• Bericht
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  • Anna Boecker
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  • 22.04.2008
  • Blick über die Millionenstadt Belo Horizonte - Foto: Anna Boecker

    Blick über die Millionenstadt Belo Horizonte - alle Fotos von Anna Boecker

     
  • Bauchchirurgie im Hospital das Clínicas  - Foto: Anna Boecker

    Bauchchirurgie im Hospital das Clínicas: Der Anästhesist überwacht die Narkose des Patienten.

     
  • Arbeitsplatz des Anästhesisten - Foto: Anna Boecker

    Der Arbeitsplatz des Anästhesisten - nicht viel anders als in Deutschland.

     
  • Samba in Belo Horizonte - Foto: Anna Boecker

    Samba beschreibt das Lebensgefühl der Brasilianer. Es einmal mitzuerleben ist ein Muss!

     

Famulatur Anästhesie in Belo Horizonte

Anna hat einen Monat in der Anästhesie eines brasilianischen Krankenhauses famuliert. Im Hospital das Clínicas hatte sie die Chance, den Anästhesisten über die Schulter zu schauen und selbst ein wenig mitzuhelfen. Doch auch ihre Freizeit kam nicht zu kurz! Denn selbst wenn es in Belo Horizonte keinen Strand gibt, hat die Stadt doch Einiges zu bieten - sie ist nicht umsonst berühmt für ihre zahlreichen Kneipen und Bars.

Im März 2008 habe ich meine letzte Famulatur im Universitätskrankenhaus "Hospital das Clínicas" der staatlichen Universität in Belo Horizonte in Brasilien absolviert. Ich hatte mich über den bvmd-Austausch für die Anästhesie beworben und habe auch genau in diesem Fachbereich einen Platz bekommen.

Belo Horizonte ist mit etwa drei Millionen Einwohnern die Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais und liegt im Südosten des Landes, etwa sechs Autostunden von São Paolo und Rio de Janeiro entfernt.

Trotz ihrer Größe ist die Stadt in Deutschland weitgehend unbekannt. Nur dadurch, dass eine meiner Freundinnen in dieser Stadt wohnt, war für mich die Entscheidung für Belo Horizonte nicht schwer. Doch auch jedem ohne Beziehungen zur Stadt kann ich die Reise nur empfehlen.

Reisevorbereitungen

Auf den Aufenthalt habe ich mich eigentlich nicht speziell vorbereitet. Ich habe lediglich einen Sprachkurs besucht und die üblichen Reisevorbereitungen getroffen. Hierzu gehören natürlich auch spezielle Impfungen.

Die Unterbringung in der Gastfamilie

Während meines Aufenthalts habe ich kostenlos bei einer Medizinstudentin gewohnt, die sich als Gastgeberin bei der örtlichen Austauschorganisation beworben hatte. Ich habe bei ihr und ihren Eltern gewohnt, hatte hier mein eigenes kleines Zimmer. Ich habe mich sehr wohl gefühlt, wurde fast wie eine zweite Tochter behandelt. Meine Gastfamilie hat nachträglich betont, dass ich jederzeit wieder willkommen bin.

Die Unterbringung in einer Gastfamilie bedeutet zwar auch, dass man einige soziale Verpflichtungen hat, sie bringt aber auch viele Vorteile mit sich: So musste ich mich nicht um die Mahlzeiten kümmern, konnte meine Wäsche ohne Probleme waschen, hatte immer jemanden zum Reden und durch die Tochter auch direkt den ersten Anschluss an die brasilianische Studentenschaft. Sie hat mir geholfen mich in der Stadt zurechtzufinden, hat mir nette Kneipen gezeigt, mich ihren Freunden vorgestellt und mir die besten Läden zum Shoppen gezeigt. Ich bin froh, dass ich bei einer Familie leben konnte und nicht alleine wohnen musste.

Gute Betreuung durch die Austausch-Organisation

Von der örtlichen Austauschorganisation wurde mir eine Medizinstudentin als Patin zugeteilt, die sich während meiner Zeit in Belo Horizonte ein wenig um mich kümmerte. Sie war sehr engagiert und ich konnte mich jederzeit an sie wenden.

Meine Patin hatte bereits vor meiner Ankunft mit meiner Gastfamilie Kontakt aufgenommen, mich bei meiner Ankunft in Brasilien abgeholt und zu meiner Unterkunft gebracht. Am nächsten Morgen hat sie mich sogar ins Krankenhaus begleitet. Schließlich sind wir gemeinsam über ein langes Wochenende weggefahren und haben die Tanzfläche auf einer Sambaparty unsicher gemacht.

Das Praktikum an sich und das Krankenhaus

Ich bin jeden Morgen gegen 7.30 Uhr ins Krankenhaus gekommen. Dort verbrachte ich dann den größten Teil der Zeit im OP-Bereich. Ich habe mir das selbst ausgesucht, da mein Portugiesisch trotz des Sprachkurses ziemlich lückenhaft ist und ich das Gespräch mit Patienten auf der Station gescheut habe.

Ich konnte selbst wählen, in welchen OP-Saal ich gehen wollte. So habe ich mir immer die spannendsten OPs herausgesucht. Ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, dass ich jemandem lästig war und hatte so auch den Mut, all meine Fragen zu stellen - diese wurden mir bereitwillig beantwortet.

Nach einigen Tagen konnte ich dann endlich selbst mit anpacken. So habe ich EKGs angelegt, Verweilkanülen gelegt, Medikamente aufgezogen und Patienten beatmet, intubiert und extubiert. Ich durfte sogar unter Anleitung spinale Anästhesien und Epiduralanästhesien durchführen.

Im Krankenhaus wurden sehr viele Operationen in Plexusanästhesie durchgeführt, und so hatte ich auch die Chance alle möglichen peripheren Blöcke zu sehen: Angefangen vom interscalenären Block bis hin zum thorakalen paravertebralen Block, den ich selbst durchführen durfte.

Ich habe mich nie überfordert oder allein gelassen gefühlt, aber auch nie gelangweilt in der Ecke gestanden; nicht einmal bin ich mir überflüssig vorgekommen. Es ist leicht mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, und so ist nicht nur der "Spaßfaktor", sondern auch der Lerneffekt hoch.

Meist bin ich bis etwa 17 Uhr geblieben. Gelegentlich besuchte ich abends noch den Unterricht für die Assistenzärzte. Aber auch in dieser Entscheidung war ich ziemlich frei. Wenn ich länger blieb, dann aus freiem Willen.

 

Foto: Anna Boecker

Hospital das Clínicas - Foto: Anna Boecker

 

Hospital das Clínicas ist das Universitätskrankenhaus der staatlichen Universität des Bundesstaats Minas Gerais, deshalb handelt es sich um ein recht großes Krankenhaus mit vielen "schwierigen Fällen". Von der Augenheilkunde über die Neurochirurgie bis hin zur plastischen Chirurgie war alles vertreten und ich konnte überall hineinschauen. Ich hatte die Chance Leber-, Nieren- und Herztransplantationen zu sehen. Bei einer Amputation gab man mir sogar Gelegenheit, jeden Schritt zu dokumentieren und zu fotografieren:

OP-Bericht: Oberschenkel-Amputation bei einem AIDS-Patienten

Verständigung auf Portugiesisch und Englisch

Bevor ich nach Brasilien geflogen bin, habe ich für ein Semester einen Portugiesisch-Kurs an der Uni Bonn besucht. Ich empfehle jedem, sich im Voraus wenigstens ein bisschen mit der Sprache zu beschäftigen. Im Krankenhaus haben fast alle Ärzte und Studenten englisch gesprochen, aber ansonsten ist es eher schwierig sich ohne Portugiesisch-Kenntnisse zu verständigen. Nicht nur die Patienten, auch der Busfahrer, die Verkäuferin und selbst viele ältere Menschen der "gehobenen Schicht" sprechen kein Englisch. Und der Brasilianer unterhält sich nun mal gerne, weshalb man wenigstens den Smalltalk auf Portugiesisch hinbekommen sollte. Sobald die Menschen merken, dass der Besucher sich bemüht, wird man ermutigt und bekommt die überschwänglichsten Komplimente.

Also nur Mut!

Man lernt schnell und die Sprache ist nicht all zu schwer, wenn man mal den Anfang gemacht hat.

Die Frage nach der Sicherheit

Über die Sicherheit in Brasilien wird viel gesprochen. Hierzu kann ich nur so viel sagen: Ich bin nie überfallen worden und habe mich nie wirklich in Gefahr gefühlt. Doch ich wurde immer und überall gewarnt, vor Taschendieben und auch vor Überfällen. Es ist bestimmt nicht ratsam nachts alleine unterwegs zu sein. Es ist immer sicherer sich ein Taxi zu nehmen, wenn man abends unterwegs ist. Ihr solltet wachsam sein, aber auch keine übertriebene Angst haben.

Belo Horizonte ist nach Rio de Janeiro und São Paolo die drittwichtigste Stadt des Landes, gilt aber im Gegensatz zu Rio als relativ sicher. Ich hatte das Glück nah am Zentrum zu wohnen und konnte jeden Nachmittag vom Krankenhaus nach Hause laufen, ohne befürchten zu müssen überfallen zu werden.

Die brasilianische Mentalität

Während meiner Zeit in Belo Horizonte habe ich mich in die brasilianische Mentalität verliebt. Ich habe den Brasilianer als kontaktfreudig, gesprächig, herzlich und meistens in guter Stimmung kennengelernt. Es ist leicht Menschen zu finden mit denen man weggehen und etwas unternehmen kann. Und man kann Freundschaften schließen, die den Aufenthalt in Brasilien überdauern.

Fazit

Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass ich froh bin, diese Famulatur gemacht zu haben, und dass ich mich für Belo Horizonte entschieden habe. Ich hatte eine sehr schöne Zeit, habe viel gelernt, konnte mich endlich für eine Fachrichtung entscheiden und habe viele neue Freunde gefunden.
Ich bin wirklich überwältigt worden von der Herzlichkeit der Menschen und auch davon, wie spannend Anästhesie sein kann.

Ich war in der Anästhesie des Hospital das Clínicas in Belo Horizonte die erste ausländische Studentin seit langer Zeit, und als solche möchte ich gerne die Werbetrommel rühren:

Ich bin froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte!

Auch Lust auf eine Auslandsfamulatur bekommen?

Wer sich für eine Auslandsfamulatur interessiert - ob in Brasilien, Afrika oder Australien - kann sich auf den Seiten der bvmd näher informieren:

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