• Interview
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  • Das Interview führte Ines Elsenhans
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  • 23.03.2016

High im OP

Erst Cannabis, später Fentanyl – Assistenzarzt Felix ist durch die Drogenhölle gegangen. Im Interview erzählt er, wie er in die Sucht geriet und was ihm half, heute glücklich clean zu sein.

 

 

> Felix, du warst Jahrelang von Drogen und Medikamenten abhängig. Gab es einen bestimmten Auslöser für deine „Drogenkarriere“?

Ja, zum einen habe ich viele Verwandte mit Suchtproblemen. Mein Vater hat getrunken, ebenso mein Onkel und mein Opa. Zum anderen war ich eine sehr unsichere Persönlichkeit, hatte große Selbstzweifel und konnte mich nie lange konzentrieren. Wahrscheinlich ging es sogar in Richtung ADHS. Als ich dann mit 16 für ein Austauschjahr in Amerika war, habe ich dort mit dem Kiffen angefangen. Zurück in Deutschland habe ich dann keine Joints, sondern Heads geraucht. Cannabis hat mich beruhigt und ich bin dadurch in der Schule besser geworden.

 

> Hast du nie Ärger mit deinen Eltern bekommen?

Klar gab es Ärger, aber was sollte mir auch ein Vater sagen, der selbst alkoholsüchtig ist?

 

> Wie ging es nach dem Abi weiter?

Im Supermarkt sah ich oft einen Kunden mit Rettungsjacke. Da ich schon immer eine Faszination für Blaulicht hatte, habe ich ihn gefragt, wo er arbeitet. Daraufhin habe ich meinen Zivildienst bei einem privaten Rettungsdienst gemacht und dann die Ausbildung zum Rettungsassistenten begonnen. Parallel hab ich im Jahr 2000 mit dem Medizinstudium angefangen.

 

> Wie bist du von Cannabis auf Koks gekommen?

Während der Zeit im Rettungsdienst habe ich sehr viel gearbeitet. Und wer viel arbeitet, darf sich auch was gönnen – das war meine Legitimation für den Drogenkonsum. Irgendwann bot mir der Dealer Speed an. Ich nahm das Zeug nur ein bis zwei Wochen, fand es aber toll, das weiße Pulver in der Nase zu haben. Als ich wieder was kaufen wollte, hatte der Dealer nur Koks. Ab da hab ich regelmäßig Koks geschnupft und mich dabei natürlich hoch verschuldet.

 

> Wie bist du dann Medikamentenabhängig geworden?

2007, als ich im PJ war, hat das Koks mich so fertig gemacht, dass ich morgens kaum noch aufstehen konnte. Alles war im Nebel und ich völlig neben der Spur. Meine damalige Freundin brachte mich in die Psychiatrie, wo die Ärzte bei mir eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostizierten. Morgens bekam ich ein Antidepressivum und abends das Neuroleptikum Seroquel. Das fand ich spitze, weil ich dachte, ich könnte jetzt mit der Medikamentenunterstützung endlich kontrolliert Drogen konsumieren, da man ja meine psychische Erkrankung im Griff hat. Wenn ich im Koksrausch nicht schlafen konnte, nahm ich Seroquel. Das hat prima funktioniert. Nach dem PJ habe ich meine Doktorarbeit gemacht und danach ein Praktikum in der Anästhesie, woraus dann meine erste Assistenzarztstelle entstanden ist. In dieser Zeit ist mir ein Zahn kaputt gegangen und ich fand es ziemlich cool, mit meinem Arztausweis Tilidin in der Apotheke zu holen. Heute fällt Tilidin natürlich unter das Betäubungsmittelgesetz, das war 2009 anders. Tilidin habe ich dann immer tagsüber genommen, um den Kater vom Vortag aufzufangen.

 

> Die Kollegen in der Klinik haben doch sicher gemerkt, dass bei dir etwas nicht in Ordnung ist.

Nein, erstmal nicht. Erst 2010, als ich zweimal unentschuldigt nicht zum Dienst kam, hat ein Oberarzt bei mir an der Haustür geklingelt und gefragt, ob alles in Ordnung ist. Natürlich habe ich alles geleugnet und kurze Zeit später landeten dann Prospekte von Suchtkliniken in meinem Briefkasten.

 

> Welche Erklärung hast du dafür, dass alle weggeschaut haben?

Das ist für mich schwer nachzuvollziehen. Der Stress in der Klinik war sehr hoch, so dass jeder nur nach sich selbst geschaut hat. Außerdem waren sie froh um mich, da ich aufgrund meines schlechten Gewissens in den Tagen danach viele Aufgaben übernommen habe, um die anderen zu entlasten. Vielleicht haben sie auch mir zuliebe nichts gesagt, damit ich meinen Job nicht verliere. Nach dem Motto: Wenn wir ihm jetzt noch den Job nehmen, dann hat er gar nichts mehr und dann stürzt er völlig ab. Das hat mein Leid verlängert, auch wenn es gut gemeint war.

 

> Am Ende hast du dir sogar Fentanyl gespritzt, ein Opioid das bei Narkosen eingesetzt wird.

Ja, als ich mal wieder einen sehr schlechten Abend hatte, habe ich aus meinem Notfallrucksack Fentanyl genommen. Unter falscher Indikation macht Fentanyl sehr schnell abhängig, sobald man es absetzen möchte, hat man furchtbare körperliche Entzugsschmerzen. Ich spritzte es mir schon morgens, damit ich überhaupt mit dem Auto zur Arbeit fahren konnte. An Fentanyl gewöhnt sich der Körper sehr schnell und man braucht immer größere Mengen. Ich hab dann immer die HNO OPs gemacht und mir das übrige Fentanyl injiziert.

 

> Irgendwann bist du dann doch aufgeflogen. Wie kam es dazu?

Irgendjemand muss mir mal aufs Klo gefolgt sein und Blutspritzer gesehen haben. In meiner nächsten Raucherpause hat ein Pfleger meinen Rucksack geöffnet und die Subkutanspritzen gesehen. Er hat mich dann zusammen mit dem Oberarzt zur Rede gestellt. Der Oberarzt hat mich letztendlich aber trotzdem weiterarbeiten lassen, mit der Auflage, dass ich nur die leichten OPs bekomme. Und ich solle doch bitte meinen anstehenden Urlaub zu einem Entzug nutzen. Die Woche drauf beging ich dann den Fehler, innerhalb einer Woche bei der gleichen Apotheke zweimal zu bestellen. Kurze Zeit später klingelte mein Handy, es meldete sich die Ärztekammer. Noch am selben Tag musste ich dort auftauchen und wurde vor die Wahl gestellt: Approbationsentzug oder Rehabilitationsprogramm. Ich habe mich für das Programm entschieden - für mich die vierte stationäre Behandlung und der sechste Entzug.

 

> Seit dem Rehabilitationsprogramm der Ärztekammer bist du clean. Was war in dieser Therapie anders?

Vorher hatte ich nie das Ziel, clean zu werden, sondern immer nur kontrolliert zu konsumieren. Das Rehabilitationsprogramm war viel straffer als alle Therapien zuvor. Der Entzug und die Therapie fanden in den Oberbergkliniken statt, die auf suchtkranke Ärzte spezialisiert sind. Hier ging es endlich nicht nur darum, das Suchtmittel wegzulassen, sondern auch die Ursachen für den Konsum zu bekämpfen. 19 Wochen lang hatte ich von morgens bis abends Therapien. Nach der stationären Therapie musste ich der Ärztekammer zwei Jahre lang regelmäßig Haaranalysen vorlegen, ein Jahr lang eine ambulante Therapie machen, zwei Jahre lang nachweisen, dass ich in eine Selbsthilfegruppe gehe und Urinkontrollen vorlegen. Die regelmäßigen Kontrollen haben mir so eine Sicherheit gegeben, dass ich das noch fünf Jahre weitergeführt habe.

 

> Laut amerikanischen Studien sind etwa 8 Prozent aller Ärzte sind Suchtkrank. Warum so viele?

Das liegt an den hohen Arbeitszeiten, dem Stress und der Belastung durch die große Verantwortung. Oft sind auch niedergelassene Ärzte betroffen, weil sie es nicht schaffen, Arzt und BWLer gleichzeitig zu sein. Mit Alkohol kann man abends prima runterkommen. Und dann geht es irgendwann darum, die Entzugserscheinungen zu kontrollieren.

 

> Wann beginnt die Abhängigkeit im Schnitt?

Meist schon während der Uni, weil der Stress auch dort schon ziemlich hoch ist. Viele Studenten nehmen Betablocker um sich zu beruhigen oder Benzodiazepine zum Einschlafen.

 

> Warum holen sich Ärzte so spät Hilfe?

Unter Ärzten ist kaum bekannt, dass man sich anonym Hilfe holen kann und dass es für Ärzte spezielle Programme gibt. Dazu ist die Angst vor einem Approbationsverlust enorm. Deshalb kommen die meisten erst, wenn sie schon körperliche Symptome wie eine Fettleber oder Polyneuropathie haben.

 

> Wie könnte man präventiv einwirken?

Das Thema Suchterkrankungen sollte schon im Studium angesprochen werden. Dazu wäre ein Curriculum für Ärzte in Weiterbildung schön. Ich selbst gebe z.B. Kurse zum Thema Suchterkrankungen. Ob Student oder Arzt, jeder sollte eine gewisse Selbstführsorge betreiben. Man sollte die eigenen Grenzen kennen und auch mal Nein sagen, wenn es einem zu viel ist.

 

> Was für Strukturen bräuchte es in den Kliniken, um die Belastung der Ärzte zu minimieren?

Die Arbeitsstunden müssten reguliert und die Schichtdienste ordentlich ausgeglichen werden. Außerdem sollte es für Assistenzärzte eine strukturierte Einarbeitung geben und eine regelmäßige Supervision. Dazu sollten die Kliniken nicht auf Profit ausgerichtet sein. Diese Profitgeilheit übt einen unglaublichen Druck auf die Mitarbeiter aus.

 

> Wie soll ich reagieren, wenn ich einen Freund habe, der süchtig ist?

Immer offen ansprechen, aber niemals vorwurfsvoll oder anklagend. Am besten aus der „Ich-Perspektive, also etwa „ Ich sorge mich um dich…“. Man kann ihn ruhig immer wieder mal ansprechen, wenn der erste Versuch nichts bewirkt. Oder den Freund einfach mal an der Hand nehmen und zusammen zu einer Beratungsstelle gehen.

 

> Was wünschst du dir für deine Zukunft?

Dass ich die zufriedene Abstinenz halten kann. Das bedeutet, sich in Situationen wohlzufühlen, in denen ich früher konsumiert hätte, z.B. wenn ich abends alleine bin. Beruflich möchte ich meine Facharztprüfung für Allgemeinmedizin machen und mich dann im niedergelassenen Bereich um suchtkranke Patienten kümmern.

 

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