• Interview
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  • Ellen Kalchschmidt
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  • 14.05.2008

Famulatur in Wuhan, China

Traditionelle chinesische Medizin, bevölkerungsreichstes Land, Olympische Spiele: das sind Schlagwörter, die jeder mit China verbindet. Victor Speidel hat 2007 in Wuhan famuliert und erzählt im Interview, warum China-Reisende eine Portion Gelassenheit für das kontrastreiche Land mitbringen sollten.

Vom 20. August bis zum 20. September 2007 machte der Medizinstudent Victor Speidel aus Homburg eine Famulatur in Wuhan (China) um sich selbst ein Bild von Land, Leuten und Gesundheitswesen zu machen. Tatsächlich gewann er dort nicht nur einen Eindruck von der medizinischen Seite des Landes, das auf der einen Seite zunehmend Einfluss und sehr großem Anteil am Weltwirtschaftsmarkt gewinnt und das auf der anderen Seite so rigoros ist, was politische oder journalistische Freiheit angeht. Für viele eine fremde Kultur. Das Interview führte Ellen Kalchschmidt.

 

Foto: V. Speidel

Chinesische Metropole bei Nacht; Alle Fotos von Victor Speidel

 

> Wie ist die Idee entstanden eine Famulatur in China zu machen?

Unsere Fakultät unterhält seit Jahren enge Beziehungen mit dem Tongji Medical College in Wuhan. Während aus Wuhan Ärzte zum Forschen nach Homburg kommen, schicken wir jedes Jahr ein paar Famulanten nach China. Viele der dortigen Chefs haben eine Zeit lang in Homburg gearbeitet.
Da diese universitäre Kooperation besteht wollte ich die Gelegenheit nutzen, ein Land kennen zu lernen, das eine von Tag zu Tag größere Rolle in der Welt spielt. Gerade weil die Volksrepublik sehr kontrovers diskutiert wird, fand ich es spannend, mir selbst ein Bild zu machen. Außerdem reise ich einfach sehr gerne.

 

> Welche Vorbereitungen musstest du in Angriff nehmen?

Nach dem Auswahlverfahren der Uni mit Motivationsschreiben und Interview benötigten wir einiges an medizinischen Unterlagen, inklusive Röntgenaufnahme des Thorax, HIV- und Hepatitistest und kompletter körperlicher Untersuchung. Zum Glück waren die Kollegen der Uniklinik sehr unkompliziert und haben uns mit allem schnell weiter geholfen. Hinzu kamen einige Impfungen, das Buchen der Flüge und eine (sehr) grobe Reiseplanung, die sich aber vor Ort sowieso täglich änderte.

 

> Hattest du Unterstützung - auch in finanzieller Hinsicht?

Das Austauschprogramm beinhaltet die Unterkunft in Wuhan für die Dauer der Famulatur. Für die Tätigkeit im Krankenhaus erhält man 80 € im Monat, was relativ viel ist, da die dortigen PJler nur 50 € verdienen. Wie war das mit der Reise- und Auslandsversicherung bzw. Versicherung im Allgemeinen geregelt? Jeder hat sich für die Reise privat versichert. Wenn wir dort Medikamente oder medizinische Versorgung brauchten, haben wir sie entweder kostenlos während der Famulatur bekommen oder bar bezahlt, wobei die Preise nicht der Rede wert sind. Wie lange bist du in China geblieben? Ich war knapp drei Monate ich China, von August bis Oktober 2007. Die Famulatur nahm dabei aber nur den September in Anspruch.

 

In China angekommen

 

Foto: V. Speidel

Die Chinesische Mauer - ein Wahrzeichen Chinas

 

> Wie war dein erster Eindruck von China?

Der erste Morgen in Peking kam mir sehr fremd vor: Durch die Luftverschmutzung ist alles in einen bleichen Dunst getaucht, die Sonne sieht man fast nie. Hinzu kommen eine drückende Schwüle und riesige Straßen mit Millionen von Menschen, mit denen man sich (sprachlich) nicht verständigen kann. Genauso verwundert wie man die Chinesen anschaut, blicken sie auch zurück.

 

Der medizinische, klinische Teil

 

Foto: V. Speidel

Das Universitätsklinikum von Wuhan

 

> Wo liegt denn das Krankenhaus?

Wuhan ist das wirtschafliche Zentrum Zentralchinas, am Zusammenfluss des Yangtse und des Han-Flusses gelegen und beherbergt etwa 9 Millionen Einwohner. Durchschnittstemperatur und Luftfeuchtigkeit sind extrem hoch, sodass die Stadt zu den "drei Backöfen" Chinas gezählt wird.Aus Wuhan stammt auch Wu Yi, stellvertretende Premierministerin der Volksrepublik China und laut Forbes Magazine die zweitmächtigste Frau der Welt, nach Angela Merkel.Das Tongji Medical College liegt im Zentrum, wobei das Zentrum einer Stadt, die die dreifache Fläche des Saarlandes umfasst, schwer zu lokalisieren ist. Es gibt gleich zwei Unikliniken mit jeweils 2.500 Betten, das Tongji und das Union Hospital. Mit 32 Stockwerken und 96 OP-Sälen ist die Chirurgie des Union die größte Asiens.

 

> Was durftest du machen und in welchem Bereich warst du tätig?

Wir durften die Abteilungen frei wählen und sogar wöchentlich wechseln. Ich bin den kompletten Monat in der Ambulanz für Akupunktur und Moxibustion* gewesen. Selbst gestochen habe ich wenig, meistens Nadeln entfernt und geschröpft. Uns wurde aber viel Theorie über den Verlauf und die Funktion von Meridianen erklärt, sowie einige Grundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin.

 

Foto: V. Speidel

Akupunkteur mit Patient

 

> Wie hast du die sprachliche Hürde bewältigt?

Der Akupunkturarzt Dr. Li hatte zum Glück ein Jahr in Heidenheim gearbeitet und spricht gut Deutsch, lustigerweise mit schwäbischem Akzent. Einige der Chefs sprechen Deutsch oder Englisch. Mit den meisten Ärzten und Patienten konnten wir uns jedoch nicht verständigen. Außerhalb der touristischen Zentren spricht kaum jemand Englisch. Chinesisch ist mit seinen tausenden von Zeichen und einer hochkomplizierten Betonung sehr schwer zu lernen. Ich bin stolz, zumindest die wichtigsten Zeichen für ein paar Städtenamen und Nahrungsmittel gelernt zu haben, gegen Ende auch Zahlen.Am besten verständigt man sich mit einem Konversationswörterbuch und lässt sich alle Adressen auf Zettel schreiben, die man dann einem Taxifahrer zeigt.

 

> Wie läuft der Tag in einer chinesischen Klinik ab?

Wie alles in China läuft auch der Klinikalltag sehr chaotisch ab. Patienten haben keine Termine, sondern kommen einfach unaufgefordert ins Behandlungszimmer. Therapiert wird nur, wer zahlen kann oder versichert ist, was bei so gut wie keinem zutrifft. Auch Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen werden ohne Behandlung nach Hause geschickt.

 

> Was hat dich im Klinkalltag besonders beeindruckt?

Das Uniklinikum erwirtschaftet hohe Gewinne, mit denen neue Gebäude errichtet und teuerste Geräte angeschafft werden. Um die Instandhaltung kümmert sich anscheinend niemand und ich bezweifle, dass die Ausstattung optimal genutzt werden kann. Profitable Abteilungen wie die Radiologie erhalten viel Geld, während in der TCM Patienten in Achtbettzimmern auf quietschenden Betten unter schimmelnden Wänden liegen und Akupunkturnadeln nach notdürftiger Desinfektion wieder verwendet werden.Beeindruckend ist auch das Special Care Building, in dem Reiche und Mächtige in Zweibettzimmern oder auch unvorstellbar luxuriösen riesigen Suiten liegen. Auf dem Dach befindet sich ein Panoramarestaurant.Insofern spiegelt die Krankenversorgung die unvorstellbaren gesellschaftlichen Unterschiede gut wieder.

 

Über den "Klinik-Teller-Rand" hinaus geschaut

 

Foto: V. Speidel

Ein kontrastreiches Land

 

> Welche Teile von China hast du über Wuhan hinaus noch erkundet?

Nach Peking und der großen Mauer waren wir in Xi'an, das neben der Terrakotta-Armee eine sehr schöne Stadtmauer zu bieten hat. Den Yangtse und den Drei-Schluchten-Staudamm haben wir bei einer Kreuzfahrt erkundet. Wudan Shan in der Provinz Hubei ist ein heiliges Gebirge und Geburtsort des Tai Chi.Die westlichen Provinzen Yunnan und Sichuan sind vor allem landschaftlich sehr interessant und bieten Möglichkeiten für Ausflüge zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Mountainbike. Das karge tibetische Hochland, auf dem die Nomaden immer noch in Jurten auf den Sommerweiden wohnen und ihre Yak-Herden hüten, hat uns auch sehr beeindruckt. Im Himalaya hat man wirklich das Gefühl, dem Himmel ein Stück näher zu sein.Die autonome Region Xinjiang liegt im westlichsten Ende Chinas an der Grenze zu Indien, Pakistan, Afghanistan, Tadschikistan, Kirgisistan, Kasachstan, Russland und der Mongolei. Die dort lebenden muslimischen Uighuren sind der Zentralregierung ein Dorn im Auge, weil sie wie die Tibeter eine eigene Sprache, Kultur und Religion besitzen und diese auch behalten wollen. Von der alten Seidenstraßenstadt Kashgar bin ich dann die 5.500 km nach Shanghai mit dem Zug gefahren.

 

> Was hat dich besonders fasziniert oder erschrocken?

Die Rücksichtslosigkeit, die die Chinesen ihrer Umwelt gegenüber an den Tag legen, ist mit westlichen Wertvorstellungen schwer vereinbar. Untereinander scheinen sie sich ebenso wenig zu respektieren wie die Natur.Positiv überrascht war ich von den gemeinsamen Aktivitäten der Bevölkerung: In den Städten sind die Bürgersteige abends voll von Menschen, die beispielsweise Badminton spielen oder Standardtänze lernen.Die Gesundheitsvorsorge ist auch sehr interessant: sie besteht aus reichlich Grüntee und Tai Chi. Gerade ältere Leute kann man früh morgens in Parks bei ihren Übungen beobachten, teilweise mit Schwert in der Hand. Wir haben es auch ein paar Mal versucht, allerdings sahen wir bei Sonnenaufgang noch etwas verschlafen und weit weniger elegant aus. Mit dem Tee ging es da schon besser, da es fast überall kostenlos heißes Wasser gibt, in Herbergen, öffentlichen Gebäuden und sogar Zügen. Sein Teeglas mit ein paar Blättern hat jeder dabei.

 

Chinesische Küche live

 

Foto: V. Speidel

Feuriges Chili-Fondue

 

> Unterscheidet sich chinesisches Essen hier von chinesischem Essen in China?

Ich war überrascht: In China isst man kaum Reis! Die einfachen Leute essen meistens in kleinen Garküchen auf der Straße, in erster Linie Nudeln und Maultaschen. Sehr empfehlenswert! Durch die Größe des Landes ist auch die Küche sehr abwechslungsreich. Prinzipiell sagt man: Im Norden scharf, im Süden süß, im Osten sauer, im Westen scharf. Die bei uns bekannten Gerichte stammen fast alle aus der südlichen Provinz Guangdong. Am besten hat es mir in der Mitte geschmeckt: Sehr bodenständig mit Fleisch, Auberginen, Bohnen, Sprossen, scharf und viel Knoblauch. Die Lotoswurzel ersetzt in China übrigens die Kartoffel. Überall wird mit Stäbchen gegessen, unser Besteck findet man nirgends.

 

> Kannst du drei typische Gerichte nennen?

Rührei mit Tomaten, Schweinefleisch mit grünen Paprika, Nudeln mit Gemüse.

 

Fazit

 

 Foto: V. Speidel

"Abwarten und Tee trinken"

 

> Würdest du wieder hingehen?

Es gibt ziemlich viel, das ich noch nicht gesehen habe.

 

> Würdest du etwas anders machen?

Eigentlich nicht. Das soll nicht heißen, ich hätte alles richtig gemacht. Vielmehr bin ich einfach nicht viel schlauer als zuvor. Wahrscheinlich würde ich mehr Toilettenpapier einpacken.

 

> Was würdest du jemandem raten, der auch eine Famulatur dort machen möchte?

Im Grunde genommen gibt es keine besonderen Vorbereitungen, die nötig wären. Man sollte nur die nötige Gelassenheit mitbringen, um in einem Land zu reisen, in dem man nie genau weiß, was man isst, wie man weiterkommt, wo man sich befindet, was die Leute einem zurufen, warum es unter der Motorhaube des Busses qualmt oder warum einen die Chinesen auf der öffentlichen Toilette alle anstarren. Es mag manchmal laut, chaotisch und überaus dreckig sein, ein gefährliches Reiseland ist China mit Sicherheit nicht und auch für alleinreisende Frauen kein Problem.

 

> Vielen Dank für die vielen Informationen.

* = Beifuß-Verbrennung

Die Autorin war 2008 Via medici-Lokalredakteurin für Homburg.

 

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