• Bericht
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  • Julia Mues
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  • 25.11.2005

Famulatur in Dhamtari, Indien

Julia hatte sich gewünscht einen Teil ihrer medizinischen Ausbildung in einem Land fern der westlichen Medizin zu verbringen, eine Chance die sie nach dem Studium so schnell nicht wieder haben würde ... Von Juni bis August 2005 verschlug es sie dann ins zentrale Indien. Im Nachhinein findet sie, dass das gute Wahl war! - Im Anschluss an den Bericht findet ihr einen kritischen Kommentar von Philipp Theurer, der 2007 in Dhamtari eine Famulatur absolvierte.

Alle Fotos: Julia Mues

 

Der Ort

Das Krankenhaus ist ein christliches Lehrkrankenhaus in Dhamtari. Es hat ca. 300 Betten und verfügt über Abteilungen der Inneren Medizin, Allgemeinchirurgie und Gynäkologie. HNO, Ophthalmologie und Orthopädie sind eher kleine Abteilungen. Es bietet sich an, überall mal reinzuschauen, da sich doch vieles von der uns gewohnten Medizin unterscheidet.

Dhamtari selbst ist eine 200.000-Seelen-Stadt (sofern indische Angaben verlässlich sind), die ein Einzugsgebiet von 2 Millionen Menschen aus einem der landwirtschaftlichsten Flecke Indiens hat. Reisfelder dominieren die Landschaft und ich hätte nicht gedacht wie viele verschiedene Grün-Töne es gibt. In der Umgebung gibt es Tempel und viel "Wild Life".

 

Anreise

Die Anreise erfolgt über Bombay oder Delhi. Man muss zwei weitere Flugstunden bis nach Raipur, der Landeshauptstadt des Bundesstaates Chhattisgarh, ehemals Madhya Pradesh, einplanen. Von dort geht es mit dem Bus 2 Stunden nach Dhamatari (oder die netten Leute vom Krankenhaus holen einen ab). Der Flug kostet ca. 400 Euro. Die Preise in Indien erschienen mir im Verhältnis zu Deutschland sehr günstig.

 

Der Tagesablauf

Da ich außerhalb des Campus in einer Familie untergebracht war, bestand der erste Genuss des Tages darin, durch die erwachende Stadt zu fahren. Das bunte Treiben auf den Straßen beginnt so langsam, Ochsenkarren, bunte Trucks und Hunderte von Rikschas ziehen bereits lärmend durch die Hauptstrasse. Den einzigen Ruhepol bilden Dutzende heiliger Kühe, die genüsslich Müll fressend in Straßenmitte liegen.

Der Tag auf dem Campus beginnt um 7.30 in der Krankenhaus Kapelle. Nicht dass ich ein außerordentlich christlicher Mensch bin, aber der die Trommeln und der fröhliche Gesang der Schwesternschüler haben mich bewogen meinen heiligen Schlaf etwas zu verkürzen. Ich hatte, als harter Widersacher der Air Condition, meinem Schlaf sowieso ein Limit gesetzt.

 

OP mit Beleuchter, Tubektomie auf dem Dorf

 

Nach dem morgendlichen Gebet beginnt die "Ward Round", die alltägliche Visite. Die Zahl der Patienten ist enorm und die Krankheitsbilder ziehen sich komplett durch den dicken "Thieme Innere Medizin".
Da es in Indien keine Krankenversicherung gibt, kommen die meisten Patienten ziemlich spät. Vorsorgeuntersuchungen sind ein Fremdwort und jeder Gang zum Krankenhaus wird aus Kostengründen gemieden. Das was dann doch kommt, ist teilweise für europäischen Standard schockierend. Diabetes ist eine Volkskrankheit, das Wissen darüber auf dem Lande allerdings nicht vorhanden. Erst weit fortgeschrittene Folgeschäden drängen die Patienten zum Arztbesuch. Diabetische Füße waren daher zum Teil eine "Geruchsdiagnose" aus dem Korridor. Natürlich ist das ganze Spektrum der Infektiologie vorhanden. Tuberkulose ist ein weitreichendes Problem, außerdem Malaria. Aber auch eindrucksvolle Fälle von Tollwut und Tetanus habe ich dort gesehen, sowie Filariasis und vieles mehr. Schlangenbisse, Skorpionstiche sind ebenso häufig wie Vergiftungen und Gastritis (so viel Chili im Essen kann eben nicht gut sein!). Eine Mischung aus Faszination und Schrecken für mich.

 

Am Tempel

 

Der Chef der Inneren Medizin, gleichzeitig Chef des ganzen Krankenhauses, hat nach ein paar Jahren USA ein gutes Gespür dafür, was uns Westlern vom Hocker reißt und nimmt sich trotz stressiger Visiten immer Zeit für Anekdoten und lehrreiche Erzählungen. Nach der Visite gibt es ein kurzes Frühstück, was ich mir zumeist wegen der kulinarischen Fülle am Morgen verkniffen habe. Die Inder sind aber ein sehr essbewusstes Volk - Indien ist ein Paradies für Vegetarier!

Ab 11 Uhr folgt die "Outpatients Clinic", wo ich eine weitere Fülle des Krankheitspotpourri geboten bekam.

Ab 15 Uhr lässt der Patientenstrom meist den Beginn der Mittagspause zu. Das Essen nahm ich mit den weiblichen Kollegen auf einem Bett in den Ärzteunterkünften ein. Danach ist Siesta, die ich meist genutzt habe, auf dem Campus herum zu streunen, oder bei der Oma des Hauses - Schwiegermutter vom Chef - ein paar Worte Hindi zu lernen. Nicht dass einem das helfen würde, da die Menschen dort viele hundert Dialekte sprechen. Allerdings macht es sich gut, sich auf dem Gemüsemarkt nicht nur durch Gesten verständigen zu können - dann kostet es gleich ein paar Rupien mehr. Englisch ist nur in der gebildeten Schicht anzutreffen, das heißt bei geringen Anteil der Einwohner.

 

Hygiene hat hier eine andere Dimension - Schwester beim Fliegen jagen

Bis zu den Abendvisiten gab es die immer die Möglichkeit neue Dinge zu erlernen, wie Lumbal-, Pleura- und Ascitespunktionen und ich konnte meine zusätzlich klinischen Untersuchungsfertigkeiten verbessern. Der Mangel an diagnostischen Geräten zwingt zu manchmal erstaunlich einfacher und sinnvoller Diagnostik.
Ich hatte auch die Möglichkeit an vielen Notoperationen teil zu nehmen, Kinder zur Welt zu bringen etc.

Da ich als einzige hellhäutige Person in der Stadt war, kannte mich nach zwei Tagen jeder im Krankenhaus, was den Vorteil hatte, dass ich immer hinzugerufen wurde, wenn etwas Interessantes in der Notaufnahme passierte, wenn zum Beispiel ein Kind mit Missbildungen zur Welt kam, was sehr häufig vorkam.

Operationen sind ein Muss, Hilfe ist hier immer willkommen. Stromausfälle sind an der Tagesordnung, so dass man lernt, bei Taschenlampenlicht im OP zu assistieren. Auch der Begriff "Hygiene" bekommt eine ganz neue Bedeutung.

Abends ist auf dem Campus immer viel los. Wenn nicht Badminton gespielt wird, sitzt man gesellig zusammen und genießt die kühle Abendluft bei Tee. Alkohol ist ein absolutes Tabu, von der Gesellschaft hart verurteilt, aber oft in den "unteren Schichten" konsumiert. Wer Alkohol trinkt verheimlicht das meist. Das gleiche gilt übrigens für das Rauchen. Da man nirgendwo Alkohol sieht, ist es auch nicht schwierig, auf Alkohol zu verzichten.

 

Wissenswertes

Die Ärzte und die meisten ihrer Familien sprechen gutes Englisch, so dass die Verständigung mit den Ärzten relativ problemlos verlief.
Die meisten indischen Ärzte, die ich kennen gelernt habe, haben ihr Land noch nie verlassen. Themen wie "Keine arrangierten Ehen in Europa" und "freie Partnerwahl", "Alkohol an Schulen" und ähnliche sorgten für weit aufgerissene Augen. Ich habe mich eher zurückhaltend benommen, was mich nicht davor bewahrt hat, von einem Fettnapf zum nächsten zu hüpfen. Doch die Inder, die extrem freundlich und aufgeschlossen sind, nahmen es gelassen!

 

Die Monsunzeit: Schwestern bahnen sich den Weg von der Kirche zum Krankenhaus

Kurz gesagt: Anpassungsfähig sollte man sein und möglichst auf Alkohol und Rauchen verzichten können. Traditionelle Klamotten für die Damen trägt man nach zwei Tagen ohnehin, da es zu heiß für alles andere ist und da man schnell keine Lust mehr hat aufzufallen . Die Damen des Hauses haben eine helle Freude daran einen einzukleiden! Man wird schnell Mitglied der Familie und es gibt immer etwas zu gucken oder zu tun. Die Inder freuen sich riesig wenn man ihnen Gesellschaft leistet. Auf diese Art und Weise lernt man viel über das Leben in Indien und sieht auch viel von der Umgebung.

Die Gästeräume sind auf dem Campus. Sie sind relativ komfortabel für indischen Standard und auch für uns durchaus in Ordnung. Der große Bonus ist hier die Klimaanlage, ein Luxus, der wegen der hohen Stromkosten nur wenigen zur Verfügung steht. Verpflegung findet im Rahmen der Familie statt. Kontakte beruflich und privat sind sowieso inklusive! Die Gesamtkosten betragen ungefähr 200 Euro pro Monat, wobei vor allem die Klimaanlage ins Geld geht.

 

Reisevorbereitungen

Visa gibt es nach der Beantragung bei der indischen Botschaft problemlos per Post. Das Formular für ein Touristenvisum und eine Checkliste wird auf der Homepage zum Download angeboten. Rechnet mindestens 3 Wochen Vorlaufzeit ein, auch wenn es meist schneller geht.
Empfohlene Impfungen sind Hepatitis A und B, Polio und Tetanus. Tbc ist Ansichtssache, mir wurde wegen unzureichender Wirkung davon abgeraten. Man ist natürlich mit Tbc in Kontakt, aber kaum einer steckt sich tatsächlich an. Bei einem Tine-Test vor kurzem hatte ich tatsächlich natürliche Abwehrkräfte bei mir feststellen können ohne Tbc gehabt zu haben.
An Versicherungen benötigt man die üblichen für das Ausland, ich habe es über den Marburger Bund laufen lassen.

 

Fazit und Kontakt

Ich hatte eine super Zeit in den zwei Monaten. Es hat wahnsinnig Spaß gemacht und ich kann diese superfreundliche Umgebung jedem nur empfehlen!

Bei Interesse meldet Euch bei mir unter

juliamues@hotmail.com 

 

Kommentar von Philipp Theurer, Jena

Achtung Abzocke!

Ein Kommilitone und ich haben in den vergangenen Semesterferien eineFamualtur am Christian Hospital Dhamtari absolviert. Medizinisch betrachtetwar das eine der wertvollsten Famulaturen, die ich je gemacht habe.

Leider hat sich auf Grund der gesteigerten Nachfrage durch diesen Artikeldas Ganze etwas verselbständigt und zur ABZOCKE entwickelt. Ich möchte dasversuchen zu erklären:

Inzwischen ist es so, dass die Famulanten auf dem Klinikumsgelände im GuestHouse untergebracht werden und von der Familie des leitenden Arztes mitNahrung versorgt werden. Dafür verlangt diese Familie inzwischen einen Preisvon 350 USD pro Person, also umgerechnet knapp über 250 Euro, angeblich umdie Unkosten zu decken (vor einem Jahr waren es noch 150 USD, im vergangen März 300 USD). Für deutsche Verhältnisse scheint das schon ein bisschen viel, aber man kann esauftreiben.

Was in Deutschland aber fast niemand weiß, ist, dass die Preise in Indienetwa ein Zehntel der deutschen Preise sind. Nahrungsmittelpreise sogar nochgeringer.

Jedenfalls war es eine bittere Enttäuschung, als wir in Indien ankamen unddie dortigen Preise erlebt haben. 350 USD sind ungefähr 14.000 Rupien.

Zum Vergleich: Der leitende OP-Pfleger verdient ca. 5.000 Rupien pro Monat, einOberarzt verdient ca. 15.000 Rupien pro Monat, der Chefarzt der Gynäkologieverdient 25.000 Rupien pro Monat.

Mit anderen Worten: Mein Kommilitone und ich haben lediglich für Nahrung und Zimmer zusammen mehr als ein Chefarztgehalt gezahlt. Und man beachte, dass wir das Geld NICHT an das Hospital gezahlt haben, sondern an die Familie des leitenden Arztes, die ohnehin schon die reichste Familie der ganzen Umgebung ist, da seitGenerationen Großgrundbesitzer mit unzähligen Reisfeldern.

Die Tatsache, dass wir soviel Geld an diese Familie zahlten war uns gegenüberdem Pflegepersonal und den Ärzten wirklich peinlich und unangenehm. Daherhaben wir beschlossen, diese Familie am letzten Tag unserer Reise daraufanzusprechen, dass wir den Betrag für unangemessen halten, um lediglich dieUnkosten zu decken.

Wir haben wirklich versucht, das auf unsere höflichste Art und Weise zutun, ohne irgendwie pampig zu wirken o.ä. und haben außerdem betont, dasswir unser Geld nicht zurückhaben wollen. Leider ist das Ehepaar nach unserenwirklich höflichsten (!) Erklärungsversuchen komplett ausgetickt. Wirwurden nur noch unsachlich beschimpft und angeschrien. Es war für uns diegrößte Enttäuschung, dass zwei studierte Akademiker so dermaßen dieKontrolle über sich selbst verlieren.

Im Großen und Ganzen war es aber eine wunderbare Famulatur in diesem Klinikum,nur das Ende war sehr sehr enttäuschend.

 

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