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  • Daniela Erhard
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  • 28.03.2017

Idealismus allein genügt nicht

Libusa wollte als Ärztin dort arbeiten, wo Menschen sich aufgrund von Armut nicht selbst helfen können. Sie machte sich auf in den Süden des Niger – und musste erschütternd feststellen, wie schlimm die medizinische Situation dort tatsächlich ist.

Um Himmels Willen, wie soll ich hier zurechtkommen? Diese Frage stellt sich Libusa Galuschka immer wieder, als sie am Abend in ihrer kleinen Rundhütte sitzt und die letzten Stunden Revue passieren lässt. Es war ihr erster Arbeitstag im Niger, und noch nie hatte sie so viele Kinder ums Überleben kämpfen gesehen. Dabei war die Kinderärztin aus Lüneburg voller Überzeugung in ihren Hilfseinsatz gestartet: Sie wollte als Ärztin dort arbeiten, wo Menschen sich aufgrund von Armut oder Naturkatastrophen nicht selbst helfen können. Für Galuschka eine Frage der Gerechtigkeit. „Wir haben hier alle Möglichkeiten, können zum Beispiel für Tausende von Euro Frühchen durchbringen“, sagt sie. „Doch in anderen Teilen der Erde ist das Leben genauso viel wert – es fehlen nur die Mittel, es zu erhalten.“

 

Vorbereitung

Theoretisch hatte Libusa Galuschka gewusst, was auf sie zukam, als sie im Januar 2010 für Ärzte ohne Grenzen nach Zinder im Süden des Niger aufbrach. Die Hilfsorganisation hatte sie intensiv vorbereitet. Allgemeines in Berlin, Grundlagen in Holland und projektbezogene Behandlungsrichtlinien in Genf – mit jedem Mal spezifischer auf ihren Einsatz zugeschnitten.

Galuschka würde schwer unterernährte Kinder behandeln, wie man sie aus den Broschüren vieler Hilfswerke kennt: Jungen und Mädchen mit dünnen Ärmchen und Beinchen und aufgeblähtem Hungerbauch. Sie würde ihnen mit Medikamenten und Spezialkost wieder eine Überlebenschance geben. „Einen 2-tägigen Zwischenstopp in Niamey habe ich genutzt, um das ,Protokoll für die Behandlung der schweren Unterernährung und ihrer medizinischen Komplikationen im Kindesalter' zu verinnerlichen.“

 

Landung in der Realität

Was die Ärztin dann in den Zelten des Centre de récupération nutritionelle intensif – kurz: CRENI – erlebt, nimmt ihr anfangs ein wenig den Mut. „An der Vorbereitung hat es nicht gelegen“, versichert Galuschka. Die habe ihr sehr geholfen. Aber es sei einfach alles neu gewesen. Besonders die Umstellung von der gewohnten Maximalversorgung auf eine runtergeschraubte Diagnostik macht ihr zu schaffen. „Um zum Beispiel herauszufinden, warum ein Kind komatös war, hatten wir außer Abtasten, Abhören und so weiter ein Blutzuckermessgerät, die Hämoglobin-Messung, einen Urintest und einen Malariaschnelltest. Das war's.“ In Ausnahmefällen steht eine einfache Blutanalyse oder eine Röntgenaufnahme im örtlichen Krankenhaus zur Verfügung. In ganz großen Ausnahmen sogar eine Ultraschalluntersuchung – „wenn das Gerät funktioniert“, fügt Galuschka an. „Doch so war es eben. Das musste ich akzeptieren.“

 

Rätselraten

Auch die Anamnese gestaltet sich kompliziert. Externe Krankenakten gibt es nicht, „die Mütter können häufig ebenfalls nur wenig Informationen beitragen“, so Galuschka. Oder die Auskünfte kommen erst nach und nach, wenn die Kinder schon längst in Behandlung sind: Ja, sie habe mal rosa Tabletten genommen, dann aber auch nicht mehr, berichtet eine der Mütter eines Tages. Galuschka ist sich sicher: „Ein Indiz für eine begonnene Tuberkulosetherapie.“ Immerhin. Doch Genaueres weiß niemand. „Am Ende stellte sich heraus, dass ihr Mann und 6 ihrer Kinder bereits verstorben waren“, sagt die Ärztin. Das 7. Kind, eine Tochter, liegt seit 2 Wochen auf der Intensivstation des Zeltkrankenhauses.

„Fassouma war 3 Jahre alt und wog gerade einmal 5,5 Kilo. Sie hatte Durchfall und erbrach, die Medikamente schlugen nicht an – eigentlich schien ihr Fall hoffnungslos“, erzählt Galuschka. Nun starten die Ärzte bei Fassouma eine Tuberkulosetherapie – mit Erfolg.

 

Alles ist anders

Die Krankheitsbilder, denen Libusa Galuschka begegnet, gehen weit über den Erfahrungshorizont der Fachärztin hinaus. Neben der Unterernährung gehören Durchfall, Pneumonie, Tuberkulose und Malaria zu den Haupterkrankungen. Manche Kinder sind HIV-positiv, viele anämisch. „Ich hätte nie gedacht, dass ein Kind mit weniger als einem Zehntel des normalen Hämoglobingehalts noch relativ munter sein kann“, wundert sie sich. Aufgrund der Unterernährung sind einige Kinder auch schwer unterkühlt. Bei weit über 30°C Umgebungstemperatur wickeln Galuschka und ihre Kollegen die kleinen Patienten in Goldfolie und legen sie zusätzlich in einen Wärmeraum. Der Anzeige auf dem digitalen Thermometer will die Ärztin zunächst gar nicht trauen: „Ein Kind hatte eine Körpertemperatur von nur 31,5°C!“

 

Auf der Intensivstation

Am belastendsten empfindet sie die Arbeit auf der Intensivstation. Äußerlich unterscheidet sich die Station nicht von den anderen Zelten im CRENI. Lediglich ein Schild mit der Aufschrift „Soins intensifs“ markiert den Eingang zu der Abteilung, die für einige Patienten auch die letzte ist. In Metallbetten liegen hier Kinder im Alter von 6 Monaten bis etwa 6 Jahren. „Die waren nicht nur absolut unterernährt, sondern auch dehydriert und septisch – manche schon im Schockzustand“, berichtet Galuschka. Infusionen sind eine der Hauptverbindungen zum Leben. Die Beutel hängen an einer Leine, die quer über die Betten gespannt ist. Manche Kinder erhalten Sauerstoff über eine Nasensonde. Monitore zur Überwachung der Vitalparameter gibt es nicht.

„Die Monitore sind die Schwestern“, erklärt Galuschka. In bunten Kleidern, den weißen Kittel darüber gezogen, eilen sie durch den Mittelgang und notieren stündlich Körpertemperatur, Atem- und Herzfrequenz – bei Bedarf auch öfter.

 

Ernste Lage

Obwohl im CRENI erst etwa 150 von 400 Plätzen belegt sind, haben die Helfer alle Hände voll zu tun. Niger gehört zu den ärmsten Ländern der Erde. Regelmäßig suchen Dürren und Hungersnöte die Bevölkerung heim. Auch Libusa Galuschkas Aufenthalt war eine Missernte vorausgegangen. „Ein Bürgermeister aus der Region hatte darüber berichtet. In einem Teil der Dörfer war die Ernte komplett ausgefallen, und die Vorräte waren so gut wie aufgebraucht“, erzählt die Ärztin. „Experten rechneten sogar mit einer noch ernsteren Entwicklung als während der letzten Hungersnot in 2005.“

 

Daoussia

Libusa Galuschka greift in die rote Metallbox, die an einem der gelb lackierten Bettrahmen befestigt ist, und zieht die Kurve heraus. Über 2 Wochen ist Daoussia nun im CRENI, doch es geht ihr immer noch schlecht. Die Aufzeichnungen zeigen: Das Fieber des Mädchens will nicht sinken, und auch die Durchfälle halten an. Alle Infusionen rinnen praktisch effektlos durch den schwachen Körper hindurch. Daoussias Lage ist ähnlich schlimm wie die von Fassouma.

 

Geschwächter Körper

Mit großen Augen schaut Daoussia ihre Ärztin an, als die ihrer kleinen Patientin ein paar Tropfen Blut abnehmen will. Lautlos kullern einige Tränen über Daoussias Wangen, und auch die weitere Prozedur lässt das Mädchen still und mit zusammengebissenen Zähnen über sich ergehen. Daoussia ist ungewöhnlich tapfer, aber auch völlig entkräftet. Ihre Energie reicht nicht einmal für einen Anflug von Wut im Gesicht.

Aufgrund der Mangelernährung haben sich an vielen Stellen von Daoussias Körper Ödeme gebildet. An einigen Stellen ist die Haut unter der Spannung eingerissen. „Ein Großteil der Körperfläche war eine offene Wunde“, beschreibt Galuschka den Zustand des Kindes. Daoussia musste starke Schmerzen haben, und seit ihrer Ankunft im CRENI hat sie die Intensivstation noch nicht verlassen können. „Sie konnte nicht einmal alleine sitzen“, erzählt die Ärztin.

 

Auf und Ab der Hoffnung

Es ist Mittwochnachmittag. Wie jede Woche um diese Zeit kommt eine Trommlergruppe ins CRENI. Die rhythmischen dumpfen Schläge dringen bis in das Zelt der Intensivstation. In Libusa Galuschka verstärken sie den Eindruck der hoffnungslosen Situation Daoussias noch. Doch dann erhebt das Mädchen sein schwaches Stimmchen: „Mama, ich will nach draußen.“

„Ich dachte: Warum nicht?“, erinnert sich Galuschka. „Insgeheim hoffte ich, dass ein kurzer Aufenthalt im Freien ihre Lebensgeister wieder wecken würde.“ Über ihre einheimischen Kollegen lässt Libusa Galuschka der Mutter ihr Vorhaben erklären. Dann wickelt sie Daoussia vorsichtig in saubere Tücher, nimmt sie auf den Arm und trägt sie hinaus. Ein paar Mal wiegt sie die Kleine im Takt der Trommeln auf dem Arm, bevor sie sie wieder in ihr Bett legt.

 

Das Fieber steigt weiter

Am Abend steigt Daoussias ohnehin schon hohes Fieber nochmals an. „Der Puls des Mädchens war kaum noch tastbar“, erzählt Libusa Galuschka. Verzweiflung steigt in der Ärztin auf. Sie greift zu den letzten Waffen, die das CRENI noch zu bieten hat: neue Antibiotika und eine Bluttransfusion. „Außer hoffen und beten konnte ich eigentlich nichts mehr tun.“ Lange bleibt sie an diesem Abend im Krankenhaus und schaut nach Daoussia. „In solchen Fällen ist mir immer wieder bewusst geworden, dass meinem Tun absolute Grenzen gesetzt sind“, sagt die 37-Jährige.

 

Traurige Erinnerungen

Galuschka muss unweigerlich an die Kinder in ähnlichen Situationen denken, die es nicht geschafft hatten. „Ich habe noch nie so viele Menschen sterben sehen.“ Wie viele es waren, weiß sie nicht mehr, aber „es hat mich immer wieder erschüttert und ich musste erst mal ein paar Minuten raus vors Zelt.“ Unterstützung erhält sie von den Kollegen. Sie bauen die Ärztin nach den empfundenen Niederlagen immer wieder auf. „Die haben mich wieder auf die Füße gestellt und mir versichert, dass ich alles getan hatte, was ich konnte.“

Trotzdem: „Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob ich professioneller werden muss.“ Zu oft leidet Galuschka mit den betroffenen Müttern und Kindern mit. Andererseits will die junge Ärztin auch nicht abstumpfen. „Deshalb war ich fast ein bisschen froh, dass es mich jedes Mal noch mitgenommen hat.“

 

Erleichterung am nächsten Tag

Umso größer sind die Freude und die Erleichterung, als Libusa Galuschka am nächsten Morgen die Intensivstation betritt: Daoussia ist noch “da”. „Ein paar Tage später begann die Haut zu heilen, und die Durchfälle ließen nach“, erzählt die Ärztin. Auch das Fieber sinkt. Daoussia ist der Beweis dafür, dass selbst in medizinisch engen Grenzen einiges möglich ist. Bei ihrer Entlassung wenige Wochen später hat sie sogar schon wieder Pausbacken – und einen Spitznamen: the duck. Weil ihre ersten selbstständigen Schritte dem Watscheln einer Ente gleichen.

 

Unendliche Freude

„Man empfindet einfach nur grenzenlose Freude und Erleichterung, wenn man zum Überleben eines Kindes beitragen konnte”, beschreibt Galuschka die Emotionen. Dieses Gefühl wiegt alles andere auf.

Ob sie noch einmal einen Einsatz absolvieren würde? „Auf jeden Fall“, antwortet Libusa Galuschka ohne zu zögern. Zwei Monate später geht der Flieger nach Haiti.

 

 

 

 

 

 

 

 

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