• Glosse
  • |
  • Tina Wasner
  • |
  • 18.01.2016

Vaseline & Co. - Never change a running system

Die gute alte Vaseline – auch in der Klinik unverzichtbar. Auch PJlerin Tina schätzt die gleitende Creme. Nur diesmal ist bei der Anwendung irgendwas anders ...

 

Foto: grafikplusfoto/Fotolia.com

 

Tatort Bundeswehrkrankenhaus, 16.00 Uhr. Wieder mal einer dieser Tage, an denen nach 8 Stunden Strammstehen im OP die von Muttern vererbten Varizen kurz vor dem Explodieren sind. Am liebsten würde man jetzt den Nachhauseweg antreten, um sich den profanen Dingen des Lebens wie Nahrungsaufnahme, Körperhygiene, stundenlangem Telefonieren mit der besten Freundin oder ähnlich ergötzenden Handlungen hinzugeben.

 

Eben all jenem, was dem persönlichen Wohlbefinden dient und seit dem frühen Morgen, ja eigentlich schon die ganze Woche über kläglich vernachlässigt worden ist. Doch pflichtbewusst, wie man als junge, dynamische Famulantin ja nun mal ist, entschließt man sich kurzerhand doch noch für die letzte barmherzige Tat des Tages und nimmt dem überaus charmanten, attraktiven PJler mit den bernsteinfarbenen Augen die letzte Aufnahme des Tages ab. Schließlich könnte dafür zur Belohnung ja noch ein Fachgespräch unter vier Augen herausspringen - man weiß ja nie.

 

Fragen, die man nicht einmal seiner Großmutter stellen würde

So schreitet man also zum Äußersten, greift sich Anamnesebogen, Reflexhammer und Stethoskop, betritt mit einem professionellen Lächeln Zimmer 46 und stellt sich der Begegnung: Jung-und-unerfahren trifft Skeptisch-und-privatversichert - schon da sollte man wissen, es kann eigentlich nicht gut gehen...

Es folgt das Übliche. Nach schonungslosen Fragen zu Alkoholkonsum, Zigarettenverschleiß, Blasenschwäche, Stuhlkonsistenz und ähnlich appetitlichen Dingen, nach denen man sich für gewöhnlich nicht einmal bei seiner Großmutter erkundigen würde, geht es ans Eingemachte: Man rückt dem hilflosen Gegenüber auch noch körperlich nahe. Wäre da nicht der eigene weiße Kittel, dieser Freibrief für hemmungsloses Nachforschen in den Untiefen des Intimbereichs von Herrn M., hätte einen der gute Mensch dort in seinem Kunstseide-Pyjama - von seiner fürsorglichen Frau Mama noch eben rechtzeitig vor der stationären Aufnahme besorgt - längst aus dem Raum geschmissen. So aber muss es sich der 35-jährige Kandidat für eine Metallentfernung ohne Murren gefallen lassen, dass ihm eine 22-Jährige scheinbar ziellos auf der Kniescheibe herumhämmert und ihm nebenbei ein spindelförmiges 2/6-Systolikum über der Aortenklappe diagnostiziert, von dem bislang nicht einmal sein Hausarzt wusste. Auch die Leber muss vor der eindringlichen Palpation der Famulanten-Hände einmal mehr als 9 cm in MCL gemessen haben, aber was macht das schon - Hauptsache, der Anamnesebogen ist säuberlich ausgefüllt.

 

Schadenfreude glitzert in den Augen

Nun ist es fast überstanden, fast könnten Täter und Opfer unbescholten von dannen ziehen. Doch gibt es da noch diese eine klitzekleine Handlung, auf die - gehässig wie sie sind - besonders PJler pochen, die selbst gerade erst den Studenten-Status abgelegt haben und nun mit Häme die Qualen der Jüngeren beobachten. Qualen, denen sie, die frisch Teilapprobierten und folglich um Welten Erfahreneren, versteht sich, soeben erst entronnen sind. Was nicht heißen soll, dass ein Arzt mit Anbeginn seines wahren Berufslebens nie wieder zum Gummifingerling greifen wird. Nein, aber die Schadenfreude, die diesen freundlichen Vorgesetzten jedesmal in den Augen glitzert, wenn sie ihren Nachwuchs zur regelmäßigen und vor allem gründlichen Rektaluntersuchung einer jeden Neuaufnahme ermahnen, ist immer wieder frappierend.

Man hat also dazugelernt und fragt, um vielleicht doch noch das Schlimmste abzuwenden, den Patienten höflichst, ob er denn noch eine Vorsorge in diesem Bereich wünsche - und wünscht sich selbst in diesem Moment nichts mehr als ein entrüstetes "Nein!" seines Gegenübers. Vielleicht hätte man den Erfinder der Suggestivfrage vorher noch einmal nach deren effektiveren Formulierung fragen sollen, doch jetzt ist alles zu spät: Herr M., Hypochonder seines Zeichens, willigt fast erleichtert ein. Man solle bloß nichts übersehen, meint er. Wie schön, dass es in diesem Hause einen solchen Rundum-Service gebe...

 

Wo ist die verhasste Paste?

Zähneknirschend schlurft man also aus dem Raum und macht sich auf die Suche nach der guten alten Vaseline. Innerlich malt man sich bereits mit Widerwillen die doppeltbehandschuhten Szenen der nächsten Minuten aus. Doch nicht nur, dass einen jetzt schon Alpträume plagen, nein, zu allem Überfluss lässt sich auch noch die verhasste Paste nirgendwo auftreiben. Ein ganz besonders eifriger Zeitgenosse muss sie wohl bereits bis auf die letzten Mikrogramm aus der Tube gequetscht und sinnvoll an den Mann gebracht haben... Allein der Gedanke...

Da schon genug Zeit verloren gegangen ist und der Essenstrieb mittlerweile animalische Formen angenommen hat, wird nicht mehr lange herumgefackelt, sondern die Schublade des Pflegewagens geöffnet und nach vergleichbaren Materialien durchforstet. Die Finalgon immerhin noch geistreich zur Seite gelegt, entscheidet man sich schließlich für die Tube mit der Aufschrift "Colo"-irgendwas. Fast vergessene Terminologie-Kenntnisse drängen sich in diesem Moment auf und lassen einen treffsicher den Wortstamm Kolon erkennen. Das muss folglich ein probates Mittel sein und ein würdiger Ersatz für die unauffindbare Vaseline noch dazu.

 

Nur keine Blöße zeigen

Fünf Minuten intensiven Gummihandschuh-Kampfes und drei fingergymnastische Drehbewegungen später verkündet Herr M., es sei doch etwas unangenehm. Ob das denn immer so brenne, fragt er. Und während man um plausible Erklärungen ringt, die Fingergymnastik dabei immer noch unbeirrt fortsetzend, hat man tatsächlich durch die eigenen Handschuhe hindurch selbst plötzlich das merkwürdige Gefühl von krümeliger Peeling-Creme oder schlecht durchmischtem Bircher-Müsli. Jetzt aber bloß nicht aufgeben, sagt man sich. Nur keine Blöße zeigen, Müsli hin oder her - das Ganze darf schließlich nicht umsonst gewesen sein. Und da sind sie auch endlich: ein paar Marisken für die Verzierung des Anamnesebogens. Unerheblich in ihrer Art, aber immerhin.

Zur allgemeinen Erleichterung kann die beiderseitige Tortur beendet werden. Herr M. hat nun auch wirklich keine Lust mehr. Vorsorge hat er sich etwas feinfühliger vorgestellt. Man empfiehlt dem Gebeutelten noch kurz, nachher auf der Toilette eben besondere Hygiene zu betreiben, vielleicht zu gegebenem Anlass auch einmal einen Waschlappen zu bemühen und zieht entnervt von dannen. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, sagt man sich noch, kurz bevor die Tür hinter einem zufällt.

 

Die Blicke von der Nachtschwester könnten töten

Am nächsten Morgen begibt man sich nichtsahnend auf Station und verschont auch Zimmer 46 nicht vor der allmorgendlichen Blutabnahme. Eine schlechte Nacht, habe er gehabt, sagt Herr M. Erst habe es noch gejuckt, aber dann sei alles wie verklebt gewesen und brannte höllisch. Da habe selbst mehrmaliges Waschen und Frottieren nicht geholfen. Das habe auch die Schwester gemeint, als er sie um 4 Uhr in der Nacht zum dritten Mal gerufen habe. Bevor er womöglich noch unangenehme Fragen stellt, bringt man die Blutabnahme flugs zu Ende und rettet sich auf den Gang.

Nun doch leicht verwirrt angesichts dieser Berichterstattung betritt man daraufhin das Stationszimmer - und sieht sich den ersten fragenden Gesichtern gegenüber. Die Nachtschwester wirft eher Blicke, die töten könnten, während sich der PJler mit den bernsteinfarbenen Augen ein Grinsen bis über beide Ohren nicht verkneifen kann. Immerhin besitzt er die unendliche Güte, das Thema auf später zu vertagen und begnügt sich bis dahin mit einer vielsagenden Mimik.

 

Glücklicherweise hat der Chef keine Zeit!

Kurze Zeit darauf schätzt man sich zum ersten Mal glücklich, das letzte Glied in der 15-köpfigen Armee visitierender Weißkittel zu sein. Denn wie üblich bekommt man von dort hinten nicht mit, was da vorn am Bett geschieht. So dringen auch die vermutlichen Wehklagen in Zimmer 46 nicht bis zum eigenen Ohr vor. Zeitpunkt und Position wären jetzt noch günstig, um fast unbemerkt die Flucht zu ergreifen, bevor man an diesem Morgen erstmalig nach vorn zur Führungsspitze gebeten wird, um gewisse Erklärungen abgeben zu dürfen - und dieses Schicksal scheint unabwendbar. Doch zur Überraschung aller Mitwissenden passiert nichts dergleichen. Herr Prof. Dr. G. hat nämlich auch heute wieder nur sehr wenig Zeit mitgebracht, und so kann Herr M. in seinem Kunstseide-Pyjama gar nicht detailliert davon berichten, wer oder was ihm heute nacht seinen kostbaren Schlaf geraubt hat... Im Grunde interessiert die Anwesenden sowieso nur sein Metall, auf dessen Entfernung in diesem Moment sechs angehende Jungchirurgen lechzen, die allesamt ihren Katalog um einen diffizilen Eingriff erweitern wollen.

Was bleibt nach vollendeter Visite, sind lediglich die Schweißperlen auf der eigenen Stirn und das dämonische Grinsen des angebeteten PJlers, der einem anstelle des ersehnten Fachgesprächs eine kurze Einführung zum Thema "Befestigung von Beuteln künstlicher Darmausgänge mit dem hautverträglichen Klebstoff COLOPLAST" widmet...

 

Die Moral von der Geschicht

Und die Moral zu guter Letzt -
merkt's Euch, Kinders, hier und jetzt:
Bringt niemals fremde Sälbchen ein,
denn es könnte Klebstoff sein!
Und, auch das sagt die Geschicht':
Für PJler lohnt's zweimal nicht!

Mein Studienort

44 Uni Städte:
Medizinstudenten berichten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 150 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete
Cookie-Einstellungen