• Bericht
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  • Anne Schneider
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  • 24.10.2018

Ein Monat Anästhesie in der EU-Hauptstadt

Du möchtest deine Famulatur in einer multikulturellen, französischsprachigen Stadt machen? Dann auf nach Brüssel!

„Warum eigentlich Brüssel?“ – Eine Frage, die mir verständlicherweise nicht nur einmal sowohl von belgischer als auch von deutscher Seite gestellt wurde. Gründe dafür gab es mehrere. In erster Linie wollte ich mal etwas anderes erleben und mein Französisch auffrischen.

 

Die Vorbereitung

Natürlich wäre es in dem Fall naheliegender gewesen, direkt nach Frankreich zu gehen. Um mir einen Überblick zu verschaffen, stöberte ich ein bisschen in den Erfahrungsberichten vorheriger Famulanten, zum Beispiel auf www.famulatur-ranking.de. Da mich die Rezensionen über Frankreich aber nicht überzeugten, beschloss ich, meine Suche auf andere französischsprachige Länder auszuweiten. Dabei schieden Kanada und die afrikanischen Länder recht schnell aus, weil ich die Reisekosten möglichst gering halten und gerne im europäischen Raum bleiben wollte. Nach weiterem Stöbern stieß ich auf positive Erfahrungsberichte über Famulaturen in zwei Brüsseler Krankenhäusern – beide in der Anästhesie, meinem Wunschfach für diese Famulatur. Daraufhin informierte ich mich auf den Internetseiten der beiden Krankenhäuser über die Bewerbungsverfahren und schrieb jeweils eine Mail an die verantwortliche Person. Mein „Wunschmonat“ für die Famulatur war August, weshalb ich meine Bewerbungen Ende Januar abschickte, also gut ein halbes Jahr im Voraus. Nachdem ich nach zwei Monaten ohne Rückmeldung noch einmal vorsichtig nachgefragt hatte, meldete sich zumindest eins der Krankenhäuser, das Centre Hospitalier Universitaire (CHU) Brugmann.
Da man für Belgien kein Visum oder Ähnliches benötigt, konnte ich mich nun erst einmal entspannt zurücklehnen und begann im Juni mit der Suche nach einer Unterkunft.

 

Eines der Gebäude des CHU Brugmann

 

Die Unterkunft

Ein bezahlbares Zimmer zu finden, erwies sich zunächst als gar nicht so einfach. Das zugehörige Wohnheim war wenige Monate zuvor geschlossen worden und die Preise für WG-Zimmer waren zum Teil noch höher als in Hamburg. Es war schwierig, eine Unterkunft für weniger als 500€ zu bekommen. Mit etwas Glück findet man auf den gängigen Seiten, wie zum Beispiel „WG gesucht“, Anzeigen anderer Studenten, die kurzfristig und nur für einen begrenzten Zeitraum einen Mitbewohner suchen. In meinem Fall war die Hauptmieterin sogar eine Medizinstudentin mit deutschen Wurzeln, was die Kommunikation und den Vertragsabschluss natürlich erleichterte.

 

Das Krankenhaus

Da ich in der Anästhesie famulierte, war ich hauptsächlich im OP. Als ausländische Studentin wurde ich als „Besucherin“ angesehen, wodurch die Ärzte bestrebt waren, mir möglichst viel zu zeigen. Deshalb bekam ich die Chance, vier Bereiche jeweils eine Woche lang kennenzulernen: die gewöhnliche Erwachsenenanästhesie, die pädiatrische Anästhesie, die Entbindung und die „One Day“, wo vor allem ambulante Eingriffe durchgeführt werden. In allen vier Bereichen waren die Ärzte meistens super nett und bemüht, mir möglichst viel zu zeigen und zu erklären. In Brüssel sind die beiden Amtssprachen Französisch und Flämisch, wobei das Krankenhaus, in dem ich war, offiziell französischsprachig war. Dadurch ist es nicht schlimm, wenn man kein Flämisch kann, weil die Sprache höchstens bei einigen Mitarbeitern untereinander zum Einsatz kommt oder eben dann, wenn mal ein Patient kommt, der kein Französisch spricht. Falls man auf Französisch nicht alles versteht, bemühen sich die meisten Ärzte aber auch, Englisch zu sprechen.


Meine Arbeitszeiten variierten etwas, je nach Bereich, in dem ich gerade eingesetzt war. Morgens sollte ich immer um 7.50 Uhr da sein, und nachmittags konnte ich zwischen 16 und 18 Uhr nach Hause gehen. In der Erwachsenenanästhesie dauerten die OPs oft relativ lange, wodurch ich nicht so häufig bei Narkoseeinleitungen dabei sein konnte. Die ambulanten Operationen waren meist kürzer und brachten somit mehr Einleitungen mit sich. Wie viel ich dabei selbst machen durfte, war von Arzt zu Arzt unterschiedlich. Das war der Nachteil daran, mehrmals den Bereich zu wechseln, weil ich dadurch immer verschiedene Betreuer hatte, die natürlich nicht wussten, auf welchem Stand ich war und welche Aufgaben sie mir dementsprechend zutrauen konnten. Außerdem war es durch das Wechseln ein bisschen schwierig, mich in ein Team zu integrieren, weil ich ja keine feste Station hatte, sondern quasi jede Woche woanders war.
In der Anästhesie war ich die einzige Studentin und die Praktikanten aus der Chirurgie waren nach dem jeweiligen Eingriff, bei dem sie assistieren sollten, meistens schnell wieder weg, so dass das Knüpfen von Kontakten nicht ganz so leicht war. Alles in allem fand ich es aber schön, dass meine Famulatur abwechslungsreich war und ich zum Beispiel in der Entbindung auch Kaiserschnitte und sogar eine Geburt miterleben konnte.

 

 

Das Atomium, eines der Wahrzeichen in Brüssel.

 

Was wurde gestellt?

Im Gegensatz zur Unterkunft wurde die Kleidung gegen eine Pfandgebühr gestellt, sprich jeweils ein grünes Set für den OP-Bereich bzw. ein weißes, wenn man doch mal auf Station ging. Clogs musste man sich allerdings selbst mitbringen, genau wie ein Stethoskop. Ein Mittagessen bekam man leider nicht, und auf Grund der hohen Preise im dortigen Shop wurde mir von meiner Mitbewohnerin der gute Rat gegeben, mir besser immer etwas zu essen mitzunehmen. Ebenso wenig wurde die Famulatur vergütet, und auch Zuschüsse für die Fahrt oder Unterkunft gab es nicht.

 

Das Medizinstudium in Belgien

Erst vor kurzem wurde die Studiendauer verringert, so dass die belgischen Studenten nun statt nach sieben schon nach sechs Jahren approbiert sind. Insgesamt unterscheidet sich das System stark von unserem, zumindest vom Hamburger Modellstudiengang. Beispielsweise ist das Studium in Belgien in einen je dreijährigen Bachelor und Master aufgeteilt. Dadurch hat man nach drei Jahren tatsächlich schon einen Abschluss und könnte doch noch eine etwas andere Richtung einschlagen, ohne dass alles „umsonst“ war, zum Beispiel mit Hilfe eines Masters in Public Health. Meiner Ansicht nach ist das ein großer Pluspunkt gegenüber Deutschland, weil man hier mit dem Physikum quasi nichts anfangen und seine Studientendenz nicht mehr abwandeln kann. Außerdem ist das Zulassungsverfahren ein anderes, da nicht die Abiturnote entscheidend ist, sondern eine Aufnahmeprüfung, in der meines Wissens nach Grundlagenfächer abgefragt werden. Wegen des Zulassungsverfahrens wird im ersten Teil des Studiums weniger Unterricht in den Basisfächern abgehalten, denn wenn man den Test besteht, bedeutet es, dass man bereits über genügend Wissen in Bereichen wie Biologie und Chemie verfügt, weshalb in der Uni nicht mehr allzu intensiv darauf eingegangen wird. Ein weiterer Unterschied zu Deutschland ist, dass in Belgien kein dreimonatiges, sondern lediglich ein zweiwöchiges Pflegepraktikum absolviert werden muss.
Bis einschließlich zum siebten Semester haben die belgischen Studenten eher theoretischen Unterricht, der aber auch klinische Fächer behandelt. Ab dem achten Semester machen sie dann fast nur noch "Stages“, also Praktika, im Krankenhaus. Nur ein bis zwei Monate im Jahr bestehen aus theoretischem Unterricht und Prüfungen. Dadurch können die angehenden Ärzte viele verschiedene Fachrichtungen kennenlernen, was meiner Ansicht nach sehr vorteilhaft ist im Gegensatz zu unseren Famulaturen und dem PJ, bei denen die Fächer ja zum Teil schon vorgegeben sind. Zudem werden die Studenten in Belgien stark in den Klinikalltag eingebunden, indem sie beispielsweise eigene Patienten aufnehmen, betreuen und vorstellen, häufig mit am OP-Tisch stehen und, besonders in den höheren Semestern, regelmäßig Bereitschaftsdienste über Nacht übernehmen müssen. Auf der einen Seite hat das natürlich einen großen Lerneffekt, auf der anderen Seite ist das Studium dadurch aber manchmal ziemlich anstrengend, zumal die Semesterferien in Belgien mit maximal vier bzw. zwei Wochen deutlich kürzer sind als in Deutschland.

 

In der Brüsseler Innenstadt

Die Stadt

Mir hat Brüssel richtig gut gefallen, zum Beispiel wegen des vielfältigen Stadtbildes: Die unterschiedlichsten Gebäude reihen sich hier aneinander, und es kommt nicht selten vor, dass neben einem hochmodernen ein sehr altes, geschichtsträchtiges Haus steht. Außerdem ist Brüssel, natürlich auch bedingt durch den Sitz der EU, sehr multikulturell und man hört neben Flämisch und Französisch auch immer wieder Englisch und andere Sprachen. Kulturinteressierte kommen dort ebenfalls auf ihre Kosten – vom EU-Viertel über den königlichen Palast bis hin zu zahlreichen Museen gibt es ein buntes Angebot. Abends kann man sich zum Beispiel auf dem Place Sainte Catherine treffen, wo es viele angesagte Bars gibt, in denen verschiedenste belgische Biersorten darauf warten, probiert zu werden.

Dank der Famulatur in Brüssel hatte ich die Gelegenheit, sowohl mein Französisch aufzufrischen als auch neue (Fach-)Begriffe dazuzulernen. Obwohl die Belgier ja unsere direkten Nachbarn sind, gab es im Krankenhaus doch ein paar kleine Unterschiede, zum Beispiel in Sachen Pünktlichkeit und Einhaltung der Hygienevorschriften im OP-Saal. Nach drei Jahren Studium in derselben Stadt fand ich es super, mal für einen Monat „rauszukommen“ und ein anderes System kennenzulernen. Jedem, der sich für französischsprachige Länder interessiert, kann ich nur empfehlen, den Schritt nach Brüssel zu wagen, denn hier kann man mit verhältnismäßig wenig organisatorischem Aufwand und einem kleineren Geldbeutel eine schöne und abwechslungsreiche Zeit verbringen.

Am Strand in Zeebrugge

 

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