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  • Patricia Paul
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  • 23.04.2014

Über den Wolken – ein Tag auf dem Rettungshelikopter Christoph Rhein-Main

Der Job eines Notarztes wird so schnell nicht langweilig. Erst recht nicht, wenn man in einem Helikopter arbeiten darf. Patricia war einen Tag mit dem Christoph Rhein-Main-Notfallhelikopter unterwegs und erzählt von ihren Erlebnissen.

 

Patricia Paul - Foto: Patricia Paul

Lokalredakteurin Patricia Paul auf ihrem ersten Hubschrauber-Flug - Foto: Borris Adam 

„Gut, dass du da bist. Es geht los, wir haben gleich einen Einsatz“ – mit diesen Worten werde ich vom diensthabenden Notarzt frühmorgens begrüßt. Mir ist etwas mulmig zumute, mit solch einem Sprung ins kalte Wasser hatte ich nicht gerechnet. Flugangst verspüre ich nicht, ich merke nur, wie leichte Nervosität in mir aufsteigt. Denn mit einem Hubschrauber bin ich zuvor noch nie geflogen.

Was das wohl für ein Gefühl ist? Wie wird es sein, gleich mit einem Patienten in eine Klinik zu fliegen? All diese Fragen gehen mir durch den Kopf, während mir der Pilot Dienstkleidung und Helm in die Hand drückt. Bevor es dann wirklich hoch in die Lüfte geht, erhalte ich noch eine Sicherheitseinweisung, damit ich weiß, was im Notfall zu tun ist. Schließlich könnte ich im Falle eines Falles die letzte unverletzte Person sein oder als einzige noch den Türhebel erreichen. „Du steigst erst aus, wenn du die Freigabe von mir oder einem Kollegen erhältst“, so der Pilot. „Die Sicherheit der Crew steht an erster Stelle, wir arbeiten hier im Team. Jeder hat seine festgelegten Aufgaben, dennoch sind die Grenzen  fließend – Teamwork steht an erster Stelle“.

 

Hubschrauberlandeplatz der Uniklinik Frankfurt - Foto: Patricia Paul

Notarzt Borris Adam und Lokalredakteurin Patricia Paul auf dem Hubschrauberlandeplatz der Uniklinik Frankfurt - Foto: Rettungsassistent  

Diese Aussage habe ich verinnerlicht, denn heute bin auch ich ein Teammitglied. Während der Sicherheitseinweisung merke ich, wie wichtig es ist, jedes einzelne Detail des Hubschraubers in Bezug auf die Sicherheit zu kennen. Am Hang ist es beispielsweise lebensrettend, auf die Rotorblätter zu achten und in geduckter Haltung auszusteigen. Beherzigt man das nicht,  kann es lebensgefährlich werden – im Ausland gab es deshalb sogar schon tödliche Unfälle.  

7.03 Uhr – es geht los. Wir werden von der Leitstelle zu einem Einsatz in Rüdesheim bestellt. Dort ist ein Rentner gestürzt und in die Scheibe des Badezimmerfensters gefallen. Sein Gesicht ist skalpiert, er blutet stark und muss dringend in die Mund-Kiefer-Gesicht-Abteilung des Universitätsklinikum Frankfurt verlegt werden. Ein RTW sei schon vor Ort und warte auf uns. Die Johanniter-Rettungscrew verliert keine Zeit und ehe ich mich versehe, befinden wir uns in der Luft. 

Allein der Start ist ein unbeschreibliches Gefühl. Ich erkenne Straßen und einzelne Häuserpartien wieder und bin glücklich, diese Erfahrung sammeln zu dürfen. Schließlich kommen wir beim Patienten an. Nach einer kurzen Übergabe und Umlagerung des Patienten befinden wir uns schon auf dem Weg in die Uniklinik. Dort werden wir vom Team der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie erwartet. Nun folgt wieder eine Übergabe von Notarzt zum dortigen Diensthabenden, dann geht’s für uns wieder auf dem Weg zurück nach Reichelsheim. Trotz Helm und Ohrenschutz ist es während des Fluges laut. Die Kommunikation mit den Crew-Mitgliedern ist über die Headsets aber gut möglich.

Zurück auf der Wache wird erst einmal gefrühstückt. Zeit für mich, Fragen zu stellen und mehr über den Beruf des fliegenden Notarztes zu erfahren.

 

Borris Adam - Foto: Patricia Paul

Notarzt Borris Adam beim Ausfüllen des Notarztprotokolles - Foto: Patricia Paul

Borris Adam, der heutige diensthabende Notarzt auf dem Christoph Rhein-Main, klärt mich über die Voraussetzungen auf, die man benötigt, um hier als Notarzt mitfliegen zu dürfen. „Grundvoraussetzung für jeden Notarzt, ob bodengebunden oder in der Luft, ist natürlich das erfolgreich absolvierte Medizinstudium und die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin oder eine andere vergleichbare Qualifikation. Wenn du es ganz genau wissen möchtest, schau doch mal im Internet nach dem Rettungsdienstgesetz“.

Gesagt, getan. Um als Notarzt im Luftrettungsdienst eingesetzt werden zu dürfen, bedarf es noch weiterer Qualifikationen. Diese sind in der jeweils gültigen Verordnung zur Durchführung des Rettungsdienstgesetzes und des Rettungsdienstplanes des Landes festgehalten:

  1. Erfolgreich absolvierter Facharzt (Fachgebiet mit intensivmedizinischen Versorgungsaufgaben) und das Vollzeitarbeiten auf einer Intensivstation über den Zeitraum von mindestens sechs Monaten.
  2. Die mindestens einjährige Tätigkeit entweder als Notarzt im bodengebundenen Rettungsdienst oder als Facharzt in einer Klinik mit Intensivmedizinischer Versorgung.
  3. Ständige Fortbildung – unter anderem in Kinder-/Notfallkunde und Traumatologie.

 

Wie ich während unseres ersten Fluges feststellen durfte, ist es im Intensivhubschrauber nicht ganz so geräumig wie im RTW. „Die beengten Verhältnisse stellen uns bei einigen Einsätzen vor Herausforderungen. Im RTW ist ein Zwischenstopp ohne Probleme möglich, wenn es dem Patienten schlechter gehen sollte. Als Notarzt im bodengebundenen Rettungsdienst kann man viel leichter und schneller handeln, wenn es der Gesundheitszustand des Patienten erforderlich macht. Das geht im Intensiv-/Rettungshubschrauber nur eingeschränkt. Dennoch ist eine Reanimation – wenn auch unter erschwerten Bedingungen – möglich. Du musst viel vorausschauender planen und agieren. Unsere Erfahrung kommt uns hierbei aber zugute“ – so der ärztliche Leiter der Johanniter Luftrettung, Dr. Mumi Abou-Taleb. Aus diesem Erfahrungsschatz der Notärzte, erfahre ich, dass ein bodengebundener Notarzt im Durchschnitt alle 14 Monate einen Patienten intubiert. Ein Notarzt auf dem ITH/RTH hingegen im Durchschnitt jeden Monat einmal. Oft sind es Traumata, Verkehrs- oder Arbeitsunfälle, zu denen die Johanniter-Crew gerufen wird. Sie alle haben eins gemeinsam:  die Verletzungsschwere ist meist um einiges höher im Vergleich zum bodengebundenen Rettungsdienst. Somit steigen auch die Anforderungen an den Notarzt in der Luft.

 

Einstieg in den Helikopter - Foto: Alexander Wittke

Lokalredakteurin Patricia Paul steigt zur Patienten-Mitbetreuung in den Christoph Rhein-Main - Foto: Alexander Wittke

 

Unser Gespräch wird von Telefonklingeln unterbrochen. Die Leitstelle ist am Apparat mit einem neuen Einsatz: Verlegung eines Patienten aus einer Kleinstadt in Nordhessen auf die chirurgische Intensivstation des Universitätsklinikums Göttingen. Bevor wir uns zu diesem Einsatz aufmachen, findet eine Team-Besprechung statt, da der Pilot zunächst beim Deutschen Wetterdienst das Flugwetter abfragt. Eine Wetterkarte hängt bereits im Büro. Auf dieser ist jede Wetterstation Deutschlands eingezeichnet.  Der Pilot kann nach erfolgter Flugroutenplanung nun also zusätzlich zur Vorhersage des Wetterdienstes an jeder Wetterstation die aktuellen Wetterdaten erfragen. Wenn das Wetter zu schlecht ist, kann der Pilot Einsätze ablehnen und die Crew bleibt auf dem Boden. „Die Sicherheit des Personals steht immer an erster Stelle. Notfalls muss der Patient mit einem RTW verlegt werden." Über diese Worte von Borris Adam bin ich erstaunt, dachte ich bis zum jetzigen Zeitpunkt doch, dass jeder Flug absolviert werden muss. Über das absolute Hoheitsrecht des Piloten in Fragen der Flugdurchführbarkeit habe ich mir, um ehrlich zu sein, noch nie Gedanken gemacht. Der Pilot kann wetterbedingt auch zwischenlanden oder den Flug abbrechen, sollte es die Wetterlage erfordern. „Es kann auch schon mal passieren, dass wir die Nacht am anderen Ende Deutschlands verbringen müssen, wenn das Wetter nicht mitspielt. Wir wissen nie, ob wir nach Dienstende zu Hause sind“, klärt mich der Rettungsassistent auf. Schließlich gibt unser Pilot grünes Licht für den bevorstehenden Flug. In der Zwischenzeit hat auch unser Notarzt schon mit den beteiligten Kliniken telefoniert. Mit dem diensthabenden Arzt der Ursprungsklinik des Patienten klärt er den Gesundheitszustand des Patienten ab. In der Zielklinik fragt er an, ob wir schon angemeldet wurden und ob alles bereit für unseren Intensivpatienten ist. Alle Beteiligten wissen Bescheid. Der Patient ist den ganzen Tag über weitgehend stabil gewesen, sodass wir ihn ohne Probleme nach Göttingen verlegen können.

 

Helikopter von Innen - Foto: Patricia Paul

Der Arbeitsplatz des Notarztes im Rettungshubschrauber – beengte Verhältnisse, aber Monitoring wie auf einer Intensivstation - Foto: Patricia Paul

 

Er wird während des Fluges mit drei Perfusoren für Noradrenalin, Sufentanyl und Propofol versorgt. Er ist intubiert und wird an unser Beatmungsgerät angeschlossen – damit ist er transportfähig. Während des Fluges verläuft alles nach Plan, dem Patienten geht es den Umständen entsprechend gut. In Göttingen angekommen, kann er dort von Spezialisten auf dem Gebiet seiner Erkrankung behandelt werden. Es folgen wieder die Übergabe des Patienten und das Helfen bei der Umlagerung. Auch hier ist jede helfende Hand willkommen. Sollte sich der Gesundheitszustand des Patienten während des Fluges drastisch verschlechtern, so kann es auch schon mal vorkommen, dass in der nächst größeren Klinik zwischengelandet und der Transport abgebrochen wird. Der Notarzt entscheidet über alle medizinischen Fragen, er hat an Bord das medizinische Hoheitsrecht. Wenn es nötig ist, wird dafür auch schon mal der Flugbetrieb des Frankfurter Flughafens unterbrochen, sofern der schnellste Weg über die Sperrzone des Flughafens verläuft. Ich bin über die ungeheuer große Reichweite des Hubschraubers überrascht, die maximale Reichweite liegt bei 875 km, was einer Flugzeit von drei Stunden und 15 Minuten entspricht. 330 km pro Stunde ist die Höchstgeschwindigkeit, die diese Maschine leisten kann. Im Patientenraum sind für einen liegenden Patienten und für drei weitere Personen Sitzplätze vorhanden. Spezialteams können also auch mitgenommen werden. Ebenfalls sind alle Anschlüsse und Schutzvorrichtungen für einen Inkubator vorhanden, sodass auch Frühchen und Neugeborene transportiert werden können. Auf der Wache wieder angekommen, erklärt mir der ärztliche Leiter weiter: „Unser primäres Aufgabengebiet auf dem Christoph-Rhein-Main sind Intensivverlegungen. Viele Patienten werden aus kleineren Krankenhäusern in Häuser der Maximalversorgung verlegt."

 

Rettungscrew - Foto: Patricia Paul

Die Crew des Christoph Rhein-Main auf der Intensivstation zur Aufnahme eines Patienten. Die Rettungswagen-Besatzung ist auch vor Ort, um den Patienten zum Rettungshubschrauber zu fahren - Foto: Patricia Paul

 

Er erzählt weiter: „Dies hat innerhalb der letzten Jahre immer mehr zugenommen, Tendenz steigend. Viele Häuser spezialisieren sich. Wir sind letztlich dafür da, die Patienten dort sicher und schmerzfrei hinzufliegen“. Wie ich weiter erfahre, gibt es in Deutschland circa 80 Häuser der Maximalversorgung. Das Einsatzaufkommen der Johanniter-Crew auf beiden Hubschraubern liegt bei ungefähr 1200 Einsätzen pro Jahr. Diese verteilen sich jahreszeitbedingt im Winter auf ein Drittel, im Sommer auf zwei Drittel der Einsätze. In einem 12 Stunden Dienst in Reichelsheim kann es zu zwischen null und fünf Einsätzen am Tag kommen.

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ – dem, was Reinhard Mey schon in seinem Songtext verarbeitet hat, kann ich nach diesem ereignisreichen Tag nur zustimmen. Einmal im Hubschrauber mitzufliegen und dieses Gefühl der Freiheit zu haben, ist unbeschreiblich. Das muss man erlebt haben!  


Infobox

Zu der Besatzung eines Rettungshubschraubers zählen folgende Personen: Pilot, Rettungsassistent mit HEMS (Helicopter Emergency Medical Services) Crew Member-Ausbildung und ein Notarzt. Der Pilot sitzt auf der rechten Seite im Rettungshubschrauber und ist für die Sicherheit der Besatzung während Start, Flug und Landung verantwortlich. Bis die Rotorblätter zum Stehen kommen, hat der Pilot den Hubschrauber nicht zu verlassen. Ebenso hat er dafür Sorge zu tragen, dass der Hubschrauber in einer sicheren Parkposition steht und damit keine Gefahr für andere darstellt. Zudem ist er für die Dokumentation des Fluges verantwortlich. Der Rettungsassistent auf dem Rettungshubschrauber wird  korrekterweise als HEMS Crew Member bezeichnet. Um als Rettungsassistent auf einem Rettungshubschrauber eingesetzt werden zu dürfen, muss die Zusatzausbildung zum HEMS Crew Member absolviert worden sein. Während des Fluges unterstützt der Rettungsassistent den Piloten, indem er den Funkkontakt zur Leitstelle übernimmt, den Luftraum mitbeobachtet und navigiert. Nach der Landung muss der Rettungsassistent auch die Landestelle sichern. Wenn die Rotorblätter stillstehen, unterstützt der Rettungsassistent den Notarzt bei seiner Tätigkeit am Patienten. Dieser Aufgabenbereich ist mit dem des bodengebundenen Rettungsassistenten identisch. Der Notarzt ist ohne Patient an Bord „nur“ Passagier. Wenn ein Patient geflogen wird, übernimmt der Notarzt das medizinische Aufgabengebiet mit all seinen Facetten wie Beatmung, Monitoring, Medikamentengabe etc. Sollte der Patient instabil werden, entscheidet der Notarzt über eine nötige Zwischenlandung in einer nächstgelegenen Klinik. Während des Fluges hält er mit dem Piloten und dem Rettungsassistenten ständigen Kontakt.

 

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