• Glosse
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  • Dr. Motz
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  • 21.06.2016

Dr. Motz auf Kreuzfahrt (I)

Eigentlich steht Dr. Motz auf Individualurlaub, Massenbetrieb hat er in der Klinik schon genug. Doch plötzlich findet er sich auf einem Dampfer mit 3000 Passagieren wieder.

 

 

Als Einzelgänger fühlt sich Dr. Motz in abgelegenen Berghütte oder einsamen Stränden am wohlsten. Da er im Krankenhaus freundlich seine ärztliche Dienstleisterservicerolle ausfüllen muss, ist er zum Erhalt seiner psychischen Gesundheit darauf angewiesen, im Urlaub jegliche gesellschaftliche Konventionen fallen zu lassen und ganz er selbst sein zu können.

 

Maritimer Fleischtransport

Doch diesen Sommer sitzt Dr. Motz zufällig auf einem 3.000 Seelen Kreuzfahrtschiff fest – dem Abbild all seiner Albträume. Zu seiner Überraschung ist die Stimmung auf diesem überdimensionierten Transporter von nacktem Fleisch in Bademode jedoch freundlich gelöst, gelassen und geduldig. Jedenfalls solange es nicht um den besten Liegenplatz am Sonnendeck geht. Dr. Motz unterstellt der Reederei, dass im Rahmen der Trinkwasseraufbereitung an Bord, dem Wasser eine Mischung aus Stimmungsaufhellern und Sedativa zugemischt wird. Möglich wäre das wohl, denn ärztliche Kompetenz dazu ist durch die Schiffsärzte vorhanden. In Komplizenschaft mit dem Sicherheits- und Umweltoffizier sind die Schiffsärzte für die hygienische Trinkwasserkontrolle als auch Unfallprophylaxe verantwortlich. Und so eine Bordapotheke ist gut ausgestattet.

 

Alkohol-Antidot?

Dr. Motz unterstellt seinen maritimen Kollegen noch weitere Einflussnahmen. Denn trotz All-Inclusive 24/7 Alkoholverfügbarkeit, sieht Dr. Motz weniger betrunken- grölende und ihrer Sinne nicht mehr mächtige Menschen an Bord, als besoffene Passanten an einem Sonntag Nachmittag in einer beliebigen Berliner U-Bahn. Entweder muss er den Barkeepern Unfähigkeit unterstellen (allerdings hat er diverse Cocktails zu seiner Zufriedenheit selbst getestet) oder es wird auch hier direkt ein Antidot untergemischt. Welches das ist, würde Dr. Motz gerne in Erfahrung bringen, allein schon für den Eigenbedarf.

 

Wahrnehmungsstörung am Buffet

Die verminderte Durchschlagskraft des Alkohols könnte allerdings auch an der magenfüllenden Futterbasis liegen, welche die C2 Resorbtion gastral retardiert. Essen steht immer und überall zur Verfügung. Und während Dr. Motz sich zu den Mahlzeiten jeweils nur einen Teller gestattet, amüsiert er sich über die Biggest-Looser-fähigen Kandidaten, die zwar am Wellness Buffet anstehen, von dort aber 4x in Folge prallgefüllte Teller an ihren Platz schleppen. Dort angekommen machen sie sich das fade Gemüse dieses Low-Fat-Buffets mit Ketchup und Remoulade schmackhaft.

Für Dr. Motz hat so eine Kreuzfahrt eine immens positiv psychologische Wirkung auf die eigene Körperwahrnehmung, denn inmitten all dieser über die Badehosenränder quellenden Fettmassen und der im Rhythmus der Wellen wogenden Doppelkinne, kommt er sich wahnsinnig schlank vor.

 

Tod durch Verdörren

So ungehemmt manche Passagiere dem Essen frönen, so maßlos ist auch ihr Sonnenhunger. Obwohl der Kapitän jeden Morgen den UV Index verbreitet und auf Sonnenschutz hinweist, leuchten Dr. Motz am Ende jeden Tages knallrote Glatzen, blasige Dekolletés und sonstige Körperteile in verschiedenen Stadien der Verbrennung an. Einige Passagiere schleppen sich mit letzter Kraft am Rollator aufs Sonnendeck, um dort dösend in halbsitzender Position mit auf die Brust gesacktem Kopf dem Tod durch Verdörren nahe zu kommen. Ab und zu hält Dr. Motz einen dieser Wannabe-Rosinen für erfolgreich, dann entdeckt er einen noch vorhandenen Muskeltonus der Krallenhand oder eine Atembewegung.

 

Risiko: Frau!

Ob an den Rollstuhl und Heimsauerstoff gebunden oder im Parkinsonmodus am Rollator trippelnd – Passagiere können gar nicht malade genug sein, um n i c h t an Bord gelassen zu werden. Der Schiffsarztkollege erklärt dem perplexen Dr. Motz, die Reederei fürchte sich vor dem Vorwurf der Diskriminierung und als Dienstleister müsse man jedem Willigen den Traum vom Urlaub erfüllen. Palliative Krebspatienten, die noch eine letzte (bzw. dann ja vorletzte) Reise antreten wollten, würden auch mitgenommen. An Bord sterben sollten sie dann aber tunlichst bitte doch nicht, das gäbe schlechte Presse und diplomatische Verwicklungen in internationalen Gewässern. In diesem Gespräch lernt Dr. Motz auch, dass bei der Mitnahme eines O2-pflichtigen Passagiers das größte Problem die mögliche Verwendung der Sauerstoffflasche als Bombe sei. Dazu erfährt er, dass die Antidiskriminierungsregel bei Frauen nicht greife: Schwangere werden nämlich ab der 24. SSW nicht mehr an Bord gelassen. Da sei das Risiko dann doch zu groß!

 

Zur Fortsetzung Teil 2

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