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  • Felix Hutmacher
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  • 01.04.2020

Ein Muss, so ein Erasmus

Ein Erasmus-Semester hat den Ruf, vor allem als Partysemester abgefeiert zu werden. Ein Medizinstudium wiederum gilt als harte Schule. Was also erwartet einen, wenn man für ein Semester im Ausland Medizin studiert? Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

„Bist du Ausländer?“, fragte mich der etwa fünfjährige Junge, der mir am Schreibtisch gegenübersaß. „Ja“, sagte ich, und dachte mir: Verdammt, wo habe ich jetzt schon wieder einen Fehler gemacht? Französisch ist kompliziert, und Kinder sind gnadenlos. „Bist du Chinese?“, fragte er weiter. Nun hatte er auch noch meine kleinen Augen bemerkt. Ich hatte nicht gut geschlafen.


Das allerdings hatte wenig damit zu tun, dass ich abends zuvor meinem ausgeprägten Partyleben gefrönt hätte. In den ersten drei Wochen meines Erasmus-Semesters in Nizza war ich viel unterwegs, um Freunde zu finden. Angesichts der großen Zahl an internationalen Studenten war das kein Problem. Und sobald ich mein Grüppchen gefunden hatte, ging ich schnell zu anderen Aktivitäten über.

Die Côte d’Azur bietet beste Bedingungen für alle Arten von Outdoor-Aktivitäten: Wandern, Radfahren und Joggen zum Beispiel sind angesichts des selbst im Winter warmen und sehr schönen Wetters eigentlich ständig möglich. Nizza liegt zwischen Bergen und Meer: In zehn Minuten ist man am Strand, in einer Stunde ist man in den Alpen.

Man könnte also im Winter sogar Skifahren. Könnte, wohlgemerkt, denn die Arbeitszeiten eines Medizinstudierenden lassen dies selten zu. Man arbeitet in Frankreich jeden Tag von acht bis zwölf Uhr auf einer Station, der Einsatzort wechselt alle zwei Monate. Danach sind noch Vorlesungen und Seminare angesetzt. Auch am Wochenende und in der Nacht gibt es Dienste zu besetzen. Für Erasmus-Studenten ist dies freiwillig.

In seinen Diensten arbeitet man selbstständig – beispielsweise hatte ich in der Kindernotaufnahme meine eigenen Patienten, die ich dann einem Oberarzt vorgestellt habe. Die Medizinstudierenden in Frankreich stehen noch zusätzlich unter Druck, denn sie befinden sich in ständiger Konkurrenz zu ihren KommilitonInnen: Der Concours, in den alle Studienleistungen einfließen, entscheidet darüber, welchen Facharzt man am Ende wo machen darf. Da außerdem Assistenzärzte im ersten Jahr ein mickriges Nettogehalt von etwa 1200 Euro verdienen, verflüchtigt sich der Gedanke sehr schnell, nach dem Studium vielleicht in Frankreich tätig werden zu wollen.

Auch kann man manchmal an der französischen Lebensart etwas verzweifeln: In den sechs Monaten, die ich in Frankreich war, gab es keinen ohne Streiks. Und die französische Bahn hat es geschafft, mir Tickets im Wert von fast einhundert Euro noch immer nicht zu erstatten, obwohl meine Züge wegen der Ausstände einfach nicht gefahren sind. Mittlerweile verstehe ich, warum mein französischer Mitbewohner nur die Augenbrauen hochzog und sagte: Die halten dich so lange hin, bis du es vergessen hast, als ich das Erstattungsformular ausfüllte.

Dennoch lohnt es sich, für ein halbes (oder auch ein ganzes Jahr) nach Frankreich zu gehen: Je nach Wahl der Praktika und Klausuren bleibt einem als Erasmus-Student genug Zeit, die Umgegend zu entdecken. Wenn man von einem gewissen Ausgangsniveau startet, lernt man die Sprache schnell besser zu verstehen und zu sprechen. Und vielleicht kann man ja am Ende die Sprache auch so gut, dass man zwar noch für einen Ausländer gehalten wird. Aber vielleicht nicht mehr gleich für einen Erdenbürger von einem ganz anderen Kontinent.

 

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