• Interview
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  • Anna N. Wolter
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  • 10.07.2013
  • Tankred Stoebe - Foto: Barbara Sigge

    Dr. Tankred Stöbe ist seit 2007 Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen.

     

„Humanitär infiziert“: Wie wird man ein Arzt ohne Grenzen?

Schon im Studium wollte Dr. Tankred Stöbe sich für die Menschen einsetzen, denen sonst keine Hilfe zukommt. Deshalb führten ihn seine Famulaturen nach Kenia, Lesotho und Indien. Heute arbeitet er für Ärzte ohne Grenzen und ist seit 2007 als Vorstandsvorsitzender aktiv. Im Interview gibt er uns einen Einblick in die Arbeit der Hilfsorganisation und erklärt, wie man ein Arzt ohne Grenzen wird.

> Seit wann gibt es die Organisation Ärzte ohne Grenzen und von wem wurde sie gegründet?

Ärzte ohne Grenzen ist eine internationale Organisation, die 1971 – zunächst als französische Sektion – von Ärzten und Journalisten gegründet wurde. Über die Jahre hat sie sich immer weiter ausgedehnt und heute sind wir in über 70 Ländern mit fast 400 Projekten aktiv. Die deutsche Sektion ist vor 20 Jahren gegründet worden und von Berlin aus organisieren wir heute Projekte in acht Ländern. Das zeigt, dass die Bedeutung der deutschen Sektion in den letzten Jahren immer mehr zugenommen hat.

 

> Wie finanziert sich die Organisation?

Für uns gelten die humanitären Prinzipien „Neutralität, Unabhängigkeit und Überparteilichkeit“. Aus diesem Grund finanzieren wir über 80% unserer Projekte durch Privatspenden. Für uns ist es wichtig, die Entscheidungsautorität zu behalten und in keine Interessenkonflikte zu geraten. In Ländern, in denen auch westliches Militär aktiv ist, zum Beispiel in Afghanistan, möchten wir nicht, dass eine Vermischung zwischen humanitären und militärischen Einsätzen stattfindet. Deshalb arbeiten wir in solchen Ländern ausschließlich mit Privatspenden.  

 

> Wie wird entschieden, wo und ob ein Projekt zustande kommt?

Das entscheiden wir nach eigener Beurteilung. Wenn irgendwo eine humanitäre Krise oder eine Naturkatastrophe passiert, dann reist ein kleines Expertenteam an den Ort des Geschehens und nimmt eine Begutachtung vor. Dann wird entschieden, ob und in welchem Umfang Projekte dort stattfinden sollen. Innerhalb von 24-48 Stunden können wir dann vor Ort tätig werden. In Haiti haben wir 2010 in wenigen Tagen das bis jetzt, in der Geschichte der Organisation, größte Projekt aufgebaut. Durch das Erdbeben war dort die gesamte medizinische Infrastruktur zerstört. Da war es nötig in Krankenhäuser zu investieren und chirurgische Experten vor Ort zu haben, die die verletzten Menschen behandeln konnten. In vielen Ländern haben wir bereits Kollegen vor Ort, wie auch zum Zeitpunkt des Erdbebens in Haiti, so dass wir im Falle einer Krise deren Kapazitäten nutzen und bestehende Projekte ausbauen können.  

 

> Wie wird man ein „Arzt ohne Grenzen“?

Wer als Arzt bei Ärzte ohne Grenzen mitarbeiten möchte, benötigt zwei Jahre Berufserfahrung im medizinischen Bereich. In welchem Fach spielt dabei keine Rolle, aber es muss sich um eine klinische Tätigkeit am Patienten handeln. Bei einem Spezialisten, z.B. einem Anästhesisten oder Chirurgen, setzen wir den Facharzt voraus, aber für den normalen Projektarzt reicht die zweijährige medizinische Erfahrung. Englische Sprachkenntnisse sind natürlich unerlässlich. Außerdem eine hohe Belastungs- und Teamfähigkeit. Das sind zwar schwammige Begriffe, aber sie sind in den Projekten sehr wichtig, denn im Team sind alle existenziell aufeinander angewiesen. Wenn das Team nicht funktioniert, kann ein Projekt scheitern.  

 

> Gibt es einen Facharzt der besonders gefragt ist?

Das ändert sich immer wieder. Derzeit suchen wir vor allem französisch sprechende Ärzte für frankophone Länder und erfahrene Mitarbeiter, die Koordinierungspositionen einnehmen können.  

 

> Gibt es spezielle Schulungen, die die Ärzte für ihren Einsatz in einem Krisengebiet vorbereiten?

Wenn sich nach dem Bewerbungsgespräch beide Seiten für eine Zusammenarbeit entscheiden, bekommt der Arzt ein Projektangebot und nimmt dann zunächst an einem einwöchigen Vorbereitungsseminar in Deutschland teil. Danach gibt es eine Reihe von Briefings: vor der Abreise, im Ankunftsland und bei der Übergabe in dem Projekt. Trotzdem sind das alles nur Hilfestellungen – es bleibt meist ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte damals dreieinhalb Jahre klinische Erfahrung in einem Akut-Krankenhaus gesammelt und bin dann von der Intensivstation in den Dschungel von Myanmar gekommen. Diese Woche der Übergabe  war wie ein „Brain-Washing“ vom deutschen Steril-Arzt zu einem Dschungel-Arzt, der ein ganz anderes Aufgabenspektrum hat. Aber es war faszinierend und unvergesslich zurückgeworfen zu werden auf die einfachen Tugenden des Arzt-Seins mit der Diagnosefindung anhand von Anamnese und körperlicher Untersuchung.  

 

> Wie lange dauern die Einsätze im Schnitt?

Der erste Einsatz sollte 9-12 Monate dauern, weil viele andere Aufgaben dazu kommen. Jeder Arzt trägt Personalverantwortung, muss oft große Medikamentenbestellungen machen, oder  auch Verhandlungen mit regionalen Machthabern oder Rebellen führen. Das sind alles Dinge, die erst vor Ort erlernt werden können. Weitere Einsätze können dann auch kürzer sein.  

 

> Wie stellen sie die Sicherheit Ihrer Mitarbeiter sicher?

Die Sicherheit unserer Mitarbeiter steht für uns an erster Stelle. Dennoch weiß jeder, der in ein Krisengebiet reist, dass er ein Risiko eingeht. Pro Land und Region gibt es sehr spezielle Sicherheitsvorkehrungen. Die Mitarbeiter erhalten Sicherheitsbriefings, die manchmal mehrmals täglich stattfinden. Für den Notfall gibt es festgelegte Evakuierungsrouten. Und wenn ein Mitarbeiter sich nicht mehr sicher fühlt, hat er jederzeit die Möglichkeit auszureisen. Wir reden mit allen Konfliktparteien vor Ort, um ihnen klar zu machen, dass wir als unabhängige, neutrale Organisation zwischen den Fronten agieren und dass wir kein Feindbild darstellen, das es anzugreifen gilt. Das wird erstaunlich häufig toleriert aber natürlich gibt es auch Gefährdungen, die gar nicht politisch motiviert, sondern krimineller Natur sind. Da wird es für uns deutlich schwieriger die Sicherheit zu gewährleisten.

 

> Gibt es Nachwuchsprobleme bei Ärzte ohne Grenzen?

Nein, Nachwuchsprobleme haben wir derzeit nicht. Was uns aber fehlt, sind erfahrene Mitarbeiter. Diese werden nämlich gerne von anderen Organisationen eingestellt, die deutlich höhere Gehälter bezahlen können. Außerdem machen viele Ärzte nur  ein Projekt in ihrem Leben – nur wenige sind bei mehreren Einsätzen dabei. Aber gerade die sind  für die Koordination besonders wichtig für uns.  

 

> Wo waren Sie selbst schon als Arzt in einem Projekt eingesetzt?

Letztes Jahr war ich im Norden Syriens, wo wir in einer Höhle ein Krankenhaus aufgebaut haben. Das war ein schwieriger Einsatz, da Tag und Nacht die Bomben flogen. Auf der anderen Seite wurden wir sehr herzlich von der Bevölkerung aufgenommen. Sie waren froh, dass ein medizinisches Team zu ihnen kam, denn alle anderen hatten das Land verlassen. Im Jahr zuvor war ich in Mogadischu, in Somalia, wo wir eine Kinderklinik für schwer mangelernährte Kinder eröffnet haben. Davor war ich in Pakistan, im Südsudan, im Gaza-Streifen, in Indonesien, in Liberia und in Nepal. Und mein erstes Projekt war 2002 im Urwald von Myanmar.  

 

> Was können Sie Studenten empfehlen, die gerne später bei Ärzte ohne Grenzen mitarbeiten wollen?

Natürlich ist es von Vorteil, sich schon während des Studiums mit den Themen „Krisenherde“ oder „Tropenmedizin“ zu beschäftigen. Viel wichtiger ist aber, die idealistische Flamme für die humanitäre Hilfe nicht verlöschen zu lassen. Die Begeisterung unter Studenten ist enorm. Für viele ist der Grund, den Arztberuf aufzugreifen der, später karitativ zu arbeiten. Das ebbt dann während des Studiums oder dem Berufsleben oft ab. Wichtig finde ich, sich diesem Pragmatismus, der sich im Laufe des Lebens einschleicht, entgegenzustellen und einfach mal sagen „Ich mach jetzt einen Schnitt und gehe ins Ausland!“. Es lohnt sich, denn der humanitäre Virus, mit dem man sich infiziert, lebt ein Leben lang weiter – aber auf eine positive und gesunde Weise. Die Arbeit bei Ärzte ohne Grenzen bietet eine hervorragende Möglichkeit,  die Welt in ihren schwierigen Kontexten zu verstehen. Für mich ist jeder Projekteinsatz eine unglaubliche Horizonterweiterung, sowohl medizinisch, als auch kulturell. Das ist von unschätzbarem Wert.  

 

 

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