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  • 15.08.2009

Hammerexamen-Tagebuch (14)

Lasst mich Arzt, ich bin durch

Nur noch wenige Tage bis zu meiner mündlichen Abschlussprüfung. Doch bis es soweit ist, liegt noch ein weiter Weg vor mir, ein unendlich weiter wie es mir scheint. Der Spruch "Lasst mich Arzt, ich bin durch" verliert dabei jede Ironie.

Foto: iStockphoto

 

Prophezeiung?

„Und was soll ich jetzt damit?“, fragt mein Hausarzt, dem ich gerade gegenübersitze. Erst halte ich seine Empörung für einen Scherz. Doch irgendwie scheinen Praxisärzte heutzutage keinen Humor zu haben. Ich möchte lediglich eine Unterschrift und einen Stempel haben für ein doofes Stück Papier, mit dem bestätigt wird: „Hierbei ist festgestellt worden, dass er nicht in gesundheitlicher Hinsicht zur Ausübung des Berufes als Arzt ungeeignet ist.“ Dieses Bescheinigung benötige ich für meine Approbation. Problem ist jedoch: Mein Hausarzt hat den Wisch noch nie in seinem Leben gesehen und will es nicht ohne weiteres unterschreiben, weil er sonst in der Verantwortung steht: „Nachher ist dann doch was und ich muss Schadensersatz zahlen. Aber solche Situationen werden Sie später auch noch erleben."

Statt einfach nur den Kopf über noch mehr Bürokratie zu schütteln, wird er fast wütend. Im Stillen frage ich mich innerlich: Ja, werde ich denn niemals Arzt?

Am Ende lässt er sich doch noch überzeugen und sagt zum Abschied: „Na, dann wünsche ich Ihnen viel Freude im Beruf.“ In einem Tonfall gesprochen als würde ich einen schrecklichen Fehler begehen.

 

Unbürokratisch

Nach dieser unerwarteten Hürde hatte ich aber endlich alle nötigen Papiere zum Antrag auf Approbation – bis auf mein Abschlusszeugnis – beisammen. Im LPA warteten diesmal auch keine Physikumsanmelder mehr. Nach 15 Minuten Wartezeit kam ich an die Reihe und zeigte jedes Dokument vor. Zum einen Stolz, diese wertvollen Artefakte beschafft zu haben, und sei es nur eine einfach Kopie meines Ausweises. Zum anderen ständig auf der Hut, dass ein erneuter Widerstand auftritt - ein stressfreies Leben sieht anders aus. Doch die freundliche Mitarbeiterin des LPAs weigerte sich, mir auch nur irgendwas nicht anzuerkennen. Und wieder ein Problem weniger.

Manchmal habe ich den Gedanken, es ist leichter, Bundespräsident zu werden als die Approbation zu bekommen.

 

Verklärung

Sorgen bereitet mir neben dem Scheinesammeln, das mich unschön an meine Unizeit zurückerinnert, dass ich anfange, mein PJ zu verklären. Die schlechten Erinnerungen verwischen, wohl auch aufgrund der Schrecken des Hammerexamens. Natürlich hatte mein Praktisches Jahr viele schöne Augenblicke, doch als Hakenhalter, Blutabnehmer und Briefeschreiber war es weder Herrenjahr noch echtes Lehrjahr. Ich kann so nur hoffen, dass ich als Assistenzarzt nicht irgendwann sagen werde: „Ach Hammerexamen, das war doch einfach.“ Und so verspreche ich mir selbst, meinen zukünftigen Famulanten und PJlern keine unliebsamen Arbeiten anzubieten, damit sie vom Tag auch noch die Sonne haben und dazu kommen, mal im Lehrbuch zu lesen.

 

Das Mündliche

Doch bis es soweit ist, muss ich noch das mündliche Examen bestehen. Die Gefahr nicht zu bestehen ist minimal, trotzdem liegt vor mir noch einmal ein großer Berg Arbeit, schließlich will ich nicht als Blödmann vor den Prüfern dastehen.

Problem ist nun jedoch: Ich bekomme nicht eine Frage mit fünf Antwortmöglichkeiten und kreuze auf gut Glück. Nein, jetzt muss ich tatsächlich selbst die Antwort geben, in ganzen Sätzen. Oje, ob ich das noch kann?

 

Keine Lust zum Lernen

Viel hilft meine Lerngruppe. Wir haben nicht nur eine Menge Spaß während wir die Krankheitsbilder durchsprechen, sondern bekommen auch wieder ein Gefühl für Sprache. Anfangs geht es noch holprig, doch von Tag zu Tag merke ich, wie ich Antworten automatisch in ganzen Sätzen in meinem Kopf zurechtrücke. Dank des Hammerexamens sitzt in meinem Gedächtnis ein gewaltiges Sammelsurium an Medizinwissen, ungeordnet wie ein Kinderspielzimmer.

So fehlt mir denn auch die Motivation – Wochen nach dem Hammerexamen – weiter zu lernen. Nicht ein bisschen kann ich mehr dazu aufraffen, auch nur irgendein Thema zu lesen. Stattdessen überlege ich, wie ich mein erstes Arztgehalt professionell auf den Kopf hauen kann oder gucke nach, was Wikipedia über „Sammelsurium“ weiß.

 

Vorstellung

Zwischendurch treffen wir uns als Prüfungsgruppe zur Vorstellung bei den Prüfern. Zum Glück sind sie alle ganz nett und keiner will einem etwas Böses. Nur ist doch auffällig, wie einige Prüfer sobald sie das Wort Staatsexamen fallen lassen, plötzlich versteifen und alles viel ernster nehmen als wir Prüflinge. Beliebtester Satz: „Nun wollen Sie sicher gerne wissen, welche Fragen ich stelle?“ Und dazu dann ein kurzes Lachen, um sofort noch ernster zu werden. „Also ich schränke da nichts ein, alles kann drankommen, mir ist wichtig…“ Ein so genanntes „kollegiales Gespräch“ eben, wobei bei manchen doch sehr deutlich wird: „Ich Prüfer, du Prüfling.“ Und so knalle ich mir wieder einen großen Haufen Wissen ins Gedächtnis.

Da bleibt bei mir nicht nur die Frage zurück, was das schriftliche Examen über meine Fähigkeiten als Arzt aussagt. Sondern auch, was überhaupt das Mündliche bringt. Oder vielleicht werde ich ja darin geprüft, wie ich ein Telefon bediene.

Schließlich ist das die Haupttätigkeit eines Assistenzarztes.

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