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  • 30.03.2009

Hammerexamen-Tagebuch (5)

Mein Vorstellungsgespräch - Ein Bericht in zwei Teilen (1)

Statt zu warten bis ich tatsächlich das Hammerexamen bestanden habe, hatte ich meine Bewerbung um eine Assistenzarztstelle jetzt schon abgeschickt. Eine Woche darauf bekam ich einen Termin zum Vorstellungsgespräch in einer anderen Stadt. Ein Reisebericht in zwei Teilen.

Foto: iStockphoto

Früh los

Für mein erstes Vorstellungsgespräch um eine Arztstelle musste ich glücklicherweise nicht bis zum anderen Ende des Landes fahren. Etwas mehr als zwei Stunden Zugfahrt reichten dennoch aus, um beim Gedanken an Verspätung unruhig zu werden. Ich fuhr also schon früher los, um genug Pufferzeit bis zum eigentlichen Termin zu haben. Zudem wollte ich mir auch die Stadt anschauen, in der ich möglicherweise die nächsten Jahre leben würde.

 

Doch BWL?

Der Zug fuhr pünktlich ab, seufzend lehnte ich mich ins Polster zurück. Für die Fahrt hatte ich ein Lehrbuch mitgenommen – mit dem Gedanken im Hinterkopf, der Chefarzt könnte im Gespräch fachspezifische Fragen stellen. Eigentlich unwahrscheinlich, doch in einem Internetforum zu Vorstellungsgesprächen wurde dies erwähnt.

Doch das Buch blieb in der Tasche, zumal ich im Bahnhof ein Probeexemplar einer Zeitschrift bekommen hatte. Ausgerechnet ein Wirtschaftsmagazin, das sich aber im Laufe der Fahrt beim Lesen als erstaunlich kritisch entpuppte. Mit meinem Anzug wirkte ich wahrscheinlich eher wie ein BWLer denn wie ein Medizinstudent. Dabei kam mir der Gedanke, was ich wohl gemacht hätte, wenn ich einen anderen Beruf erlernt hätte. Wie wäre es beispielsweise mit Direktor einer Schokoladenfabrik?

Sockenprobleme

Während ich entspannt reiste und las, schlug ich ein Bein über das andere, und plötzlich fielen mir meine graublauen Socken auf, die aber auch gar nicht zum dunklen Anzug passten, den ich trug. Das war mir am Morgen gar nicht bewusst gewesen. So ein Mist, dachte ich, beim Gespräch muss ich unbedingt dran denken beide Füße auf dem Boden zu lassen – man, hab ich Probleme!

Eigentlich hatte mein Sockenproblem durchaus positiven Auswirkungen, nahmen sie doch alle Spannung, die sich aus dem Gedanken heraus aufgebaut hatte: Alles muss beim Vorstellungsgespräch perfekt sein.

Grübeln

Auf der anderen Seite jedoch schaute ich immer wieder aus dem Fenster und kam ins Grübeln: Möchte ich wirklich in dieser Klinik arbeiten. Gibt es woanders bessere Möglichkeiten? Warum nicht warten bis nach dem Examen?

Dabei hatte ich weder die Klinik gesehen, das Gespräch geführt, geschweige denn eine Zusage bekommen, und schon kam mir das alles wie eine Insel vor, von der ich jahrelang nicht fort kommen würde.

Vielleicht hätte ich die (innere) Notbremse ziehen können, an einem der Zwischenhalte aussteigen und überlegen, den nächsten Zug in die gleiche Richtung weiterzufahren oder entgegengesetzt. Vielleicht kam ich aber auch nur deshalb ins Grübeln, weil ich mir so viele Gedanken bei der Suche nach der richtigen Stelle gemacht hatte.

Am Ziel?

Erst an meinem Zielbahnhof stieg ich aus. Schließlich würde ich mich mit einem Vorstellungsgespräch nicht automatisch an diese Stelle binden. Alle vorherigen Gedanken verflüchtigten sich an der frischen Luft und so stand ich plötzlich auf dem Bahnsteig mit dem Gefühl, ich sei der einzige, der hier ausgestiegen ist.

Da Bahnhof und Krankenhaus weiter voneinander entfernt lagen, nahm ich den nächsten Bus, der direkt vor den Kliniktüren halten sollte. Im Internet hatte ich mir schon den Fahrplan angesehen und wusste, in den nächsten Minuten würde der Bus vorfahren. Doch irgendwie, als ich da so in der Provinz herumstand, hatte ich meine Zweifel daran. Natürlich hielt der Bus auf die Minute genau vor mir an. Ich zeigte das Bahnticket vor, das ich auch für die Busfahrt nutzen konnte.

„Zur Klinik?“ fragte die Busfahrerin. Ich nickte stumm und erstaunt, woher wusste sie das denn? Kurze Zeit später fiel mir ein, dass die Klinik ja der Endpunkt der Route ist... Wahrscheinlich war ich wohl nicht der erste Mensch in Anzug, den die Busfahrerin für ein Bewerbungsgespräch zur Klinik fuhr. Dennoch kam ich mir hier in diesem Moment wie ein Typ vom anderen Stern vor.

Interesse haben

Während der Busfahrt blickte ich mit hoher Aufmerksamkeit aus dem Fenster und saugte jedes Detail der Stadt mit meinen Blick auf. Schließlich könnte ich hier für die nächsten Jahre arbeiten und leben. Zwar kam ich in erster Linie hierher wegen der Stelle, doch wohl fühlen wollte ich mich hier auch. Doch es wäre schon gewöhnungsbedürftig, von einer großen Uniklinik in eine kleine Kreisstadt zu wechseln. Ironischerweise bewarb ich mich allerdings in einer Abteilung, die fast mehr bot als die gängigen Unikliniken.

Vor der Klinik

Der Bus hielt direkt vor der Klinik. Ein schönes Haus, einfach gehalten, viele Grünanlagen. Doch ich ging nicht hinein. Mein Vorstellungstermin würde erst in zwei Stunden stattfinden.

Vorher wollte ich mir einfach die Stadt ansehen. Mich ablenken vom Termin, dem Examen, quasi einen kurzen Tagesausflug machen. Und so genoss ich für zwei Stunden eine kleine, beschauliche Stadt fernab vom Großstadtdschungel.

Auf dem Weg zurück zur Klinik war ich dann zwar entspannter, doch auch ein wenig müde.

In der Klinik

Der äußere Eindruck der Klinik blieb auch im ihrem Inneren erhalten. Warmes Licht, viel Holz und Glas, weniger steril als man es von einem Krankenhaus erwarten würde. Ich ging kurz zuvor noch einmal auf Klo und zog vor dem Spiegel noch einmal den Krawattenknoten und meine Frisur zurecht.

Und dann kam natürlich diese kleine Nervosität – vergleichbar mit der vor Prüfungen. Statt des Fahrstuhls nahm ich die Treppen und fand, ohne groß suchen zu müssen, das Chefsekretariat. Die Sekretärin war freundlich – ein gutes Zeichen. Sie bat mich, in der Sitzecke zu warten. Ich nahm eine der ausliegenden Zeitschrifte, blätterte darin, konnte keine einzige Zeile lesen und sah selbst die Bilder nicht wirklich. Dann wurde ich von der Sekretärin zum Chef geholt. Kurz schloss ich die Augen, holte tief Luft.

Gespräch auf gleicher Ebene

Und dann lief alles viel glatter als ich erwartet hätte. Wir begrüßten uns gegenseitig, schüttelten uns die Hände, ein Oberarzt nach dem anderen kam hinzu. Ich erhob mich stets kurz um die Hand zu geben. Vielleicht wirkte es ein wenig zu höflich, doch „bedsidemanners“ schaden nie. Von Anfang an spürte ich, dass ich gleichberechtigt behandelt werde, ein kollegiales Gespräch. Dank der heutigen Stellensituation kam ich nicht als Bittsteller, womöglich macht das viel aus. Doch die Freundlichkeit der Ärzte wirkte echt.

Das Gespräch

Der Chef hatte meine Bewerbungsmappe vor sich liegen und baute darauf sein Gespräch auf. Es war keine Aneinanderreihung von Fragen, mehr ein Interview.

Zuerst kam natürlich die Frage, warum ich mich für dieses Fach interessiere und wie ich auf diese Klinik kam. Mir fielen die Stichworte ein, die ich dann spontan zu schönen Sätzen formulierte. Einmal rutschte mir dabei ein ganzer Satz heraus, den ich vorformuliert hatte. Wobei mir dieser Satz sofort weniger glaubwürdig vorkam, weil er zu geschliffen klang. Vorbereitete Stichworte sind definitiv besser.

Sonst ging der Chef sehr auf mein Praktisches Jahr ein, die Erfahrung, die ich dort gesammelt habe, Stationsgröße, welche Krankheitsbilder ich gesehen habe. Oder ob ich eine Bindung zur Stadt oder Region hätte. Die Oberärzte fragten noch pragmatischer: Ob ich eine Hospitation machen würde? „Ja gerne, gut, um die Klinik kennen zu lernen und damit Sie mich kennen lernen.“ Ob ich Erfahrung in Intensivmedizin hätte? Das hatte ich überhaupt nicht und überlegte kurz, ob ich nicht einfach sagen „ja“ sagen sollte. Doch ich dachte mir, sage ich jetzt mal „nein“, wirken alle anderen Antworten glaubwürdiger. Nicht, als würde ich ständig behaupten alles zu wissen und zu können.

Während des Gesprächs ließ der Chef zudem ziemlich oft das Wort „Dienste“ fallen. Ich hatte den Eindruck, er würde dabei immer auf meinen Gesichtsausdruck gucken. Jedes Mal wurde von allen betont, dass immer ein Oberarzt im Hintergrund erreichbar sei. Eventuell hätte ich einfach mal sagen sollen: „Dienste machen ist doch ganz natürlich.“ Um die Leute zu beruhigen, dass ich deswegen nicht eine andere Klinik suchen würde. Wer weiß, vielleicht laufen andere Bewerber schreiend davon, wenn sie hören, sie sollen Dienste machen?

Eigene Fragen

Wie lange das Gespräch lief kann ich nicht mehr sagen, auf jeden Fall signalisierten mir Chef und Oberärzte, dass sie sich Zeit nehmen, auch wenn sie diese eigentlich nicht hatten.

Zudem bekam ich nun die Gelegenheit selbst Fragen zu stellen. Wobei mein Mund schon ganz trocken war. So kann ich nur empfehlen, vor dem Gespräch immer etwas zu trinken, oder Getränke immer anzunehmen, wenn sie einem angeboten werden. Ich holte meinen Fragenzettel heraus; genauso gut hätte ich auch welche aus dem Gedächtnis heraus zitieren können. Doch so wirkte ich wie jemand, der sich Gedanken gemacht hat. Übrig blieben eh nur noch drei Fragen, da sich die anderen während des Gesprächs schon geklärt hatten.

Erleichterung und Entschluss

Wirklich überzeugt, dass ich in dieser Abteilung anfangen will, war ich aber in einem ganz anderen Moment: Als das Gespräch endete und wir uns alle erleichtert – keiner war in ein Fettnäpfchen getreten – erhoben und das Chefzimmer verließen, spürte ich, wie gut die Chemie zwischen den Oberärzten, dem Chef und der Sekretärin stimmte. Ich kann es nicht erklären, doch der Begriff „Herzlichkeit“ passt perfekt.

Mein allererstes Vorstellungsgespräch um einen Arztstelle war geschafft, doch zu meiner Überraschung ging alles noch viel weiter.

Dazu mehr in der nächsten Woche: Lesen Sie was der Kleine Stexler noch erlebte und ob er seine mögliche Traumstelle bekommt.

 

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