• Interview
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  • Margarete Naser
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  • 05.11.2015

Warum verlieren wir beim Einschlafen das Bewusstsein?

Prüfungsangst ist eine fiese Sache. Doch solange die Angst nicht pathologisch ist, funktioniert eine Lösung fast immer: Licht aus, hinlegen und – schlafen! Prompt sind alle Sorgen wie weggebeamt. Wie macht unser Gehirn das? Diese Frage stellten wir Dr. Philipp Sämann, Neurologe am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und Mitglied der Arbeitsgruppe Neuroimaging.

Schlafen - Foto: Robert Kneschke/Fotolia.com

Aus dem Schlaf aufzuwachen ist ein komplexer Vorgang. Foto: Robert Kneschke/Fotolia.com

> Welche Hirnregionen werden beim Einschlafen abgeschaltet?

P. Sämann: Wir haben in einer Studie bei 25 Probanden während des Einschlafens MRT-Bilder des Gehirns gemacht. Dabei haben wir uns bei der Analyse auf das Default-Mode-Netzwerk (DMN) konzentriert. Das DMN repräsentiert Regionen, die in Ruhe aktiv sind, eng zusammenarbeiten und auf Reize synchron reagieren. Beschäftigt sich ein Mensch konzentriert mit einer Aufgabe, ist das DMN eher inaktiv. Beim Einschlafen fällt auf, dass das DMN in seine Einzelteile zerfällt. Je nach Schlaftiefe klinken sich einige seiner Komponenten aus. Gleich zu Beginn lässt die Aktivität des für das Gedächtnis wichtigen Hippocampus und später dann auch des im parietalen Kortex liegenden posterioren Cingulums nach. In tieferen Schlafstadien schaltet sich zunehmend der für bewusste Steuerungsprozesse wichtige frontale Kortex aus. 

 

> Welcher dieser „Abschaltvorgänge“ ist dafür verantwortlich, dass wir beim Einschlafen das Bewusstsein verlieren?

P. Sämann: Es gibt keinen speziellen und einzelnen Ort im Gehirn, an dem unser Bewusstsein steckt. Aspekte von Bewusstsein wie Orientierung zu Zeit, Ort, zur Situation und zur Person werden durch ein kompliziertes Zusammenspiel mehrerer Netzwerke verursacht. Interessant ist aber, dass Menschen bei einem Infarkt oder Tumor im Bereich des Thalamus oder im posterioren Cingulum ins Koma fallen können. Beides sind Regionen, die auch als Erstes beim Einschlafvorgang herunterreguliert oder durch Narkotika gedämpft werden. Das bedeutet, dass die Intaktheit dieser beiden Regionen für Wachheit und Bewusstsein entscheidend ist. 

 

> Wie wacht man eigentlich wieder auf?

P. Sämann: Das Aufwachen ist eine komplexe Angelegenheit. Das Gehirn muss aus dem Zustand des Schlafens innerhalb von Sekunden einen bewusstseinsklaren und orientierten Zustand erreichen. Dabei hilft möglicherweise das Antikorrelierte Netzwerk (ACN) – ein Gegenspieler des DMN –, aber auch der Thalamus, der die Schaltstelle zwischen allen Netzwerken ist. Das ACN verbindet Regionen, die z. B. beim Lösen von Rechenaufgaben aktiviert werden. Wir vermuten, dass auch im Tiefschlaf ein Teil des ACN aktiv bleibt und die Ansprechbarkeit des Gehirns auf äußere Reize erhält – wie z. B. den Wecker zu hören. Bei pathologischen Vigilanzminderungen, wie einem Koma, ist dieser Vorgang eingefroren. Dann kann man das Gehirn durch einen Weckreiz, beispielsweise Schmerz, nicht mehr in den Wachzustand bringen. 

 

> Schläft jemand, der schlafwandelt, tatsächlich – oder ist er wach?

P. Sämann: Das Schlafwandeln ist ein Zwischenzustand. Zwar funktionieren typische Handlungen einer wachen Person, wie das Herumwandeln. Es fehlen aber die Orientierung, die Dialog- und die Reaktionsfähigkeit. Leider lässt sich dieser spannende Mischzustand aus naheliegenden Gründen mit der Kernspintomografie aber nur schwer untersuchen ...

 

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