• Bericht
  • |
  • Patrizia am Weg
  • |
  • 26.08.2009

Famulatur Anästhesie am KYS in Kuopio

Als bekennender Finnland-Fan war es für Patrizia naheliegend und reizvoll, dieses schöne und weite Land auch mal von der medizinischen Seite näher kennenzulernen. Sie traf während ihrer Famulatur in der Universitätsklinik in Kuopio auf Hightech, flache Hierarchien – und auf Skimützen.

Planung

Ich ließ mich durch die bvmd vermitteln, Ihr könnt Euch aber natürlich auch direkt in Finnland bewerben. Über die bvmd kam nach meiner Zusage schon vorab ein guter E-Mail-Kontakt mit den finnischen Studenten zustande, die uns insgesamt sechs Austauschstudenten aus Holland, Tschechien, Spanien und Israel von Anfang an sehr gut betreuten. Problemlos wurde ich meinem Wunschfach Anästhesie zugeteilt, sodass ich mit einem Gefühlswirrwarr aus Vorfreude und Nervosität in Kuopio ankam.

 

Anreise und Verkehrsverbindungen

Am günstigsten und schnellsten kommt man sicherlich mit dem Flugzeug nach Finnland. Ihr könnt einen Flug bis nach Helsinki buchen und dann entweder mit dem Bus weiter nach Kuopio fahren, oder einen günstigen Anschlussflug buchen. Eine andere Möglichkeit ist der Flug nach Tampere (Ryanair, möglichst früh buchen und Transport/Gepäckbedingungen sorgfältig durchlesen) und dann weiter mit dem Shuttle-Bus für 6 Euro zum Bahnhof und ab dort Richtung Kuopio über Pieksämäki.

In Kuopio selbst gibt es ein gutes Busnetz; die Entfernungen lassen sich aber auch gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Wer etwas Zeit zur Verfügung hat, kann auch ab Travemünde mit Finnjet bis nach Helsinki fahren oder ab Rostock nach Hanko und ebenfalls weiter mit Bus oder Bahn. Die Internet-Adresse der finnischen Eisenbahn mit den Fahrplänen lautet:

Veturi Online

 

Interessante Fakten über die Stadt Kuopio

  • mit ca. 90.000 Einwohnern die achtgrößte Stadt Finnlands
  • gegründet im Jahr 1775
  • Entfernung von Helsinki 380 km, Oulu 280 km, Jyväskylä 145 km und Tampere 290 km
  • Territorium: insgesamt 1179 Quadratkilometer, davon Landfläche 779 Quadratkilometer und Wasserfläche 82,5 Quadratkilometer
  • Kallavesi-See 82 m über den Meeresspiegel
  • Puijo 150 m über den Meeresspiegel
  • 12 Hotels, 1728 Betten
  • 10 andere Unterkünfte, 322 Betten
  • 2 Campingplätze, 336 Betten
  • liegt im größten Seengebiet Europas
  • auf Gesundheits- und Umweltwissenschaften spezialisierte Universität
  • Eine der beliebtesten Fremdenverkehrsstädte Finnlands
  • gute Verkehrsverbindungen in alle Teile Finnlands
  • Ostfinnisches Zentrum der Kultur, der Ausbildung und eines vielseitigen Wirtschaftslebens, in dessen Einflussbereich etwa 600.000 Menschen wohnen
  • vier verschiedene Jahreszeiten, die schöne Binnenseenatur und ein reichhaltiges Kulturangebot garantieren das ganze Jahr über einzigartige Erlebnisse.
  • Kuopio ist eine schöne, saubere und "grüne" Stadt, die hohe Lebensqualität, Naturnähe sowie diverse Veranstaltungen und Sehenswürdigkeiten bietet.

Der Puijo ist das Wahrzeichen von Kuopio; andere bemerkenswerte "Landmarken" sind beispielsweise der Marktplatz, der Hafen und das Parkgelände auf der Halbinsel Väinölänniemi.
Der Puijo-Hügel liegt nur 1,5 km vom Stadtzentrum entfernt. Er ist ein wichtiges Erholungs- und wertvolles Naturgebiet. Der Hügel ist 150 m hoch und hat oben einen Aussichtsturm. Es handelt sich um eines der beliebtesten Erholungsgebiete in Kuopio mit seinen vielen Pfaden.

Fast überall in Puijo kann man frei wandern, Beeren und Pilze kann jeder sammeln. Naturschutz hat eine lange Tradition in Puijo. Der Puijo-Hügel wurde 1928 als eines der ersten Naturschutzareale Finnlands zum Naturschutzgebiet erklärt. Am Puijo-Hügel gibt es viele üppige Laubwaldgebiete, in denen sich einige gefährdete Arten und eine vielseitige Vogelwelt befinden. Im Puijo-Aussichtsturm könnt Ihr die prächtige Aussicht zu den blauen Seen und grünen Inseln bewundern.

 

Die Unterkunft

Wenn man sich über die bvmd austauschen lässt, wird der Aufenthalt weitgehend von den Partnerstudenten der FIMSIC (die finnische Studentenorganisation) kostenlos organisiert. Die ausländischen Studenten können in meist vorübergehend nicht genutzten "KUOPAS"-Wohnungen von Studenten wohnen, die sich selbst gerade im Ausland aufhalten.
Gehst Du auf eigene Faust nach Finnland, kannst Du aber auch selbst bei der KUOPAS in Kuopio eine dann günstige, wenn auch nicht kostenfreie Wohnung bekommen - für Dich alleine oder in einer WG.

Vollpension gibt es übrigens inklusive: Essen kannst Du in der Personal-Mensa (gutes, landestypisches Essen und Getränke), und nach dem Dienst bekommen Austauschstudenten ein großes Lunchpaket aus der Küche - kostenlos gegen Vorlage des Klinik-Ausweises. Auch das sonstige Leben ist für Austauschstudenten recht günstig. Sobald man an der Uni eingeschrieben ist, für uns erledigt das der Tutor, erhält man den Studentenausweis, mit dem man 50% Ermäßigung auf Bahn- und Überlandbusfahrten erhält.

 

Mitzunehmen

Ein wenig Finnisch konnte ich schon vor meinem Aufenthalt. Das erleichtert die Kontaktaufnahme, obwohl Ihr meistens natürlich auch mit Englisch oder auch Deutsch durchkommt. Die anderen Austauschstudenten sind jedenfalls ohne Finnischkenntnisse gut zurechtgekommen.

Dennoch empfehle ich die Anschaffung eines Sprachführers und eines Taschenwörterbuches. Die Orientierung wird so erleichtert, und die Finnen freuen verständlicherweise sich sehr, wenn ein Gast in ihrem Land zumindest die Höflichkeitsformeln wie "Bitte", "Danke" und "Entschuldigung" in ihrer Sprache sagen kann. Ist man erstmal ins Gespräch gekommen, weicht die anfängliche Zurückhaltung der Finnen, und alle sind sehr freundlich und hilfsbereit. Bei Veranstaltungen außerhalb der Uni mit Alkoholgenuss (in Disco, Bars etc.) solltet Ihr jedoch selbst besser etwas zurückhaltend sein, um Missverständnisse zu vermeiden.

Kleidung solltet Ihr für jedes erdenkliche Wetter einpacken. Ihr müsst mit allem rechnen, besonders im launischen Frühsommer.

Fehlen darf auch nicht ein Fotoapparat, damit Ihr die vielen schönen Augenblicke sowie die schöne Umgebung im Bild festhalten könnt.
Ich empfehle Euch außerdem, ein paar Passfotos nach Finnland mitzunehmen. Und ein kleines Mitbringsel für Euren Betreuer ist auch nicht schlecht.

 

Gesundheit

Eine Auslandskrankenversicherung (z.B. FAMAUS-Famulatur-Auslandsversicherung über den Marburger Bund) sowie ein aktuelles Zeugnis über MRSA-Freiheit werden im Bewerbungsverfahren abgefragt, sind also Bedingung.

Die Gesundheitsversorgung hat in Finnland ein hohes Niveau. Selbstbeteiligungen an den Kosten sind in etwa wie bei uns geregelt.

 

Geld

Währung in Finnland ist der Euro; 1-und 2-cent-Münzen sind jedoch abgeschafft worden. Es gibt viele Bankautomaten, die unsere üblichen EC- und Kreditkarten akzeptieren. Ein Bankautomat (die heißen hier meistens OTTO) steht im Erdgeschoss des Krankenhauses.

Die Lebenshaltungskosten sind in Finnland höher als in Deutschland. Dafür bietet jeder Laden auch Reformhauskost an - ein Paradies also für Laktoseintolerante, Glutenunverträgliche und Nahrungsmittelallergiker. Gelegentlich ist auch hier ein Wörterbuch angebracht.

 

Kommunikation

Weil das Telefonieren mit unseren deutschen Handys recht teuer werden kann, solltet Ihr Euch hier eine finnische SIM-Karte kaufen (z.B. R-Kioski) und mit einem niedrigen Betrag testen, ob das eigene Handy diese akzeptiert. Dann ist das Telefonieren innerhalb Finnlands und auch nach hause viel günstiger.
Das KYS (Uniklinikum Kuopio) verfügt über eine Bibliothek, von wo aus Du mit Deinem internen Ausweis jederzeit kostenlos ins Internet kommst. Hier kann man sich auch fürs Wohnheim einen Laptop ausleihen.

 

Kuopion yliopistollinen sairaala (KYS) /Kuopio Universitätsklinik

Das KYS ist ein akademisches Lehrkrankenhaus der Uni Kuopio und Teil des Ost-/ Süd-/Zentralfinnischen/Nordkarelischen und Nord-Savo-Krankenversorgungsverbandes.

Alle med. Fachrichtungen sind hier vertreten.:

  • Anästhesie
  • Epilepsiezentrum
  • Physiotherapie
  • Haut
  • HNO
  • Schmerzklinik
  • Chirurgie (Kinder, Plastische, Herz/ Thorax, Orthopädie, Unfall/Handchirurgie, Uro- und Gastroenterologie, Gefäße, Nachsorge und ambulantes Operieren - aber nicht in den Sommerferien)
  • Intensivpflege
  • Klinische Physiologie
  • Nuklearmedizin
  • Genetik
  • Neurophysiologie
  • Pathologie
  • HNO
  • Reha für Berufskrankheiten und Hilfsmittelversorgung
  • Labor
  • Kinderstation incklusive Kinderneuro
  • Gyn und Geburtshilfe
  • Neurochirurgie
  • Psychiatrie (Geronto-, Kinder- und Jugend-, Erwachsenen-, Sucht-Psychiatrie)
  • Ernährungstherapie
  • Radiologie
  • Augen
  • Innere,
  • Mund-/Kiefer-/Gesichtskrankheiten
  • Onkologie

Die interdisziplinäre Intensivmedizin und die chirurgische Nachbehandlung (Tehohoito) sind dem operativen Bereich angeschlossen. Hier wird aufgeteilt in die anästhesiologische, Intensivpflege-, und Verwaltungseinheit. Anästhesie umfasst 4 Anästhesiestationen, Zentral-Aufwachraum und Schmerzklinik.

In der integrierten ICU gibt es einen separaten Bereich für die postoperative sowie die neurologische Überwachung. Das Reanimationsteam wird etwa 100- bis 200-mal im Jahr von den Normalstationen angefordert.

Etwa 2.500 Patienten werden hier pro Jahr behandelt, 15 bis 20 davon auf der integrierten sterilen Einheit für Schwerstbranntverletzte, eine der beiden einzigen im Land.

 

Der erste Tag

Bei uns lief nun alles problemlos: Am ersten Morgen um 7 Uhr nahm mich Maija, die nette Studentin, die für mich zuständig war, im Foyer des KYS wie verabredet in Empfang. Dann wurden die Formalitäten erledigt: Foto für ein Namensschild, Ausweis, Dienstkleidung, Handtüchern/Bettwäsche. Auch trug ich mich in die Essensliste der Küche ein, wobei mich freute, dass auch Extra-Wünsche berücksichtigt wurden.

Nach den Formalitäten und Einkleiden brachte mich Maija durch die verschlungenen Gänge des KYS auf meine Station, die Intensivpflege. Dort sollte ich die erste Woche verbringen und dann in die Anästhesie wechseln, was sich schließlich als sinnvoll herausstellte. Die Ärzte sind ohnehin dieselben, denn sie wechseln zwischen OP und ICU.

 

Die Station

Maija stellte mich den Ärzten vor der ersten Dienst- und Röntgenbesprechung vor, die um 7:45 Uhr beginnt. Nach der Besprechung folgt die erste Visite. Dann besprechen sich die Anästhesisten gemeinsam mit den Vertretern der anderen Disziplinen wie Chirurgen, Kardiologen und Neurologien, die anschließend noch ihre eigene Visite machen.

Schließlich war ich mit den neuen Kollegen allein und wir lernten uns vorsichtig kennen. Als erstes sprach mich ein Arzt auf Schwitzerdütsch an und wir tranken erstmal gemeinsam einen Kaffee.

Üblicherweise wird nach Visite und Kaffeetrinken alles Notwendige dokumentiert, Anordnungen getroffen und die Planung für den Tag kurz schriftlich festgehalten. Nachmittags stehen weitere Visiten, Eingriffe und Fortbildungen auf dem Programm.
Im OP, wo ich ab der folgenden Woche war, beginnt der Tag auch mit einer Besprechung und der Übergabe vom Nachtdienst.

Interessant war für mich der hohe technische Standard. An jedem Patientenplatz befindet sich ein Monitor, auf dem fortlaufend sämtliche Vitalparameter, Messwerte, Laborbefunde und Trends, Anordnungen, Pflegeanweisungen und Therapieziele festgehalten werden. Im OP werden ebenso modernste Überwachungsmethoden eingesetzt. Hightech wo man hinschaut.

Skurril wirkte auf mich, dass Ärzte und Pfleger im OP grüne Skimützen tragen - man sagte mir, dass sie angenehmer zu tragen seien. Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran.
Als Famulant hatte ich überall Zutritt, konnte auf der ICU bei allen Eingriffen und Behandlungen zusehen und alles fragen. Mir wurde auch erlaubt Patienten nachzuuntersuchen.

Im OP lief es ebenso: Überall zusehen, bei Einleitung und Ausleitung helfen, beatmen und Braunülen legen - und auch intubieren unter Aufsicht war möglich.
Ihr kommt auch viel im Haus herum, wenn Ihr es nur möchtet: Herz-OPs, Schockraum und Kaiserschnitte im Bereitschaftsdienst, Kindernarkosen beim MRT und Punktionen, Kardioversionen, extrakorporale Zirkulation, Neuronavigation, Dialyse, Endoskopien, das alles könnt Ihr Euch ansehen.

An dieser Stelle finde ich es wichtig zu betonen, dass es sehr von dem Studenten selbst abhängt, was er machen und lernen kann. Es stehen einem jedenfalls Türen und Herzen offen, wenn man Interesse und Freude am Fach zeigt und sich baldmöglichst jedem persönlich vorstellt.

Einem bestimmten Arzt wurde ich übrigens nicht zugeteilt; ich musste immer selbst jemanden ansprechen oder mich einfach einem Doc anschließen.

Das Team ist groß, und es ist nicht gleich erkennbar, wer Chef ist und wer Assistenz- oder Oberarzt. Die Pflegekräfte üben teilweise Tätigkeiten aus, die bei uns dem ärztlichen Personal vorbehalten ist. Dafür muss hier jeder Anästhesist jeweils mindestens zwei OPs gleichzeitig betreuen.

Auf Doktortitel und Dienst-Rang wird hier weniger geachtet als auf fachliche Kompetenz, Effektivität und Teamfähigkeit. Der Umgangston ist stets freundlich und kollegial - auch im OP, jedoch müssen sich Student ab und zu bemerkbar machen, wenn sie mithelfen oder etwas Bestimmtes sehen möchte. Allgemein hat fand ich eine etwas andere, ruhigere, entspanntere Art. Es fiel mich nicht im Geringsten schwer, mich daran zu gewöhnen. Hektik habe ich eigentlich nie bemerkt, auch wenn es mal eng wurde.

Das Medizinstudium ist in Finnland ähnlich aufgebaut wie in Deutschland, es geht aber etwas entspannter zu. Eine wissenschaftliche Arbeit ist Teil des Studiums, eine Doktorarbeit wird nicht verlangt, außer man möchte in die Forschung gehen.

 

Fazit: Jederzeit wieder!

Es handelte sich ohne Zweifel um eine Famulatur mit Urlaubswert, nicht nur wegen der wunderschönen, ruhigen Gegend.

Ich traf auf sehr nette Ärzte und Pfleger, die jedoch etwas zurückhaltend sind, sodass man selbst die Initiative ergreifen und auf sie zugehen muss.

Ein großes Lob aussprechen möchte ich an all die vielen netten Studenten von FIMSIC, die mir geholfen haben mich wohlzufühlen und zügig einzuleben; die Unternehmungen und Abende mit echt finnischem Essen organisiert haben; die sich und ihre Zeit für Fremde investierten, damit wir uns schließlich als gute Freunde verabschieden konnten.

Wer weiß, vielleicht sieht man sich ja zum PJ wieder?

 

Links

Die Universität: University of Estern Finland

Wichtige Infos zu Kuopio: Urlaub in Kuopio

Oder:
Kuopio-Tourist-Service
Haapaniemenkatu17
FIN-70110 Kuopio

Tel: +358(0)17182584-585

Fax: +358 (0)17 261 3538

tourism@kuopio.fi

Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete