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  • 17.04.2009

Hammerexamen-Tagebuch (8)

Die Psycho-Nacht

Nur noch wenige Tage bis zum schriftlichen Hammerexamen – am Dienstag geht es los. Zurzeit bin ich noch innerlich erstaunlich ruhig. Das nervöse Zittern fängt wohl erst am Wochenende an. Vielleicht wirken aber auch die Ereignisse der letzten Nacht nach, als mich eine verrückte Idee fast um den Verstand gebracht hätte.

Foto: iStockphoto

 

Gedrückte Stimmung

Wenn ich wochenlang fürs Examen lerne und selbst Nachts davon träume; wenn ich Einladungen ausschlage, meinen Hobbys nicht mehr nachgehe; wenn ich das Einkaufen mit dem Laufengehen verbinde – um nicht zu verhungern und auch mal an die frische Luft zu kommen; wenn ich bei schönstem Osterwetter vor dem Computer hocke und kreuze – dann ist meine Stimmung nicht nur gedrückt, nein, dann ist sie tatsächlich im A... – und das ist noch zurückhaltend ausgedrückt.

 

Therapieversuch

Nun las ich letztens zum Thema Depression, dass ein Schlafentzug positive Wirkung auf die Stimmung bringe. Eine Nacht durchmachen nur nicht mit Party sondern mit dem Kreuzen - im Laufe des Tages ließ ich mich immer mehr von dieser verrückten Idee verführen. Dank meines trockenen Humors wählte ich das Fach für Psychiatrie dafür aus. Mehrere Hundert Fragen würden mich durch die Nacht bringen. Am Morgen würde ich dann ins Schwimmbad gehen zum Frühschwimmertarif – was ich als genießender Langschläfer noch nie geschafft hatte.

 

Am Anfang

Mitternacht: Ich kreuze mich durch die ersten Fragen. Psychiatrie unterscheidet sich von den anderen Fächern: skurrile Fälle und nicht so laborlastig. Das hebt schon mal die Stimmung, wenn man zuvor durch die "Innere-Wüste" watete. Weil ich dringend Urlaub benötige, hole ich das "Urlaubsfeeling" einfach in mein Zimmer: Fruchtsaft mit Eiswürfeln, gekühlte Schokolade. In Boxershorts und aufgeknöpftem Hemd saß ich am Computer. Im Hintergrund läuft Musik von Iz Kamakawiwo’ole.

 

Schnelles Vorankommen

Mein Wissen in Psychiatrie ist eigentlich nur sehr oberflächlich, trotzdem kam ich mit dem Kreuzen gut voran. Psychiater fragen gerne immer wieder die gleichen Sachen und selten spitzfindig. Schlecht ist nur, dass ich ständig bei den Fällen von Symptomen lese, die ich auch bei mir zutreffen könnten. Dieses Phänomen kann beim Lernen zum Hammerexamen zum Horror werden – da springe ich schließlich von einer Krankheit zur anderen – außer beim Thema Gynäkologie. Da hatte ich kurzfristig meine Ruhe. Meist kommen die Patienten zum Arzt, weil sie sich schlapp und müde fühlen und dann kommen die schlimmsten Diagnosen bei raus!

 

Weiterer Therapievorschlag

0:45 Uhr: Ich lese gerade Frage 52, da geht es um die paradoxe Intervention nach Frankl – eine psychotherapeutische Technik zur Überwindung phobischer, anankastischer und Erwartungsangst. Der Betroffene soll sich kurz vorstellen wovor er Angst hat, so lerne er, sich von der Angst zu distanzieren. Hmmm, ein Versuch ist es wert: Ich denke kurz ans Hammerexamen.

 

Erster Effekt

Bei Frage 68 geht es schließlich um die besagte Schlafentzugstherapie bei Depression. Bin gespannt, ob es wirklich was bringt. Jedoch bereue ich etwas, Psychiatriefragen gewählt zu haben. Da geht es ständig um Depression oder tief greifende Schicksale mit postraumatischer Belastungsstörungen. Möchte nicht wissen, wie es mir ergeht nach dem schriftlichen Hammerexamen, wenn ich das Lern-Vakuum wieder fühlen muss.

 

Essen

1:30 Uhr: Pica, eine Störung, die Menschen dazu verleitet alles Mögliche zu essen mit Vorliebe Dinge, die nicht essbar sind. Pica ist übrigens lateinisch für Elster. Zeit für ein Stück Schokolade. Die Stimmung ist ganz gut, obwohl ich nicht ganz sagen kann, ob es das Wachbleiben, meine Urlaubstimmung oder nur ein Plazeboeffekt ist.

 

Weglaufen, eine Lösung

Ein der folgenden Fragen behandelt die dissoziative Fugue – also Weglaufen. Irgendwie drolliger Zufall, dass es ausgerechnet Frage 101 ist. Schöne Grüße an Georg Orwell, der nebenbei erzählt an Tuberkulose starb – Lieblingsthema des IMPP, womit sich der Kreis wieder schließt und ich erneut ans Hammerexamen denken muss. Auch wenn ich davor nicht wirklich Angst habe, wende ich noch einmal die paradoxe Intervention nach Frankl an. Einfach Weglaufen wäre auch eine Überlegung wert, doch jetzt erstmal aufs Klo.

 

Müde

In meinem Zimmer brennt das größte und hellste Licht, sozusagen als Sonnenersatz, beim Gang zur Toilette stolpere ich durch den dunklen Flur. Und kriege einen furchtbaren Schreck: "Ha, eine fette Spinne!" Dabei habe ich eigentlich gar kein Problem mit den Tierchen. Beim zweiten Blick entdecke ich, dass einer meiner WG-Mitbewohner nur seine Brille auf der Ablage vergessen hat. Werde wohl müde, wobei das IMPP ganz gerne nach "illusionärer Verkennung" fragt.

 

Erholsamer Schlaf

2:15 Uhr Die Nacht nimmt ihren Lauf und ist ständig Thema bei meinen Fragen. Wie beispielsweise Nr. 125: Pavor nocturna – ein schreckhaftes Aufwachen. Wichtig: Es tritt im ersten Nachtdrittel auf, Alpträume hingegen eher im letzten Nachtdrittel. Wie schön, dass mir das diese Nacht erspart bleibt. Montagnacht kann ich dann aber gegebenenfalls gleich eine treffende Diagnose stellen, wenn ich dann überhaupt zum Schlafen komme. Warum muss das Hammerexamen eigentlich am Vormittag geschrieben werden?

 

Langsam verrückt

Langsam habe ich jedoch bei all den Fragen das Gefühl, ich werde selbst verrückt. Schön wäre mal ein harmloser Harnwegsinfekt, doch es geht immer wieder um Depressionen, Schizophrenie, Schlafstörungen. Manchmal lese ich von den Abgründen der menschlichen Psyche und weiß nun, warum ich ungern Zeitung lese. Immerhin kreuze ich nicht das Fach Rechtsmedizin. Mein Kreuzen geht nicht mehr so flüssig voran, die Konzentration lässt nach. Zwischendurch mache ich vermehrt kurze Pausen, strecke meine Gelenke. Zumindest sind die Fragen nicht so schwer, dafür werden jedoch die Fallbeschreibungen immer länger.

 

IMPP-Falle

3:30 Uhr: Das IMPP versucht, mich reinzulegen, doch es ist zu spät und meine Aufmerksamkeit schon eingeschränkt, sodass ich nicht zuviel nachdenke. Gefragt werden Tic-Störungen und was nicht dazugehört: Blinzeln, Grimassieren, Kopfschütteln, Schulterzucken oder Koprophagie. Die typische Frage nach dem fünften Rad am Wagen – was passt nicht zu den anderen. Ich kreuze letzteres, was richtig ist, jedoch versuchte das IMPP, einen mit Wortähnlichkeit auf die falsche Fährte zu locken, denn Koprolalie ist eine Tic-Störungen. Aber soweit konnte ich schon gar nicht mehr denken. Aber was ist überhaupt Koprophagie?

3:31 Uhr: Manchmal ist es besser, nicht alles zu wissen. Iz singt gerade: "What a wonderful world."

 

Ein paar Stromstöße

Kurz vor vier Uhr morgens erfahre ich, dass die Elektrokrampf-Therapie Erfolg hat bei perniziöser Katatonie und endogener Depression. Ein paar wach haltende Stromstöße könnte ich jetzt auch ganz gut vertragen. Meine Aufmerksamkeit lässt deutlich nach. Meine Stimmung hingegen wird wirklich immer besser – ob man sein Hammerexamen auch in Boxershorts und offenem Hemd schreiben darf oder gilt das als Täuschungsversuch?

 

Es wird schwer

Stunde fünf wird schwer. Es beginnt kritisch zu werden, womöglich schlafe ich vor dem Computerbildschirm ein. Ich quäle mich ein bisschen durch die folgenden Fragen. Wenig hilfreich sind die Themen: Echenetische Persönlichkeit - sich nicht lösen können von Handlungen und Gedanken. Prima, was mach ich denn hier? Denke ständig ans Hammerexamen und kann nicht lassen vom Kreuzen.

Und wieder geht es um Depression, diesmal die besonders schwere Form, wofür Denkhemmung ein charakteristisches Symptom sein soll. Denkhemmungen habe ich zurzeit auch oder Konzentrationsstörungen? Bin momentan nicht in der Lage weiter drüber nachzudenken.

 

Der letzte Fall

Irgendwann nach fünf Uhr erreiche ich die letzten Fragen. Auf dem letzten Stück Weg tritt das IMPP noch einmal nach und kommt mit folgender Fallgeschichte: "Ein (bisher unauffälliger) 25-Jähriger – bewusstseinsklarer – Mann sucht ärztlichen Rat." Den Satz musste ich mehrmals lesen. "Er berichtet, seit drei Wochen unruhig zu sein, sich schlecht konzentrieren und nicht schlafen zu können." Klare Antwort, der arme Kerl lernt fürs Hammerexamen. Leider war das nicht als Antwortmöglichkeit gegeben. So viel trockenen Humor besitzt das IMPP nun auch wieder nicht und diagnostizierte eine beginnende schizophrene Störung.

 

Meeresrauschen

Ich klickte die letzte Frage, an deren Inhalt ich mich absolut nicht mehr erinnern kann. Die Nacht hatte ich durchgemacht. Und tatsächlich neben einem Gefühl der Zufriedenheit, was geschafft zu haben, fühlte ich auch Euphorie. Auf dem Weg zum Schwimmbad versuchte ich, mal nicht mehr ans Kreuzen zu denken. Ich schwamm ein wenig hin und her, entspannte mich im warmen Wasser des Nichtschwimmerbeckens, lehnte mich gegen den Beckenrand, schloss die Augen und genoss das Plätschern des Wassers. Und träumte von Sonne, Strand und Meeresrauschen.

 

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