• Bericht
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  • Alexandra Leskaroski
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  • 22.04.2009

Ein PJ-Tertial in Buenos Aires

Alexandra war schon lange fasziniert von Südamerika und so beschloss sie, ein PJ-Tertial dort zu machen. In ihrem Bericht erzählt sie euch, warum sie Argentinien so toll fand, was man dort alles unternehmen kann und wie die Arbeit im Krankenhaus war.

Motivation

Schon lange vor Beginn des Medizinstudiums weckten Begriffe wie Titicacasee, Machupicchu, Panamericana oder Feuerland mein Fernweh und den Wunsch, später einmal selbst Südamerika zu bereisen. Zu dieser allgemeinen Faszination, die der Kontinent auf mich ausübte, kam mit dem Medizinstudium noch der Wunsch hinzu, andere Gesundheitssysteme und andere Krankenversorgungssysteme kennen zu lernen.

 

Foto: Alexandra Leskaroski

Die "typisch argentinische" Vegetation

Planung

Nachdem ich während einer Chirurgie-Famulatur in Kathmandu, Nepal und in einer Ambulanz-Famulatur in Ohrid, Makedonien viele positive Erfahrungen und interessante Einblicke in fremde Kulturen und Gesundheitskonzepte gesammelt hatte, stand für mich fest, dass ich zumindest ein Tertial in einem südamerikanischen Land verbringen wollte. Ein Freisemester wollte ich dem PJ voranstellen und dazu nutzen, Südamerika zu bereisen sowie die Sprache zu erlernen. Ich bewarb mich also per Email bei verschiedenen Universitäten in Südamerika, wobei mein Wunschziel zu diesem Zeitpunkt noch Santiago de Chile hieß. Mit einigen vorläufigen Zusagen ging es los in Richtung Ecuador.

 

Südamerika

Das erste Ziel meiner Reise war die 2800 m hoch gelegene ecuadorianische Landeshauptstadt Quito, die mich im November 2003 mit feuchtkaltem Regenwetter empfing - das entsprach damals ganz und gar nicht meiner Vorstellung von Äquator, Sonne und Palmen. Da ich zu dem Zeitpunkt noch über keinerlei Spanischkenntnisse verfügte, besuchte ich erst einmal einen dreiwöchigen Spanischkurs (empfehlenswert wäre hier z.B. das Instituto superior de español: one-to-one Unterricht für ca. 5 Dollar pro Stunde). Der Kurs vermittelte zunächst vor allem eine grammatikalische Grundlage, beim Herumreisen hat sich dann mein Spanisch schnell verbessert.

Die meisten Südamerikaner, vor allem in Ecuador, Peru und Bolivien, sprechen kein Englisch, so dass man sofort gezwungen war, sein Spanisch anzuwenden und zu verbessern - das war nicht schwierig und machte Spaß, denn die Leute waren sehr entgegenkommend, neugierig und freuten sich über jeden sprachlichen Fortschritt - so etwas spornt natürlich noch zusätzlich an. Insgesamt war ich, bevor ich in Buenos Aires ankam um das PJ-Tertial zu beginnen, fünf Monate in Ecuador, Peru, Bolivien und Chile unterwegs. Diese Zeit hat auch ausgereicht, Spanisch so weit zu lernen, dass ich mich im Gespräch sicher gefühlt habe.
Nach der anstrengenden Zeit um das Staatsexamen habe ich diese Zeit sehr genossen und würde auch jedem zu so einer Reise raten, denn die Länder (vor allem Bolivien hat mir sehr gut gefallen) sind einfach wunderschön und es gibt unglaublich viel zu erleben und zu sehen.

 

Bewerbung

Noch während meines Sprachkurses in Ecuador hatte ich mich, veranlasst durch viele enthusiastische Reiseberichte über Argentinien, direkt bei der Universidad de Buenos Aires, Facultad de Medicina um einen PJ-Platz beworben. Auf der Universitätsseite kann man ein Bewerbungsschreiben ausdrucken, dass man ausgefüllt an die Universität schickt.
Alles weitere organisiert das Büro für internationale Beziehungen der Universität. Das läuft sehr professionell und unkompliziert ab. Die Uni kann auch eine Wohnung organisieren, ist aber dabei nicht sehr zuverlässig, so wurde einem Kommilitonen aus Deutschland am Tag seiner Ankunft mitgeteilt, dass die versprochene Wohnung schon vergeben sei.

 

Buenos Aires

Argentinien ist ein stark zentralistisch regiertes Land, wobei Buenos Aires in kultureller, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht den Mittelpunkt des Landes bildet. Inzwischen ist fast jeder dritte Argentinier ein Porteño, also ein Einwohner der Hafenstadt Buenos Aires. Diese vibrierende, hektische Stadt mit ihrer fast greifbaren Energie sollte also die nächsten vier Monate mein Zuhause sein - ich war sehr gespannt!

Eine Stadt voller Gegensätze, auf der einen Seite die laute Stadt, die nie zu schlafen scheint, in der sich Menschenmassen über zehnspurige Prachtboulevarde schieben und schreiend bunte Leuchtreklame die neuesten Boulevardstücke anpreist - auf der anderen Seite die elegante Kulturstadt, deren altehrwürdige Fassaden noch vom Glanz vergangener Zeiten erzählen, in der abends im altehrwürdigen Teatro Colon, das einem Märchen entsprungen zu sein scheint, die Oberschicht mit Pelzstola bekleidet den neuesten Opern lauscht.

Foto: Alexandra Leskaroski

Die Magellanstraße

Und seit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch 2001 gehören zu diesem Bild von Buenos Aires zunehmend auch die Schichten, die die Verlierer der wirtschaftlichen Veränderungen in Argentinien sind: die sogenannten "Cartoneros", die in den Parks inmitten ihres mühsam gesammelten Papierberges schlafen, oder die bettelnden, z.T. unterernährten Kinder am Straßenrand, die anstatt zu lernen den ganzen Tag im Bus oder an den Straßenkreuzungen Bonbons verkaufen müssen und nachts oft einfach nur in eine Decke gewickelt auf einem Pappkarton in einem Hauseingang schlafen.

 

Wohnen in Buenos Aires

Seit der Wirtschaftskrise ist Argentinien ein zunehmend beliebteres Reiseland geworden - viele Reisende verbringen eine längere Zeit in Buenos Aires, um die Stadt kennen zu lernen, einen Sprachkurs zu besuchen oder für eine Weile zu arbeiten. Deshalb haben sich viele Vermieter auf diese ausländischen Besucher eingestellt und bieten im Internet Zimmer für einen Kurzaufenthalt an. Eine Alternative dazu sind viele Hostals, die ihre Zimmer zu sehr günstigen Preisen auch längere Zeit vermieten (gleich am Anfang nach dem Preis für einen kompletten Monat fragen). Auch die Residencias estudiantiles, in denen einheimische Studenten wohnen, vermieten Zimmer an ausländische Studenten. Man muss sich nur früh genug um ein Zimmer kümmern (am besten per email), denn die Zimmer sind schnell ausgebucht. Ich selbst habe in einem Hostal in Stadtzentrum gewohnt, in dem auch Studenten aus Peru, Mexiko und Argentinien wohnten und für ein Einzelzimmer ohne eigenes Bad 400 Peso bezahlt (circa 110 Euro pro Monat).

 

Im Krankenhaus

Auf Station hatten wir den gleichen Status wie die "Rotantes", die argentinischen Studenten im letzten Jahr, die auch ein praktisches Jahr in verschiedenen Fachrichtungen ableisten müssen. Das PJ ist in Argentinien ziemlich neu eingeführt worden und das hatte für uns die zwei Hauptnachteile, dass erstens viel zu viele PJler auf einer Station eingeteilt waren - wir waren auf einer einzigen Station 10 PJler - und zweitens, dass man noch nicht so genau weiß, was man mit ihnen anstellen soll, denn offiziell durften wir weder als zweiter Assistent am OP-Tisch stehen, noch wesentliche Dinge auf Station übernehmen.

Die Assistenzärzte sind, vor allem im ersten Jahr, ständig in Eile, denn sie unterliegen einer strengen, fast militärischen Hierarchie und müssen sehr viel arbeiten. Oft bleiben sie nach den 24 Stunden-Diensten noch bis zum nächsten Abend im Krankenhaus, weil sie sonst die anfallende Arbeit nicht erledigen könnten. Das hat auch den Effekt, dass die Assistenzärzte, die eigentlich die Verantwortung für die PJler übernehmen sollten, ständig übermüdet sind, und bei jeder Gelegenheit (vor allem in den Besprechungen) sofort einschlafen. Dabei bleibt dann leider wenig Zeit für die PJler.

Foto: Alexandra Leskaroski

Der Perito Moreno Gletscher

Da die Ausbildung in Argentinien bis zum Ende des Studiums sehr theoretisch gehalten ist, sollte man nicht zuviel an praktischem Einsatz erwarten; grundsätzlich haben erst einmal die Residentes (Assistenzärzte) Vorrang. Wir mussten uns meistens auf Patientengeschichte-lesen und zugucken beschränken. Nur während der Guardia und im Consultorio hatte man ab und zu die Möglichkeit, etwas Praktisches zu machen. Hier ist Eigeninitiative wichtig; hängt man sich an einen engagierten Arzt oder fragt viel, darf man auch viel mehr machen.

Der Tag begann um acht Uhr mit der Unterschrift ins Buch der Sekretärin, aus dem man sich um 13 Uhr wieder austragen musste - bei der Menge an PJlern verlor sie aber schnell den Überblick, so dass sie es meist gar nicht bemerkte, wenn Studenten sich nachträglich eintrugen. Theoretisch hätte man dann bis 16 Uhr im Krankenhaus bleiben müssen, aber die Studenten waren meist schon lange vorher aus dem Haus. Außerdem war einmal die Woche eine "Guardia" vorgesehen, wo man eigentlich 24 Stunden im Krankenhaus bleiben sollte. Aber allein aus organisatorischen Gründen (gar nicht ausreichend Betten im Aufenthaltsraum) ist man meist nur bis abends geblieben, hat mit den Assistenzärzten Mate getrunken und ist dann irgendwann nach Hause gegangen.

An drei Tagen in der Woche ist OP-Tag, an den anderen beiden ist um acht Uhr erst Visite (z.T. mit 25 Personen im Patientenzimmer), dann schaut man im "Consultorio", einer Art Sprechstunde für externe Patienten, zu, und danach ist große Versammlung, bei der ein Fall vorgestellt und besprochen wird. Zu diesen Besprechungen kommen oft auch die pensionierten Ärzte, so dass die zunächst sehr interessanten Fallbesprechungen oft in einer sehr speziellen Diskussionsrunde zwischen den " jefes del equipo" endeten.

Auf Station hatte man die Gelegenheit, Patienten zu untersuchen und so verschiedene Krankheitsbilder kennen zu lernen. Die Patienten waren bei der Untersuchung sehr geduldig, neugierig auf die deutschen Studenten und immer bemüht, deutlich zu sprechen, damit wir alles verstehen konnten. Es lohnt sich z.B. einen der Assistenzärzte nach dem Patienten zu fragen, über den in der Besprechung geredet wird und dann diesen Patienten zu untersuchen. Dadurch wird die Besprechung interessanter und lehrreicher.

Zur gleichen Zeit fing im Krankenhaus auch ein anderer deutscher Student mit seinem chirurgischen PJ-Tertial an, gemeinsam wurden wir einem Koordinator vorgestellt, mit dem wir uns von da ab jeden Mittwoch trafen, um Fortschritte, Probleme und Wünsche zu besprechen. Der Koordinator hat uns gleich dazu gedrängt, dass wir auch ein bisschen Urlaub nehmen müssten, um Argentinien besser kennen zu lernen. So hatten wir dann auch Gelegenheit am verlängerten Wochenende bzw. unserer freien Woche den Süden Argentiniens, Uruguay, Paraguay und Brasilien zu erkunden.

Am Anfang haben mir der argentinische Akzent und allgemeine Sprachprobleme die Verständigung ein wenig schwer gemacht, aber schnell hatte ich mich eingehört, an das allgemeine morgendliche Begrüßungsküsschen und den obligatorischen Mate gewöhnt und fühlte mich integriert. Bald hatten sich Freundschaften mit den Assistenzärzten und den argentinischen PJlern ergeben, dadurch bekam man auch viel vom alltäglichen Leben und Problemen der Studenten mit: die Arbeitsmarktsituation in Argentinien ist sehr schwierig, denn da es an der medizinischen Fakultät keine Aufnahmebeschränkungen für Medizin gibt, ist die Zahl der Medizinstudenten wesentlich höher als das Arbeitsplatzangebot, so dass die meisten Studenten wissen, dass sie nach Abschluss des Studiums sehr wahrscheinlich gar keine Stelle finden werden.

Um ihren Facharzt machen zu können, arbeiten viele der Assistenzärzte während der Woche unentgeltlich in den öffentlichen Krankenhäusern und am Wochenende verdienen sie mit 24-Stunden Diensten ihr Geld in einer privaten Ambulanz. Die öffentlichen Krankenhäuser haben nämlich nur eine beschränkte Anzahl bezahlter Assistenzarztstellen, stellen aber immer auch noch eine Anzahl unbezahlter Assistenzärzte ein.

 

Kosten

Obwohl anfangs von einem Semesterbeitrag die Rede war, mussten wir im Endeffekt kein Entgelt an die Universität bezahlen. Nachdem 2001 die Koppelung des argentinischen Peso an den amerikanischen Dollar aufgehoben worden ist, unterlag der Peso einer starken Wertminderung, so dass Argentinien inzwischen zu einem günstigen Reiseland geworden ist. Ein komplettes Mittagsmenü in einem netten Restaurant mit Getränk und Nachtisch kostet z.B. ca. 10 Peso, also umgerechnet weniger als drei Euro.

Foto: Alexandra Leskaroski

Kinder in traditioneller Kleidung in Peru

Kultur in Buenos Aires ist ebenfalls nicht teuer; abgesehen davon, dass viele Kulturzentren wunderbare Tango-, Jazz-,und Klassikkonzerte sowie Konzerte junger Bands mit freiem Eintritt anbieten, kostet ein Kinobesuch meist unter drei Euro, der Besuch einer Tangoshow ebenfalls um die drei Euro (wenn man nicht gerade ein sehr touristisches Cafe aussucht), Theater mit Studentenermässigung knapp zwei Euro und so weiter.
Die Stadtviertel Recoleta und Palermo sind bestimmt die teuersten Viertel, aber auch die bei den Portenos angesagtesten. Billig und urig isst man im Stadtviertel San Telmo, das auch sonst ein interessantes Viertel ist: zwischen Tangobars, Antiquitätenläden und bunten Wochenendmärkten bröckelt der Putz alter Prachthäuser und verleiht diesem gerade wieder in Mode kommenden Stadtviertel einen besonderen Glanz.
Überall in der Stadt kann man billig in den riesigen Supermärkten einkaufen, deren Sortiment das Sortiment eines jeden deutschen Supermarkt in den Schatten stellt. Dort kostet z.B. ein Kilo argentinisches Rindfleisch nur ca. zwei bis drei Euro.

Billig ist auch Reisen innerhalb Argentiniens, vor allem in den super-komfortablen Bussen, die meist über Nacht fahren, so dass man am nächsten Morgen ausgeruht am Zielort ankommt: die 15 Stunden Fahrt Buenos Aires - Salta (im Norden) im Schlafbus mit Essen, Video und Bordservice kostet knapp 30 Euro. Noch billiger wirds im normalen Reisebus. Günstig und empfehlenswert sind auch die nationalen Fluggesellschaften, vor allem, da man in Argentinien beim Reisen oft grosse Strecken zurücklegen muss (z.B. Buenos Aires-Feuerland-Buenos Aires 120 Euro).
Um an Bargeld zu kommen reicht eine Geldkarte, am besten eine der Citibank, mit der man bei einer der zahlreichen Filialen kostenlos Geld abheben kann. Eine Kreditkarte ist notwendig, um einen Wagen zu mieten, ansonsten aber nicht unbedingt erforderlich.

 

Fazit

Foto: Alexandra Leskaroski

Bolivien

Obwohl ich anfangs enttäuscht war über den Umfang, in dem die PJler praktisch eingebunden wurden, habe ich es nicht bereut, mein Tertial in Buenos Aires verbracht zu haben. Ich habe in dieser Zeit viele interessante Erfahrungen gesammelt, nicht nur auf dem Gebiet der Medizin. Ich würde für das nächste Mal aber eher ein kleines Krankenhaus im Landesinneren aussuchen, denn dort darf man den argentinischen Pjlern zufolge wesentlich mehr machen. Auf der anderen Seite fand ich es aber auch sehr schön in Buenos Aires zu arbeiten und zu wohnen, denn diese aufregende Stadt lohnt auf jeden Fall einen längeren Aufenthalt. Unbedingt empfehlen möchte ich auch, etwas Zeit fürs Reisen einzuplanen, denn Argentinien bietet eine abwechslungsreiche und oft atemberaubend schöne Landschaft, die man nicht verpassen sollte.

Ich hatte für meinen Aufenthalt kein Studenten-Visum beantragt, denn ich hatte gehört, dass das mit grossem Zeit- und Kostenaufwand verbunden ist. Viel einfacher ist es mit dem normalen Touristenvisum einzureisen und nach drei Monaten für ein Wochenende ( Z.B. nach Uruguay) auszureisen und so sein Visum um weitere drei Monate zu verlängern.

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