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  • Anne Grosch
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  • 18.01.2018

Forschungsaufenthalt in den USA

Wenn man im Medizinstudium mal etwas frische Luft schnuppern möchte, gibt es viele Möglichkeiten dies umzusetzen. Von Auslandsfamulaturen und PJ-Auslandsrotationen bis hin zu Erasmus und Urlaubssemestern. Ich habe für mich für einen Forschungsaufenthalt in Boston entschieden und möchte meine Erfahrungen mit euch teilen.

Die Bewerbung

Ich wollte Auslands- und Forschungserfahrungen sammeln, also habe ich mich auf eine Ausschreibung in der Fachrichtung Radiologie beworben. Diese Ausschreibung wurde über den E-Mail-Verteiler versendet und war für einen US-Aufenthalt von 6 Monaten im Rahmen einer Promotionsarbeit ausgelegt. Nachdem ich meine Bewerbungsunterlagen eingereicht und am Auswahlgespräch teilgenommen hatte, wurde mir allerdings klar, dass das angedachte Forschungsprojekt nicht vollends mein Interessensgebiet traf. Ich habe dies dann dem Verantwortlichen mitgeteilt und dieser erwies sich als sehr verständnisvoll und unterstützend. Er vermittelte mich an eine Kollegin weiter, welche mit dem Massachusetts General Hospital (MGH) kooperiert. Das Projekt dieser Forschungsgruppe wies große Überschneidungen mit meinem Promotionsthema auf, sodass ich meine Bewerbungsunterlagen beim MGH einreichte und voller Hoffnung auf die Antwort wartete.

 

Die Förderung

Als ich die Zusage des MGH erhalten hatte, ging es für mich an den zweiten großen Schritt – die Förderung. Die Lebensunterhaltungskosten in den Vereinigten Staaten sind sehr hoch und zusammen mit den Kosten für die Flüge, Unternehmungen, Versicherung, Visum etc. war für mich sehr schnell der Bereich des Unbezahlbaren erreicht. Es war schwierig ein geeignetes Förderprogramm zu finden, da für die meisten Förderprogramme ein Auslandsaufenthalt mit einer Promotion verbunden sein muss. Das war ja bei mir nicht der Fall, weil ich meine Promotionsarbeit schon vorher durchgeführt hatte. Aus diesem Grund habe ich mich dann lediglich bei einem Förderprogramm beworben, welches ich glücklicherweise auch bekommen habe.

 

Das Visum

Das Visum war bei mir mit Abstand der schwierigste Schritt. Mit der Absicht eines Forschungsaufenthaltes habe ich ein J-1 short-term scholar angestrebt. Doch hierfür haben die Vereinigten Staaten in den letzten Jahren die Anforderungen geändert, sodass ich einen Bachelor-Abschluss oder höheren Abschluss vorweisen sollte. Diesen konnte ich aber nicht vorweisen, weil das Medizinstudium mein Erststudium ist. Auch eine Äquivalenzbescheinigung zum Bachelor, die von der Fakultätsleitung meiner Universität ausgestellt wurde, hat nicht ausgereicht, um ein solches Visum zu erwerben. Nach einigem Hin und Her ist die Gastuniversität dann auf ein J-1 trainee intern umgeschwenkt, wofür ich keinen solchen Abschluss benötigte. Der Versand aller notwendigen Dokumente der Gastuniversität sowie die Schritte danach gingen dann vergleichsweise schnell. Der Versand dauerte circa 1 Woche, der nächste freie Termin beim Konsulat war 3 Tage später und 2 weitere Tage danach erhielt ich meinen Pass mit dem Visum per Post. Alles in allem hat der Visumsprozess bei mir fast 5 Monate gedauert, wodurch sich mein Startdatum am MGH auch um 2 Monate nach hinten verschoben hat.

 

Die Wohnung

Die Wohnungssuche war schwieriger als erwartet. Mir war es wichtig eine schnelle Anbindung zum MGH zu haben, ein vollmöbliertes Zimmer zu mieten und dabei einen noch vertretbaren Mietpreis zu zahlen. Nachdem ich die Zusage vom MGH erhalten hatte, habe ich sofort mit der Suche angefangen und habe die ersten paar Monate damit verbracht auf Portalen und Gruppen einiger Websites Wohnungsanfragen zu stellen. Als internationaler Interessent war ich aber leider nicht die erste Wahl und selbst nach einigen Skype Gesprächen, hatte ich noch immer keine Zusage. Erschwerend kam noch hinzu, dass viele Vermieter einen Mietvertrag über ein Jahr vorausgesetzt haben und ich nur für 6 Monate bleiben wollte. Glücklicherweise hat mir dann ein Freund, der selbst vor einiger Zeit in Boston gelebt hatte, ein Zimmer in einer WG vermittelt. Das Apartment befand sich nur wenige hundert Meter von dem MGH entfernt und besaß 5 Zimmer, welche kurz- oder auch längerfristig an internationale, junge Mediziner vermietet wurden. Dies war das optimale Angebot für mich.

 

Endlich angekommen

Nachdem ich all die Hürden überwunden hatte, habe ich sehr schnell gemerkt, wie sehr sich der ganze Stress gelohnt hat. Die Vorzüge meines Austausches waren groß und ich habe auf vielen Ebenen neue Werte gelernt. Im Vordergrund stand bei mir die praktische Erfahrung. Ich habe große Einblicke in Studienplanungen und -durchführungen gewonnen, konnte regelmäßig an Tumor Boards und Grand Rounds teilnehmen und was mir ganz besonders gefallen hat: die Mediziner haben sich Zeit genommen mir Hintergründe zu erklären. Da ich nicht den Druck hatte eine Promotionsarbeit fertigzustellen, konnte ich meine Zeit frei planen und demnach vielen verschiedenen Forschern über die Schulter sehen. Dadurch konnte ich mir einige grundlegende experimentelle Methoden aneignen und bemerkenswerte Persönlichkeiten kennenlernen. Gleichzeitig hatte ich aber auch genug Zeit, um Boston und die Umgebung zu erkunden und tolle Unternehmungen zu machen. Meine Mitbewohner waren super liebenswürdig und wir haben zusammen viele schöne Momente erlebt. Ich hatte einen tollen Ausgleich zwischen Arbeitspensum und Freizeit und war begeistert von den vielen neuen Eindrücken.

 

Fazit

Es gab viele Hürden zu bewältigen, aber schlussendlich war es eine unersetzbare Erfahrung für mich. Ich denke, dieser Auslandsaufenthalt hat meine Persönlichkeit gestärkt, mir neue Wege aufzeigt und mir vor allem viele wertvolle Erfahrungen für die Zukunft mitgegeben. Boston ist eine tolle Stadt direkt am Meer und man kann tolle Kurztrips nach New York City, Washington DC und Montreal planen. Ich hatte eine einmalige, wunderschöne Zeit am anderen Ende der Welt und ich kann jedem, der mit dem Gedanken eines solchen Forschungsaufenthaltes spielt, nur empfehlen es zu wagen – es lohnt sich!

 

 

 

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