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  • Miriam Heuser
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  • 19.11.2018

Doktorarbeit's Diary: Teil 1 – Wieso promovieren?

Vorklinik, Physikum, Klinik, Auslandssemester, M2, Praktisches Jahr, Facharztausbildung – und irgendwann auf dem Weg durch das Medizinstudium laufe ich über Los und erhalte magischerweise (m)einen Doktortitel? Nicht ganz! Miriam beginnt diesen Herbst ihre Doktorarbeit und nimmt euch mit auf den Weg zur medizinischen Promotion.

 

 

 

Muss ich einen „Dr. med.“-Titel* haben, um später eine gute Ärztin zu sein? Immer mehr Medizinstudierende sagen: Nein!
Der medizinische Doktortitel hängt nicht mit der medizinischen Ausbildung zusammen, also dem Medizinstudium und der Facharztausbildung, in der ich lerne, wie der menschliche Körper funktioniert, wie er erkrankt und wie die Gesundheit wiederhergestellt werden kann. Oft schreiben Medizinstudierende ihre Doktorarbeit auch schon während des Studiums, also bevor sie wissen, in welcher Fachrichtung sie überhaupt arbeiten wollen, und die Doktorarbeit hat keinen konkreten Bezug zum späteren Berufsfeld.

Wieso also überhaupt eine Doktorarbeit schreiben?

1. Wer später an einer Uniklinik oder in einer leitenden Position arbeiten möchte, kann dies zum jetzigen Zeitpunkt oft nur mit einem „Dr. med.“ tun. Auch in alternativen Berufszweigen wie der Industrie steigt man mit einem Titel auf der Karriereleiter höher als ohne und hat meist mehr Einkommen. Mit einer Doktorarbeit bin ich also auf der sicheren Seite und halte mir alle Karriere-Optionen offen.

2. Viele Patienten verwenden „Doktor“ immer noch synonym mit „Arzt“ und könnten einen fehlenden Doktortitel mit schlechterer Qualifikation verwechseln.

3. Manche Studierende möchten einen Einblick in die Forschung bekommen und nehmen sich deshalb die Zeit für eine Doktorarbeit.

4. Wieder andere möchten einfach nur den Titel, aus Prestigegründen oder weil sie ihre Eltern stolz machen wollen.

Die drei Säulen der Humanmedizin

Meine Gründe für eine Doktorarbeit sehen etwas anders aus. Ich sehe mich als irgendwann hoffentlich gute Ärztin in einem Spannungsfeld zwischen drei Säulen: Naturwissenschaft, Geistes- und Gesellschaftswissenschaft und wissenschaftlicher Forschung.
Die erste Säule, der naturwissenschaftliche Anteil, wird im Medizinstudium ausführlich behandelt. In der Vorklinik und Klinik lerne ich, wie der menschliche Körper aus anatomischer, biochemischer und physikalischer Sicht funktioniert, welche pathophysiologischen Ereignisse einer Krankheit zugrunde liegen, wie ich diagnostiziere und wie ich chirurgisch oder pharmakologisch in die Kreisläufe des Körpers eingreife.

Anders sieht es schon mit der zweiten Säule aus, den gesellschaftswissenschaftlichen Teilen im Medizinstudium. Ein Patient ist nicht nur ein Organpuzzle, sondern Teil einer Gesellschaft, einer Schicht mit Privilegien oder Diskriminierungserfahrungen, eines sozialen Umfeldes und ist Individuum mit eigenem Selbstbild und Krankheitsverständnis. Das alles sind Faktoren, die über den Erfolg einer medizinischen Therapie entscheiden können. Teilweise lerne ich Hilfreiches dazu im Studium, zum Beispiel im Gespräch mit Schauspielpatienten, in Blöcken zur Palliativmedizin oder zur Psychosomatik. Einen großen Teil lerne ich aber nur, wenn ich außerhalb des Studiums Eigeninitiative zeige und mich theoretisch und praktisch über politische und gesellschaftliche Entwicklungen und Probleme informiere. Als (Medizin-)Studentin kann ich mich beispielsweise in sozialen Projekten engagieren und dort mit unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen zusammenarbeiten. Ich kann meine Famulaturen nutzen, um vulnerable Patientengruppen kennenzulernen oder im Gespräch zu verstehen, wie Menschen ihre eigene Krankheit wahrnehmen, wie ihr Umfeld eine Krankheit verschlimmert oder sie auffängt.

Nun zur dritten Säule, der wissenschaftlichen Forschung. Je weiter das Studium voranschreitet, umso wichtiger werden neuste wissenschaftliche Erkenntnisse zu innovativen Therapien und Krankheitsentstehung. Die Medizin verändert sich so schnell, dass manche Lehrbücher nach 5 Jahren schon veraltet sind. In Vorlesungen werden täglich Ausschnitte aus Studien gezeigt, Überlebenskurven, Vergleiche von verschiedenen Therapieformen, Genanalysen. Aber obwohl ein Großteil der medizinischen Forschung von Ärzten gemacht wird, die die Erkenntnisse des Stationsalltags mit in ihre Forschungsprojekte nehmen, obwohl niedergelassene Ärzte immer mehr mit Statistiken und Forschungsergebnissen aus Apothekenrundschauartikeln und Dr-Suchmaschine-Recherchen konfrontiert werden, zu denen ihre Patienten eine Einschätzung wollen: Die Forschung und Interpretation von Forschungsergebnissen ist nur ein kleiner Teil des Medizinstudiums. Dabei wird es als gute Ärztin zukünftig immer wichtiger werden, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu prüfen, einzuordnen und in den Praxisalltag zu integrieren.


Die Rolle der medizinischen Doktorarbeit

Im Gegensatz zu anderen Studiengängen schreiben Medizinstudierende keine Hausarbeiten oder Bachelor- oder Masterarbeiten und kreuzen in Klausuren Multiple-Choice-Fragen, statt Gedanken schriftlich auszuformulieren. Wenn ich keine Doktorarbeit schreiben würde, würde ich das Studium also beenden, ohne jemals eine eigenständige wissenschaftliche Arbeit geschrieben zu haben. Irgendwie gruselig, finde ich.
Die Arbeit in der Forschung für eine Doktorarbeit gibt mir die Möglichkeit, einmal in meinem Leben praktisch zu lernen, wie ich einen Versuch oder eine Studie plane, wie der Alltag in einem Labor aussieht, wie ich Ergebnisse kritisch prüfe, wie Literaturrecherche und wissenschaftliches Zitieren funktionieren, wie ich Proben gewinne und was eine gute wissenschaftliche Arbeit ausmacht. Die Doktorarbeit ermöglicht mir also, für kurze Zeit in die Rolle einer Forscherin zu schlüpfen. Vielleicht würde ich auch später in meinem Leben nochmal eine solche Chance bekommen - für viele Ärzte spielt die aktive Forschung später aber keine Rolle mehr.

Ich bin mir momentan sicher, dass ich später nicht als Forscherin, sondern als praktizierende Ärztin arbeiten möchte. Trotzdem werden mir die Erfahrungen, die ich in einer Doktorarbeit machen kann, später nützen. Wie in vielen Bereichen kann ich neuste Forschungsergebnisse, Ärzteblattartikel und Statistikteile von Publikationen viel schneller und besser verstehen, wenn ich die Methoden selbst einmal verwendet habe und kann mich leichter in Forschungsprozesse hineindenken, wenn ich selbst – für kurze Zeit – Forscherin war.

Auch wenn ein Doktortitel nicht direkt damit zusammenhängt, wie gut ich später meine Patienten behandeln werde, so werden mir die dabei erworbenen Fähigkeiten doch helfen, auf dem neusten wissenschaftlichen Stand zu bleiben und die selbstkritische, strukturierte Forschungsherangehensweise auf den Praxisalltag zu übertragen.

Und was spricht eigentlich gegen eine medizinische Doktorarbeit?


Wer kein Interesse an aktiver medizinischer Forschung hat, kann sicherlich auch ohne Doktorarbeit ein hervorragender Arzt werden. Aber auch andere Gründe sprechen gegen eine medizinische Promotion: Für Medizinstudierende, die neben dem Studium arbeiten müssen, gesundheitliche Probleme haben oder sich um Kinder oder Verwandte kümmern, ist eine studiumsbegleitende Doktorarbeit oft finanziell und organisatorisch nicht möglich. Eine Doktorarbeit zu schreiben bedeutet weniger Freizeit und weniger Zeit für das eigentliche Medizinstudium, potentiell längere Studiendauer, örtliche Gebundenheit und viel Ausdauer und Durchhaltevermögen – Gründe, weshalb sich immer mehr Medizinstudierende gegen den Doktor-Titel entscheiden.

Ich hingegen habe mich dafür entschieden, während des Studiums eine medizinische Doktorarbeit zu beginnen. Seit einigen Wochen stehe ich jetzt vor und nach den Vorlesungen im Labor.

Wie ich mein Doktorarbeitsthema gefunden habe, wie ich entschieden habe, ob die Arbeit klinisch, experimentell oder eine Beobachtungsstudie sein soll und warum ich neben dem Studium promoviere, erzähle ich euch im zweiten Teil.


* Eine Promotion, also eine medizinische Doktorarbeit zu schreiben bedeutet, an einem Thema wissenschaftlich zu forschen und darüber eine schriftliche Arbeit zu verfassen, die der Promotionsordnung deiner Universität entspricht. Meistens findet die medizinische Promotion während des Studiums statt, im Gegensatz zu anderen Fächern wie der Physik, wo nach abgeschlossenem Studium für eine Doktorarbeit noch 3-5 Jahre Forschungszeit angehängt werden.

 

Hier geht's zu Teil 2

 

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