• Bericht
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  • Karin Potthoff
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  • 11.11.2011

Mediziner in der Entwicklungshilfe

"Ich will als Arzt in Afrika arbeiten." Diese Entscheidung fällt manchmal schon sehr früh und ist unter Umständen sogar die Motivation für das Medizinstudium. Wie damals Albert Schweitzer zieht es auch heute noch viele Mediziner in den Entwicklungsdienst. Dabei sind Ärzte nicht nur in Afrika tätig, sondern überall auf der Welt. Und sie arbeiten auch längst nicht mehr nur klassisch kurativ.

Foto: Anke Furck

Anke Furck bei einer Untersuchung - Foto: Anke Furck

 

"Hola doctora!", riefen die Kinder schon von weitem, wenn Sie Anke Furck und ihr Team kommen sahen. Die 30-jährige Ärztin und ihre Kollegen vom Gesundheitszentrum Casa de la Salud waren in dem Slumgebiet um Nuevo Horizonte bei Caracas bekannt wie bunte Hunde. Wenn die Medizinerin zwischen den Hütten ihr Stethoskop auspackte und unter einem schattigen Baum ihre Sprechstunde abhielt, hatte sich immer schnell eine Menschentraube um sie gesammelt. "Wir waren eine Attraktion", erinnert sich die Hannoveranerin. Unter abenteuerlichen Bedingungen untersuchte sie die Menschen mitten auf der Straße, meist umgeben von Großfamilien, die sich lebhaft unterhielten und ihr neurgierig über die Schulter schauten. Vor allem Kinder kamen als Patienten. Sie litten oft an Krankheiten, die auf die armseligen Lebensbedingungen in den Slums zurückzuführen waren: Atemwegskrankheiten und parasitäre Erkrankungen wie Krätze und intestinaler Wurmbefall. "Oft haben die Menschen nicht einmal genug Geld, um sich Gas zu kaufen, mit dem sie ihr Trinkwasser abkochen können. Das Wasser ist aber meist mit Amöben verseucht", sagt Anke Furck. Das Slumgebiet, in dem die deutsche Ärztin gearbeitet hat, ist nur eines von dreien in Venezuelas Hauptstadt. Großfamilien mit zehn und mehr Kindern müssen sich eine kleine Hütte teilen. Die Menschen leben von der Hand in den Mund. Wer krank wird und sich eine Behandlung nicht leisten kann, hat Pech. Dies gilt auch für Menschen in anderen Entwicklungsländern.

 

Für Ärzte gibt es viel zu tun!

In Ländern der dritten Welt ist die medizinische Versorgung meist unzureichend, ein funktionierendes Gesundheitssystem gibt es nicht. Die Menschen sind auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen. Staatliche Organisationen oder kirchliche und private Vereine helfen. Sie schicken Geld, Ausrüstung, Medikamente – und medizinisches Personal. Auch viele deutsche Ärzte und Pfleger engagieren sich überall auf der Welt als Entwicklungshelfer.

 

Foto: Medizinische Direkthilfe Afrika

Foto: Medizinische Direkthilfe Afrika 

 

Eines der berühmtesten Vorbilder ist der Arzt Albert Schweitzer. Seitdem er sein Spital in Lambarene gründete, hat sich einiges getan. Medizinische Entwicklungshilfe ist heute viel umfassender als früher. Neben der kurativen Arbeit sind die Bereiche Prävention und Public Health wichtige Eckpfeiler geworden. Viele Mediziner sind nicht mehr nur im klassischen Sinn als Arzt mit Stethoskop tätig, sondern übernehmen auch Managementaufgaben. Sie planen Impfkampagnen, verwalten Projekte vor Ort und wirken bei der Gesundheitsaufklärung der Bevölkerung mit. Ziel ihrer Arbeit ist es, langfristig die medizinische Versorgung in Ländern der dritten Welt zu verbessern. Manche Helfer verschreiben sich ganz dem Entwicklungsdienst, andere arbeiten für kurze Zeit in diesem Bereich.

 

Als Helfer in den Slums

Anke Furck reiste im Winter 2002 für sechs Wochen im Auftrag der Organisation "Ärzte für die Dritte Welt" nach Venezuela. Dieser Verein unterstützt medizinische Projekte in Venezuela, Bangladesh, Indien, Kenia und auf den Philippinen. Er entsendet deutsche Mediziner für mindestens sechswöchige Hilfseinsätze in die Projekte. Die Ärzte sind in erster Linie kurativ tätig. Die Arbeit ist ehrenamtlich. Oft opfern die Mediziner ihren Urlaub dafür. Dass diese Einsätze keine Erholung sind, ist klar. "Wir haben jeden Tag so lange gearbeitet, bis wir alle Patienten versorgt hatten", erzählt Anke Furck. Manchmal waren dies 100–150 Menschen am Tag, morgens im Gesundheitszentrum, nachmittags bei Außensprechstunden in abgelegenen Slumgebieten, oft 10–12 Stunden täglich. Immer drei Ärzte sind gleichzeitig vor Ort im Zentrum, zwei Human- und ein Zahnmediziner. Diese sind bei ihrer Arbeit auf sich allein gestellt, ein Umstand, der für Anke Furck kein Problem war, da sie bereits auf drei Jahre Berufserfahrung in der Kinderheilkunde zurückgreifen konnte. "Um bei ,Ärzte für die Dritte Welt’ mitarbeiten zu können, muss man mindestens das AiP beendet haben."

 

Mit dem DED in die Welt

Andere Organisationen verlangen mehr Berufserfahrung. Der "Deutsche Entwicklungsdienst" (DED) sucht vor allem Fachärzte – Gynäkologen, Chirurgen – und Fachleute für Public Health. Diese helfen, Gesundheitssysteme in armen Ländern aufzubauen und einheimische Fachleute auszubilden. Denn Ziel ist es, die Eigenständigkeit der Entwicklungsländer zu fördern. Der DED leistet nicht nur Entwicklungshilfe in der Medizin, sondern ist vor allem in den Bereichen Landwirtschaft und Ressourcensicherung tätig. Er hat keine eigenen Projekte. Stattdessen entsendet er Fachleute in Projekte der Entwicklungsländer. Er wird aus dem Bundeshaushalt finanziert. Wer im Auftrag des DED arbeiten möchte, muss sich für mindestens zwei Jahre verpflichten. Die Organisation sorgt für die soziale Absicherung der Helfer, d.h. sie übernimmt die Kosten für die Kranken-, Pflege- und Sozialversicherung, stellt eine Unterkunft im Gastland und zahlt ein Unterhaltsgeld von derzeit etwa 850 € im Monat.

 

Chirurgie in Burkina Faso

Es war der Wunsch nach persönlicher Herausforderung, der Karolin Becker veranlasste, zwei Jahre für den DED in Burkina Faso zu arbeiten. An einem kleinen Krankenhaus im Süden des Landes, in Gaoua, half sie beim Ausbau der chirurgischen Abteilung. Die Chirurgin übernahm zeitweise die Funktion der Chefärztin, war mit der Organisation der Abteilung, mit der Ausbildung des Personals befasst und arbeitete auch kurativ. Die Arbeitsbedingungen waren mit denen in einer deutschen Klinik nicht zu vergleichen. Weil Karolin Becker anfangs die einzige Ärztin in ihrer Abteilung war, wurde sie von "Attachés", von einheimischen Pflegern unterstützt. Diese übernahmen ärztliche Aufgaben: Sie hielten Sprechstunden ab, operierten selbstständig und machten auch Bereitschaftsdienste. Erst nach über einem Jahr wurde das Team durch einen einheimischen ärztlichen Kollegen unterstützt.

 

Medizin unter erschwerten Bedingungen

Aber nicht nur Mediziner waren in der Provinz Mangelware. Manchmal fehlte es auch an der Ausrüstung. "Ich musste öfter improvisieren", erzählt Karolin Becker. "Für eine Pleurapunktion zum Beispiel habe ich den Schlauch eines Urin-Katheters genommen. An dem einen Ende habe ich eine Nadel und am anderen Ende eine Spritze befestigt. Damit konnte ich das Punktat absaugen." Obwohl die Klinik ansonsten gut ausgerüstet war, mit OP-Instrumenten, Röntgen- und Sonogerät, hat dies manchmal wenig genützt. "Die Arbeit wurde erschwert, weil wir oft weder Strom noch Wasser hatten", berichtet die Ärztin. Aufgrund der eingeschränkten Mittel musste sie immer abwägen, was machbar und was zu riskant war. "Viele Operationen konnte ich wegen der hygienischen Verhältnisse oder auch wegen der unzureichenden Ausrüstung nicht durchführen", erzählt sie. Ohne Blutbank und funktionstüchtiges Narkosegerät war es zumindest bei Wahleingriffen oft sicherer, die Patienten in ein 250 km entferntes, größeres Krankenhaus zu schicken. In akuten Notfällen galt es, mit dem auszukommen, was da war. Dann mussten auch eine Splenektomie oder die Versorgung eines Hämatothorax bewerkstelligt werden. Um den Aufgaben gewachsen zu sein, hatte Karolin Becker sich monatelang vorbereitet, erst in Deutschland, dann in Burkina Faso. Neben chirurgischem Wissen hatte sie gynäkologisches, tropenmedizinisches und labortechnisches Know-How gepaukt, bevor ihr Projekt in Gaoua startete. "Etwa 90% der Bevölkerung dort sind sehr arm. Es ist eine Katastrophe, wenn jemand krank wird. Es gibt keine Krankenversicherung. Die Leute müssen alles selbst zahlen, jedes Pflaster, jede Infusion, sogar den Faden für die Operation", erzählt sie.

 

Andere Spielregeln als zu Hause

An die afrikanische Mentalität musste sich die deutsche Ärztin erst gewöhnen. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, so wie sie es von Deutschland kannte, waren in Burkina Faso fremd. Manch eine Besprechung sei geplatzt oder verschoben worden, weil die einheimischen Kollegen gar nicht oder viel zu spät erschienen seien, erinnert sie sich. Und auch ihre Anordnungen seien nicht immer ernst genommen worden. Dies sei für sie höchst frustrierend gewesen. "Ich hatte einmal einen Tag, an dem ich die Arbeit am liebsten hingeschmissen hätte. Einer der Pfleger meinte, sie kämen ohne Ärzte sowieso besser aus, da diese immer alles besser wüssten und den Pflegern auch nichts beibringen wollten. In so einem Augenblick zweifelt man schon an dem Sinn dessen, was man da macht." Die Medizinerin erlebte es öfter, dass die Entwicklungshilfe infrage gestellt wurde: "Nicht selten kam der Vorschlag, statt Entwicklungshelfern doch lieber Geld zu schicken, mit dem man dann einheimische Ärzte ausbilden könnte." Geholfen hätten ihr in solchen Situationen Gespräche mit einheimischen Freunden und mit anderen deutschen Entwicklungshelfern, die nichts mit der Klinik zu tun gehabt hätten. Großes Heimweh sei trotz aller Probleme nicht aufgekommen. Mit Familie und Freunden in Deutschland habe sie immer in Verbindung gestanden, telefonisch und mit Briefen, und sie habe auch Besuch aus Deutschland bekommen. Trotzdem sei es wichtig, dass man sich auch alleine beschäftigen könne. "Sonst fällt einem schnell die Decke auf den Kopf."

 

Misserfolge gehören zum Geschäft

Eine hohe Frustrationstoleranz war auch gefragt, weil es immer wieder medizinische Misserfolge gab. "Einmal wurde uns ein etwa zweijähriges Kind gebracht, das eine schwere Malaria hatte. Es war im Koma und stark anämisch. Während wir uns noch bemühten, ihm einen venösen Zugang zu legen, erlitt es einen Kreislaufstillstand. Wir haben versucht, das Kleine zu reanimieren, aber wir konnten nichts mehr tun." In solchen Momenten fühlte sich die Chirurgin ohnmächtig: "Als das Kind starb, habe ich geweint. Es ist ein Unterschied, ob man über Kindersterblichkeit in Statistiken liest oder ob man es direkt miterlebt."

 

Was zu Hause selten ist

Aber es gab auch Erfolgserlebnisse, die zum Durchhalten anspornten. "Einmal kam ein etwa zehnjähriger Junge, der schon seit Monaten eine Wunde am Ellenbogen hatte. Auch der Knochen war angegriffen. Der kleine Patient konnte seinen Arm kaum noch bewegen, und es stellte sich die Frage, ob man nicht besser amputieren sollte." Erschreckt angesichts dieser rabiaten Therapieoption untersuchte Karolin Becker den Jungen genau, machte Röntgenaufnahmen vom kranken Arm und auch von der Lunge. Und siehe da, sie kam zu einer überraschenden Diagnose: Der Patient litt an einer Knochentuberkulose. "Wir haben ihn mit Medikamenten behandelt und sein Ellenbogen heilte", erzählt die Medizinerin stolz.

Wer als Entwicklungshelfer in ein fremdes Land geht, muss Respekt vor der anderen Kultur und Mentalität mitbringen. Karolin Becker erinnert sich: "Einmal sagte ein Patient zu mir: ,Doktor, die Wunde kann nicht heilen, denn es liegt ein Fluch darauf. Ich muss erst in mein Dorf gehen und ein Huhn schlachten, dann komme ich zur Behandlung zurück‘." Gesagt getan, nach einer Woche war der Patient wieder da, und Karolin Becker durfte ihn weiterbehandeln. Die Wunde verschwand. Ob die Heilung auf die afrikanische oder auf die westliche Heilmethode zurückzuführen war, darüber hat die Ärztin mit ihrem Patienten nicht diskutiert.

 

Nicht nur Arbeit

Offenheit gegenüber dem Fremden ist unerlässlich, das meint auch Joost Butenop. "Und man braucht Geduld, Durchhaltevermögen, eine hohe Frustrationstoleranz und die Fähigkeit zur Introspektion. Die sozialen Anforderungen sind nicht zu unterschätzen", sagt er. Der 34-jährige Arzt ist bereits seit Jahren überall in der Welt als Entwicklungs- und Nothelfer im Einsatz. Die Motivation für seine Arbeit ist nicht nur uneigennützig: "Mich hat auch eine unstillbare Neugier gedrängt, die Welt kennen zu lernen. Ich empfinde es schon als etwas Besonderes, auch in Ländern arbeiten zu können, die nicht jedem zugänglich sind. Man lernt Land und Leute durch eine Arbeit vor Ort viel besser kennen. Ein Urlaub eröffnet weit weniger Einblicke", meint er. Aber er kennt auch die Schattenseiten seines Berufs: "Das Privatleben ist ein wenig eingeschränkt. Die Auswahl an Freunden und Bekannten ist begrenzt", sagt er. Soweit möglich nutzt der Mediziner seine Freizeit, um Sport zu treiben, zu lesen und Ausflüge in die Umgebung zu machen. Manchmal trifft er sich auch mit Kollegen anderer Organisationen. Auch wenn bei ihm kein Heimweh nach Deutschland aufkommt, so gibt es doch Dinge, die er vermisst: "Meine Familie und meine Freunde fehlen mir ganz ohne Frage, und ich investiere viel Zeit, um meine Kontakte aufrechtzuerhalten", berichtet er. Dafür nutze er vor allem das Internet. Trotz großer Entfernungen und immer wieder wechselnder Einsatzorte schafft Joost Butenop es, den Job mit seinem Privatleben zu vereinbaren, auch mit einer festen Partnerschaft. Seine Freundin arbeitet ebenfalls als Entwicklungshelferin. "Ich habe glücklicherweise eine Partnerin, mit der ich die Neugier und die Arbeitssphäre teile. Wir führen zwar eine Wochenendbeziehung, sind aber glücklich, dass es überhaupt geht. Ich denke, dass sich eine solche Arbeit auch mit Familie vereinbaren lässt", berichtet er. Wenn er schulpflichtige Kinder hätte, könne er sich aber auch eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen.

 

Möglichkeiten bei einer Rückkehr

Zurück in Deutschland würde er allerdings nicht im Krankenhaus arbeiten wollen, schränkt Joost Butenop ein und ergänzt: "Noch weniger könnten sich vermutlich Chefärzte vorstellen, mich nach fünf oder mehr Jahren ohne europäische Klinikerfahrung einzustellen." Trotzdem rechnet er sich im Falle einer Rückkehr gute Chancen auf dem europäischen Arbeitsmarkt aus: "Neben den Büros der Entwicklungshilfeorganisationen öffnet sich der öffentliche Dienst im Gesundheitswesen, z.B. das Robert-Koch-Institut in Berlin, aber auch der private Bereich. Die Vereinten Nationen mit der WHO oder UNICEF stellen ebenfalls Möglichkeiten dar." Aber noch sind dies für ihn keine Optionen. Erst einmal ist er weiter im Ausland tätig, so wie zuletzt in Angola. Dort war er Projektleiter für "Ärzte ohne Grenzen". Er kümmerte sich um die Verwaltung, um die Finanzen, führte Gespräche mit Gesundheitsbehörden und mit den Vereinten Nationen. Weil er zudem der einzige Arzt im Team war, fiel ihm auch viel medizinische Arbeit zu. Er arbeitete in Gesundheitsposten von Vertriebenenlagern, machte Visiten in Ernährungszentren und bildete Krankenpfleger weiter. Der Mediziner hat sich in den letzten Jahren immer mehr auf den präventiven Bereich, auf die Koordination und auf das Management von Projekten spezialisiert. "Eine Facharztausbildung strebe ich nicht an, aber ich spare für ein Postgraduiertenstudium in Public Health in London oder Liverpool", denn die Ausbildung in Großbritannien stelle eine Zusatzqualifikation für den Entwicklungsdienst dar, erklärt er.

 

Humanitäre Nothilfe ist anders

Von der Entwicklungshilfe abzugrenzen ist die humanitäre Nothilfe, die in Kriegs- und Krisengebieten geleistet wird. Denn hierbei handelt es sich meist um kurzfristige Hilfseinsätze. Vor allem die Organisation "Médecins sans Frontières" (MSF), auf Deutsch "Ärzte ohne Grenzen", engagiert sich in diesem Bereich. Sie hilft Menschen in akuter Not, unabhängig von deren Herkunft, politischer oder religiöser Überzeugung, indem sie Ärzte und Medikamente in Krisengebiete schickt.

Die Ärztin Jutta Bachmann arbeitet seit 1999 für MSF. Sie hat schon fünf Hilfseinsätze absolviert, davon zwei in Afghanistan. Zuletzt hielt sie sich dort von November 2001 bis März 2002 auf, nach dem Sturz der Taliban. Sie betreute als "field-coordinator" ein Krankenhaus und drei Gesundheitszentren in Kabul, arbeitete kurativ, hielt Fortbildungen für das afghanische Personal und führte Verhandlungen mit Vertretern der Übergangsregierung. "Ich habe Kontakt aufgenommen zu den Leuten, die für das Gesundheitswesen zuständig waren, habe ihnen unsere Arbeit vorgestellt und teilweise mit ihnen zusammengearbeitet", berichtet sie. Sie hätten nur einfache Mittel zur Verfügung gehabt, Stethoskop, Otoskop, Mundspatel und die eigenen Sinne, beschreibt sie die Arbeitsbedingungen. Ausführliche Diagnostik sei nicht möglich gewesen. "Dies hätte auch keine Konsequenzen gehabt. Denn vieles hätten wir gar nicht behandeln können", erzählt die Gynäkologin und fährt fort: "Wir konnten z.B. nicht operieren, keine Sectios machen. Nur vaginale Entbindungen mit Zange oder Saugglocke waren möglich."

 

Manchmal wird’s gefährlich

Als Frau habe sie keine besonderen Probleme gehabt, meint sie, allerdings habe sie sich den landesüblichen Gepflogenheiten angepasst, habe weite, lange Gewänder getragen und sich nur in männlicher Begleitung in die Öffentlichkeit begeben. Und gewisse Sicherheitsvorkehrungen hätten für jeden gegolten, für Frauen wie für Männer. So habe es eine strikte nächtliche Ausgangssperre gegeben. "Es wäre lebensgefährlich gewesen, nachts auf die Straße zu gehen. Auch uns Ärzten war es nicht gestattet, für medizinische Einsätze herauszufahren", erzählt sie. Kabul sei zu einem Großteil zerstört und die Umgebung immer noch vermint gewesen. Gelegentlich habe sie Explosionen in der Nähe gehört. "Natürlich gibt es bei der Arbeit ein gewisses Risiko. Wenn ich einen neuen Einsatz beginne, ist immer auch eine Anspannung da." Dass sich gefährliche Situationen trotz Vorsicht nicht immer vermeiden lassen, hat sie bereits 2000 bei ihrem ersten Einsatz in Afghanistan erfahren: "Wir waren mit dem Auto in der Wüste unterwegs, als uns ein anderer Wagen überholte und zum Halten zwang. Drei mit Kalaschnikows bewaffnete Männer sprangen heraus und hielten uns die Gewehre auf die Brust. Sie haben uns alles geraubt, den Wagen, das Gepäck, unsere Papiere, selbst meine Brille", berichtet sie. Trotzdem ließ sie sich von dem Erlebnis nicht abschrecken. "Ich habe noch keine Sekunde bereut, dass ich die Arbeit in Deutschland aufgegeben habe", meint sie. Der Job sei zum Teil zwar sehr frustrierend, auch weil man oft keine Möglichkeiten hätte zu helfen. Trotzdem sieht sie auch einen großen persönlichen Gewinn. "Man sieht so viel Neues, lernt Menschen und andere Kulturen kennen. Dies erweitert auch den eigenen Horizont."

Adressen

Médecins Sans Frontières/ Ärzte ohne Grenzen e.V.
Am Köllnischen Park 1
10179 Berlin
Tel: 49 (30) 700 130 0
Fax: 49 (30) 700 130 340

Spendenhotline: 49 (30) 700 130 130

office@berlin.msf.org

http://www.aerzte-ohne-grenzen.de

 

Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH
Dag-Hammarskjöld-Weg 1-5
65760 Eschborn
Tel.: 06196/79-0
Fax:06196/79-1115

http://www.gtz.de

 

Ärzt für die Dritte Welt e.V.
Elsheimerstr. 9
60322 Frankfurt a.M.
Tel.: 069/71911-456
Fax: 069/71911-450

http://www.aerzte3welt.de

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