• Bericht
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  • Svetlana Kess
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  • 22.04.2009
  • Ägyptischer Pharao - Foto: S. Kess

    Ägyptisches Monument - Foto: S. Kess

     
  • Pyramide in Memphis - Foto: S. Kess

    Pyramide in Memphis - Foto: S. Kess

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  • Tanzender Sufi - Foto: S. Kess

    Tanzender Sufi - Foto: S. Kess

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  • Die Ibn Tulun-Moschee in Kairo - Foto: S. Kess

    Die Ibn Tulun-Moschee in Kairo, die zweitälteste Moschee Ägyptens - Foto: S. Kess

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PJ-Tertial Gyn und Pädiatrie in Ägypten

Blut und Fruchtwasser überall - ein unvergesslicher Anblick an meinem ersten Tag in der Gynäkologie-Abteilung des Kasr Al Ainy Hospital of Cairo. Im kleinen Kreissaal herrscht ein reges Tun, die Krankenschwestern schlängeln sich an den zuschauenden Studenten hinter den Rücken der an zwei Liegen entbindenden Ärzte vorbei.

Die in der Geburt ungeschulten Patientinnen schreien und winden sich in den Wehen, die Ärzte verlieren ab und zu die Geduld und weisen barsch die entbindenden Frauen zurecht.

Ich stehe an diesem Tag als Studentin aus Deutschland im Mittelpunkt, jeder versucht mir etwas zu zeigen und zu erklären. Ein an sich erfreulicher Umstand, der mich allerdings auch in den nächsten Tagen daran hindert, den Kreissaal zu verlassen oder zumindest weg zu schauen, wenn die episiotomierten Frauen ohne Lokalanästhesie genäht werden - und ich bin froh, dass ich nicht gefrühstückt hatte.
Auf meine Frage, warum die Patientinnen keine Anästhesie erhalten, werde ich niemals eine Antwort bekommen - wahrscheinlich steht jeder Frau nur eine Ampulle zu, und diese wird beim Dammschnitt verbraucht, reicht jedoch nicht lange genug, um auch das anschließende Nähen schmerzfrei zu halten.

 

Motivation und Planung

„Warum ausgerechnet Kairo?“ wurde ich von vielen Ägyptern gefragt. War es nun wirklich nur der Pyramiden wegen? Sicherlich übte die faszinierende Geschichte Ägyptens ihren Reiz aus. Aber auch die Aussicht, viel praktisch tun zu können sowie nicht zuletzt die Tatsache, dass es zum ersten mal in die Dritte Welt gehen sollte.

Die Vermittlung geschah über meinen Doktorvater, der mir mehrere Länder zur Auswahl anbot. Die Bewerbung sollte ich spätestens sechs Monate vor dem geplanten Aufenthalt bei ihm einreichen, und er leitete sie dann weiter. Die Organisation der Unterkunft war ein Desaster - die versprochene Gastfamilie blieb bis zum Ende des Aufenthalts aus, statt dessen wurde ich unter Druck gesetzt, eine Art Au-pair-Stelle anzunehmen.
Da die über Bekannte gefundene Gastfamilie zu abgelegen wohnte, wurde ich schließlich in einem der billigen Hotels im Zentrum Kairos untergebracht, und im Laufe meines Aufenthalts in Kairo wechselte ich 4 mal das Hotel, wohnte zwischendurch in einer WG und dann doch in einer Gastfamilie als Au-pair.

Ein Zuhause im fremden Land ist essentiell, sonst wird das Leben irgendwann an den Kräften zerren. Die billigen Hotels in Kairo sind höchst interessante Orte der bereichernden Begegnungen, doch sind sie in ihrem Lebensstil zum längeren Wohnen nicht geeignet, wenn es darum geht, geregelte Arbeitszeiten einzuhalten und dem Lernen nachzugehen. Eine ägyptische Gastfamilie zu finden, die ein separates Zimmer anbieten konnte oder einen Fremden überhaupt aufnehmen wollte, hat sich als sehr schwierig erwiesen, da die Ägypter zwar in ihrer Hilfsbereitschaft kaum zu übertreffen, jedoch aufgrund ihrer konservativen Erziehung den Fremden gegenüber sehr scheu sind.

 

Der Alltag im Krankenhaus

Mein Arbeitstag begann um 9:00 Uhr morgens und endete meistens vor 14:00 Uhr. Die ägyptische Arbeitswoche umfasst sechs Tage, wobei der freie Tag freitags ist. Die ersten vier Wochen verbrachte ich in der Geburtshilfe, den Rest meiner Zeit in der Gynäkologie rotierte ich mit dem Personal: Ambulanz, Geburtshilfe, OP und Besprechung der Fälle mit Chefvisite. Am Ende des Tertials wechselte ich für einige Wochen in die Pädiatrie. Und um das Land der Pharaonen zu bereisen, bekam ich großzügig frei.

„Hast du das schon mal gemacht?“ - und ich bekam einen metallenen trichterförmigen Gegenstand - den Pinard - in die Hand gedrückt, um damit auf die fetalen Herztöne zu hören. Auch die Wehentätigkeit wurde in der Geburtshilfe ohne Hilfe der modernen Technik bestimmt - mit Händen auf dem Bauch der Schwangeren und dem Blick auf die Uhr. CTG wie in Deutschland gab es nicht - nur im Falle einer pathologischen Herzfrequenz wurde diese per Elektroden abgeleitet.
Ultraschall gehörte auch in der Schwangerschaftsvorsorge nicht zum Standard und wurde nur durchgeführt, wenn die Anzahl der kindlichen Bewegungen, die von den Müttern selbst gezählt wurden, zu niedrig war oder eine Pathologie vermutet wurde.

Während meiner Zeit in der Gynäkologie habe ich viel gesehen, durfte aber selbst wenig Hand anlegen - sogar im OP beschränkte sich das Lernen auf das Zuschauen, da das Hakenhalten von Krankenschwestern übernommen wird. Diese erledigen allerdings ebenfalls die typischen PJler Aufgaben wie das Anhängen von Antibiosen, das Blutabnehmen und das Legen von Braunülen - und das übrigens ohne vorher zu stauen!

Das Highlight meines aktiven Einsatzes war eine selbständig durchgeführte Entbindung sowie eine Assistenz beim Kaiserschnitt. Nach der anfänglichen Phase der allgemeinen Aufmerksamkeit mir gegenüber fühlte sich leider nach ungefähr zwei Wochen niemand mehr für mich verantwortlich. Da auf die Wünsche und Gefühle der Patientinnen in einem Krankenhaus für die Armen wenig Rücksicht genommen wird, besteht für die Studenten im allgemeinen die Möglichkeit, so viel klinisch zu untersuchen, wie man will. Da ich kein Arabisch sprach und es nicht übers Herz brachte, trotz des grünen Lichts seitens des Oberarztes die Patientinnen ohne ihre Erlaubnis vaginal zu untersuchen, beschränkte ich mich lieber auf das Zuschauen.

 

The Kasr Al Ainy Hospital

Erstaunlich ist die Koexistenz von ärmlichen Verhältnissen und dem Vorhandensein hochmoderner Ausstattung einerseits sowie von katastrophalen hygienischen Bedingungen und der ausgezeichneten Qualifikation fähiger Ärzte andererseits.
Die Behandlung ist kostenlos, und was mich persönlich beeindruckt hat, war die Kampagne der Regierung zur Geburtenkontrolle - nämlich das kostenlose Einsetzen des IUP. Ernüchternd war allerdings, dass die meisten Frauen beschnitten waren, und obwohl dies in Ägypten mittlerweile verboten ist, wird dieser Brauch sogar in gebildeten Gesellschaftsschichten immer noch praktiziert.

Die Kasr Al Ainy Universität genießt ein hohes Ansehen, und der Zugang zum Medizinstudium ist nur den Besten vorbehalten. Die ägyptischen Studenten machen das Praktische Jahr im 7. Studienjahr, und zwar im Unterschied zu Deutschland nach ihrem Abschlussexamen. Sie müssen nur an bestimmten Tagen anwesend sein und eine Art Katalog an gesehenen Operationen oder Untersuchungen erfüllen.
Die Unterrichtssprache ist offiziell Englisch, allerdings wird statt dessen ein Gemisch aus Englisch und Arabisch gesprochen. Wer im Unterschied zu mir kein individuell geplantes PJ in Kairo verbringt, sondern eine durch den DFA vermittelte Famulatur im Rahmen der Sommerschule in einer internationalen Gruppe macht, erhält an der Kasr Al Ainy Universität nicht nur eine Betreuung rund um die Uhr inklusive eines Freizeit- und Reiseprogramms, sondern kommt auch in den Genuss eines speziell für die „exchange students“ organisierten Unterrichts mit sowohl praktischen als auch theoretischen Anteilen.

 

Pädiatrie

Ob die Teilnahme an der Fortbildung für iranische Ärzte oder der praktische Unterricht in der Ambulanz: die Zeit in der der Kinderhepatologie war die lehrreichste. In der Ambulanz werden die Kinder zügig auf einfachen Tischen untersucht, der Patientenumsatz ist hoch. In Ägypten ist Hepatitis A endemisch, und die Durchseuchung erfolgt bereits im Kindesalter. Die Kinder werden nicht sofort behandelt, sondern erst mal beobachtet und eine Spontanbesserung abgewartet. Die klinischen Symptome wie Hepatomegalie, Aszites und sogar Enzephalopathie mit Koma - der Vater brachte das bewusstlose Kind in den Armen - bei Kindern zu erleben, ist eine Erfahrung, die man in Deutschland aufgrund der frühen Diagnostik und der sofortigen Behandlung ganz sicher nicht macht.

Auch seltene genetische Krankheiten, die in einigen Regionen des Landes aufgrund der Verwandtenehen gehäuft auftreten, waren kein Einzelfall. Einige der Krankheiten waren auf Enzymdefekte zurückzuführen und eigentlich therapierbar - wären die Medikamente für die Familien doch erschwinglich.

 

Land und Leute

„Wie hältst du das bloß aus? Man wird auf so eine sexuelle Art und Weise angeschaut und angemacht.“
Was man als Frau sofort an eigener Haut erlebt, ist das mehr als ungewohnte Verhalten der ägyptischen Männer, das von Anmachen und Kommentaren auf den Strassen bis hin zu unmoralischen Angeboten sogar seitens der Kollegen reicht. Die europäischen Frauen werden als sehr freizügig angesehen, wobei das Wissen um sie oft allein auf Hörensagen und dem in Ägypten zu empfangenden westlichen Fernsehen basiert.

Im Krankenhaus machte ich die Erfahrung, dass es fast unmöglich war, sich mit einer ägyptischen Frau anzufreunden, während Männer häufig ihre Hilfe und Freundschaft anboten. Die möglicherweise folgenden Heiratsanträge oder Wünsche nach Beziehung sollte man nicht zu streng beurteilen: Ägypten ist ein islamisches Land mit steifen Regeln und Sitten, was die Beziehung zwischen Mann und Frau angeht.
Geheiratet wird erst, wenn der männliche Part genug Geld hat, um seiner Zukünftigen ein eigenes Heim bieten zu können, in dem auch die Möbel nicht fehlen dürfen. Liebe ist dabei meistens sekundär.

In Ägypten scheinen die westlich-europäische und arabisch-islamische Kultur aufeinander zu prallen, denn der mächtige Strom von Touristen, der die Haupteinkommensquelle des Landes darstellt, lässt das Leben und Menschen nicht unbeeinflusst und macht es zu einem Land der Gegensätze: Bis auf die Augen vermummte Frauen Hand in Hand mit europäisch gekleideten Frauen, religiös geprägte konservative Ansichten koexistieren mit freizügigem Sextourismus.

Aber abgesehen davon: die Hilfsbereitschaft und die Freundlichkeit der Ägypter sind einzigartig. Ihre Fähigkeit, das Leben locker zu sehen sowie ihr Sinn für Humor, der wohl für das ständige Lachen und Scherzen während der Arbeit im Krankenhaus verantwortlich war, haben mich tief beeindruckt. Das historisch reiche Land zu bereisen, interessanten Charakteren aus aller Welt zu begegnen sowie eine vollkommen andere Kultur kennenzulernen war eine der bereicherndsten Erfahrungen meines Lebens.

„See you again in Egypt!“, haben mir viele Ägypter vorhergesagt. Und da lagen sie gar nicht so falsch.

 

Tipps und Links

1) Info zur Bewerbung:

Prof. Dr. Michael Krawinkel
Tel. 0641/9939048
e-mail: Michael.Krawinkel@ernaehrung.uni-giessen.de

2) Wohnungssuche:

Aushänge gibt es an der AUC (American University of Cairo, Sharia Mohammed Mahmoud, Downtown).
Feilschen ist ein nicht wegzudenkendes Merkmal der ägyptischen Wesensart. Für eine 2-Personen-WG im Zentrum der Stadt sind 1000-1500 LE (Livres Egyptiennes, 1 Euro = ca. 7,6 Egyptian pounds) vollkommen ausreichend.

3) Ein wirklich empfehlenswerter Reiseführer ist „Egypt“ von Lonely Planet.

4) Sehr wichtig: das LPA zeigt sich extrem bürokratisch, was die Anerkennung angeht. Man sollte sich im Vorfeld über die Formalitäten erkundigen und ausserdem bei ausgestellten Bescheinigungen besonders auf die Lesbarkeit der Stempel achten.

5) Links:

Informationen zur Visumbeschaffung

Kasr Al Ainy Hospital Homepage

Sommerschule des Kasr Al Ainy Hospitals

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