• Blog
  • |
  • Der kleine Stexler
  • |
  • 21.08.2009

Hammerexamen-Tagebuch (18)

Ein neuer Beginn

Das Hammerexamen bestanden, meine Wohnung aufgelöst, kann ich nun die Großstadt und mein Medizinstudium hinter mir lassen, um in die Provinz zu gehen und dort meine neue Stelle anzutreten. Fast, denn, um den Vertrag unterschreiben zu können und endlich Arzt sein zu dürfen, muss ich noch auf meine Approbation warten.

Foto: iStockphoto

 

Aus der Großstadt in die Provinz

Ich schaue nicht zurück. Naja, ein wenig schon. Der Zug fährt langsam aus dem Bahnhof, im ersten Moment erscheint es mir als würde er stehen und der Bahnsteig sich entfernen und die Häuser wandern. Doch in Wirklichkeit bin ich es, der sich bewegt, fort geht, aus der Studienstadt und eine neues Leben beginnt. Endlich, das Studium ist abgeschlossen, ich trete bald meine neue Stelle als Assistenzarzt an. Meine Wohnungseinrichtung habe ich in meiner alten Heimat untergebracht, so schleppe ich mit einem riesigen Trolley und einer Reisetasche mein letztes Hab und Gut: Kleidung und eine Sammlung an Medizinlehrbüchern. Leider habe ich deren Gewicht total unterschätzt. Auf dem Weg zum Bahnhof habe ich mich halb tot geschleppt. Als ich endlich durchgeschwitzt im Zug saß, überlegte ich, nicht einfach einen der dicken Schinken aus dem Fenster zu werfen - Ballast ablassen. Schließlich ist das verschulte Studium vorbei, jetzt geht es ums Lernen in der Praxis.

 

Es geht los

Und als ich endlich Richtung meiner neuen Stelle reiste, verflog die schlechte Laune. Durch Zufall las ich in einem Magazin während der Fahrt das folgende Zitat von Hugo v. Hofmannsthal: "Wer die Kunst des Abschieds kann, kann alles." Das fängt ja gut an. Mein ehemaliges Zuhause liegt nun weit zurück, der Zug fährt immer weiter in die Provinz - ich muss zum Glück nur einmal umsteigen, dank Rolltreppe kein Drama. Die ländliche Umgebung lässt mich die Hektik des Städteralltags vergessen. Mir kommt es so vor, als läge das Hammerexamen lange zurück, so wie alle Sorgen.

 

Angekommen

Der Zug hält, ich bin wider Erwarten nicht der einzige, der ausgestiegen ist. Leider musste ich hier erstmal mehrere Treppen mit meinem Trolley und der Tasche zur Unterführung und danach wieder hoch - Rolltreppen scheinen diesen Ort wohl noch nicht erreicht zu haben. Mit letzter Kraft hebe ich den Kram in den gerade einfahrenden Bus, der mich zum Glück direkt zur Klinik bringt.
"Lass mal die Taschen hier vorne stehen. Hast ja ein ganzes Haus eingepackt", meint die Busfahrerin freundlich. Ich lass mich ganz vorne in den Sitz fallen und komme ins Gespräch und frage schließlich, was sie so von der Klinik hält. "Eine nette Klinik, hat einen guten Ruf, sagt die Busfahrerin, "ist mir aber viel zu groß." Dabei hat das Haus weniger als 500 Betten, eine Handvoll Fachrichtungen mit angegliederten Praxen, die Konsilleistungen erbringen, kein Vergleich zur Uniklinik und doch wird schnell klar: meiner Gesprächspartnerin und wohl vielen anderen, ist die persönliche Atmosphäre eines Hauses viel wichtiger als Hochleistungsmedizin mit allen möglichen Abteilungen. Und in diesem Moment denke ich ganz genauso: Mein kleines, feines Haus.

 

Ein Balkon

Die Klinik kannte ich schon ein wenig dank des Vorstellungsgesprächs. Zuallererst ging ich zum Technischen Dienst, um meine Wohnungsschlüssel abzuholen. Für die erste Zeit komme ich im Mitarbeiterwohnheim unter. Ich erwarte nicht und bin sprachlos als ich die Zimmertür aufschließe: ein Balkon. Die Wohnung hat doch tatsächlich einen Balkon. Besser kann es nicht werden. Ich dusche und ziehe mich erstmal um, da gerade Mittagszeit ist, gehe ich noch etwas die nähere Umgebung erkunden - zwei Supermärkte befinden sich gleich in der Nähe und auch ein Freibad - fehlt nur noch der Sommer zu meinem Glück.

 

Schneller im Kittel als gedacht

Eigentlich wollte ich mich nur kurz melden im Chefsekretariat, und dann am Folgetag mit meiner Hospitation beginnen. Doch die Sekretärin führte mich sogleich zum Chef und nach einem kurzen Gespräch führte er mich sogleich auf die Station. Da war ich plötzlich mittendrin im Geschehen. Ein Assistenzarzt lieh mir einen seinen Kittel, und ich lief einfach mit - wie ein Famulant an seinem ersten Tag, total unsicher, dabei war ich doch fertiger Medizinstudent ohne Approbation. Bei jedem, dem ich begegnete, stellte ich mich freundlich vor, gab die Hand und bekam immer Freundlichkeit zurück, nicht wenige sagten: "Ja, dann Herzlich Willkommen." Während meines Studiums, der Famulaturen und des PJs habe ich kaum eine vergleichbare Atmosphäre im Krankenhaus erlebt wie dort.

 

Gute Kollegen

Noch besser wurde es im Arztzimmer - die Stationsärzte halfen sich gegenseitig, jeder übernahm auch Aufgaben, selbst wenn es sich nicht der eigene Patient war, um den anderen zu entlasten. Es gab zwar trotzdem viel zu tun, doch wirkten alle weniger gestresst als ich es sonst kenne. Die Klinik hatte ich zuvor nicht gekannt, wusste nicht einmal, dass es den Ort überhaupt auf der Landkarte gibt. Allein durch eine gute Stellenanzeige war ich darauf aufmerksam geworden - und nun begann ich zu begreifen, dass ich auf Gold gestoßen war. Nebenbei lernte ich auch das Computersystem zur Patientenverwaltung kennen und war erstaunt, wie einfach alles gehandhabt werden kann. Das nervige System aus meiner PJ-Zeit war dagegen die Hölle.

Mir fiel ein, dass ich mich noch beim Amt ummelden wollte, wobei es schon fast 16:00 Uhr war. Ich fragte, ob jemand die Öffnungszeiten kenne. "Heut ist ja Donnerstag, da haben die glaube ich länger auf", meinte eine von den Ärzten, die in einer nahegelegenen Großstadt wohnt. "Also hier in diesem kleinen Ort ist ja noch Mittwoch", erwiderte ein anderer Arzt, mit Hinweis auf die rückständige Provinz, tatsächlich war es auch wirklich noch Mittwoch. Ich verabschiedete mich vorzeitig und freute mich schon darauf, morgen wiederzukommen. Hier fühle ich mich wohl, hier möchte ich sein.

 

Richtig angekommen

Das kleine Amt im Rathaus, direkt am Marktplatz und der danebenstehenden Kirche, hatte sogar bis nach 18:00 Uhr noch geöffnet. Ich musste gar nicht warten. Gab meine neue Adresse an. Die Beamtin tippte zahlreiche Angaben in ihren Computer, was Ewigkeiten zu dauern schien und mich froh machte, "nur" die Bürokratie eines Assistenzarztes erledigen zu müssen und nicht Schreibtisch-Beamter geworden zu sein. Und dann bekam ich einen Aufkleber und Stempel auf die Rückseite meines Ausweises und war ganz offiziell Einwohner einer Kleinstadt in ländlichen Deutschland geworden. So fehlt nur noch meine Approbation, um meine Stelle anzutreten. Endlich: Ich bin richtig angekommen.

 

Weiterlesen

Zur Übersicht des Hammerexamen-Tagebuchs

Zur Übersicht des PJ-Tagebuches

Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete