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  • Torben Brückner
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  • 24.02.2015

Wofür eigentlich ein Stethoskop?

Das Stethoskop – Erkennungsmerkmal eines Arztes. Gern um den Hals getragen wie ein Modestück, ist es ein zeitloser Klassiker der Medizin. Doch braucht man es bei aller Hightech-Medizin überhaupt noch? Und wenn ja: Welches Stethoskop ist das beste und wie verwende ich es überhaupt?

Stethoskope - Foto: Oliver Schmidt - Fotolia.com

Das Stethoskop – mehr als ein schickes modisches Accessoir? Foto: Oliver Schmidt - Fotolia.com

Der Nutzen des Stethoskops

Brauchen wir das Stethoskop in Zeiten von Herzechokardiographie und Ganz-Körper-MRT überhaupt noch? Ja! Gerade heutzutage, bei einer riesigen Auswahl an Diagnostik, sorgen die einfachsten Methoden wie das Auskultieren für einen raschen Überblick, um dann gezielt einen Diagnosepfad einzuschlagen.

Besonders eine Lungenauskultation ist oft sehr Aufschlussreich. Feuchte Rasselgeräusche: Pneumonie oder Lungenödem. Trockene Rasselgeräusche wie Giemen und Brummen: COPD oder Asthma. Gar keine Geräusche: Pneumothorax.

Die Herzauskultation ist hingegen wie ein klassisches Konzert: voller wunderbarer Eindrücke. Beim Abdomen abhorchen kann man so manchen Ileus herausfischen. Dann die Gefäße: am Hals oder der Niere kann man nach Strömungsgeräuschen horchen, die eine Verengung vermuten lassen. Genauso wie an den Beinarterien – besonders wichtig nach Koronarintervention, um ein Pseudoaneurysma herauszuhören. Ach, und das klassische Blutdruckmessen nicht vergessen.

 

„Ich hör nichts“

Trotz der vielen Einsatzmöglichkeiten bleibt für viele Medizinstudenten und Ärzte das Stethoskop ein Schmuckstück, das sie sich nur um den Hals hängen. Allzu oft beginnt der Frust im U-Kurs. Es wird genickt, wenn der Dozent von feinblasigen ohrnahen Rasselgeräuschen oder dem spindelförmigen Herzsystolikum spricht. Nebenbei hört man es aber in den Reihen mauscheln: „Ich hör nichts“.

Davon darf man sich nicht verunsichern lassen, die Geräusche, Töne, ja man könnte sagen „Kompositionen“ sind da, man hört sie auch – man weiß es nur als Anfänger nicht. Das wichtigste – so wird gern gesagt – ist beim Stethoskop das, was zwischen den Ohrstücken liegt: die Ohren und das Gehirn des Untersuchers.
Klar, hört man die Geräusche nicht bei jedem Patienten gleich gut. Mein Tipp: Bei sehr stark gebauten Menschen hilft es, wenn man sie bittet, sich nach vorne zu beugen, damit das Herz näher an die Brustwand ragt. Und nie sollte man vergessen den Patienten beim Auskultieren der Lunge durch den offenen Mund ausatmen zu lassen.

Einmal das Kopfstück aufgelegt, kann ich nur empfehlen, schließe einfach mal die Augen und konzentriere dich voll und ganz auf dein Gehör. Denn die Kunst des Auskultierens besteht darin, wie in einem klassischen Musikstück, nicht nur die ganze Komposition, sondern einzelne Instrumente herauszuhören und alles andere zu ignorieren. Beispielsweise bei der Herzauskultation nur den 1. oder 2. Ton, das Systolikum oder Diastolikum oder beides und dann noch deren Art. Daher macht es Sinn, auch verschiedene Auskultationspunkte am Körper abzuhorchen, weil dann einzelne Komponenten besonders gut zu hören sind.

Wer wirklich Auskultieren üben möchte, dem sei eine Famulatur in einer Kinderarztpraxis empfohlen. Da hört man praktisch das Rasseln in jeder Alveole einzeln und ein physiologisch schnell schlagendes Babyherz abzuhorchen übt so sehr, dass es einem bei Erwachsenen vorkommt, als würde es in Zeitlupe schlagen.

 

Aus was besteht ein Stethoskop eigentlich und welches Material ist das beste?

Ohroliven
Immer dran denken beim Auskultieren: Ohroliven richtig rein ins Ohr. Beachte, dass die Olivenöffnung Richtung Nase weist, meist sind die Bügel so vorgebogen. Manchmal hilft es auch, die Oliven auszutauschen (kleinere oder weniger weiche zu nehmen), oder den Bügel anzuheben.

Der Schlauch
Doppelschlauch – die klassischen Stethoskope haben einen Doppelschlauch, wie etwa die Rappaport-Modelle. Heutzutage haben sich eher die Monoschlauch und die Dual-Lumen-Schläuche durchgesetzt – beide sehen aus wie Einzelschläuche, jedoch ist in letzterem eine Trennwand. Man erkennt diese an dem dickerem Durchmesser, zudem häufig daran, dass sie am Bügelseiten-Ende eine V-Form (Abbildung 1) und keine Y-Form (Abbildung 2) haben. Durch diese Bauart sind sie aber auch größer und schlechter in Taschen zu verstauen (Abbildung 3).

 

Abbildung 1: Dual-Lumen-Schlauch Stethoskop, Foto: Torben Brückner

 

 

Stethoskop - Foto: Torben Brückner

Abbildung 2: Monoschlauch Stethoskop, Foto: Torben Brückner

 

Stethoskop - Foto: Torben Brückner  

Abbildung 3: Dual-Lumen-Schlauch und Monoschlauch Stethoskop im Größenvergleich, Foto: Torben Brückner

Das Kopfstück
Kernstück eines Stethoskops ist das Kopfstück (auch Bruststück genannt). Gern verwendet wird hier Edelstahl, was schon mal ein erstes Anzeichen für ein qualitativ gutes Stethoskop ist. Es gibt auch günstigere Alternativen aus Aluminium, die dann als schön leicht beworben werden. Manche Hersteller verwenden Messing, ein Material, aus dem auch Blechblasinstrumente hergestellt werden. Jedenfalls sind Stethoskope mit Messingbruststück ziemlich spannend und ich habe schon gute Erfahrungen damit gemacht.

Der Aufbau des Bruststücks besteht aus einer Seite mit Membran – und je nach Modell – mit oder ohne Trichter (Abb. 4 und 5). Mit der Membranseite können die höheren Frequenzen besser gehört werden – besonders bei der Lungenauskultation. Der Trichter für tiefe Frequenzen hilft bei der Herzauskultation, einzelne Phänomene besser herauszuhören, wie z.B. den 3. Herzton oder die Mitralstenose.

 

Stethoskop - Foto: Torben Brückner
Abbildung 4: Stethoskop mit Trichter, Foto: Torben Brückner

 

Stethoskop - Foto: Torben Brückner

Abbildung 5: Stethoskop ohne Trichter, Foto: Torben Brückner

 

Um diese Effekte noch besser nutzen zu können, wird die Membranseite gern auch mit etwas mehr Druck auf die Patientenhaut angelegt. Dagegen wird die Trichterseite nur leicht aufgelegt. Wird sie fest angelegt, so wirkt die Haut ebenfalls wie eine Membran.

Die Membran
Zahlreiche Stethoskope werden heutzutage mit einer „Dual-Frequency-Membran“ vertrieben, die diesen Effekt nachmachen soll. Also: Niedrige Frequenzen hört man, wenn man leicht drückt, hohe Frequenzen, wenn man fest drückt. Geworben wird damit, dass man nicht mehr mit der Trichterseite arbeiten bzw. wechseln muss und dass weniger Geräuschverlust entsteht. Den gleichen Effekt wie bei Stethoskopen mit Trichter erreicht man damit leider in der Praxis nicht wirklich und die Dual-Frequency-Membran hört sich auch „dumpfer“ an. Die Trichter haben eben ihren Sinn und bescheren einem bessere Hörerlebnisse.

Um Herz und Lungengeräusche zu interpretieren bleibt am Ende nur: Üben. Üben. Üben.
Wer mehr lernen möchte, findet im Internet zahlreiche Hörbeispiele, Bücher ebenso. Bei Thieme gibt es zwei kleine Goldstücke für die Auskultation, die sehr zu empfehlen sind:


- Auskultation und Perkussion von Klaus Gahl ISBN: 9783131372161 – ein Buch aus der guten alten Zeit des klinischen Untersuchens, immer wieder neu aufgelegt und das inhaltreichste seiner Art.

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