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  • 24.07.2009

Hammerexamen-Tagebuch (12)

Noch einmal Kreuzen

Endlich: letzte Woche wurden die offiziellen Ergebnisse für das schriftliche Hammerexamen im Internet veröffentlicht. Der große Moment kam, um endlich herauszufinden, ob ich bestanden habe.

Foto: iStockphoto

 

Wie endlich das Ergebnis kam

Es war Montagmorgen, der 11.Mai 2009 – fast drei Wochen nach dem schriftlichen Hammerexamen. Und tausende Hammerexamenskandidaten im ganzen Land warteten darauf, dass endlich die Ergebnisse veröffentlicht werden. Gerüchte sprachen von Mitte bis Ende der Woche. Es würde also eine sehr lange Woche werden: mit ständigem Aktualisieren der entsprechenden Internetseite und dem Erstellen von hübschen Nikolaushäusern. Natürlich hätte ich auch auf der Medi-learn Seite nachgucken können, doch wer weiß, ob alle Ergebnisse übereinstimmen, wie viele Fragen herausgenommen werden oder wo die Bestehensgrenze liegt. Lieber wartete ich, zumal meine mündliche Prüfung erst im Juni ist – noch Wochen weg also.

 

Schock vor dem Essen

Nach einem langen Wochenende war ich erst am späten Vormittag aufgestanden und ging einkaufen. Schaute danach ins Internet las Nachrichten aus der Welt und wollte mir dann Chili machen. Doch bevor ich in die Küche ging, schaute ich nach, ob die Ergebnisse nun da sind, obwohl ich damit überhaupt nicht rechnete. Und plötzlich kam der Schock: Die Seite war aktualisiert, die Ergebnisse standen fest. Und mein Herz pochte so klischeehaft es nur ging.

 

185

Ich klickte mich durch die Seiten bis ich endlich zu den Buchstabentabellen kam und die am meisten ersehnte Zahl des Universums las: 185. So lautet die Bestehensgrenze, ganz schön niedrig, das Examen ist nicht so gut ausgefallen. Rasch scrollte ich die Tabellen herunter. Es wurde in Foren über so viele Fragen heftig diskutiert und doch haben die Verantwortlichen nur eine einzige Frage herausgenommen. Und mein Herz pochte noch immer wild. Sollte ich jetzt gleich nachschauen oder vielleicht erstmal essen, etwas ruhiger werden. In der Aufregung verrutscht man ja gern mal in der Tabellen-Zeile.

 

Furchtbares Chili

Ich entschied mich für die Mahlzeit, was nicht so gut war. Chili in Aufregung zu essen davon, kann ich nur abraten. Doch jetzt endlich zum Hammerexamen:

Mein erster Blick galt der Tabelle im Gesamtüberblick. Ich schaute, ob doch tatsächlich auch dreimal in Folge der gleiche Buchstabe richtig war. Allzu oft saß ich im Examen beim kreuzen und dachte: „Dreimal hintereinander C, das kann doch nicht sein.“ – doch tatsächlich, davon sollte man sich nicht ablenken lassen.

 

Fast professionell

Zum Vergleich der Ergebnisse nahm ich ein DinA4-Blatt mit Kästchenformat. Erstellte dann zwei Tabellen für richtige und falsche Fragen. Waagerecht nummerierte ich jeweils eine Reihe von 1-10. Und dann senkrecht etwas mehr als 20. Für jedes Kästchen ein Kreuz also. Das wirkte unheimlich professionell, als würde ich es jeden Tag machen. Beim Physikum hatte ich noch Striche im Fünferpack gemacht, wodurch man sich leicht verzählen kann.

 

Noch einmal 320 Kreuze

Ich nehme das Heft von Tag 1, schlage es auf, schließe kurz die Augen und atme kurz tief durch. Noch einmal also durch das Hammerexamen. Und der Anfang war gar nicht so schlecht. Im Hinterkopf lag immer der Gedanke: Für eine falsche Antwort brauche ich fast zwei Richtige. Es lief. In meiner linken Tabelle mit den richtigen Antworten war stets ein Vorsprung von einigen Kreuzen. Es kamen die Fragen, bei denen ich mir jetzt recht sicher war, es kamen die Fragen, bei denen ich wusste, die sind falsch, doch was wirklich zählte waren die kritischen Fragen, bei denen es spannend wird. So durchlitt ich ein wenig noch einmal das Examen Frage für Frage. Und freute mich über jeden richtigen Punkt und verfluchte es, wenn ich bei der Entscheidung zwischen zwei Antworten dann doch die falsche wählte. Wobei nun auch wieder die nette, fairen Fragen wieder ins Bewusstsein rücken, behält man nach dem Examen doch eher die abstrusen in Erinnerung.

 

Nicht zu schlau

Manche Frage hätte ich wohl richtig gelöst, wenn ich etwas mehr Zeit gehabt hätte oder mehr Konzentration. Jedoch hatte ich mir vorgenommen beim Examen nicht zu schlau sein zu wollen. Wenn eine Antwort gut passte und mein Bauch sagte: Das passt. Dann dachte ich auch nicht soviel darüber mehr nach. Unterm Strich war ich damit besser gefahren. Am Ende der 46 Einzelfragen hatte ich dann immerhin fast 60 Prozent – mit nur einer Frage zu wenig. Knapp, aber ich war im Rennen.

 

Üble Fallstudien

Doch dann kamen die ersten vier Fallstudien mit den jeweils 15 Fragen. Zum Glück behandelte die allererste das Thema periphere Arterielle Verschlusskrankheit. Dank meines PJs in der Gefäßchirurgie war dies mein moralischer Rettungsring damals im Examen gewesen. Und machte damit einige Punkte gut. Danach jedoch folgte wurde es schwerer. Trisomie 21 mit Invagination, Malaria und Demenz. Zwar hatte ich Malaria mal rasch im Lehrbuch angesehen, doch waren die Fragen zum großen Teil unfair. Ging es doch sehr detailliert um die Diagnostik (unterm Mikroskop). Was hat das noch mit einem allgemeinmedizinischen Wissen zu tun? Beim Thema Demenz hingegen hatte ich selbst Schuld und hatte es nicht so ausgiebig gelernt, wie es eigentlich verdient hätte. Immerhin die Hälfte von 60 Fragen richtig. Der erste Tag war also ein Minusgeschäft, doch keine Katastrophe. Große Hoffnung setzte ich eh in den zweiten Tag.

 

Histopathologie

Ich erinnere mich noch ziemlich gut an den Schreck als ich am zweiten Tag der Prüfung kurz die Bildbeilage durchblätterte: unzählige Histopathologiebilder. Davon hatte es schon am ersten Tag einige gegeben. So viele waren es in vorherigen Hammerexamina nie. Doch die Einzelfragen steigerten meinen Mut, zumal jetzt viele Neurologiefragen auftauchten – mein Wahlfach. Auf der anderen Seite entdeckte ich auch, wie schnell Flüchtigkeitsfehler auftauchen können: In einer Fallgeschichte wird der Riss einer Achillessehne beschrieben. Alle Antworten sehen wie Therapiemöglichkeiten aus, ich kreuzte die passende und muss nun feststellen, dass nicht nach der Therapie gefragt wurde sondern nach der Maßnahme mit dem höchsten Risiko für eine Ruptur – also das genaue Gegenteil. Ein verlorener Punkt, doch eine Warnung, die mir im Gedächtnis für den späteren Klinikalltag bleibt.

 

Richtiger Weg

Immerhin, dass ich mich fürs Hammerexamen hauptsächlich mittels Altfragen vorbereitet hatte, war bei den meisten Einzel-Fragen der richtige Weg gewesen. Immer wieder werden die speziellen Lieblingsthemen wiederholt, die in Lehrbüchern ganz klein gedruckt stehen. Eine Kontaktlinsenträgerin mit Augenproblemen hat Akanthamöben. Oder bei einer Fragen nach Tremor ist es wie früher schon oft gefragt: der essentielle Tremor.

47 Einzelfragen später hatte ich ein paar Punkte gutmachen können. Trotzdem fehlten noch viele Kreuze bis zum erhofften Ziel - Kästchen 185 hatte ich vorsichtig wie eine Ziellinie umrandet.

 

Wieder Fallstudien

Und wieder folgten vier Fallstudien – zuerst Prolaktinom mit vielen unappetitlichen Hormonfragen und. Wieder wurde deutlich, wenn man das Krankheitsbild nur oberflächlich kennt, reicht das vielleicht für die Einzelfrage, doch für 15 Fragen nicht. Und was mich besonders ärgerte: gerade durch das Lesen der Fallbeschreibung hatte ich Fragen falsch gekreuzt. Denn die kann man sich wirklich so gut wie immer schenken, außer es wird mal in der Frage direkt darauf Bezug genommen. Ansonsten reine Zeitverschwendung. Man kann nur hoffen die Prüfungsersteller kehren wieder zurück zu reinen Einzelfragen.

Darauf folgte der Fall rheumatoide Arthritis – immerhin ein häufiges Krankheitsbild. Und dann Guillain-Barre. Den Namen kennt ja vielleicht jeder, doch sonst? Zum Glück hatte ich bezüglich der Fallstudien folgende Lern-Strategie gehabt. Ich hatte mir die häufigsten und bekanntesten Krankheitsbilder auf einem Zettel notiert und immer wieder in dicken Lehrbüchern nachgelesen. Zwar hatte ich für Neurologie eher an Myasthenia Gravis gedacht, doch Guillain Barre war auch richtig geraten und holte so fast alles Punkte heim. Ähnliches Glück war mir auch mit dem letzten Fall beschert: Ovarialkarzinom. Hatte zwar mehr auf Mammakarzinom oder Endometriose gesetzt, doch unterm Strich immerhin 70 Punkte am Ende des zweiten Tages. Kein Glanz, kein Gloria. Doch mir ging es nur ums Bestehen. Schließlich ist alles eine Prüfung, kein Patient, den ich retten muss.

 

Tag 3

Ich schaute auf meinen Zettel, zwischendurch war die Tabelle mit den falschen Antworten immer mal wieder gefährlich nahe mit der guten Tabelle gleichauf gewesen. Doch dann hatte ich oft eine Art Turbogang und eine Reihe von Fragen in Folge richtig. So ging das Rennen in seine letzte Runde und noch immer fehlten viele Kreuze, so schien es mir jedenfalls. Es wirkte auf dem Zettel so wenig. Außerdem musste ich mich ständig daran erinnern: Ich brauche nicht 192 sondern nur 185 Punkte. Gerade gegen Schluss zählte doch jeder Punkt. Nur hatte ich auf Tag 3 ziemlich wenig Hoffnung: kleinste Fächer und wieder Histopathologiebilder in Massen.

Doch die ersten Fragen waren mir gut. Eine Frage war für mich besonders entscheidend: Es ging um die Ursache von Teleskopfinger bei Psoriarisarthritis mit einem sehr eindrücklichen Bild. Gegen Ende der Prüfung hatte ich meine Lösung noch einmal verändert und ganz kurze Zeit später ein zweites Mal. Oft sind Verbesserungen am Ende ja kritisch, meist wird nur verschlimmbessert. Doch diese Frage hatte ich dann letztlich doch richtig. Gut für meine Moral – mehr als nur ein Punkt. Allerdings darauf folgten ein paar Niederlagen dank Rechtsmedizin (wieder mehr Mordfälle, weniger juristische Probleme als in vorherigen Examina) und dämliche Fachwörter, die keinen Kliniker mehr interessieren wie relatives oder attributales Risiko und expositions- oder doch populationsbezogen. Leider muss man fürs Lernen auch Lücken lassen, doch immerhin hatte ich einen Schwerpunkt aufs Impfen gelegt und wurde belohnt. Ich kämpfte mich durch die Gynäkologiefragen und war ziemlich überrascht, wie wenig Geburtshilfe in meinem Examen thematisiert wurde. Zuletzt noch Umwelt- und Arbeitsmedizin, die diesmal nur mit ein paar Fragen quälten.

 

Die letzten Meter

Meine Hoffnung stieg, die Einzelfragen waren über 60 Prozent. Zum Bestehen brauchte ich jetzt nicht mal mehr die Hälfte der 60 verbleibenden Fragen, doch die Fallstudien sind leider unberechenbar. Es setzte dann das ein, was man wohl am Ende doch immer auch braucht: Ein Quäntchen Glück. Allein auf Glück bauend kreuzt du nicht alle 192 Fragen richtig, nein, man muss auch etwas dafür tun, aber wenn es knapp wird besonders im Multiple-Choice-Verfahren, dann habe ich nichts dagegen mit „Lady Luck“ zu tanzen.

Und wirklich mit jeder Frage kam ich der Ziellinie immer näher. Es gab falsche Antworten, aber viele richtige, besonders aber bei denen ich sehr raten musste, waren jetzt korrekt. So erreichte ich endlich die 185 und ein Fall lag noch komplett vor mir. Noten – Zahlen – waren mir noch nie wirklich wichtig, nur ein Übel, das man braucht für den Studienplatz oder eine Prüfung. Doch jetzt 15 Fragen vor Schluss wäre es schön, wenn ich immerhin die 60 Prozent also 192 Punkte erreichen würde.

 

Die letzte Hürde

Ich lief also durchs Ziel und hörte nicht auf zu laufen. Der letzte Fall: Morbus Crohn. Eigentlich fair, weil gut bekannt. Doch hatte ich beim Lernen einen Fehler gemacht. Und zwar hatte ich mir angeguckt, welche Themen in den Fallstudien schon behandelt worden waren und fälschlicherweise hatte ich Morbus Crohn immer dazu gezählt und so sträflich vernachlässigt. Wobei die Taktik nicht schlecht war, denn in der Tat wurde bisher noch keines der Krankheitsbilder außer zum kleinen Teil Trisomie 21 in den Fallstudien wiederholt. So habe ich am Ende mehr geraten und überlegt als gewusst. Besonders beispielhaft war dafür eine Frage: gezeigt wurde eine endoskopische Abbildungen mit der Frage nach dem Befund. Auffällig waren weißliche Beläge in Schlangenlinie. Als Antwort war auch tatsächlich Schneckenspur-Ulzeration möglich. Eine Falle? Doch entschied ich mich dann für diese Antwort aus noch einem anderen Grund: weil Ärzte bei der Beschreibung von Befunden gerne Poeten sind. Am Ende erreichte ich so sogar die 192 Punkte und zwei mehr. Ich war glücklich und erleichtert und drehte in Gedanken die Musik laut:

I can see clearly now, the rain is gone,
I can see all obstacles in my way
Gone are the dark clouds that had me blind
It’s gonna be a bright (bright), bright (bright)
Sun-Shiny day.

I think I can make it now, the pain is gone
All of the bad feelings have disappeared
Here is the rainbow I’ve been prayin for
It’s gonna be a bright (bright), bright (bright)
Sun-Shiny day.

Look all around, there’s nothing but blue skies
Look straight ahead, nothing but blue skies

I can see clearly now, the rain is gone,
I can see all obstacles in my way
Gone are the dark clouds that had me blind
It’s gonna be a bright (bright), bright (bright)
Sun-Shiny day.

 

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