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  • 17.08.2009

Hammerexamen-Tagebuch (16)

Die mündliche Prüfung

Mit der mündlichen Prüfung schließt sich der Kreis und das Hammerexamen nimmt seinen Abschluss. So steht mir ein letztes Abenteuer bevor - dann kann es losgehen mit dem Arztberuf.

Foto: iStockphoto

 

Irrfahrt

Es ist das traurige Schicksal des "Fliegenden Holländers", auf den Weltmeeren zu irren und alle sieben Jahre an Land gehen zu dürfen, um Erlösung zu finden. Der Beginn meines Studiums liegt jetzt auch gute sieben Jahre zurück. Ich musste durch den Sturm von Kursen und Prüfungen. Nun, endlich nach all den Jahren ist Land in Sicht: die ärztliche Approbation.

 

Am Vortag

Doch letzte Felsenriffs muss ich umschiffen: Das mündliche Hammerexamen wartet auf mich wie ein Ungeheuer aus der Tiefe. Zwei Tage lang, eigentlich drei, wenn ich den Vortag mit der Patientenuntersuchung hinzuzähle.

Immerhin bekam ich Rückenwind. Meine sehr mitteilungsfreudige Innere-Patientin litt an einem neudiagnostizierten Morbus Basedow - Schilddrüse ist ja recht übersichtlich. Und bis auf eine Multiple Sklerose gab es keine weiteren Erkrankungen. Der typische Innere-Patient, der beide Weltkriege überlebt hat, zehn Nebendiagnosen präsentiert und nochmal soviele Medikamente einnimmt ist mir erspart geblieben.

Die Wahlfach-Neurologie-Patientin hingegen war notfallmäßig mit Intrazerebralblutung gekommen. Sie litt nicht nur an einer gelähmten Halbseite, sondern auch einer motorischen Aphasie, also eine Sprachstörung, die wie ein Wortsalat wirkt. Als der Arzt mich bei der Patientin vorstellte und feststellte, dass die Aphasie noch immer ziemlich ausgeprägt war, sagte er: Ohn, na, die Anamnese können Sie ja aus der Akte entnehmen."

 

Es geht voran

Die Akte beinhaltete natürlich ungeordnet einen Haufen Informationen wegen Aufenthalt sowohl auf Intensivstation, Stroke Unit, also auch Normalstation - doch wie von Geisterhand geführt arbeitete ich mich zielsicher durch die Akte und fand einen roten Faden. Seltsam, auf einmal funktioniert dies alles besser als noch in Studium und PJ. Sogar die Handschrift des Notarztes konnte ich zur Hälfte entziffern.

Abends saß ich dafür umso länger an den beiden Patientenberichten - Arztbriefe schreiben wird wohl nie meine Leidenschaft sein. Wozu auch Briefe schreiben, die niemand liest? Geschafft und noch einmal möglichst viele Krankheitsbilder durchgehend fiel ich in einen tiefen Schlaf.

 

Erster Prüfungstag

Am ersten Prüfungstag wanderten alle vier Prüfer und die Prüflinge im weißen Kittel durchs Krankenhaus und visitierten zahlreiche Patienten. Zum Teil die, die wir am Vortag schon kennen gelernt hatten, zum Teil "Ad-hoc-Patienten". So sollten wir Patienten vorstellen, Anamnesen machen, körperlich untersuchen, EKGs lesen, Radiologie-Bilder befunden und viele Fragen der Prüfer beantworten. Selbst wenn gerade ein anderer Prüfling dran war, musstest du aufmerksam bleiben, weil man dich im nächsten Moment mit einer Frage überraschen könnte. Das Ganze dauerte vier Stunden und war anstrengend für alle Beteiligten.

 

Fachärzte

Während der Prüfung wurde mir bewusst, wie surreal die ganze Angelegenheit tatsächlich ist. Denn während jeder Prüfer zum Teil detailliert in sein Fach hineinfragte, hatten sie so gut wie keinen Schimmer von den jeweils anderen Fächern. Wir Prüflinge hingegen mussten alles wissen. Besonders fiel mir dieser Umstand auf, als die Augenärztin einen Prüfling in einem abgedunkelten Raum eine Patienten untersuchen ließ; da starrten die anderen Prüfer an die Decke. Wie einfach wird da wohl die Facharztprüfung werden?

Besonders lustig war es, wenn wir Prüflinge Fragen beantworteten und dabei in die Schnittstellen von Nachbarfächern rutschten, von denen die Prüfer weniger wussten als wir. Da geriet der Prüfer rasch ins Schwimmen, nickte nur und fragte in eine andere Richtung.

Dann war es vorbei, doch richtig froh, dass der erste Tag geschafft war, konnten wir nicht wirklich sein - nicht bei dem Gedanken, dass es noch einen zweiten Tag geben wird.

 

Der zweite Tag

Der zweite Tag dann wurde dominiert vom theoretischen Teil. Krankheitsbilder, zum Teil verpackt in Fallgeschichten, wurden abgefragt. Pro Fach und Prüfling jeweils 15 Minuten, wobei Prüfer und Prüfling sich abwechselten. Vier Stunden lang bekam so jeder Prüfling viermal die Chance zu seinen berühmten 15 Minuten Ruhm, dazwischen folgte immer die 45 Minuten Wartezeit, bis er wieder drankam.

Während der Wartezeiten versuchte ich zwar immer interessiert zu gucken, doch ich konnte nicht verhindern, mit meinen Gedanken in die Gedankenlosigkeit abzudriften. Von Zeit zu Zeit hörte ich ein paar Stichwörter und überlegte: "Ein Glück, dass ich das Thema nicht nicht bekommen habe."

Nun ging es auch nicht mehr um Kolibris wie im schriftlichen Examen, keine Fallen wurden gestellt. Hingegen gab es aber auch keine vorgegebenen Antworten mehr. Wir mussten die Antworten schon selbst wissen - erstaunlich, wie du dich an einfachste Sachen in der mündlichen Prüfung nicht mehr erinnern kannst. Vom freien Formulieren der Antworten ganz zu schweigen. So war für mich persönlich rückblickend die Vorbereitung in der Lerngruppe wohl die sinnvollste Lernart für die Prüfung.

Am Ende ist das mündliche Hammerexamen nicht anders als jede beliebige mündliche Prüfung, nur mit dem Unterschied, dass du mit einem Handschlag plötzlich Arzt bist.

 

Endlich Arzt

So bin ich also schließlich Arzt geworden, habe Medizinstudium, PJ und Hammerexamen überlebt. Bin Arzt und kann es nicht wirklich spüren. Da ist zwar eine Erleichterung, eine Last von meinen Schultern. Ich habe das Gefühl meine Hände sind frei, als wären sie einst angekettet gewesen. Sie fühlen sich leicht an. Oder das wohl passendste Bild: Es ist also könnte ich nach heftigem Schnupfen das erste Mal wieder tief durchatmen. Die Nase ist frei.

 

Arzt sein und arzten

Aber vielleicht kommt die Gewissheit "Ich bin Arzt" auch erst mit dem Schein, auf dem das auch draufsteht - und mit einem Stempel als Beweis. Der Schein, der das Sein bestimmt - wie seltsam. Und vielleicht ist es auch gar nicht so entscheidend zu sagen "Ich bin Arzt" sondern eher "Ich arzte", also der Moment, wenn ich den Beruf ausübe. Denn jetzt geht die große Reise erst richtig los. In der Ausbildung zum Facharzt fange ich ganz einfach wieder an - wie ein Erstklässler, sozusagen "der kleine Assistenzarzt".

 

Ein Lächeln

Doch bevor ich bald meine neue Stelle antrete, in eine andere Stadt auswandere, nur mit einem Koffer in der Hand und einem Lehrbuch unterm Arm, räume ich auf, was die Vergangenheit zurücklässt. Werfe alte Unterlagen weg oder baue mein Stethoskop auseinander, um es zu reinigen. Dabei hänge ich es mir aus Spaß kurz um den Hals, blicke in einen Spiegel und lächle verlegen - wie ich es schon lange nicht mehr getan habe. In meinen Ohren eine Liedzeile eines Songs von Bob Dylan: "Ah, but I was so much older then, I am younger than that now."

 

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