• Bericht
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  • Text und Fotos: Benjamin Kroh
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  • 02.09.2015

Famulatur am Hvidovre Hospital in Kopenhagen

Dänemark gilt als das Traumland für Mediziner. Was ist dran? Benjamin hat das Land während seiner Famulatur einer genauen Anamnese unterzogen.

 

Dänemark Kopenhagen - Foto: ©pure.passion.photo/Fotolia.com

Kopenhagen  ©pure.passion.photo/Fotolia.com

 

Dänemark! Sind das nicht unsere Nachbarn im Norden, mit den Hot-Dogs und einer Königin? Diejenigen, die als glücklichstes Volk Europas gelten?
Haargenau! Ich kann alle Assoziationen nach meiner Auslandsfamulatur am Hvidovre Hospital in Kopenhagen bestätigen. Noch viel mehr: Man kann in Kopenhagen sogar besser essen als nur die „pølse“ (skandinavische Wurstspezialität, die im Ausland oft verschrien ist). Auch architektonisch und städteplanerisch ist Kopenhagen ein Traum, unter anderem dank der vielen Vorgänger von Königin Margarete. Und glücklich? Ja, das sind die Dänen – und ich war es während meiner Famulatur genauso. 100 % Work Life Balance, dafür ist Dänemark berühmt und das wird auch gelebt.

 

 Kopenhagen - Foto: Benjamin Kroh

 

Bewerbung

Ich habe meine Bewerbungen etwa ein halbes Jahr im Voraus gesendet. Von 20 Bewerbungen hatte ich zwei Zusagen. Hintergrund: Eine Famulatur ist nur in den dänischen Semesterferien möglich, da die dänischen Studenten im Studienjahr selbst auf der Station famulieren. Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Das Bewerbungsschreiben sollte man auf Englisch bzw. Dänisch schreiben. Die Dänen lernen zwar (noch) in der Schule fleißig Deutsch, allerdings spricht keiner so richtig gerne deutsch. Immer gut macht sich ein beigefügter Lebenslauf und Zeugnisse über Zusatzqualifikationen (Rettungssanitäter, Erste-Hilfe-Schein etc.).

Sind alle Formalitäten eingegangen und abgesegnet, kann die Planung beginnen. Für den Auslandsaufenthalt habe ich mich selber krank- und haftpflichtversichert. Das erspart Ärger und zusätzliche Behördengänge. Bestätigungen darüber am besten in der Bewerbung beifügen.

 

Anreise

Die Famulatur selbst wird leider nicht vergütet. Im Gegenteil, es fallen eher Gebühren an: für die Unterkunft, das Leihfahrrad und den Lebensunterhalt. Und auch die Anreise kann kostspielig sein: Ist man unter 26 Jahren, empfiehlt sich die Anreise mit SAS Scandinavian Airlines, dort ist ein zweiter Koffer gratis. Wer über 26 Jahre alt ist und mehr als nur einen Koffer für vier Wochen benötigt, kann sehr gut mit dem Zug anreisen (Direktverbindungen ab Hamburg). Eine Autofahrt nach Kopenhagen lohnt sich nicht, denn die Stadt ist auf den Nahverkehr und Fahrräder ausgelegt, Parkplätze sind sehr rar und sehr teuer.

 

Unterkunft

In Kopenhagen eine Unterkunft zu finden, ist die wohl größte Hürde in der Landeshauptstadt. Nur mit CPR-Nummer (persönliche Identifikationsnummer der Einwohner von Dänemark) kann man Hauptmieter werden, daher empfiehlt es sich, nach einer Untermiete Ausschau zu halten. Leider ist der Wohnungsmarkt hart umkämpft – ohne Vitamin B ist es schwierig, eine Unterkunft zu finden.

Ich hatte das Glück, über Vitamin B ein Zimmer zu bekommen: Um mein Dänisch aufzufrischen habe ich mir in Deutschland einen Tandempartner zum Dänisch lernen gesucht. Der dänische Mitbewohner meines Tandempartners hat sein Zimmer im Sommer offiziell untervermietet. So hatte ich zum einen eine Bestätigung, zum anderen ein günstiges Zimmer zentral in einem Kolleg – und nette Mitbewohner obendrein.

 

 Kopenhagen - Foto: Benjamin Kroh

 

Die Klinik

Das Krankenhaus ist in Hvidovre gelegen und in zwanzig Minuten war ich jeden Morgen mit dem Leih-Fahrrad dort. Mit meiner persönlichen Chipkarte hatte ich Zugang in den Mitarbeiter-Trakt im Keller und bekam die Kleidung (Kittel, Hose, Shirts) komplett gestellt. Das Hospital selbst gilt als Maximalversorger. Somit ist auch die gynäkologische Station sehr groß und ich erhielt einen großen Einblick in die Gyn: Mein Rotationsplan beinhaltete die Assistenz bei gynäkologischen Operationen, Kaiserschnitten und Geburten. Ich begleitete Assistenzärzte im Dienst auf der gynäkologischen und geburtshilflichen Station. In den Sprechstunden der beiden Fachgebiete war ich ebenfalls dabei und lernte die Abtreibungs- wie Fruchtbarkeitsklinik kennen. Es war eine Famulatur mit Inhalten beider Extreme: Geburt wie Tod, Freude wie Leid. Und allem voran netten Kollegen. Da ich im Dänischen immer sicherer wurde, fanden die Arzt-Patienten-Gespräche vornehmlich auf Dänisch statt. Offene Fragen wurden zu den einzelnen „Cases“ im Nachhinein kurz auf Englisch geklärt. Es lohnt sich also, Dänisch zu lernen; nur mit Englisch allein kann es schnell langweilig werden.     

 

Kopenhagen - Foto: Benjamin Kroh  

Eine wichtige Adresse für den Auslandsaufenthalt ist Mette Harms-Kroll. Sie ist die Lehrkoordinatorin des Fachbereichs und über sie läuft alle Organisation. Hilfreich ist es außerdem, einen Aushang an das Otto-Monsteds-Kollegium (www.omk.dk) zu senden. Vielleicht ist dort auch ein Zimmer frei?!

 

Freizeit

Die Arbeitszeiten von 08:00 bis 15:30 Uhr waren traumhaft und es blieb genug Zeit für Land und Kultur. Ich reiste bis nach Aalborg und rüber nach Schweden (Malmö) (Fernbusse wie rødbillet.dk bieten günstige Tarife an). Daneben bietet Kopenhagen jeden Tag Urlaubsfeeling: ob am Nyhavn, in Frederiksberg oder Vesterbrø. Junge Leute, eine ausgezeichnete Esskultur und viele Freizeitmöglichkeiten wie Joggen, Kajak fahren oder Radsport versüßen einem den Aufenthalt.

 

Kopenhagen - Foto: Benjamin Kroh  

 

Freizeittipps

Für den großen und kleinen Hunger und das Auge mal ein paar Tipps: Die besten Burger gibt es bei „tommy’s burger joint“ in Kødbyen, dem Szene-Viertel schlechthin. Das ehemalige Schlachterrevier wandelte sich und beherbergt nun Restaurants, Galerien und Wohnungen. Wenn Besuch mit Kreditkarte kommt, darf man diesen (sofern er bezahlt) auch ins „Høst“ ausführen. Dort gibt es nordische Küche auf Sterne-Niveau, dennoch bezahlbar (5-Gänge Menü mit Wein für 75,- Euro). Und wer nachmittags einen leckeren Snack mag, der ist im „Meyers Deli“ in Frederiksberg richtig (allein der leckeren Kanelsnurre wegen). In diesem Viertel habe ich auch gewohnt und die familiäre Atmosphäre, ähnlich Prenzlauer Berg, sehr genossen.

 

Kopenhagen - Foto: Benjamin Kroh  

 

Kopenhagen hat mehr zu bieten als die kleine Meerjungfrau (es lohnt eine Bootstour, 45 Kronen per Person sind wirklich günstig). Das Schloss, die Altstadt, der Friedhof „Assistens Kirkegaard“ (Buch einpacken und bei schönem Wetter lesen und sonnen), die Museen (allen voran das nationale Kunstmuseum), die Kaufhäuser (Illum und v.a. auch Illum Bolighus) – ach, einfach alles.

 

 Kopenhagen - Foto: Benjamin Kroh

Fazit

Wen Kinder und Familien nicht stören, wer gerne mal einen Gang runter fährt und eine fremde Sprache nicht scheut und wer Wert auf Ästhetik und Design legt, der ist in Kopenhagen sehr gut aufgehoben

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