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  • 16.08.2009

Hammerexamen-Tagebuch (15)

Erfahrungen eines Papierbergsteigers

Während ich mich jeden Tag aufs Neue dazu aufraffen muss für die mündliche Abschlussprüfung zu lernen, wird mir mehr und mehr bewusst: Bald bin ich nicht mehr, was ich jahrelang war – ein Student!

Foto: iStockphoto

 

Ich bin ...

Schon während des Praktischen Jahrs habe ich das Gefühl verloren, Student zu sein. Zu sehr war ich im Krankenhausalltag integriert. Habe viel selbständiger gehandelt als zu meiner Zeit als Famulant. Und es begann auch kein neues Semester mehr, mit Vorlesungen, Kursen, Klausuren. Und PJler zu sein ist immerhin wie ganz vorne in einer Schlange anzustehen mit dem Gedanken: Bald geht’s los. Arztsein. Es wird Zeit.

Denn momentan bin ich ... ja, was eigentlich? Examenskandidat? Das klingt so als wäre ich Kandidat einer Samstagabend-Fernsehshow – eben nichts von Dauer. Am Montag schon wieder vergessen.

 

Schnell anfangen

Deshalb wollte ich nach dem Examen nicht lange warten oder mal richtig ausspannen und Urlaub machen. Nein, eine Woche nach meiner mündlichen Prüfung werde ich ein paar Tage in meiner neuen Stelle als Assistenzarzt hospitieren und sobald die Approbationsurkunde ankommt, den Vertrag unterschreiben.

Jedoch jetzt wenige Tage zuvor bekomme ich Zweifel, ob das eine wirklich so gute Idee war. Nun gibt es für mich kein Zurück mehr, doch glaube ich, dass eine Pause zwischen Hammerexamen und Berufsstart wirklich sinnvoll ist!

 

Geschenke im Wert von 30 DM

Vielleicht kommen die Gedanken auch, weil ich erschöpft jeden Tag einen neuen Papierberg zu besteigen habe. Hatte ich endlich den Approbationsantrag durch, folgte darauf meine Wohnungskündigung und die damit verbundene Kontrolle durch den Hausmeister. Für meine Doktorarbeit wollte ich jetzt auch endlich mal alles druckfertig machen. Dazu las ich mehrmals die Promotionsordnung mit den Anforderungen und wusste darauf erst recht nicht, wie und was die Promotionsleute eigentlich von mir alles wollen.

Zu guter Letzt erreichte mich nun auch schon mein neuer Klinik-Vertrag. Immerhin der Vertrag selbst war recht simpel gehalten, sodass mir dann aber gerade deshalb Zweifel kamen, ob da nicht doch etwas faul ist. Zudem gab es wieder eine Liste mit Bescheinigungen, die ich einreichen müsse. Dafür bekam ich nette Kopien – noch auf altem, graubraunen Druckpapier – mit Hygienevorschriften, Sicherheitsverordnungen usw. Ich darf also Geschenke bis zum Gegenwert von 30 D-Mark(!) annehmen. Alles Dokumente aus einer Zeit, als es noch vierstellige Postleitzahlen gab.

 

Verantwortung und so

Immerhin versperren mir diese ständigen Papierberge quasi den Blick auf die Zukunft. An die anstrengende und verantwortungsreiche Zeit als Assistenzarzt denke ich noch überhaupt nicht, obwohl es sehr bald so weit ist. Nur manchmal stelle ich mir vor, wie ich in meinen coolen Turnschuhen durch die Klinik laufe und manchmal, aber auch wirklich nur manchmal mein Stethoskop (kein Protzteil) lässig um den Hals trage, was ich sonst nicht mache. Nach mehreren Monaten Hammerexamensvorbereitung darf man ja wohl mal träumen dürfen!

Umgewöhnung

An diese Gedanken werde ich mich erstmal gewöhnen müssen. So wie ich dann auch nicht mehr die Annehmlichkeiten des Studentenlebens haben werde. Ausschlafen und Vorlesungen schwänzen gehören der Vergangenheit an. Oder Vergünstigungen gibt es auch keine mehr. Kein Kino zum Studentenpreis, kein Semesterticket für die Stadtbahn mehr. Wobei die Umstellung nicht so schwierig wird. Welcher Arzt kommt noch dazu ins Kino zu gehen – oder darin nicht einzuschlafen, wenn das Licht ausgeht und der Actionfilm beginnt. Und eine Stadtbahn gibt es in meinem neuen Arbeitsort sowieso nicht. Stattdessen werde ich mir sogar ein Auto anschaffen müssen. Der Gedanke an die damit verbunden Formalitäten macht mich jetzt schon schwindlig – wieder ein neuer Papierberg.

 

Die mündliche Prüfung

Über allem schwebt aber immer noch die mündliche Abschlussprüfung. Richtig konzentrieren kann ich mich deshalb nicht. Zum einen will ich lernen, denke jedoch: eigentlich müsste ich so viele andere Sachen erledigen – umziehen muss ich ja auch noch, fällt mir gerade spontan ein. Und wenn ich mich wieder an einen Papierberg wage, kriege ich ein schlechtes Gewissen, weil ich doch eigentlich lernen sollte. Und wann feiere ich überhaupt das alles mal?

Vorgespräch

Immerhin haben wir uns jetzt endlich bei allen Prüfern vorstellen können, zuletzt beim Neurologen. Mein PJ-Wahlfach, ein großes Fach. Da trifft es sich gut, wenn in einem Vorgespräch etwas eingeschränkt wird. Das ging dann so: "Ja, wichtig ist Schlaganfall, Meningitiden, Multiple Sklerose, Epilepsien... und vielleicht Parkinson." Pause. Das klingt doch nett, die großen fünf Themen, reicht gut und gerne für uns vier Prüflinge. Unglücklicherweise klingelte das Telefon, anscheinend ein Notaufnahmeassistent auf der anderen Seite der Leitung. Es ging wohl um einen Patienten mit Lagerungsschwindel. Der Oberarzt stellte unzählige Fragen zur Nystagmusart, was den Assistenten wohl zu überfordern schien und den Oberarzt dazu brachte, nachher in der Notaufnahme vorbeizukommen. Daraufhin blickte der Oberarzt uns wieder an: "Ja, Schwindel ist auch ein schönes Thema für Fragen. Und Sie, welches PJ-Wahlfach hatten Sie?" Worauf unser einziger Nicht-Neurologie-PJler antwortete: "Augenheilkunde." Was den Neurologen sofort begeisterte: "Ja, dann passt ja Optikusneuritis bei MS." Doch zu früh gefreut der Oberarzt überlegte weiter: "Ja und Pupillenstörungen, Okulomotoriusparese sind ja auch sehr schön." Wir drei anderen wussten schon von unserem Mitprüfling, dass Augenärzte und er selbst von den Augenmuskelparesen wenig begeistert sind, der Neurologe dagegen glaubte wohl, ihm damit einen Gefallen zu tun. Und so hofften wir vier nur, der Neurologe würde nicht noch weiter frei assoziieren, stellten keine weiteren Fragen und lachten höflich über ein paar Anekdoten des Neurologen über Augenärzte: "Ja, was die Augenärzte nie begreifen..."

 

So kurz vor dem Ziel

In wenigen Tagen folgt also die letzte Prüfung mit drei Etappen:

  • ein Tag für zwei Patientenuntersuchungen,
  • ein Tag in großer Gruppe Prüfung am Patientenbett
  • und am dritten Tag noch vier Stunden lang zu acht in einem Kämmerchen hocken und Fragen beantworten.

Ich freu mich schon - mehr jedoch auf das Danach.
Nebenbei ist mein Kopf voller Gedanken, meine To-do-List beidseits beschrieben und ich eile von Papierberg zu Papierberg, immer ein Lehrbuch zur Hand und zudem überglücklich, es bald geschafft zu haben. Jedenfalls muss ich höllisch aufpassen, dass ich aus lauter Unachtsamkeit nicht plötzlich von einem Bus überrollt werde. Das wäre – bei all der Arbeit – schon schade.

 

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