• Interview
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  • Christian Vajda
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  • 23.01.2009

Mercy-Ship: Helfer auf hoher See

Die "MS Africa Mercy" ist kein gewöhnliches Schiff. Vielmehr ist sie ein schwimmendes Krankenhaus. Seit 1978 bringt die "Mercy Ships"-Initiative den Ärmsten der Armen kostenlose medizinische Hilfe. Christian Vajda, Medizinstudent im 11. Semester aus Graz sprach mit Udo Kronester, Projektmanager auf der "MS Africa Mercy".

> Herr Kronester, wie kamen Sie zu Mercy Ships?

1995 nahmen meine Frau Ines und ich mit unserer damals zweieinhalb jährigen Tochter an einer sogenannten "Jüngerschaftsschule" bei Mercy Ships im Hauptquartier in Texas teil. Dies war ein fünfmonatiges Einstiegsprogramm für jeden, der bei Mercy Ships mindestens zwei Jahre mitarbeiten wollte.
1996 wurden wir Vollzeitmitarbeiter, zuerst in Texas und später auf der M/V Caribbean Mercy, einem kleineren Schiff, das in Mittelamerika und der Karibik zum Einsatz kam. Auf dem Schiff wurden hauptsächlich Augenoperationen durchgeführt. Zudem war eine Zahnklinik an Bord. Die Besatzung half auch bei Brunnen- und anderen Bauprojekten mit und arbeitete eng mit den lokalen Kirchen zusammen.

 

Foto: Mercy Ships

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> Wie gestaltet sich ihre Arbeit?

Mein Schreibtisch ist an Bord. Dort arbeite ich die meiste Zeit. Wann immer ich kann, fahre ich raus zu den unterschiedlichen Projekten, besuche unsere Mitarbeiter und Trainer und genieße es, Zeit mit den Einheimischen beim netten "Geplänkel" oder beim ernsten Projektgespräch zu verbringen. Meine Arbeit hier ist einer Managementtätigkeit, die es auch in Deutschland gibt, sehr ähnlich. Es sind die gleichen Themen und die gleiche Verantwortung: Termine, Budgets, Pläne und Neuentwicklungen stehen regelmäßig auf dem wöchentlichen Arbeitsplan. Dabei darf ich jedoch nicht vergessen, dass wir in Afrika sind. Hier dauert fast alles länger. Beziehungen zu pflegen ist hier zum Beispiel viel wichtiger als rechtzeitig zu einem Termin zu erscheinen.

Liberia ist das erste "echte" Krisengebiet, in dem Mercy Ships gearbeitet hat. Mit Ausnahme der Katastrophenhilfe, die wir in der Vergangenheit auch immer wieder geleistet haben. Ob man in einem Krisengebiet arbeitet oder in einem anderen armen Land, macht dabei keinen großen Unterschied. Unser Ziel ist es, Patienten zu helfen, die so arm sind, dass sie sich nie einen Arzt leisten könnten. Und die finden wir in Krisengebieten wie Liberia und Sierra Leone genauso wie in stabilen Ländern wie Ghana und Benin.

Mit Deutschland sind die Arbeitsbedingungen nicht so leicht zu vergleichen. Das hat viel mit der Kultur und den Einschränkungen in einem Entwicklungsland zu tun. Zum Beispiel braucht man in manchen Gegenden mit dem Auto sehr viel Zeit, um nur wenige Kilometer zurückzulegen, weil der Verkehr in den Städten unglaublich dicht ist und die Straßen solche Schlaglöcher aufweisen, dass man selbst mit einem Landrover nur Schritttempo fahren kann.

> Und wie sind Ihre Arbeitszeiten?

Die sind ziemlich normal: Montag bis Freitag von 8 bis 17 Uhr. Manchmal arbeite ich aber auch am Wochenende oder bis in den Abend hinein.

> Vermissen Sie etwas an Bord? Oder hatten Sie bereits mit etwas größere Probleme?

Eine schwierige Frage. Wenn man mit dem begrenzten persönlichen Raum klarkommt, gibt es nicht viel zu vermissen. Wir haben sogar 24 Stunden täglich Zugang zum Internet.

 

Foto: Mercy Ships

> Was war Ihr bisher intensivstes Erlebnis?

1997 wirbelte Hurricane Mitch durch Mittelamerika und zerstörte unter anderem in Nicaragua mehrere Dörfer. Über 2.000 Menschen wurden unter Schlam-Massen lebendig begraben. Die Caribbean Mercy war gerade in Oregon an der Westküste der USA unterwegs auf einer PR-Tour, als wir einen Anruf der Nicaraguanischen Botschaft erhielten, mit der Bitte, zu Hilfe zu kommen.

Innerhalb von zwei Wochen hatten wir unsere Route abgebrochen, haben in Los Angeles Paletten mit Medikamenten im Wert von mehreren Millionen US-Dollar geladen und sind an der Westküste des Kontinents hinab nach Puerto Corinto in Nicaragua gefahren. Dort übergaben wir die Medikamente an die lokalen Krankenhäuser. Außerdem halfen unsere Ärzte aus, wo sie nur konnten.

 

Foto: Mercy Ships

 

Wenige Tage später standen wir auf der Schlammlawine und wussten, dass Hunderte Leichen irgendwo unter unseren Füßen begraben liegen. Wir trafen Überlebende in verschiedenen Lagern, und fühlten uns überwältigt und hilflos als wir versuchten, den Menschen Trost zu spenden.

Aber auch unser letzter Einsatz war bedrückend. Wir waren in Liberia, einem Land, das vor fünf Jahren erst einem der grauenhaftesten Bürgerkriege entkommen ist und im Moment immer noch in erster Linie von der UN zusammengehalten wird (Truppenstärke: 13.000, Anm. d. Red.). Es ist tragisch, Jugendlichen zu begegnen, die als Kindersoldaten an Massakern teilgenommen haben und heute versuchen, als Schubkarrenverkäufer ein bisschen Geld zu verdienen. Ebenso traurig ist es, mit Menschen zu reden, die Opfer von unvorstellbarer Gewalt geworden sind. Wir haben täglich erlebt, zu welchen Greueltaten Menschen fähig sind.

> Was waren ihre schönsten Erlebnisse?

Es ist unglaublich beeindruckend, mit dem Schiff durch die Karibik oder entlang der afrikanischen Küste zu fahren. Man ist weit genug weg vom Festland, um nur von Wellen umgeben zu sein, das Wasser ist tiefblau und völlig klar, und man kann fast täglich am Bug stehen und Delfine beobachten, die mit der Bugwelle spielen. Dazu kommen Begegnungen mit fliegenden Fischen und Seeschildkröten. Die Sonnenauf- und -untergänge und ein absolut klarer Sternenhimmel sind immer wieder überwältigend.

Gleichzeitig ist es wirklich schön, in den ärmsten Ländern der Erde zu sein und dort den Menschen zu begegnen. Es sind unwahrscheinlich freundliche und liebevolle Männer, Frauen und Kinder, die abolut sicher quasi jeden Euro wert sind, den wir hier durch unsere Arbeit investieren.

 

Foto: Mercy Ships

> Sie waren ja auch schon auf der "Caribbean Mercy" tätig. Wie unterscheidet sich Ihr Einsatz in Mittelamerika von dem in Afrika?

Westafrika ist wesentlich ärmer als Mittelamerika, gleich um mehrere Entwicklungsstufen. Mittelamerikanische Kulturen sind farbig und bunt. Sie erscheinen wesentlich sanfter, während afrikanische Kulturen manchmal kriegerischer sein können. Es geht dort häufig um Einfluss, Macht und Geld. Und jedes Mittel scheint leider akzeptabel zu sein, dieses Ziel zu erreichen.

Die Menschen auf beiden Kontinenten sind unglaublich liebenswert. Da beide Gegenden sogenannte "Hot Climate Cultures" sind, gibt es auch viele Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel den hohen Stellenwert von menschlichen Bindungen gegenüber materiellen Werten und Bedürfnissen.

> Wie gestaltet sich die Arbeit mit so vielen anderen Nationalitäten an Bord?

Das Zusammenleben und -arbeiten mit über 30 Nationalitäten ist etwas, dass ich sehr genieße. Ich arbeite direkt mit Amerikanern, Südafrikanern, Congolesen, Holländern, Briten, Koreanern, Guineans, Togolesen, Ghanaern und Australiern zusammen. Es macht viel Spaß und ich kann es mir fast nicht mehr anders vorstellen.

Wenn es gelingt, die Stärken der verschiedenen Kulturen zu vereinen, ist das fast "ein Stück Himmel auf Erden". Man sieht förmlich, wie sich Leute ergänzen, wenn sie zusammenarbeiten. Wenn man die Arbeit nicht als Konkurrenzsituation empfindet, klappt es ausgezeichnet und das Endergebnis ist erstaunlich.

> Sie leben auch mit ihrer Familie an Bord?

Meine Familie - mittlerweile sind wir zu sechst - hat das Leben auf allen drei Schiffen unglaublich genossen. Im Prinzip kennen unsere Kinder gar nichts anderes. Sie sind so etwas wie richtige Weltbürger, interkulturell und ungewöhnlich anpassumgsfähig. Für unsere Familie ist dieses Leben wie gemacht.

> Wie Sie uns ja bereits geschildert haben, haben Sie viel Schönes, aber auch viel Bedrückendes bei Ihrer Arbeit gesehen. Aus diesen Erfahrungen heraus: Was raten Sie anderen Menschen für ihr Leben?

Ein guter Rat fürs Leben? Es gab mal eine Umfrage unter Menschen am Lebensende: "Was würden Sie anders machen, könnten Sie noch einmal leben?" Die Antwort lautete oft: "Mehr riskieren".

Das finde ich gut, und würde dem noch hinzufügen: Jeder sollte ein Leben leben, das auch rückblickend noch erfolgreich ist, das Ewigkeitswert hat. Dies scheint immer ein Leben für andere zu sein und nie eines der puren Selbstverwirklichung. Unsere ganz persönliche Motivation für das, was wir tun ist unsere christliche Überzeugung. Sie vermittelt uns ein Wertesystem, das alle Menschen als vollkommen gleichwertig ansieht, und uns motiviert, an wahrer Chancengleichheit für alle mitzuarbeiten.

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