• Bericht
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  • Verena Gielen
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  • 21.11.2008

Famulatur in den Anden Ecuadors

Während ihres Erasmus-Jahres in Valencia entschied Verena sich, im Sommer 2008 eine Famulatur in Südamerika zu machen. Auf der Internetseite der "Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland" (kurz: bvmd) fielen ihr die Public-Health-Projekte ins Auge. Schließlich entschied sie sich für das Hospital Andino.

Bewerbung

Ich entschied mich für das Hospital Andina, weil dort ein in Ecuador einmaliges Konzept vertreten wird: Der Patient entscheidet selbst, von welcher Art von Arzt er behandelt werden möchte: einem Schulmediziner, einem Alternativmediziner oder einem Vertreter der andinen Medizin, also einem Schamanen. Ich persönlich fand das unheimlich spannend.

Die Beschreibung des Public-Health-Projektes im Hospital Andino findet Ihr unter:

Public Health Projekt Andino

Mehr Infos zum Projekt als Pdf

Ich bewarb mich fünf Monate im Voraus bei der bvmd und erhielt zirka zwei Monate später die Zusage.

Foto: Verena Gielen

Idígena mit Kind -  alle Fotos: Verena Gielen

 

Die Bewerbung erfordert einige Unterlagen: Lebenslauf, Letter of Motivation, Sprachzeugnis, Kranken- und Haftpflichtversicherungsbeleg - und es muss eine Gebühr von achtzig Euro an die bvmd entrichtet werden.

 

Vorbereitung

Den Flug buchte ich direkt von Valencia aus mit Iberia und Avianca. Beide Fluggesellschaften kann ich übrigens im Nachhinein nicht weiterempfehlen.

In der tropenmedizinischen Beratungsstelle bekam ich die Impfungen gegen Hepatitis A, Gelbfieber, Typhus und Tetanus. Für meine Aufenthalte im Jungle und an der Küste nahm ich Malarone mit.

Ein Visum ist lediglich bei einem Aufenthalt notwendig, der länger als drei Monate dauert.

Als Reiselektüre empfiehlt sich das Buch "Kulturschock Ecuador" aus dem Reise-Know-How-Verlag, und ein wirklich guter Reiseführer ist das Buch "Ecuador" aus dem Müller-Verlag.

Laut bvmd-Homepage werden gute Spanischkenntnisse verlangt. Ich begegnete aber einer Studentin, die zu Beginn fast kein Spanisch sprach und trotzdem angenommen wurde. Also keine Sorge!

Infos des Auswärtigen Amtes gibt es hier.

Bitte nicht verrückt machen lassen von den Warnungen!

 

Anreise

Ich flog von Valencia aus, über Madrid und Bogotá nach Quito. Der Flug nach Bogotá hatte sieben Stunden Verspätung, so dass ich den Anschlussflug verpasste und zwangsweise eine Nacht in Bogotá verbringen musste.

Foto: Verena Gielen

Schafherde in Riobamba

 

Mein Unglück war dann perfekt, als ich zwar mit Verspätung heil in Quito ankam, von meinem Gepäck aber weit und breit nichts zu sehen war. Nachdem ich dies reklamiert hatte ging es ohne Gepäck weiter im Überlandbus nach Riobamba.

Es sollte dann noch einen Monat dauern, bis mein Rucksack in Madrid wieder gefunden und mir zugeschickt wurde.

 

Unterkunft

Der Koordinator de Projektes Dominic Lenz überließ mir die Entscheidung, ob ich bei einer Krankenschwester, im Krankenhaus selbst oder in einer Diözese wohnen würde. Ich entschied mich für die erste Variante und wohnte bei der Krankenschwester Noemi.

Das war sicherlich das Beste, was mir passieren konnte. Noemi holte mich vom Busbahnhof ab. Zu Hause angekommen mixte sie mir sofort einen Batido aus tropischen Früchten und tröstete mich über mein verlorenes Gepäck hinweg. Sie kümmert sich mit viel Freude um ihre ausländischen Gäste, und ich kann jedem empfehlen bei ihr, ihrem Mann und ihrem kleinen Hund Petita zu wohnen!

Noemi stellt drei Einzelzimmer für jeweils achtzig Dollar im Monat zur Verfügung (ohne Verpflegung). In den ersten Wochen war ich der einzige Gast. Später kamen noch mehr Studenten, wodurch es natürlich viel lustiger wurde.

Foto: Verena Gielen

Auf dem Markt

 

Die Diözese machte auf mich auch einen sehr guten und sauberen Eindruck, aber herzlicher und familiärer ist es auf jeden Fall bei Noemi, die übrigens nur fünf Gehminuten vom Hospital entfernt wohnt.

E-Mail-Adresse von Noemi:

noeminaranjo28@hotmail.com 

Krankenhaus

Das Hospital Andino Alternativo de Chimborazo (kurz: HAACH), in der Provinzhauptstadt Riobamba auf 2800m Höhe gelegen, ist ein privates Krankenhaus, das 1996 mit dem Ziel gegründet wurde, auch der ärmeren Bevölkerung Ecuadors eine medizinische Versorgung zu ermöglichen. Geleitet wird es derzeit von Herrn Dr. Brunner, einem pensionierten Chefarzt aus Deutschland.

Das Hospital ist unterteilt in drei voneinander abgegrenzte Bereiche:

  • Area Allopática: Das ist der schulmedizinische Bereich, der sich nicht sonderlich von einem deutschen Krankenhaus unterscheidet, außer dass alles eben viel kleiner ist. Es gibt Abteilungen für Innere Medizin, Traumatologie, Gynäkologie, Pädiatrie und Dermatologie, wobei eine Abteilung aus einem Arzt und einem Behandlungsraum besteht. Das Hospital verfügt über fünfzehn Betten, einen Operationssaal, ein Labor und ein Röntgengerät.
  • Area Alternativa: Hier finden Behandlungsverfahren wie Homöopathie, Akupunktur, Biomagnetismus oder Reiki ihre Anwendung.
  • Area Andina: In diesem Bereich arbeiten zwei Yachaks (Schamanen), die dazu berufen sind, mit Hilfe der Medizin der Andenkultur zu heilen.

 

Praktikumsablauf

Jeder ausländische Student bekommt von Dr. Brunner ein Projekt zugeteilt, mit dem er einen Beitrag zur Verbesserung der Behandlungsverfahren im Hospital leisten soll.

Foto: Verena Gielen

Isla de La Plata

 

Meine Aufgabe war es, eine Studie zu einem alternativmedizinischen Verfahren, nämlich der "Desintoxikation mit negativen Ionen", zu machen. Dafür erstellte ich einen Fragebogen für die Patienten und wertete ihre Blutwerte vor und nach der Behandlung aus. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht und gab mir die Möglichkeit, mit den Patienten ins Gespräch zu kommen.

Unabhängig von dem Projekt kann man sich frei im Krankenhaus bewegen und bei allem zuschauen, wozu man Lust hat. Die Ärzte sind sehr offen gegenüber ausländischen Studenten und bemühen sich, viel zu erklären.

Es gibt keine vorgeschriebenen Arbeitszeiten. Normalerweise habe ich von neun bis zwölf gearbeitet und war nachmittags noch mal von drei bis fünf da. Das lässt sich aber individuell gestalten.

Mittagessen kann man im Krankenhaus für 2,50$.

Studenten können sich entweder einen Kittel mitbringen oder einen Kittel mit aufgesticktem Logo des Hospitals für sechzehn Dollar maßschneidern lassen; in meinen Augen ist das ein schönes Andenken.

 

Kurioses

Besonders spannend sind die Ausflüge in die Comunidades (Dörfer) mit Paty, die den Bereich "Salud comunitaria" leitet. Mit dem hospitaleigenen Jeep geht es raus ins Gelände bis in entlegenste Dörfer, um dort die "promotores de salud" auszubilden. Ziel dabei ist es, in jedem Dorf ein bis zwei Personen mit dem allernötigsten medizinischen Wissen auszustatten, um eine gewisse Grundversorgung zu gewährleisten.

Das ist natürlich eine gute Idee, jedoch sind die Ausbildungsinhalte zum Teil recht abenteuerlich. So werden die "promotores de salud" in sehr fragwürdigen alternativmedizinischen Verfahren wie dem Biomagnetismus ausgebildet. Dabei handelt es sich um eine Therapie mit Magneten, die dem Patienten auf die erkrankten Körperstellen gelegt werden, um so die "Energieflüsse wieder in Einklang" zu bringen.

Laut Vertretern dieser Therapie ist jedwede Erkrankung durch diese Methode heilbar. So wurden zum Beispiel in einem Kindergarten den wir besuchten, die Kinder, die dort alle Darmparasiten aufgrund der schlechten hygienischen Verhältnisse haben, anstatt mit eigentlich notwendigen Medikamenten mit Magneten behandelt. Das war für uns ausländische Studenten sehr gewöhnungsbedürftig und erschien uns fragwürdig bis fahrlässig.

Es war noch nicht einmal so, dass die Eltern der Kinder kein Vertrauen in die Schulmedizin gehabt hatten, sondern dass sie schlicht und ergreifend kein Geld hatten, um die nötigen Medikamente zu bezahlen. Das Steinchenauflegen war hingegen kostenlos.

Einmal in der Woche macht Paty Hausbesuche. Sie dabei zu begleiten ist eine einmalige Chance in die Häuser bzw. Hütten der Indígenas zu gehen. Das sind Einblicke in das Leben der Urbevölkerung, die man als "normaler" Tourist nie zu sehen bekäme.

Natürlich muss man auch mal einen Schamanen live bei seiner Arbeit erlebt haben. Bei einer "Limpia" (Reinigung von bösen Energien) kommen Kräuter, Spiritus, Zigarrenrauch und Meerschweinchen zum Einsatz. Wofür letztgenannte benutzt werden, schreibe ich lieber nicht …

 

Freizeit

Die Wochenenden sind frei, sodass Ausflüge ins Land unternommen werden können. Außerdem lohnt es sich, Zeit zum Reisen nach der Famulatur einzuplanen. Ich hatte drei Wochen für das Reisen veranschlagt und wäre gerne noch viel länger geblieben.

Foto: Verena Gielen

Ein Krebs an der Küste

 

Mit den Überlandbussen reist es sich gut und mir ist nie etwas zugestoßen. Ich war an der Küste und habe dort Wale gesehen, bin in den Anden herumgeklettert und habe im Dschungel "Rafting" ausprobiert und die Bananenpalmen bewundert.

Ecuador ist so vielfältig. Man fährt ein paar Stunden im Bus, und plötzlich sieht alles ganz anders aus: die Landschaft, die Leute, die Tiere, die Häuser, das Essen, …

Foto: Verena Gielen

Torbogen in der kleinen Stadt Guano

 

Das Land ist einfach faszinierend.

 

Fazit

Mein Aufenthalt in Ecuador war eine unheimlich bereichernde Erfahrung. Es war eine aufregende Zeit und jeder Tag war wie ein kleines Abenteuer. Eine Famulatur in diesem Land kann ich nur empfehlen, allerdings muss Euch bewusst sein, dass Ihr in dieser Famulatur nicht besonders viel für Euer Studium lernt.

Dafür habe ich in dieser Zeit so viel für mich persönlich mitgenommen und habe in vielerlei Hinsicht derart von meinem Aufenthalt profitiert, dass ich ihn in keinster Weise missen möchte.

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