• Bericht
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  • Birte Burgdorf
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  • 10.07.2007

Pflegepraktikum Intensivmedizin

Jeder Medizinstudent muss drei Monate Krankenpflegepraktikum ableisten. Die ersten zwei Praktika von je einem Monat machte Birte gleich nach dem Abi in der Nähe ihres Heimatortes. Den dritten Monat hat sie während ihrer Osterferien in einem kleinen Krankenhaus in der Bretagne absolviert.

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Warum Frankreich?

Mein Motivation rührt daher, dass meine Mutter während des letzten Sommerurlaubs in Frankreich krank geworden ist und äußerst positive Erfahrungen mit französischen Krankenhäusern gemacht hat. Da ich auf jeden Fall Auslandserfahrungen sammeln wollte und mein Schul-Französisch relativ kurz nach dem Abi noch nicht allzu vergessen war, bewarb ich mich noch vor den Winterferien in Frankreich um ein Pflegepraktikum.

Nach monatelanger Wartezeit rechnete ich schon nicht mehr damit, genommen zu werden. Doch genau drei Wochen bevor es losgehen sollte, erhielt ich überraschender Weise doch noch eine Zusage aus Frankreich!

Zur Vorbereitung blieb nun keine Zeit mehr, zu viele Klausuren standen an. Lediglich ein Reisebusticket in die Bretagne organisierte ich. Wo ich übernachten könnte, würde sich hoffentlich vor Ort ergeben. Ein Schwesternwohnheim gibt es an dem Krankenhaus leider nicht.

Und so fuhr ich dann nach meiner letzten Chemieprüfung ziemlich erschöpft ins Blaue hinein. Die fast 24-stündige Busfahrt machte mir gar nichts aus, nun hatte ich wenigstens Gelegenheit Schlaf nachzuholen.

 

Am Anfang

Obwohl bei meiner Ankunft das Wetter miserabel war - typisch bretonisches Regenwetter - gestaltete sich mein Start besser als erwartet: 10 Minuten bevor sie schloss, erreichte ich die Tourist-Info in dem kleinen Örtchen, in dem ich die nächsten fünf Wochen verbringen sollte. Wäre ich nur wenige Minuten später eingetroffen, hätte ich keine Unterkunft für die erste Nacht gehabt. So jedoch schlief ich in der Gîte, der städtischen Wanderherberge. Diese lag mit wunderbarer Aussicht direkt auf den Meeresklippen als Teil eines einsamen Gehöfts.

Über neue Kontakte konnte ich schon am nächsten Tag mein eigenes Studio beziehen. Die Lage war leider nicht ganz optimal, aber immerhin hatte ich ein Dach über dem Kopf.

 

Einstand im Krankenhaus

Meine ersten Arbeitstage waren sehr angenehm. Ich wurde auf der Intensivstation und in der Notfallaufnahme eingesetzt, denn die zwei Stationen gehörten zusammen. Schwestern und Pfleger kümmerten sich um mich und waren extrem bemüht, mir alles zu erklären. Ich machte es dem Personal nicht einfach, denn mit der französischen Sprache hatte ich mich ein Jahr lang nicht beschäftigt. Viele ältere Patienten mit starkem bretonischen Akzent verstand ich überhaupt nicht.

Auch davon abgesehen wussten die Pflegekräfte zunächst nichts mit mir anzufangen: Ein Pflegepraktikum in unserem Sinne gibt es für französische Medizinstudenten nicht, und Pflegeschüler bringen für ihre Praktika einen Aufgabenkatalog mit, anhand dessen sie dann angeleitet werden.

 

Mein Arbeitsalltag

Nachdem ich oft genug betont hatte, dass ich keine speziellen Aufgaben erfüllen muss, keinen Plan zum Abarbeiten erhalten hatte, dass ich gerne aber in alles eingeführt würde, leitete man mich unglaublich gut an. So lernte ich u.a. Verbände anzulegen und zu gipsen, Blut abzunehmen und Zugänge zu legen, Medikamente vorzubereiten, Blut- und Urintest zu machen, Spritzen zu geben und vieles mehr.

Zum Teil führte ich die Arbeiten ganz selbstständig aus und eine Schwester kontrollierte nur das Ergebnis, zum Teil schaute mir aber noch jemand über die Schulter. Ich fühlte mich weder gegängelt und unterfordert, noch mit zuviel Verantwortung allein gelassen, die Aufgaben waren einfach optimal auf mich abgestimmt. Natürlich half ich auch ab und zu beim Waschen und Bettenmachen, jedoch ist das in Frankreich ganz klar die Aufgabe der Pflegehilfen und nicht der Schwestern oder Pflegepraktikanten.

Die vier Wochen vergingen sehr schnell. Meine Dienstzeiten wurden sehr flexibel gehandhabt: Ich hätte am Wochenende nicht arbeiten müssen und konnte Arbeitszeiten und -tage ohne Probleme ändern lassen. So konnte ich segeln oder Fahrrad fahren, wenn das Wetter es zuließ. Aber es machte wirklich viel Spaß, auf den Stationen zu helfen. Ich fühlte mich nicht ausgenutzt und in meiner Freizeit genoss ich die herrliche Umgebung.

 

 

Arbeit der Pflegekräfte: weniger Druck, mehr Kompetenz

Ich hatte auch den Eindruck, dass die Patienten gut versorgt wurden und das Pflegepersonal nicht ganz so gestresst wie in Deutschland war. Es gab mehr Krankenschwestern und Pflegehilfen als ich aus Deutschland gewohnt war - auf einer Inneren zum Beispiel morgens drei Schwestern und drei bis vier Pflegehilfen). Als Wochenarbeitszeit sind 35 Stunden festgelegt, meist vier, maximal fünf Tage am Stück wird gearbeitet. Solch ein kleiner Unterschied führte schon dazu, dass das Personal mehr Zeit und Geduld mit Patienten und Angehörigen hat.

Das Pflegepersonal hatte auch wesentlich mehr Kompetenzen als in Deutschland: Blut abnehmen (venös und arteriell), Zugänge legen, bestimmte Schmerzmedikamente anordnen und verabreichen und einiges mehr war Schwesternaufgabe. Momentan wird in Frankreich sogar darüber diskutiert, die Zuständigkeiten im Bereich der Medikamente noch weiter auszubauen.

Fazit

Insgesamt habe ich sehr von meiner Zeit in Frankreich profitiert - nicht nur die kleinen Unterschiede im Krankenhaus kennen zu lernen erweiterte meinen Horizont. Auch nette Freundschaften und Erfahrungen bleiben in guter Erinnerung und natürlich das Wetter, denn nachdem es bei meiner Ankunft goss wie aus Eimern, schien den Rest meiner Zeit in der Bretagne fast immer die Sonne!

 

 

Leserkommentar

Kommentar von Mehmet Hamurcu

Aus Zufall, aber mit Interesse habe ich gerade den Erfahrungsbericht von Birte Burgdorf zu ihrem Pflegepraktikum in Frankreich gelesen. Leider hat die Autorin zahlreiche Un- und Halbwahrheiten aus Ihrem Aufenthalt mit nach Deutschland mitgenommen. Nach Medizinstudium und Facharztausbildung in DeutschlandIch bin ich nun als Leiter eines großen medizinischen Zentrums in Lille tätig. Ich werde den Bericht nur punktuell korrigieren.

Erstens: Es gibt auch für französische Medizinstudenten ein Pflicht-Pflegepraktikum.
Zweitens haben die Studierenden wie in Deutschland als Famulant oder im PJ fachübergreifende Tätigkeiten zu erledigen: Zugänge legen usw. müssen Ärzte auch hier können, wenn diese Tätigkeiten auch normalerweise an die Pflege delegiert werden, wie überigens teilweise in Deutschland auch - Beispiel Uniklinik Münster.
Drittens: Haben wir wirklich weniger Druck und mehr Kompetenz in der Pflege? Eher mehr Druck und weniger Kompetenz, da wir weniger Pflegepersonal haben und weniger Ärzte aufweisen.

Insgesamt ist die medizinische Versorgung in Deutschland der französischen weit überlegen, und die Erfahrungen der Autorin sind erfreulich aber wirklich eher die Ausnahme. Selbstverständlich ist die Notaufnahme in Frankreich eher einer Allgemeinarztpraxis in Deutschland vergleichbar. Außer der klinischen Untersuchung gibt es nicht mal ein EKG oder ambulante Troponintests oder Ähnliches. Die Patienten wünschten sich eine ortsnahe Versorgung wie in Deutschland, aber gerade in der Bretagne gibt es einen Ärztemangel, sodass eine ortsnahe Versorgung nur selten möglich ist.

Na denn, als Gast bekommt man halt nur die schönen Seiten mit. Bitte nicht übel nehmen, soll nur der Info dienen. Gruß aus Lille.

 

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