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  • 24.02.2009

Hammerexamen-Tagebuch (2)

Teil 2: Über das Kreuzen.

Es gibt sehr viele schönere Dinge im Leben als für das Hammerexamen zu lernen. Erstaunlich viele Dinge, doch daran möchte ich lieber gar nicht denken. Lenkt eh nur vom Kreuzen ab - und kreuzen kann man gar nicht genug.

Foto: iStockphoto

 

Letztes Hammerexamen

Da das Hammerexamen in seiner jetzigen Form erst seit einigen Jahren besteht und das IMPP schon seit einigen Examina versucht, sich selbst zu finden, ist es gar nicht so leicht, sicher zu sein, wie man sich nun am besten auf das Hammerexamen vorbereitet. Kreuzen natürlich, doch manchmal erscheinen Fragen richtig leicht und manchmal abstrus schwierig - kolibrizebrahaft.

Der Schwierigkeitsgrad zwischen den Examina scheint enorm zu schwanken. Da bleibt wohl als bester Anhalt, wie mein eigenes Examen sein wird, das Examen davor. Viele Lernende wollen sich dieses „Goldene Examen“ bis zum Schluss als so genannte „Generalprobe“ aufbewahren, ich bin da ganz anderer Meinung. Die Fragen des letzten Examens habe ich gleich als allererstes durchgearbeitet, um die Schwerpunkte, die das IMPP legt, zu durchschauen. Fragen die zum Beispiel gerne nach Klinik oder Therapie, geht es viel um Anamnese und körperliche Untersuchung, oder wird man zugekleistert mit technokratischen Röntgenbildern, EKG-Befunden, MRTs und CTs.

 

Erster Eindruck

Immerhin – so mein erster Eindruck - bekomme ich es mit viel handfester Klinik und nicht mehr mit Zitronenzyklus und Agarosegel zu tun. Praktisch jede Frage beinhaltet eine Fallgeschichte. Doof nur, dass das Lesen der Fallgeschichte ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt, sodass gar keine mehr übrig bleibt, um dann noch die Frage dazu zu beantworten.

Macht meistens aber gar nichts, denn um die Frage zu beantworten, muss man oftmals gar nicht die Fallgeschichte zu lesen. Ich überlege, ob ich es mir nicht angewöhnen sollte, meinen ersten Blick immer auf die Frage und Antworten zu richten und erst dann die Fallgeschichte zu lesen – wenn es überhaupt notwendig ist. Das ist manchmal sogar enorm hilfreich, weil – man darf es hier mal sagen – teilweise böse Menschen vom IMPP mit Absicht versuchen, die Studenten durch die Fallgeschichte mit viel zu vielen unnötigen Details abzulenken.

 

Die großen Fallgeschichten

Ein extremes Beispiel können da die großen Fallgeschichten mit den 15 dazugehörigen Fragen sein. Die Fallgeschichten gehen über etwa zwei Seiten; da muss ein armer IMPP-Mensch nächtelang wach geblieben sein, um sie so ausgefeilt zusammenzuschreiben. Und dann erlebt man immer wieder solche Geschichten wie die von Hertha W., 48 Jahre, Fleischfachverkäuferin. Den Fall allerdings lese ich gar nicht, irgendwo ganz am Ende steht die Diagnose: Morbus Bechterew. Nicht mal das soll man also selbst herausfinden. Wenn man dann die Fragen anguckt wird es noch trauriger. Im Grunde hätte eine Einleitung gereicht: „Guten Morgen, lieber Prüfling, jetzt stellen wir Ihnen 15 Fragen zum Thema Morbus Bechterew, wir wünschen viel Vergnügen damit.“ In der Tat beziehen sich die 15 Fragen auch auf Morbus Bechterew nur nicht auf den Fall speziell.

Zum Einstieg gibt es zwei oder drei Fragen zur körperlichen Untersuchung – Orthopäden fragen wahnsinnig gerne ihre „Zeichen“ ab, schließlich ist es in diesem Fach die einzige Möglichkeit, seinen eigenen Namen zu verewigen. Immerhin gibt mir das den Hinweis, dass ich den Kram unbedingt lernen sollte - gibt ja nur ein paar Hundert davon.

Unangenehmerweise wird auch wahnsinnig gerne Epidemiologie abgefragt.

 

Die doofen Fragen

Leider kann es das IMPP nicht lassen und stellt auch die typisch „doofen Fragen“, also die, die sich mit so gut wie keinem Lehrbuch beantworten lassen und über die sich dann immer alle Studenten in Internetforen aufregen. Aktuelles Beispiel für den Fall Morbus Bechterew: „Auf welchem Chromosom ist das Gen für HLA-B lokalisiert? Chromosom 2,4,6,8 oder 10?“

Zunächst mal: Keine Sorge, von solchen Fragen gibt es wirklich nur ganz wenige im Hammerexamen, eine Schande jedoch, dass es sie überhaupt gibt. Die Antwort findet Ihr nicht mal im Herold, der sonst eigentlich sehr verlässlich ist für Informationen, die der einfache Kliniker nicht braucht.

Letztens telefonierte ich mit einem Kommilitonen, der das letzte Examen mitgeschrieben hatte. Ich erwähnte nur kurz die Worte Chromosom und Genlokalisation und mein Kommilitone wusste sogleich, worauf ich mich bezog. Würde vom IMPP veröffentlicht werden, wer welche Frage entworfen, beziehungsweise zu verantworten hat, würden wohl eine Menge Schuhe durch die Gegend fliegen, - diese Form der Kritik ist ja in letzter Zeit in Mode gekommen.

 

Ins Detail

Während viele Fragen im Hammerexamen zu beantworten sind durch reines Nachdenken oder Buchwissen, gibt es – abgesehen von oben genannten seltenen Katastrophenfragen – leider auch hochspezielle Fragen, die ohne Zweifel im klinischen Alltag wichtig sind, doch nicht in Lehrbüchern für Studenten stehen. Besonders geht es dabei um das Thema Therapie. Wie beispielsweise Biologica für Morbus Bechterew. Bin ich als Student froh, überhaupt alle Krankheiten annähernd definieren zu können, wird hier fast Facharztwissen gefragt.

Doch es kommt noch schräger. Da das IMPP ja die ganze Bandbreite des Gegenstandskatalogs darstellen möchte, gibt es doch tatsächlich eine Frage zur Phytotherapie. Denn Hertha W. – wir erinnern uns, die Frau aus der Fallgeschichte, die ich nicht gelesen habe – ist verständlicherweise skeptisch gegenüber all den Medikamenten und möchte gerne ein Phytopharmakon einnehmen. Die Frage ist also, welches würden Sie da empfehlen: Stiefmütterchenkraut, Tausendgüldenkraut, Tormentillwurzelstock, Weidenrinde oder Rosskastaniensamen.

In jenem Moment, als ich diese Frage las, dachte ich nur, was hast du eigentlich all die Jahre studiert? In der Tat fragen Patienten im klinischen Alltag gerne nach „natürlichen Heilmethoden“, also wirklich eine kliniknahe Frage, nicht zu theoretisch. Doch irgendwie wird es einem beim IMPP zu kliniknah, wir müssen schließlich auch die Chance haben die Frage überhaupt beantworten zu können.

Letzten Endes habe ich dann richtig geraten – durch messerscharfes Überlegen wohlgemerkt. Achtung, wer die Antwort nicht wissen möchte, bitte nicht weiterlesen. Bei Phytopharmaka spielt die Fantasie eine große Rolle. Beispiel Ginseng – gut für das Gedächtnis, weil kommt aus Japan und da leben viele alte Menschen. So dachte ich mir Morbus Bechterew: Rückenschmerzen, Bewegungsapparat, biegsam wie eine Weide… Jedenfalls ist Weidenrinde wirklich die richtige Antwort. Na, wenn Patienten im Krankenhaus wüssten, wie Medizinstudenten zu ihrer Approbation kommen.

 

Gute Idee

Dank des letzten Hammerexamens bin ich also wirklich schlauer geworden, was das IMPP aktuell gern zu fragen scheint. Und – Achtung wieder Spoiler - falls es jemanden brennend interessiert, auf welchem Chromosom das Gen für HLA-B lokalisiert ist: es ist natürlich Chromosom 6.

Weiß doch jeder - spätestens jetzt.

 

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