• Kommentar
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  • Dr. Bernd Hontschik
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  • 08.08.2016

Arme Viren

Für Erkrankungen armer Menschen in armen Ländern hat die Medizin nichts zu bieten.

©M-SUR-Fotolia.com

 

Wer hat schon von der Chagas-Krankheit gehört? Fast 20 Millionen Südamerikaner sind damit infiziert. Es handelt sich um eine Infektionskrankheit, hervorgerufen durch einen Parasiten namens Trypanosoma cruzi. Jeder Zehnte stirbt daran, qualvoll, langsam, oft erst Jahre nach der Infektion. Es gibt kein Medikament gegen die Chagas-Krankheit und auch keine Impfung.


Wer kennt das Dengue-Fieber? Dieses Flavi-Virus wird durch einen Mückenstich übertragen. Jedes Jahr dürften 50 bis 100 Millionen Menschen neu erkranken, etwa jeder zehnte erleidet einen schweren Krankheitsverlauf, es kommt zu über 20.000 Todesfällen, überwiegend betroffen sind Kinder. Es gibt kein Medikament und keine erfolgversprechende Behandlung des Dengue-Fiebers, eine (unbezahlbare) Impfung gibt es erst seit wenigen Monaten.


Die Chikungunya-Krankheit ist auch nur etwas für Eingeweihte. Sie ist ebenfalls eine tropische Infektionskrankheit, sie ist seit über 60 Jahren bekannt, das Virus wird auch durch Mückenstiche übertragen. Man geht von einigen Millionen Infizierten aus. Schwere Entzündungen von Leber, Herz, Nieren oder Gelenken bei eher niedriger Sterblichkeit zeichnen die Chikungunya-Krankheit aus. Es gibt weder eine spezifische Behandlung noch eine Impfung.


Das Ebola-Virus hingegen, das kennt man, denn es hatte vor kurzem die Schlagzeilen einer globalen Hysterie für sich. Bei diesem Virus braucht es keine Mücke, sondern direkten Kontakt, um sich zu infizieren. Die ganze Welt ängstigte sich, obwohl die Ebola-Epidemie vor zwei Jahren im Wesentlichen auf die ärmsten der armen Länder in Westafrika beschränkt blieb. Die Todesrate stieg dort zeitweise auf bis zu 90 Prozent. Man versuchte, diese Länder vom Rest der Welt zu isolieren, weil der Welt-Flugverkehr in Gefahr geriet. Es gibt keine Behandlung dieser Krankheit und es gibt keinen Impfstoff.


Zur Zeit ist Zika in aller Munde. Nicht die vier bis sechs Millionen durch Mückenstiche Infizierten in Südamerika sind von Interesse, es ist auch nicht wichtig, dass diese Erkrankung eher milde verläuft und fast immer von selbst ausheilt. Wären da nicht die Bilder der sehr seltenen Komplikation von Kindern mit winzigen Köpfen, der sogenannten Mikrozephalie. Die Folgen der Infektion mit dem Zika-Virus während einer Schwangerschaft sind mit der Traumwelt von Olympischen Spielen nicht vereinbar. Hysterie sells. Und wieder gilt, dass es gegen das Zika-Fieber keine Behandlung gibt und keine Impfung.


Merke: Für Erkrankungen armer Menschen in armen Ländern hat die Medizin nichts zu bieten. Es gibt keine Behandlung, es gibt keine Impfung, es wird gar nicht erst geforscht, wenn keine Profite am Horizont winken.


Gäbe es keine Slums, gäbe es keine katastrophalen sanitären Verhältnisse, gäbe es kein verseuchtes Trinkwasser und gäbe es anständige Wohnverhältnisse, dann wären alle diese Krankheiten kein wirkliches Problem. Wenn es für Armut eine Behandlung gäbe, dann gäbe es solche Epidemien auch nicht mehr.

 


Anmerkung: Dieser Artikel erschien in der Frankfurter Rundschau, Samstag den 06.08.2016


Dr. med. Bernd Hontschik, geborten 1952 in Graz, ist Chirurg und Publizist. Bis 1991 war er Oberarzt am Klinikum Frankfurt-Höchst, bis 2015 in seiner chirurgischen Praxis in der Frankfurter Innenstadt tätig. Seine Doktorarbeit über unnötige Blinddarmoperationen erregten Aufsehen. Er ist u.a. Herausgeber der Taschenbuchreihe "medizinHuman" im Suhrkamp Verlag, die er 2006 mit dem Bestseller "Körper, Seele, Mensch" eröffnete.

 

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