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  • Ulrike Rostan
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  • 27.03.2013

Telenovela auf Station

Brasilien steht an der Schwelle zur globalen Wirtschaftsmacht. Hält das Gesundheitssystem Schritt? Drei Medizinstudentinnen berichten von ihren Erfahrungen.

Foto: R. Shiyanov/Fotolia.com

Foto: R. Shiyanov/Fotolia.com

Katharina traut ihren Augen nicht. Der OP-Saal ist leer. Kein Patient weit und breit. Dabei ist die Chirurgin schon da. Steril und komplett umgezogen steht sie im OP und winkt der PJ-Studentin freundlich zu: „Los, zieh dich doch auch um und komm schon mal rein“, schlägt sie ihr vor. Und die Patientin? „Die ist noch auf Station“, erklärt die Ärztin. Katharina kann das nicht fassen. Bis es losgeht, dauert es also noch mindestens eine halbe Stunde. Sollen sie so lange herumstehen und warten? In der ­halben Stunde könnte man doch noch so viel erledigen! Nicht in Brasilien.

 

Pragmatismus statt Stress

In Deutschland wäre so eine Situation undenkbar. Doch was auf uns wie ein Paradebeispiel für Ineffektivität und mangelnde Organisation wirkt, gehört in Brasilien zum Lebensgefühl: Kein Licht im OP? Dann kann der Saal eben nicht genutzt werden. Nur ein PC für sieben PJ-Studenten? Kein Problem! Während einer die Laborwerte abschreibt, tauschen die anderen den neuesten Klatsch aus und verfolgen aufmerksam die aktuelle Telenovela im all­gegen­wärtigen Fernsehen. Dieser pragmatische Umgang mit der Ressourcenknappheit gehört im bra­silianischen Gesundheitswesen einfach dazu – ebenso wie der Umgang mit kontaktfreudigen Menschen, die Leichtigkeit und Lebenslust ausstrahlen. Alle sprechen sich mit Vornamen an, die Oberärzte werden mit „Ricardo“ oder „Fernando“ auf dem OP-Plan eingetragen. „Egal ob OP-Schwester, Putzfrau oder Oberarzt – alle waren sehr freundlich miteinander und machten Späße“, erzählt Sarah, die in Rio de Janeiro in der Chirurgie famuliert hat. Ähnliche Erfahrungen machte Anna bei ihrer Anästhesie-Famulatur in Belo Horizonte: „Der Umgang war freundschaftlich. Die Oberärzte verhielten sich schon fast väterlich zu ihren Assistenten.“

 

Medizin: Jede Gemeinde zahlt für sich

Die ehemalige portugiesische Kolonie hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Wo man früher die Busrouten erfragen und die Busse durch Winken auf sich aufmerksam machen musste, gibt es heute Haltestellen und Busfahrpläne. Immer mehr Kinder und Jugendliche werden in die Schul- und Berufsausbildung integriert. Armut und Arbeitslosigkeit sind unter dem vorigen Präsidenten Lula geringer geworden. Doch leider ist der Aufschwung noch nicht im Gesundheitssystem angekommen. Zwar hat sich gesundheitspolitisch einiges getan, doch die Verwaltung hinkt hinterher. Ein Manko ist zum Beispiel, dass jeder Gemeindebezirk in den 26 Bundesstaaten seine Gesundheitsausgaben selbst festlegt. Deshalb gibt es nach wie vor große regionale Unterschiede und eine chronische Mangel­finanzierung. Diese schmerzhafte Erfahrung machte auch Katharina, als ihre Freundin einmal schwer krank war: „Sie hatte eine schwere Mittel­ohrentzündung, richtig mit Eiter aus dem Ohr. Wir waren zuerst bei einem öffentlichen Gesundheitsposten. Die haben dann aber gleich gesagt, dass die Wartezeit vier Stunden betrage und auch kein HNO-Arzt da sei. Da sind wir dann eben zu einer privaten Klinik gefahren.“

Weil zu wenig investiert wird, ist die Aus­stattung der öffentlichen Kliniken oft einfach. Patienten sind in Zimmern mit 6 bis 8 Betten untergebracht. Die vorhandenen Geräte sind oft älteren Baujahres, und technische Unter­suchungen werden nur dann sofort durch­geführt, wenn sie vital dringlich sind – oder wenn der Patient sie in einer Privatklinik selbst bezahlt. So ist die Ausbildung der Studenten vor allem klinisch orientiert – was natürlich auch Vorteile hat: „Die Studenten lernen, ihre Augen, Ohren und Hände zu nutzen und sich nicht auf die apparative Diagnostik zu ver­lassen“, erklärt Katharina. Sie wurde für ihr PJ-Tertial an der Uniklinik von Niteroi, einer Nachbarstadt von Rio, in die Chirurgie-Kohorte der Studenten des letzten Studienjahres eingeteilt. Für jeden Studenten war mindestens ein OP-Tag und ein Tag in einer Spezialam­bulanz vorgesehen. Jeden Morgen ab 7 Uhr visitierten die Studenten ihre Patienten, dokumentierten deren Befinden und die aktuellen Untersuchungsbefunde und wechselten die Verbände. Nach anfänglichen sprachlichen Schwierigkeiten konnte Katharina daran teilnehmen. Im OP kam sie weniger zum Zug, weil zu viele Köpfe auf zu wenig OP-Säle verteilt werden mussten. Diese „Überbevölkerung“ im OP war auch in Sarahs Klinik ein Problem: „Im OP waren immer viele Menschen, die nichts zu tun hatten. Oft waren wir zehn, zwölf Leute in einem Saal. Manche haben sich dann einfach auf den Boden gesetzt und gewartet, bis sie etwas zu tun bekamen.“

 

Portugiesisch-Kenntnisse: ein Muss

Damit man bei einer Famulatur in Brasilien auch wirklich was lernen kann, ist es natürlich wichtig, dass man sich verständigen kann. Sarah machte vor ihrer Famulatur z. B. einen Crashkurs in Portugiesisch. „So konnte ich in der Landessprache einkaufen, freundlich sein und dem Taxifahrer Anweisungen geben“, erzählt sie. Doch sie fügt hinzu: „Bessere Sprachkenntnisse wären in vielen Situationen von Vorteil gewesen. Die meisten Ärzte in den Kliniken sprechen zwar Englisch, doch die Patienten und das Pflegepersonal nicht.“ Anna hat vor ihrem Abflug nach Belo Horizonte für ein Semester einen Portugiesisch-Kurs an der Uni besucht. „Man lernt schnell, und die Sprache ist nicht allzu schwer“, macht sie Interessierten Mut. Zudem sind die Brasilianer sehr tolerant, wenn man sich ehrlich bemüht. „Selbst wenn die ersten Kommunikationsversuche holprig verlaufen, erntet man oft überschwängliche Kompli­mente“, erinnert sie sich.

Auch sonst fühlten sich die drei gut integriert. Anna wohnte bei ihrer über die bvmd organisierten Famulatur in der Familie einer Medizinstudentin. Sie hatte dort ihr eigenes Zimmer und wurde wie eine zweite Tochter behandelt. Sarah kam bei einer Medizinstudentin in Rio unter. Auch sie bekam ein eigenes Zimmer und musste nicht kochen. Georgia, ihre Gastschwester, hatte eine Haushaltshilfe, die für die beiden kochte, putzte, einkaufte und spülte. Das ist nicht ungewöhnlich in Brasilien – denn die meisten Medizinstudenten gehören dort der privilegierten Bevölkerungsschicht an. Grund ist, dass die gut situierten Brasilianer ihre Kinder meistens auf eine Privatschule schicken. Dadurch sind sie besser qualifiziert und schaffen es eher auf eine der öffentlichen Unis, die vor allem nach Leistung aufnehmen. „Eine paradoxe Situation“, findet Anna. „Die Kinder aus den reicheren Familien besetzen dadurch die kostenlosen Studienplätze. Die ärmeren Kinder gehen dagegen leer aus.“

 

Kriminalität: Regeln beachten!

Diese Ungerechtigkeiten und Unterschiede zwischen Arm und Reich sind wie eine offene, schwärende Wunde im Sozialgefüge Brasiliens. In den Favelas rund um die Großstädte leben viele Menschen unter der Armutsgrenze. Alko­hol­exzesse und Gewalt sind dort an der Tages­ordnung. Die Brasilianer der gehobenen Schicht quält eine fast paranoid anmutende Angst vor Überfällen. Sie meiden abgelegene Gegenden. Die Häuser in Rio und Niteroi sind umzäunt und werden Tag und Nacht von einem Portier bewacht, der nur die Bewohner des Hauses einlässt. Jeder kennt mindestens einen, der überfallen und ausgeraubt wurde, und viele Schauergeschichten kursieren in den Medien. Sarah traute sich am ersten Tag in Rio zunächst gar nicht aus dem Haus. Da ihre fleißig ­büffelnde Gastschwester jedoch keine Zeit für sie hatte, überwand sie sich schließlich und schlug sich zum Strand in Ipanema durch. Dort lernte sie eine Beachvolleyball-Gruppe kennen, sprach sie an – und spielte gleich mit. Von diesem Zeitpunkt an war sie nach der Klinik immer am Strand zu finden. „Wenn man einige Regeln beachtet, kann man sich relativ frei bewegen“, findet sie. Bei Dunkelheit sollte man verlassene Gegenden meiden und am Abend eher ein Taxi anstatt den Bus nehmen. Auch Anna rät, wachsam zu sein, aber keine übertriebene Angst zu haben. Katharina hat an den Wochenenden mit ihrer Freundin vor allem Rio erkundet, das über eine Fährver­bindung von Niteroi aus zu erreichen ist. Mit dem Zelt hat sie Ausflüge zu den malerischen Stränden in Rios Umgebung gemacht.

So hatten alle drei eine unvergessliche und lehrreiche Zeit in Brasilien. Anna hat sich in die brasilianische Mentalität verliebt und freut sich darauf, ihren Freunden von dort auch einmal Deutschland zeigen zu können. Und Sarah geht davon aus, dass es nicht ihr letzter Aufenthalt in „der unglaublichen Stadt Rio de Janeiro“ war. Anlässe, das Land zu besuchen, gibt es in den nächsten Jahren ­reichlich. In Brasilien ­findet 2014 die nächste WM statt. 2016 ist Rio Gastgeber der nächsten Olympischen Spiele. Brasilianer können nicht nur gut feiern – sie sind auch stolz darauf. Deswegen werden sie diese Anlässe nutzen, um der Welt zu zeigen, dass sie ihr Lebensgefühl nicht nur zelebrieren, sondern auch organisieren ­können.

 

Infos zu Brasilien

Land: Brasilien ist der fünftgrößte Staat der Erde. Deutschland passt 25 Mal in das riesige Land. Seit 2011 ist Dilma Rousseff Staatspräsidentin. Die Lebenserwartung liegt bei knapp 73 Jahren. Die Kinder­sterblichkeit ist mit 20,5/1.000 fast sechs Mal höher als hierzulande. Ethnien: Fast 50% der 192 Millionen Brasilianer haben afrikanische Vorfahren, ebenso viele bezeichnen sich als „weiß“. (v. a. die Nachfahren von ­Portugiesen und anderen Europäern). Dennoch werden dunkel­häutige Menschen diskriminiert. Ein Quotensystem soll ihre Chancen auf einen Studienplatz erhöhen. Vor der Koloniali­sierung lebten auf der Fläche Brasiliens geschätzt ca. 5 Mio. Menschen indigener Herkunft. Heute stellen sie noch einen Bevölkerungsanteil von ca. 0,2%. Visum: Deutsche können sich 90 Tage mit einem Touristenvisum in Brasilien aufhalten. Das Auswärtige Amt empfiehlt jedoch, sich im Falle eines Praktikums oder Studienaufenthaltes in der brasilianischen Auslandsvertretung zu erkundigen, ob ein Visum erforderlich ist. Denn nachträglich wird in Brasilien kein Visum ausgestellt. Weitere Infos: Hinweise zu Impfungen und weitere Sicherheitstipps unter: www.auswaertiges-amt.de

 

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