• Bericht
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  • Paul Fäßler und Margrit Knop
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  • 22.04.1998

Famulatur auf den Bahamas

Paul und Margrit berichten von ihrer Famulatur im Doctors Hospital auf den Bahamas und den Unterschieden zwischen dem deutschen Gesundheitssystem und dem vor Ort.

Warum die Bahamas?

Die Bahamas bestehen aus hunderten von großen und kleineren Inseln, die im allgemeinen zur Karibik gerechnet werden. Der Großteil dieser traumhaft schönen Islands mit weißen Sandstränden und türkisblauem Wasser ist unbewohnt oder nur dünn besiedelt. Unsere Beweggründe, hier eine Famulatur zu machen, waren aber nicht nur die einzigartige Landschaft und das warme Klima, sondern vor allem die freundliche Bevölkerung und unsere Neugier, ein im Vergleich zu Deutschland völlig anderes Gesundheitssystem kennenzulernen.

Die Vergangenheit der Bahamas ist von kriegerischen Auseinandersetzungen der Kolonialmächte Spanien und England geprägt, bei denen schließlich die Briten die Oberhand behielten. Die Spanier rotteten die indianischen Ureinwohner aus, die Briten ließen den grausamen Sklavenhandel blühen. Heute sind ungefähr 85% der 170 000 Einwohner der Hauptstadt Nassau schwarz, und ihre große Religiosität liegt wahrscheinlich darin begründet, dass sich die Menschen zu Zeiten der Sklaverei nur zu Gottesdiensten versammeln durften.

Seit 1973 sind die Bahamas unabhängig, doch der englische Einfluss ist noch deutlich am britischen Akzent, dem Linksverkehr und der Queen auf jedem Geldschein zu erkennen. Die Hauptstadt Nassau befindet sich auf New Providence Island, wo die Menschen zu einem großen Teil vom Tourismus leben. Es gibt viele Arme unter ihnen, weshalb die Bahamas immer noch zu den Ländern der dritten Welt gehören. Eine sehr wohlhabende weiße Bevölkerungsschicht ließ sich von der Einkommenssteuerfreiheit hierherlocken, so dass es kaum größere Gegensätze auf so wenigen Quadratmetern geben kann.

Gesundheitsversorgung

Die Trennung von arm und reich spiegelt sich auch in der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung wider. Im privaten Doctors Hospital (72 Betten) werden nur Patienten mit Krankenversicherung oder Kreditkarte behandelt, alle anderen müssen zum staatlichen Princess Margaret Hospital (PMH), das mit 460 Betten deutlich größer ist. Entsprechend sind auch die Unterschiede in den Ausstattungen der Häuser.

Im Krankenhaus

Am ersten Tag unserer Famulatur im Doctors Hospital wurden wir von der Personalleiterin abgeholt, und sie führte uns im gesamten Krankenhaus herum. Wir wurden vielen Ärzten vorgestellt, so dass wir in kürzester Zeit bekannt waren als die "Students from Germany". Alle grüßten immer freundlich und fragten uns regelmäßig, wie es uns gefällt. Es war wirklich eine tolle Atmosphäre für ein Praktikum, denn im Gegensatz zu den (oft "studentengestressten") Unikliniken zu Hause waren die Ärzte und Schwestern sehr aufgeschlossen und gern bereit, etwas zu erklären.

Ein großer Vorteil war, dass wir am Anfang gefragt wurden, wo wir denn eingesetzt werden möchten. Neben den üblichen chirurgischen und inneren Stationen gab es eine Intensivstation, Angiographie, CT, MRT, Gynäkologie, Physiotherapie, Belegärzte bzw. Praxen von Ärzten verschiedener Fachrichtungen sowie die Notaufnahme (Emergency Room), die wir für die Famulatur auswählten.

Emergency Room

Dr. Iferenta, ein Unfallchirurg, und das Stationsteam waren für acht Betten zuständig. Das Patientenspektrum war breit gefächert. Es kamen traumatische, internistische wie auch chirurgische Fälle, z. B. Patienten mit Brustschmerzen, akutem Abdomen, Verkehrsunfällen und leider auch mit Gewaltverletzungen. Es war äußerst interessant, neben häufigen Beschwerden auch Fälle zu verfolgen, die man nicht jeden Tag zu Gesicht bekommt, z.B. Menschen mit verschluckten Fischgräten, mit Stromverletzungen, Arbeitsunfällen oder Hundebissen.

Der Arbeitstag begann zwischen 8 und 9 Uhr und war gegen 17 Uhr zu Ende. Die Wochenenden waren frei, so dass genügend Zeit für die Erkundung der schönen, wie eigenwilligen Insel blieb. Erwähnen möchten wir, dass eine angemessen schicke Kleidung erwartet wird (keine Jeans, keine Turnschuhe, für den Mann Hemd und Krawatte). Den eigenen Kittel sollte man mitbringen.

Wir erhoben bei den uns zugewiesenen Patienten die Anamnese und diskutierten mit dem Arzt das weitere diagnostische und therapeutische Vorgehen. Ein Teil der Patienten waren sogennante "follow ups". Sie kamen zu Nachuntersuchungen oder Verbandswechsel, die wir oft übernahmen. Außerdem war die radiologische Abteilung gleich hinter der nächsten Tür, so dass wir die verschiedenen Röntgenbilder stets mit den Radiologen erörterten und uns so viel Wissen aneigneten. Die meisten Patienten wurden zur weiteren Betreuung den verschiedenen Stationen zugeführt.

Im OP

Falls operative Eingriffe nötig waren, konnten wir auch dort dabeisein. Wir sahen die Liste der geplanten OPs durch und entschieden uns meist für Operationen, die wir noch nicht gesehen hatten. So konnten wir z.B. eine neurochirurgische Laminektomie (Entfernen des hinteren Wirbelbogens bei Bandscheibenprolaps), eine endoskopische Appendektomie und Cholezystektomie verfolgen. Falls die verschiedenen Belegärzte einen besonders interessanten Patienten oder eine spezielle Untersuchung hatten, fragten sie oft von sich aus, ob wir dabeisein möchten. So sahen wir seltene oder auch besonders typische Krankheitsbilder, die sich uns auf diesem Wege besonders einprägten.

Tätigkeiten wie Blut abnehmen, Infusionen anhängen usw. waren nicht Sache der Ärzte, sondern die Aufgabe der Schwestern. So waren wir ständig Seite an Seite mit den Ärzten, die nach unserer Einschätzung Spaß daran hatten, uns etwas zu erklären, aber auch Fragen zu stellen. An den regelmäßigen Fortbildungsveranstaltungen waren wir immer willkommene Teilnehmer.

Im staatlichen PMH

Wir waren von der qualitativ hohen Versorgung und insbesondere den diagnostischen Apparaten beeindruckt, die Deutschland nicht nachstehen. An einigen Tagen hatten wir die Möglichkeit, Ärzte im staatlichen PMH zu begleiten, wo auf den internistischen und chirurgischen Stationen 20 bis 25 Menschen in einem großen Saal dicht an dicht nebeneinander liegen. Die Ausstattung ist sehr einfach und die Organisation des Stationsalltags wird mitunter behindert durch Zuständigkeitsfragen, finanzielle Engpässe oder Fehlplanungen bei Arbeitmaterialien und die bahamesische Einstellung zum Arbeitsrhythmus, denn alles geht slow, slow, slow...

Geldfragen

Immer wieder wurde uns der Wert unserer gesetzlichen Pflicht zur Krankenversicherung in Deutschland bewusst. Probleme wie "Herr Doktor, das Medikament habe ich nicht eingenommen, denn ich hatte kein Geld dafür!" oder das Warten eines mittellosen Patienten, der dringend einer künstlichen Herzklappe bedurfte, auf ein eventuelles "Wunder" - all dieses war neu für uns und beeinflusste stets die Entscheidungen der Ärzte. Die Verpflichtung zur Hilfe des Arztes gegenüber den Patienten im Sinne des hippokratischen Eides wurde ständig durch die Geldfrage kompromittiert.

Ausbildung

Die Medizinerausbildung orientiert sich wohl am System der USA, die Titel der ärztlichen Hierarchie entsprechen aber eher denen in Großbritannien. Das Training der Medizinstudenten erfolgt in den staatlichen Krankenhäusern, wobei es dem Zufall unterliegt, auf welche der Inseln man kommt. Die gesundheitspolitischen Maßnahmen beziehen sich nicht nur auf die stationäre und ambulante Versorgung der Bevölkerung, sondern auch auf die Aufklärung und gesundheitsbezogene Allgemeinbildung inklusive präventiver Maßnahmen. Ein Beispiel hierfür sind die Anstrengungen, Schüler über eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung zu beraten, da Übergewicht und die damit begründeten Risiken ein großes Problem in Nassau darstellen.

Durch gegenseitige neugierige Fragen von Bahamians oder uns über Fakten oder Situationen in Deutschland bzw. den Bahamas ergaben sich viele interessante Gespräche, die Unterschiede im Leben, in den Ansichten, Problemen und Wertvorstellungen der Menschen dort und hier aufdeckten. Außerhalb des Krankenhases gestaltete sich der Umgang mit Einheimischen oft befangen, da wir aufgrund unserer weißen Hautfarbe als reiche Leute galten, an den immer etwas zu verdienen ist.

Sprache

Sprachprobleme gab es ab und zu wegen des eigentümlichen Akzents. Doch die Ärzte bemühten sich oft um eine klare Aussprache und fragten auch nach, ob wir sie verständen. Ein Medical-Englisch-Kurs unserer Universitäten und das begleitende Skript bereiteten uns gut auf unsere Famulatur vor. Und das für 7 $ in der USA erstandene "Merriam Webster´s Medical Dictionary" in der Kitteltasche war für so mache Korrespondenzprobleme gut.

Fazit

Insgesamt hat uns die Famulatur sehr gefallen. Unsere Erwartungen wurden erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen in Bezug auf die Aufgeschlossenheit des Krankenhauspersonals. Wir haben viel gelernt, nicht nur Fachwissen, sondern auch einiges über Menschen in einem anderen medizinischen und kulturellen System.

Adressen und praktische Tipps

Doctors Hospital
P.O. Box
Nassau, Bahamas
(242) 322-8411

Bewerbungen an Ms. Joan Diah

Unterkunft:

  • Sunshine Guesthouse, West Street, 25 min Fußweg zum Krankenhaus, der wegen der Hitze im Sommer zum Problem werden könnte - dann evtl. Bus nehmen
  • Vermittlung über Krankenhaus
  • Einzelzimmer 550 $ pro Monat, Doppelzimmer 850 $ pro Monat inklusive Bettwäsche und aller anderen Nebenkosten, alle 8 Zimmer mit Bad und Klimaanlage
  • die meiste Zeit über sind andere Medizinstudenten aus den USA, England oder Deutschland hier, für Anschluss und Unterhaltung ist also gesorgt
  • Zimmerservice von Montag bis Freitag, gemeinsame Küche und Wohnzimmer mit Fernseher, Telefon, Computer, Bügeleisen und Bügelbrett

Verpflegung:

  • Mittagessen im Krankenhaus (nur 2 $ !)
  • ansonsten Selbstverpflegung, für die ungefähr mit dem 1,5 fachen Preisniveau der USA gerechnet werden muss

Verkehrsverbindungen:

  • beste Inselerkundung zu Fuß und mit "Jitneys", kleinen Bussen zu 75 Cents pro Fahrt unabhängig von der Fahrstrecke (Kleingeld sammeln, da Busfahrer nicht rausgeben dürfen!)
  • nach 18 Uhr nur noch Taxis (Cab), die "Meter Cabs" sind günstiger; nicht vergessen, Taxifahrer hinzuweisen, das Meter anzuschalten und 15% Trinkgeld zu geben

Devisen:

  • 1 Bahama-Dollar entspricht 1 US-Dollar (austauschbar)
  • 50 $-Traveller Cheques mitnehmen, die in jedem Geschäft und Supermarkt eingelöst werden können: einfach was kaufen (z.B. halbe Gallone Milch für 2,70 $), den Rest gibt's in bar heraus (im Beispiel 52,30 $)
  • Supermärkte verlangen Gebühr für Traveller Cheques, ungefähr 1 $
  • mit Kreditkarte kann man nur in den extrateuren Souvenirgeschäften z.B. eine Gucci-Uhr kaufen
  • Taxifahrer nehmen nur Bargeld; nicht übers Ohr hauen lassen: Fahrt vom Airport Nassau bis Downtown Nassau kostet 20 $, auch für zwei Personen, vorher Preis absprechen!

Visum:

  • bis drei Monate keines notwendig, nur Reisepass
  • den Flughafenbeamten sagen, man käme für Urlaub (ist am unkompliziertesten) und Adresse vom Sunshine Guesthouse angeben

Bei Fragen

Tel.: 089-3519036

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