• Bericht
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  • Dr. Dirk Häger
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  • 22.09.2014

Meine Promotion: Qualitätsprodukt Arzt

Welchen Einfluss haben eigentlich Studierenden auf die Qualität von Studium und Lehre an medizinischen Fakultäten in Deutschland? Dieser Frage ging Dr. Dirk Häger in seiner Promotion nach.

Dr. Dirk Häger ist Vater von zwei Söhnen und arbeitet als Arzt in den Bereichen Psychosomatische Medizin, Psychotherapie und Anthroposophische Medizin. Er arbeitet in der Qualitätsentwicklung von Studiengängen in der Medizin und den Gesundheitsfachberufen. 

 

Wie alles begann

Nach der Vorklinik habe ich mich während meines Medizinstudiums oft eines gefragt: Sind die Inhalte, die vermittelt werden, tatsächlich in ihrer Breite und deren Gewichtung relevant für meine spätere Tätigkeit als Arzt? Um dieser Frage auf die Spur zu kommen, hat mich interessiert, wer für die Gestaltung des Medizinstudiums verantwortlich ist. Wo sind die Stellschrauben? Wer entscheidet was? Welche Rolle haben der Dekan/Prodekan und andere Mitglieder der Fakultät? Was passiert mit den Evaluationsbögen, die wir Semester für Semester seitenweise ausfüllen? Also wer wertet sie aus und was passiert mit den Ergebnissen? In welcher Form und Tiefe bekommen wir Rückmeldungen? Findet dies nur pro forma statt, um den Qualitätsansprüchen nach außen zu genügen? Oder wird das ausgewertete Material wirklich effektiv genutzt, um die Qualität unseres Medizinstudiums zu verbessern? Weitere Fragen waren, ob sich die medizinischen Fakultäten untereinander austauschen, ob Erfahrungen weitergegeben und Synergieeffekte genutzt werden.

So stand ich vor einigen Fragen und kam daher auf die Idee, eine ganze Doktorarbeit zum Einfluss von Studierenden auf die Qualität von Studium und Lehre an medizinischen Fakultäten in Deutschland zu verfassen. Zunächst war ich jedoch ziemlich ratlos, wie ich mich dieser Thematik nähern könnte. Also begann ich mit der Internetrecherche. Ich habe mir eine Liste mit Personen gemacht, die für Studium und Lehre an Hochschulen in Deutschland und an medizinischen Fakultäten im Speziellen zuständig sind. Durch meine Arbeit beim studentischen Akkreditierungspool und als Gutachter in Akkreditierungsverfahren im Gesundheitssektor, hatte ich bereits wichtige Kontakte zu Ansprechpartnern in der deutschen Hochschullandschaft geknüpft, die ich für die Bearbeitung meines Themas gut nutzen konnte.

Nun kam ich an immer tiefergehenden Informationen und in Kontakt mit der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), dem Stifterverband der deutschen Wissenschaft, der Kultusministerkonferenz (KMK), dem medizinischen Fakultätentag (MFT), der Gesellschaft für medizinische Ausbildung (GMA), der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) und den Prodekanen und Fachschaftsmitgliedern der medizinischen Fakultäten vor Ort.

Ich verschaffte mir einen ersten Überblick und entschied mich dafür, das Thema meiner Dissertation mit einer Fragebogenerhebung zu stützen. Mir war ziemlich schnell klar, dass mich besonders die Rolle der Studierenden im Bereich des Qualitätsmanagements an medizinischen Hochschulen interessiert. Und ich entschied mich, eine Befragung an allen Fachschaften der Medizin in Deutschland durchzuführen. Hierfür habe ich einen Fragebogen entwickelt, den ich an die Fachschaften versandt habe. Die Auswertung der Fragebögen stellte einen wichtigen Teil meiner Arbeit dar.

Daneben habe ich die nationale und internationale Literatur zu dieser Thematik eingehend studiert und auch Expertenmeinungen aus dem In- und Ausland für die Bearbeitung des Themas eingeholt.

Es handelt sich um eine noch recht ungewöhnliche Thematik für eine medizinische Dissertation, die ich am Institut für Sozialmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf geschrieben habe. Aber ich möchte gerne junge Kollegen in der medizinischen Ausbildung ermutigen, ebenfalls solche außergewöhnlichen, innovativen Wege zu gehen und immer weiter und tiefergehend diese oder an diese Thematik angrenzende Themen wissenschaftlich zu beleuchten.

Meine Dissertation ist die erste, die sich mit der Rolle der Studierenden im Bezug auf die Qualität von Studium und Lehre an den medizinischen Fakultäten in Deutschland beschäftigt.

Lehrsaal - Foto: imagesource

 

Und hier das Ergebnis

Die Studierendenvertreter fühlen sich ausreichend von der Leitungsebene der Fakultät informiert und haben das Gefühl, einen mittelstark bis starken Einfluss auf die Qualität von Studium und Lehre zu haben. Sie schätzen diesen Einfluss als wichtig ein und wollen diesen offensichtlich noch erhöhen. Neben der Führungsebene und den Lehrenden sehen sich die Studierendenvertreter selbst stark in der Verantwortung für die Qualität von Studium und Lehre. Der Einfluss der Studierenden läuft laut der Studierendenvertreter mehr über die Gremienarbeit als über den persönlichen Kontakt und sie wollen konkreter eingebunden werden und nicht nur evaluieren. Die Hauptprobleme für die Qualität von Studium und Lehre sehen die Studierendenvertreter in der Lehre selbst. Exzellenzinitiativen werden befürwortet, dagegen stehen die Studierendenvertreter dem Bologna-Prozess eher kritisch gegenüber. Der größere Anteil der Studierendenvertreter fühlt sich nicht in die Reformprozesse eingebunden. Deshalb wird in diesem Kontext zwischen Eingebundenen und Nichteingebundenen unterschieden. Eingebundene wie Nichteingebundene Studierendenvertreter wünschen sich jedoch gleichermaßen eine höhere Beteiligung. Zwischen Eingebundenen und Nichteingebundenen Studierendenvertretern besteht ein Unterschied in den Ansatzpunkten, die diese für die Verbesserung der Qualität von Studium und Lehre sehen. Eingebundene Studierendenvertreter sehen den Hauptansatzpunkt in der Lehre, Nichteingebundene Studierendenvertreter in den Rahmenbedingungen und Strukturen. Relativ stark übereinstimmend geben die Studierendenvertreter an, dass die Fachschaftsaktivitäten von den Studierenden nicht wahrgenommen werden. Die Hälfte der Studierendenvertreter sieht einen Widerstand der Fakultätsleitung in der Beteiligung von Studierenden an Maßnahmen zur Qualitätssicherung und -entwicklung.

Aus Kreuztabellen ergab sich, dass die Studierendenvertreter die möglichen Informationswege nur zu 38 Prozent ausnutzen, um die Studierenden zu erreichen. Die besser informierten Studierendenvertreter nutzen jedoch im Verhältnis deutlich mehr unterschiedliche Wege als die weniger gut informierten. Ob der Einfluss stark ist oder nicht, ob die Studierendenvertreter denken, sie haben Einfluss oder nicht lässt sich zusammenfassen: Alle halten den Einfluss für wichtig. Und: egal wie stark der derzeitige Einfluss eingeschätzt wird, er soll erhöht werden.

Um Gleichberechtigung und Zusammenarbeit zu ermöglichen, ist es wichtig, ein Qualitätsbewusstsein bei den Studierenden zu schaffen. So ein Bewusstsein bedarf Fähigkeiten, die auch geschult und erworben werden müssen. Laut einer Studie vom Hochschulinformationszentrum (HIS) sehen sich die Studierenden der Fächergruppe Medizin durch ihr Studium weniger stark als die Studierenden anderer Fächergruppen zu kritischem Denken gefördert. Wenn also das kritische Denken in Bezug auf die Themen des Studiums nicht gefördert wird, kann auch davon ausgegangen werden, dass ein differenziertes und qualifiziertes kritische Denken in Bezug auf die Qualität von Studium und Lehre nicht geschult wird. Dieser Zusammenhang soll noch einmal darauf verweisen, wie komplex und vernetzt für sinnvolle und nachhaltige Maßnahmen der Qualitätssicherung und -entwicklung gedacht werden muss.

Zentral bei den Studierenden als der immer neu nachkommenden Generation, die immer auch einen besonderen Motor für Veränderung und Wandel darstellen kann, anzusetzen, ist daher unerlässlich. Nicht zuletzt deshalb, weil durch Qualitätsverbesserung im Bereich der medizinischen Ausbildung zudem eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung und langfristig auch der Patientensicherheit erreicht werden kann. So fordert es auch der bvmd. Dies hebt die Bedeutung der Beteiligung noch weiter hervor. Die Studierenden sollten eine Ausbildung genießen, die auf die tatsächlichen Anforderungen an einen Arzt in einer Praxis auf dem Land, in der Stadt oder in einem Krankenhaus vorbereitet. Problematiken der Praxis könnten viel stärker einfließen, wenn die Rückmeldungen der Studierenden aus den Lernorten Famulatur, Praktisches Jahr und nicht zuletzt auch der Facharztausbildung geordnet stattfänden und an den richtigen Stellen ankommen und bearbeitet würden.

Darüber hinaus ist eine Verbesserung der Prüfungsleistungen durch die verbesserten Studienbedingungen zu erwarten. Qualitätssicherung sollte daher von den Hochschulen als eigenes Interesse verstanden werden, und zwar auf allen Ebenen und nicht nur von oben herab. Qualitätssicherungsmaßnahmen müssen die Eigenverantwortung der Hochschulen stärken, unterstützen und beraten. Gerade eine Form der künstlichen Trennung der einzelnen Interessengruppen sollte vermieden werden. Alle Beteiligten sollten einen Überblick über das gesamte Themenspektrum haben.

Es ist dafür wichtig, dass zentrale Organisationen wie (Akkreditierungsrat) AR, HRK, KMK die Rolle der Studierenden stärken und diese auf ihrem Weg unterstützen. Studierende jedoch müssen sich auch engagieren und sich für ihre Rolle stark machen. Sie dürfen nicht weiterhin passiv auf eine integrative Beteiligung hoffen. Hierfür erscheint es auch hilfreich, die Studierendenvernetzung unter den Fakultäten noch deutlicher auszubauen, um so Synergieeffekte zu nutzen. Die Bemühungen sind zu erkennen, aber die Kernprobleme müssen noch offensiver angegangen werden.

Die Reformwiderstände in der Medizin gerade in Bezug auf den Bologna-Prozess, die sich auch bei den Befragten zeigten, deuten darauf hin, dass an den medizinischen Fakultäten Sorge in Bezug auf die Reformen besteht. Ein Grund hierfür sind sicherlich die vielen negativen Meldungen über die Bologna-Reform. Keine 500 Meter von der Bologna Universität entfernt, in der Basilika San Petronio, hat Giovanni da Modena den Teufel an die Wand gemalt.

„Die Hochschulmedizin braucht vor einer richtig verstandenen Studienreform nicht zurückzuschrecken“, so die ehemalige Präsidentin der HRK.

In meiner Promotion habe ich eine Status quo Darstellung erbracht, in der die Beteiligten von Qualitätssicherung an medizinischen Fakultäten eine Orientierung finden und über die Aktivitäten zur Qualitätssicherung und –entwicklung in der gesamten Bundesrepublik allgemein und an den medizinischen Fakultäten im Besonderen informiert werden können. Meine Arbeit soll ein Bewusstsein bei Medizinstudierenden für die Notwendigkeit schaffen, sich um die Qualität von Studium und Lehre zu kümmern und zu engagieren. Des Weiteren sollte diese Sensibilisierung auch bei den anderen Stakeholdern stattfinden und zeigen, wie wichtig es ist, die Studierenden in derartige Prozesse zu integrieren. Zudem können die Ergebnisse der Befragung den Studierenden wie den anderen Stakeholdern wichtige Anhaltspunkte über Zustand, Wünsche und Bedürfnisse der Studierenden in Bezug auf ihre Beteiligung geben. Abgerundet wurde die Arbeit mit Vorschlägen und Beispielen, die neue Gedankenprozesse anregen und hilfreiche Tipps in der Weiterentwicklung geben sollen. Qualität „ist kein Ziel, sondern ein Prozess, der nie zu Ende ist“.

Abschließend möchte ich alle Studierenden, Studiendekane und Wissenschaftler, die sich mit dieser Thematik beschäftigen oder in Zukunft beschäftigen möchten, ermutigen mit mir in Kontakt zu treten: Ich habe mich dafür entschieden diese Thematik weiter zu beforschen und arbeite auch gerne weiter in nationalen und internationalen Arbeitsgruppen zur Verbesserung der Qualität des Medizinstudiums und zur besseren Vorbereitung der Ärzte auf den Arztberuf mit.

 

Hier kannst du die vollständige Dissertation durchlesen.

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