• Interview
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  • Stephanie Schulz
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  • 23.07.2004

Faszination Afrika

Nach einem Internationalen Abend in der Homburger Studentengemeinde war Stephanie neugierig geworden und hat sich daraufhin mit Dr. Heinz Cordes, dem Vorsitzenden der Deutsch-Beninischen-Freundschaftsgesellschaft, unterhalten.

Benin ist ein recht kleines Land von 112 600 Quadratkilometern und liegt am Atlantischen Ozean zwischen Togo, Nigeria und dem Niger, außerdem grenzt es an Burkina Faso. Die Hauptstadt des Landes ist Porto Novo, der Regierungssitz ist jedoch in Cotonou. Die Amtssprache ist Französisch. Nach einem Internationalen Abend war Stephanie jedoch so neugierig geworden, dass sie unbedingt mehr über das Land wissen wollte.

Wie kam es zum Kontakt mit Benin?

Der Kontakt kam über den Kegelklub zu Stande, wo ein Mitglied persönliche Beziehungen nach Benin unterhalten hat. Er hat festgestellt, dass man in Benin helfen kann und selbst kontrollieren kann, wo die Spendengelder hin fließen. An Weihnachten kam im Kegelklub die Frage auf, wohin wir unsere Gelder spenden könnten und uns lag ein Antrag vor von einem Krankenhaus in Benin, das nicht fertiggestellt werden konnte, weil Kacheln fehlten. Wir haben also einen Kontainer mit Kacheln gekauft und dorthin geschickt.

Darauf folgten weitere Projekte wie ein Hebammenkoffer und diverse andere Sach- und Geldspenden. Letztlich wandelten wir unseren Kegelklub in die Nicht-Regierungsorganisation Deutsch-Beninische-Freundschaftsgesellschaft um. Diese existiert seit 1988, im Oktober feiern wir unser 15-jähriges Bestehen. Der Begründer war Friedrich Redinger und nach dessen Tod übernahm ich das Amt des Vorsitzenden, weil ich es zu schade fand, eine solche Organisation aufzulösen. Natürlich ist es schwierig, Funktionäre für den Vorstand zu finden, aber es funktioniert schon die ganze Zeit…irgendwie. Der Vorstand ist klein und es sind nur wenige bereit, die manchmal sehr aufwendige Vereinsarbeit zu erledigen, wir habe aber ca. 80 Mitglieder mit einem Monatsbeitrag von mindestens 5 €. Außerdem erhalten wir hin und wieder auch Sachspenden aus der Industrie und von Krankenhäusern. 2002 haben wir in Zusammenarbeit mit der Barmer Ersatzkasse über 5000 Brillen gesammelt und auch dieses Jahr gibt es wieder ein Brillenprojekt, bei dem fast 10 000 Brillen gesammelt wurden. Hieran wirkt auch die Horst-Schmitt-Klinik in Wiesbaden mit, die ein Partnerkrankenhaus in Benin unterstützt.

Zur Uniklinik Homburg gibt es wenig Kontakt, weil hier der Verwaltungsaufwand zu kompliziert ist. Vor einigen Jahren wurden verschiedene ausgemusterte OP-Tische, Wägen usw. von der Uniklinik gespendet, inzwischen ist es allerdings sehr schwer geworden, einen Verantwortlichen für solche Entscheidungen zu finden.

In Ihrer Funktion als Vorsitzender der Freundschaftsgesellschaft waren Sie schon mehrmals in Benin, welche Eindrücke haben Sie mit nach Hause gebracht?

 

Foto: Anne Cordes

Von Hilfsorganisationen gebauter Brunnen; Alle Bilder sind von Anne Cordes in Benin aufgenommen und mit ihrer freundlichen Genehmigung hier veröffentlicht. 

 

Insgesamt war ich sechsmal in Benin, der Aufenthalt dauerte zwischen 8 und 10 Tagen.

Es fehlt in Benin einfach an vielem, in der Bildung, im Gesundheitswesen, in der Wirtschaft… obwohl man in den letzten Jahren Fortschritte spüren kann, können die Neuerungen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Verbesserungen nur marginal sind. Obwohl sowohl vom eigenen Land, als auch von vielen Geberländern große Anstrengungen unternommen werden, sind die Prognosen für Länder wie Benin einfach schlecht.

Was unterstützt die Gesellschaft?

Wir halfen nicht nur im Gesundheitswesen: wir haben 3 Schulen gebaut, Brunnen gebohrt, Brücken gebaut, eine Theatergruppe unterstützt, wir betreuen hier beninische Studenten. Außerdem spenden wir auch Gelder für Praxengründungen, Berufsausbildung (eine Ausbildung zur Krankenschwester kostet z.B. 500 € Lehrgeld), Geschäftsgründung und wir haben die Anschub-Finanzierung für eine Selbsthilfeklinik sowie die Erstausrüstung für diese geleistet. Die Spendengelder kommen direkt vor Ort an und so können wir garantieren, dass sich keine Regierungsbürokratie dazwischen schaltet.
Allerdings arbeiten wir mit der Regierung zusammen, man hat uns eine Art Diplomatenstatus für die nächsten Jahre zugesichert. Die Regierung lässt uns freie Hand, wir sprechen aber unsere Projekte mit den entsprechenden offiziellen Stellen ab. So haben wir eine Sozialstation und zwei so genannte Buschkrankenhäuser gemeinsam mit den örtlichen Behörden gebaut. Dazu gibt es einen Deutschen, der ständig in Benin lebt, verschiedene Beniner, die die Bauvorhaben betreuen und ein Gesellschaftsmitglied, das drei bis viermal im Jahr nach Benin reist und die Projekte kontrolliert und beaufsichtigt. Auch die Organisation INTACT von Christa Müller, die weltweit die Beschneidung von Frauen bekämpft, wird so betreut.

Welche Erfahrung aus Benin hat Sie besonders beeindruckt?

Die Geschichte Benins, früher bekannt als Dahome oder Sklavenküste, fasziniert mich besonders. Von dort wurden fast 40 Millionen Sklaven nach Amerika verschifft. Wenn man nach Houida kommt und den Weg von der Stadt zum Meer geht, kann man die Geschichte des Landes mit dem schrecklichen Sklavenhandel fühlen. Wenn man dann im Hinterkopf hat, dass das letzte Schiff mit Sklaven erst 1899 dort abgelegt hat. Es ist den Menschen dort auch sehr bewusst, es gibt zum Beispiel den Baum der Wiederkehr, um den man siebenmal herumgehen musste um die Hoffnung auf die Rückkehr zu haben oder das Denkmal "Tor der Nicht-Mehr-Wiederkehr", das von der UNESCO zum Gedenken an die vielen Sklaven aufgestellt wurde. Dennoch haben die Menschen keine Vorbehalte gegenüber Weißen. Ich wurde auch dort, wo die Menschen meine Position nicht kannten, sehr höflich aufgenommen. Die Kinder rufen manchmal scherzhaft „Hallo Weißer“, was aber nicht böse gemeint ist.

 

Foto: Anne Cordes

Familie vor einem typischen Lehmhaus

 

Zum Thema Voodoo, was ja die in Benin ausgeübte Religion darstellt: Sind Sie mit Voodoo konfrontiert worden?

 

Man hat immer ein wenig Kontakt zum Voodoo in Benin, auf dem Markt findet man die Fetisch-Händler, es wehen weiße Fahnen, wo gerade ein Ritual abgehalten wird. Wir haben auch Ekstase und Zeremonien miterlebt, allerdings mussten wir dem Priester schon erklären, warum wir dem Ritual zuschauen wollten. Signalisiert man Interesse, kann man schon einiges erleben, man darf allerdings bezüglich der Opferung von Tieren und Ähnlichem nicht zimperlich sein.

Die Heilungsrituale sind hauptsächlich dazu da, dem Kranken, der sich nach dem beninischen Krankheitsbegriff gegen die Götter versündigt hat, den Glauben an seine Heilung zu vermitteln. Die Götter sollen wieder versöhnlich gestimmt werden. Auch nach unserem Verständnis sind viele Handlungen im Rahmen der Psychosomatik verständlich.

Es gibt eine Art Ausbildungskloster für Voodoo-Priester, wo ich mich auch mit den Menschen über unsere verschiedenen Religionen ausgetauscht habe und ich glaube, wenn man zeigt, dass man an der Naturreligion Interesse hat und sie nicht negativ bewertet, dann kann man auch an den Handlungen teilnehmen und die Menschen freuen sich über das Interesse. Christoph Henning, der die Bilder zu dem Buch Soul of Afrika aufgenommen hat, hat allerdings mehrere Jahre damit verbracht, diesen tiefen Zugang zu der Bevölkerung herzustellen, man wir also nicht absichtlich gedrängt oder mit den Handlungen sehr oft konfrontiert. In Benin gehört Schlachten, Tod und Leben zum Alltag, daher sollte man sich als Mitteleuropäer, wo diese Handlungen fast vollständig aus dem Leben verschwunden sind, zusammennehmen, wenn man diesen Riten beiwohnt und Respekt und Zurückhaltung üben.

Wie haben Sie die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Benin erlebt?

 

Foto: Anne Cordes

Eine Frau in ihrem Geschäft

 

In Benin und ganz Westafrika sind die Frauen richtige Power-Frauen, die ihr Schicksal und ihr Leben selbst in die Hand genommen haben. Diese Frauen haben Geschäfte und treiben Handel und sind dabei zum Teil erfolgreicher als die Männer. Manche Frauen verdienen viel Geld, können sich schöne Häuser bauen und fahren auch große Autos. Auf dem Land ist das schon schwieriger. Wer viel Land hat, kann davon leben, aber die meisten sind sehr arm. Von uns wird eine Ortschaft mitbetreut, wo Groupements gebildet wurden mit Frauen, die sich zu einer Anbaugesellschaft zusammengeschlossen haben. Ihnen wurde Land zur Verfügung gestellt, wo sie Viehzucht treiben und das Land bestellen. Von diesem Geld können die Frauen leben.

Trotz aller Gleichheit ist die Analphabetenrate unter den Frauen größer als unter den Männern, die Frauen, die es sich aber leisten können, schicken auch ihre Töchter in die Schule und wenn möglich auch ins Ausland, nach Frankreich oder Deutschland.

Was sollte man als europäische Frau in Benin beachten?

Von Berichten von Praktikantinnen aus Deutschland weiß ich, dass weiße Frauen sehr begehrt sind, sie sollten sich deshalb in Kleidung und Verhalten zurückhalten, bei klarer Distanzwahrung wird man aber keine Probleme haben. Man sollte sich auch klar darüber sein, dass die Promiskuität in ganz Westafrika nicht sehr genau genommen wird. Vor allem hinsichtlich HIV ist das durchaus ein Problem.

In welcher Größenordnung bewegen sich die Projekte der Freundschaftsgesellschaft?

Wir haben über die 15 Jahre Projekte für ca. 2,5 Millionen Euro organisiert. Dieses Geld stammt aus verschiedenen Bereichen, dem Bundesministerium für Entwicklung, privaten Spenden usw. Wir haben immer den Anspruch der Hilfe zur Selbsthilfe und der Nachhaltigkeit, dem unsere Projekte auch genügen, was wir durch unsere Besuche in Benin immer wieder sehen können. Deshalb ist es für uns auch sehr sinnvoll, die Projekte weiterzuführen.

Welche Vorteile hat eine Famulatur in Benin?

Man kann sehr viel mehr machen, als in Deutschland. Mitbringen sollte man dazu gesunden Menschenverstand, den Willen anzupacken und natürlich theoretische Kenntnisse aus der Vorklinik, die man bis zum Physikum erworben hat. Empfehlenswert ist vielleicht, die Famulatur in einem späteren Studienabschnitt zu machen, wo man auch schon etwas mehr praktische Erfahrung mitbringt. Spritzen, Verbände und Infusionen sollte man beherrschen. Viele Dinge sollte man auch von den Schwestern, Hebammen und Ärzten abschauen. In den großen Krankenhäusern ist die Betreuung durch Kollegen gut, in kleinen Krankenhäusern sollte man schon relativ gut alleine zu recht kommen, die Möglichkeit, jemanden zu fragen ist hier natürlich schon gegeben, aber begrenzt.

In der Maternite du Lac, wo es 300 Betten auf der Geburtsstation gibt, muss jeder anpacken, der da ist. Der Vorteil ist aber, dass man in sehr kurzer Zeit viel sieht und viel lernt. Auch schon lange approbierte Ärzte berichten, dass sie von diesen Aufenthalte sehr profitiert haben, weil sie gelernt haben, zu improvisieren und mit anderen Einstellungen zu recht zukommen.

Welche Sprachkenntnisse sollte man mitbringen?

Französisch, die Amtssprache, sollte man beherrschen. Die Dialekte zu lernen hat wenig Sinn, weil sie von nicht allen Patienten gesprochen werden und sehr unterschiedlich sind. Ein Französisch-Test ist nicht notwendig, mit normalem Schulfranzösisch kommt man zurecht. Einige beniner Kollegen haben auch in England studiert, man kann also zur Not auch auf Englisch kommunizieren.

Wie wird man untergebracht?

Man kann entweder privat unterkommen oder in einer klerikalen Einrichtung zu einem geringen Preis für Kost und Logis wohnen. Für die Famulanten wird auch darauf geachtet, dass Dusche und Toilette vorhanden und in Ordnung sind.

Wie gut ist die Hygiene in den Krankenhäusern?

Aus Mangel an Material werden oftmals Dinge nicht weggeworfen, sondern sterilisiert und wiederverwertet. In den großen Krankenhäusern sind die Vorsichtsmaßnahmen auch in Bezug auf HIV und Hepatitis durchaus durchführbar. Auf Vorbeugung vor Schmierinfektionen sollte jeder selbst achten.

In welche Länder können sie vermitteln?

Prinzipiell nur nach Benin, aber es gibt natürlich private Kontakte zu anderen Nicht-Regierungsorganisationen in anderen Ländern.

Wir wollen an interessierte Menschen vermitteln, die evtl. auch später für die Organisation tätig werden.

Ich möchte mich ganz herzlich bei Dr. Cordes bedanken, dass er mir so viel seiner knapp bemessenen Zeit zur Verfügung gestellt hat und mir so viele interessante Details erzählt hat.

 

Ich hoffe, dass der Artikel auch einige Leser dazu anregt, einmal über eine Famulatur in Benin nachzudenken, die Möglichkeiten sind hier sehr vielfältig.

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