• Glosse
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  • Yvonne Kollrack
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  • 19.06.2007

Die Notarztjacke - Die Ritterrüstung des Arztes

Die Notarztjacke gehört zu den wunderbarsten Insignien eines Arztes. Insignien - das sind Symbole der Würde und der Macht. Die Notarztjacke ist keine Schutzkleidung, nein, sie ist eine Ritterrüstung. Trägt man sie, wächst man um mehrere Zentimeter. Nicht nur äußerlich. NOTARZT. Fett gedruckt steht es hinten drauf. Wer diese Jacke trägt, hat das Kommando.

 

Notarzt - Foto: Thieme Verlag

 

Wer sie trägt, ist plötzlich jemand, war er auch vorher noch so unscheinbar. Ist Autorität, ist Kompetenz, ist Würde in einer Person. Es ist wirklich so. Man wächst mit dieser Jacke und in ihr. Man wird kompetent, man bleibt ruhig. In jeder Lage. Wer, wenn nicht der NOTARZTjackenträger, soll ruhig und sicher bleiben, wenn alle auf ihn setzen? Sonst ist keiner mehr da. Der Notarzt ist allein da draußen.

 

Möge die Macht mit dir sein

Geburt im Rettungswagen? Noch nie vorher gemacht, geschweige denn gesehen - außer bei Emergency Room. Mit dieser Jacke - alles kein Problem. Diese Jacke gibt einem Selbstvertrauen. Die Botschaft, die hinten auf dem Rücken per Klettband angebracht ist, wächst nach innen und breitet sich dort aus. Möge die Macht mit dir sein, das sagt die Jacke, du schaffst das schon, habe nur Vertrauen. Wahrscheinlich steckt in jeder dieser Jacken ein kleiner Meister Joda.

 

Für Kitteltaschenbücher bleibt keine Zeit

Obwohl die Jacke an jeder Seite große Taschen besitzt, ist es daher gar nicht nötig, diese mit Klinikleitfäden oder Memorixen zum schnellen Nachschlagen zu befüllen. Dafür bleibt sowieso keine Zeit. Die kostbaren Bücher würden nur dem Risiko ausgesetzt mit allerlei ekligen Flüssigkeiten in Kontakt zu kommen. Besser statte man die Taschen mit Handschuhen aus, dem eigenen Stauschlauch, Kugelschreibern und etwas Kleingeld, um nach gelungenem Einsatz mit den Jungs vom DRK Currywurst essen gehen zu können.

 

Souverän mit eingehakten Händen

Am allerbesten ist es im Sommer, dann kann man die Ärmel der Notarztjacke praktischerweise per Doppelreißverschluß abtrennen. Man erhält eine Weste, an der man sich noch besser festhalten kann als an der Jackenform. Denn meist haben die Hersteller und verwaltenden Besteller eines Rettungsdienstes wohl große starke kräftige Kerle vor Augen, wenn sie an den Notarzt denken. Daher ist die kleinste zu erwischende Größe in einem Krankenhaus die Größe L. Und die hat so wunderbar große Ärmelausschnitte, dass man sich als M- oder S- Person in ihnen mit beiden Händen einhaken kann. Das macht einen sehr souveränen Eindruck.

Haben Sie mal versucht, einen Notarztjackenträger mit Blitzlicht zu fotografieren? Da an der Jacke aus Sicherheitsgründen reflektierende Streifen angebracht sind, ergeben sich die schönsten Lichteffekte. Auch die sehr abwechslungsreiche farbige Gestaltung könnte Thema einer Ausstellung moderner Kunst sein. Diese Jacke taugt sogar zum Kunstobjekt.

 

Verwechslung ausgeschlossen

Ein weiterer wichtiger Vorteil der Jacke: Drauf steht was drin ist! Was ist schon ein weißer Kittel, den trägt heutzutage jeder. Sei es die MTA, die Physiotherapeutin, die Küchenhilfe, weiß schauen in einem Krankenhaus eh alle aus. Also ist dies sehr verwirrend für die Patienten. Daher haben Patienten eine ungeschriebene Regel aufgestellt: Alles, was weiß trägt und männlich ist, ist ein Arzt, alles weibliche eine Krankenschwester. Und dem schiebt die Jacke endlich einen Riegel vor! Unübersehbar steht auf ihr geschrieben: NOTARZT! Schluss mit dem Ärgern über den immer wieder, regelmäßig mindestens drei mal täglich zu hörenden Anruf an eine weibliche Stationsärztin "Schwester (sprich: Schwestäää), ich muss gaaanz dringend auf den Topf!"

Davon abgesehen, wagt es kein Patient, noch nicht einmal die konservativste Omi vom hintersten Dorf mit Dutt und siebenfacher Unterwäscheschichtung, jemanden in einer so schönen, Wichtigkeit ausstrahlenden Jacke wegen einer Bettschüssel anzusprechen.

 

... und das vollkommene Glück

Und wenn der Arbeitgeber seinem Notarztpersonal ganz besonders gewogen ist, dann hat er sogar Mädchen- und Jungenjacken! Nicht das die ersteren rosa statt rot wären, aber dafür steht sogar Notärztin darauf geschrieben. Was will man mehr? Das ist echtes Glück.

 

 


 

Leserkommentare

Absolut cool!

Danke für diesen Artikel! Ich habe richtig gelacht und ich finde, er ist vor allem eines: absolut cool. Nie wieder "Schwestäää, kommt denn kein Arzt um mich aufzunehmen?" Maren Oldörp

Reschpeckt

Ein literarisches Bonbon mit Schmunzeleffekt...; ist die Macht mit der Kollegin? Wirklich klasse, habe herzhaft gelacht!!! Farzt E.

Mehr davon!

Viele witzige Details, gut beobachtet und mit der nötigen Schärfe gewürzt. Ein absoluter Lesespaß. Mehr davon! Patricia Hertel

Einfach Spitze

... haben herzlich gelacht. Wir gratulieren Frau Dr. Kollrack zu dieser humorvollen Arbeit! Paul und Ursula Schwedes

Vieles wahr, einges überzeichnet

Es bringt einen zum Schmunzeln, was da geschrieben steht. Insgesamt stimme ich nur teilweise zu, jedoch ist sehr amüsant zu lesen. Um jedoch den Status einer solche Jacke auch zu repräsentieren, bedarf es viel Zeit, vieler Einsätze und innerer Größe.
Dr. Robert Kleinstäuber

Auf der Suche nach dem heiligen Gral ...

Ein Spitzen-Artikel! Lieber Dr. K., versteht sich wohl von selbst, dass der Artikel nicht vollkommen ernst gemeint ist. Und es schadet nicht, wenn in Extremsituationen die Sicherheit, die durch das Auftauchen der Jacke am Notfallort vermittelt wird, auch wieder auf den Träger zurückfällt... ;-)
Dr. Bor

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