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  • Maren Hönig
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  • 16.06.2020

Warum es nicht ausreicht, Kranke zu heilen

Das Ziel des Medizinstudiums sollte nicht länger nur darin bestehen, Kranke zu heilen, Schmerzen zu lindern. Die Prävention von Krankheiten sollte eine ebenso große Rolle spielen.

 

„Gesundheit ist ein Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen.“

Allein den ersten Satz der wohl bekanntesten Definition über „Gesundheit“ der WHO aus dem Jahre 1948 zu zitieren reicht aus, um zu erkennen, dass „nicht nur das Freisein von Krankheit“ für die Menschen relevant ist. Es scheint in unserer Gesellschaft mehrere Faktoren zu geben, die das subjektive Empfinden von „Gesundheit“ ausmachen.

Als Medizinstudentin in Deutschland befinde ich mich auf einem Weg der Ausbildung, die mich eines Tages dazu befähigt, andere Menschen zu heilen. Als Ärztin kann ich dann die Krankheiten meiner Patienten abwenden, Medikamente verschreiben oder operative Maßnahmen ergreifen, um die Schmerzen oder das Leiden zu lindern oder bestenfalls zu beseitigen. Dies ist aber nur eine Betrachtungsweise. Eine andere könnte wie folgt lauten:
Als Medizinstudentin in Deutschland befinde ich mich auf einem Weg der Ausbildung, die es mir erlaubt, jegliche Vorgänge im menschlichen Körper nachzuvollziehen, physiologische Zustände zu kennen und die Relevanz ihrer einwandfreien Funktion zu verstehen und wertzuschätzen. Mein erklärtes Ziel sollte es sein, anderen Menschen, die nicht über jenes detailreiche, evidenzbasierte Wissen verfügen, die Kostbarkeit ihres eigenen Körpers klarzumachen und gemeinsam mit ihnen präventive Verhaltensmuster zu etablieren, die langfristig die physiologischen Vorgänge und somit die Gesundheit bewahren können.

Ein Mensch sucht in der Regel einen Arzt oder ein Krankenhaus immer dann auf, wenn es ihm schlecht
geht, wenn der aktuelle Zustand von der Norm abweicht. Diese Selbstverständlichkeit wird bereits durch die ureigenste Bezeichnung impliziert - „Kranken“-haus. Gesundheit bemerkt man im Alltag meist nur dann, wenn sie nicht mehr gegeben ist. Das Wissen um die Gesundheit existiert praktisch nur in ihrer tatsächlichen Abwesenheit. Wir vergessen, dass unser „normal“ eigentlich „gesund“ bedeutet.

Die sogenannten Vorsorgeuntersuchungen, Termine, die man in einer ärztlichen Einrichtung wahrnimmt, obwohl man gesund ist, dienen der Kontrolle, dass alles im Referenzbereich des physiologischen Normalzustandes ist. Auch hier ist „normal“ gleichgesetzt mit „gesund“.

Inzwischen gibt es unzählige Studien, die nahelegen, dass unsere heutzutage schnelllebige, stressreiche Lebensform, angefüllt mit hochverarbeiteten, oft unregelmäßig erfolgenden Mahlzeiten und fast ausschließlich sitzenden Tätigkeiten, den Grundstein für nahezu alle Leiden im fortschreitenden Alter legen. Dieses Problem ist evident. Vielleicht braucht es ein Umdenken, was unser neues "normal" werden sollte.

Wäre es nicht wünschenswert, ein bereits im Medizinstudium fußendes Konzept des Gesundheitsverständnisses zu schaffen, das sich wirklich auf die Gesundheit aller und nicht nur auf die der aktuell kranken Individuen erstreckt?

Noch gibt es kein „Gesundheitshaus“ oder ein „Haus der Prävention“, in dem speziell medizinisch ausgebildete Experten - Ärzte!!! - arbeiten. Unsere medizinische Expertise dahingehend zu nutzen, die Patienten, die im eigentlichen Wortsinn in diesem Moment noch gar keine Patienten („Leidenden“) sind, frühzeitig zu schulen, unterstützen und Bewusstsein zu schaffen für das, was „Gesundheit“ überhaupt bedeutet und wie man diese aufrecht erhalten kann. Diese Art der Prävention zu etablieren, würde in vielen Fällen dazu führen, als Arzt bereits die Ursachen behandeln zu können, nicht erst die Symptome.


Zwar liegt die Erkenntnis um die Relevanz des Gesundheitsbewusstseins letztlich bei jedem Einzelnen, aber wie soll diese bei den „Patienten“ wachsen, wenn sie von den (zukünftigen) Ärzten nicht gesät, gepflegt und gehegt wird?


Bereits im Medizinstudium könnte dieser Fokus stärker gesetzt werden und das Ziel nicht länger nur darin bestehen, Kranke zu heilen, Schmerzen zu lindern. Viel eher sollten wir bereits im Studium lernen, unser Wissen und entsprechende Gesprächsführung so anzuwenden, dass wir als fachkundige Berater jederzeit behilflich sein können, drohende Abweichungen des „Normal“-zustandes (vermeintlich gesund!) zu antizipieren und durch geeignete Prävention gemeinsam mit dem Patienten aktiv zu verhindern.


Genauso wenig wie allein „das Freisein von Krankheit und Gebrechen“ also zur Gesundheit des Menschen beiträgt, genauso wenig kann das bloße „Beseitigen von Krankheit und Gebrechen“ der langfristigen Aufrechterhaltung der Gesundheit dienen.

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