt sie nur die sterile Außenseite. Achten Sie darauf, dass Sie nur die unsterile Innenseite berühren (A). Mit der linken Hand können Sie den Handschuh von innen etwas aufhalten. Während Sie reinschlüpfen, zieht Ihnen die Schwester den Handschuh über den Kittelbund (B). Dann kommt die linke Hand an die Reihe. Auch den linken Handschuh können Sie etwas vordehnen (C), bevor Sie reinschlüpfen (D) – jetzt aber mit der steril behandschuhten rechten Hand und von außen!  Foto: Uwe Glatz

Die OP-Schwester hält Ihnen zuerst den rechten Handschuh auf. Dabei berührt sie nur die sterile Außenseite. Achten Sie darauf, dass Sie nur die unsterile Innenseite berühren (A). Mit der linken Hand können Sie den Handschuh von innen etwas aufhalten. Während Sie reinschlüpfen, zieht Ihnen die Schwester den Handschuh über den Kittelbund (B). Dann kommt die linke Hand an die Reihe. Auch den linken Handschuh können Sie etwas vordehnen (C), bevor Sie reinschlüpfen (D) – jetzt aber mit der steril behandschuhten rechten Hand und von außen!

       

Meistens haben Oberarzt und Assistent mittlerweile den Patienten und das OP-Gebiet steril abgedeckt. Wenn Sie noch warten müssen, stellen Sie sich wieder in Gebetshaltung. Zu unsterilen Bereichen sollten Sie jetzt einen Sicherheitsabstand einhalten.

 

Tabuzonen und Tischmanieren

Wenn’s losgeht, weist Ihnen der Operateur Ihren Platz zu. Fehlt es Ihnen im Vergleich zum restlichen OP-Team an Körpergröße, sollten Sie sich vom Springer noch ein kleines Podest an den Tisch stellen lassen. Während des Eingriffs stehen Sie möglichst dicht am OP-Tisch, damit Sie nicht versehentlich rücklings unsterile Apparaturen berühren. Im OP stehen oft viele Geräte herum – von Infusionsständern über Generatoren für die Elektrochirurgie bis hin zum C-Bogen, dem mobilen Röntgengerät. Aber natürlich gibt es auch nach vorne Tabuzonen. Wenn Ihre Hände gerade nichts zu tun haben, sollten sie immer in einem Areal zwischen Ihrer Brust und Ihrem Bauchnabel bleiben. Zur Sicherheit gelten die Bereiche unterhalb der Hüfte und oberhalb der Schulter sowie die Achseln und der Rücken als nur eingeschränkt steril. Wenn Sie dort mal zufällig hinfassen, sollten Sie um neue Handschuhe bitten.

Wenn der Hautschnitt gesetzt ist und das Subkutangewebe durchtrennt wird, kommen Sie ins Spiel. Meist sagt der Operateur etwas wie „Hier! Mal halten!“ und drückt Ihnen Haken in die Hände. Keine Angst! Wenn Sie noch nie Haken gehalten haben, zeigt er Ihnen, wie’s geht.

 

Bei den Wundhaken unterscheidet man scharfe Haken – hier so genannte Volkmann-Haken – mit spitzen Krallen, die sich im subkutanen Gewebe einhaken, ... Foto: Uwe Glatz

Bei den Wundhaken unterscheidet man scharfe Haken – hier so genannte Volkmann-Haken – mit spitzen Krallen, die sich im subkutanen Gewebe einhaken, ...

... von stumpfen Haken – hier so genannte Roux-Haken. Damit kann man Gewebe atraumatisch aufhalten. Wundhaken hält man am besten im Untergriff. Das spart Kraft. Foto: Uwe Glatz

... von stumpfen Haken – hier so genannte Roux-Haken. Damit kann man Gewebe atraumatisch aufhalten. Wundhaken hält man am besten im Untergriff. Das spart Kraft.

       

Gelenkinstrumente wie Scheren oder Nadelhalter führen Sie sicher, indem sie den Zeigefinger auf das Scharnier legen.

Sie dürfen diese Aufgabe aber auch nicht unterschätzen! Mit den Haken ermöglichen Sie dem Chirurgen eine gute Sicht auf das OP-Gebiet – eine der Grundvoraussetzungen für einen erfolgreichen Eingriff! Versuchen Sie, sich in den Operateur hineinzuversetzen. Dann verstehen Sie auch schnell, was er von Ihnen erwartet, wenn Sie Ihre Hakenhaltung korrigieren müssen. Einer der häufigsten Befehle ist „Spitze betonen!“. Hören Sie diese Worte, müssen Sie den Druck auf die Hakenspitze, die in die OP-Wunde hineinragt, verstärken, ohne dabei am Haken noch kräftiger zu ziehen. So sieht der Operateur besser auf tiefer gelegene Strukturen, was vor allem bei viszeralchirurgischen Eingriffen wichtig ist. Grundsätzlich gilt, dass Wundhaken am besten per „Untergriff“ gefasst werden sollten. So sparen Sie Kraft, und Ihre Hände und Arme ragen möglichst wenig ins Gesichtsfeld des Operateurs.

Vergessen Sie vor lauter Konzentration nicht, dass Sie etwas lernen möchten. Nutzen Sie Ihre Zeit, beobachten Sie den OP-Verlauf und stellen Sie Fragen! Die meisten Chirurgen erklären gerne, wenn man etwas nicht versteht. Wenn’s gerade nicht so geschickt ist, kriegen Sie das schon gesagt. Nehmen Sie es dann nicht persönlich und probieren Sie’s einfach später nochmals, wenn die OP wieder in ruhigerem Fahrwasser ist. Wenn der Chirurg fühlt, dass Sie geistig bei der Sache sind und Anteil nehmen, lässt er Sie eher mal eine Hautnaht oder andere „Nicht-Haken-Jobs“ machen. Wenn Sie völlig abschalten, reduzieren Sie sich selbst auf die Rolle eines bloßen Haken-Halters.

 

Vegetative Turbulenzen

Angenommen die OP schreitet fort, und plötzlich macht sich in Ihrem Oberbauch ein flaues Gefühl breit. Es flimmert vor Ihren Augen und Ihre Beine beginnen zu zittern. Das sind Warnzeichen einer Kreislaufdysregulation! Jetzt sollten Sie keinen falschen Stolz an den Tag legen. Melden Sie Ihre Probleme und treten Sie vom Tisch ab, bevor Sie kollabieren, ins OP-Gebiet stürzen und alles unsteril machen. Es ist keine Schande, wenn der Kreislauf schlapp macht. Vielen Chirurgen ist in jungen Jahren schon selbst Ähnliches widerfahren.

Allerdings kann man vorbeugen: Lassen Sie Ihre Gedanken nicht schweifen, sondern konzentrieren Sie sich auf den OP-Ablauf! Zehengymnastik oder Stützstrümpfe können dazu beitragen, den Kreislauf während der Operation in Fahrt zu halten. Vor größeren Eingriffen ist ein nahrhaftes Frühstück empfehlenswert. Für die Pausen zwischen den OPs sollten Sie ein Vesper und ein Getränk im Aufenthaltsraum deponieren. Und was tut man, wenn man während einer Operation plötzlich ein menschliches Bedürfnis spürt? Oft kann man diesen Drang bis zum Ende der OP unterdrücken. Wenn die Speicherkapazitäten Ihrer Blase aber tatsächlich an ihre Grenzen geraten, müssen Sie den Operateur bitten, kurz abtreten zu dürfen. Dies ist dann meist innerhalb kurzer Zeit möglich. Der Chirurg muss jedoch entscheiden, ob er ganz auf Ihre Hilfe verzichten kann, oder ob Sie auf eine Ablösung warten müssen. Möchten oder sollen Sie nach dem Toilettengang wieder in den OP-Trakt zurückkehren, müssen Sie in der Umkleide frische Bereichskleidung anziehen.

Haben Sie bis zum Ende der OP ohne vegetative Turbulenzen durchgehalten, legen Sie nach der Hautnaht die sterile Kleidung ab und werfen Sie sie in den entsprechenden Wäschesack. Im Aufenthaltsraum haben Sie jetzt Zeit für einen Kaffee oder ein ausgiebiges Vesper. Sitzt der Operateur mit im Raum, können Sie ihm noch die Fragen stellen, zu denen Sie vorher nicht gekommen sind. Dann geht’s weiter. Der nächste Patient ist schon im Einleitraum: Wecker stellen, Waschen, Einkleiden, Handschuhe anziehen ... aber das kennen Sie jetzt ja alles schon. Schließlich sind Sie ja nicht (mehr) das erste Mal im OP!

Die wichtigsten Tipps zusammengefasst

 

Grafik: Thieme

 

Der Autor

 

Der Autor Uwe Glatz. Foto: Privat

Uwe Glatz ist Medizinjournalist und Assistenzarzt in der Chirurgischen Klinik der Rechbergklinik Bretten.

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