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  • Martin Wendland
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  • 21.11.2007

4 Wochen im Emergency-Camp Sewa Ashram (1)

"Namaste" rief mir der Junge freundlich zu. Er hatte eine Krücke unter dem rechten Arm und sein Bein war in einer Schiene eingegipst. Fröhlich humpelte er auf mich zu, um anschließend seine Hände senkrecht auf Nasenhöhe zu halten. "Namaste": Willkommen auf Hindi. Ich war endlich angekommen in "Sewa Ashram", einem Camp, das sich als Stätte der Zuneigung und Genesung für die Ärmsten versteht.

 

Der Autor des Artikels

 

Ankunft in Delhi

Die ganze Nacht über war ich mit dem Zug von Mumbai nach Delhi gefahren, anschließend mit einer Auto-Rikschah fast 2 Stunden durch die Stadt in einen der vielen Vororte: Zwei Stunden durch Lärm, Dreck, Umweltverschmutzung und Menschen. Menschen über Menschen. Delhi war noch chaotischer als Mumbai. Meine Lungen schmerzten, und am ganzen Körper zitterte ich.

Jetzt stand ich in einem kleinen Paradies: Eine kleine Klinik, ein paar Hütten, und eine kreisrunde überdachte Fläche (dem "Circle"), unter der ein paar Betten angeordnet waren, ein Feld und eine park- oder gartenähnliche Bepflanzung. Hinten am anderen Ende ein schilfgedecktes Gebäude, in dem sich ein kleiner Altar und ein paar hinduistische Gottheiten befanden.

 

Der "Circle" - Alle Fotos: Martin Wendland

 

Ton "Tonbaba" (der Gründer, links) bei der Begutachtung einer neuen Bepflanzung mit Harish, einem der wichtigsten Mitarbeiter des Camps, im Hintergrund blau angestrichen die Hütten für die Mitarbeiter

In eine der Hütten bekam ich ein Zimmer, in dem man fast schon das Gefühl eines Indiana Jones bekommen konnte. Vor der Tür Bananenbäume und ein alter Holztisch.

Wenn ich mich dem "Circle" näherte, so verließ mich allerdings der paradiesische Vergleich: Viele Menschen, die meisten von schweren Erkrankungen gezeichnet, viele mit amputierten Beinen, die in ihren Betten lagen, oder an Spinnrädern saßen - als Beschäftigungstherapie.

In der kleinen Klinik sah es nicht viel besser aus. In alten ausrangierten Krankenhausbetten lagen unter unzähligen Ventilatoren schwerstkranke Patienten. Im Behandlungsraum eine Liege, Schränke und allerlei Geräte - gesponsort aus aller Herren Ländern.

 

Eingang zur kleinen Klinik

 

Als ich eine Schublade auszog, entdeckte ich das Chaos pur: alle Ampullen lagen bunt durcheinander, ich konnte überhaupt nichts finden. Der Staub sammelte sich in den Ecken, und die Geckos huschten nur so umher. Dennoch: Mit der Ausstattung und den Möglichkeiten, die hier vorhanden waren, war es insgesamt ausgesprochen reinlich - im Indischen Vergleich natürlich.

Es gab nur eine Handvoll Mitarbeiter. Zwei indische Krankenschwestern, deren Arbeitsmoral manchmal etwas darniederlag, ansonsten westliche Laien mit Erfahrung, aber vor allem ehemalige Patienten. Aufgrund dieser Zusammensetzung war das soziale Gefüge eine hoch angespannte Mischung. Einen Arzt gab es nicht, nur alle 3-4 Tage kam mal ein freiwilliger Doc vorbei, der sich die Krankenakten und ein paar Patienten anschaute.

Trotzdem ein Paradies für die Schwächsten der Gesellschaft.

 

Ein Patient im "Circle"

 

"Please come doctor!"

Als ich ankam blieb mir nicht viel Zeit zur Eingewöhnung. Trotz aller Beschwichtigungen, dass ich nur ein Student sei, wurde ich voll eingebunden. Ich musste Entscheidungen treffen, für die ich gefühlsmäßig noch nicht so weit war, und Sachen machen, die ich wahrscheinlich nie wieder machen werde. Allerdings blieb keine andere Wahl. Die Menschen starben so oder so, oder sie regenerierten sich, da hatte mein Dazutun wenig Auswirkungen. "Noch vor einigen Monaten sah es hier noch viel schlimmer aus, wir wussten gar nicht was wir zuerst machen sollten" sagte ein Schweizer, der hier hängengeblieben war.

Doch auch jetzt war es noch knallhart: Wer seine Medikamente wirklich einnahm und vertrug, der überlebte; wer nicht, der blieb auf der Strecke. Und das auch ziemlich schnell.

Neben den Tuberkulosekranken und HIV-Patienten gab es sehr viele orthopädische Patienten. "Zustand nach Amputation" hätte man in unzählige Akten schreiben können.
Ich habe noch nie so viele verstümmelte Gliedmassen gesehen, amputierte Menschen, die mit etwas Glück ein paar Krücken besaßen oder gar einen Rollstuhl. Wer Pech hatte, kroch auf dem Boden. Hier im Camp musste das niemand, aber draußen…

Meistens verletzen sich die Menschen bei der Arbeit, im Strassenverkehr oder bei ganz banalen Unfällen. Aus den verdreckten, schlecht heilenden Wunden der schlecht ernährten Menschen entwickeln sich dann meisten unkontrollierbare eitrige Geschwüre. Ganze Fleischteile, Hautfetzen werden nekrotisch und lösen sich. Anschließend setzen sich Maden in das nekrotische Gewebe und fressen es bis auf den Knochen herunter.

Wenn diese Patienten überhaupt eine Behandlung erfahren, dann nur eine stümperhafte, die ihnen oft noch mehr Probleme bereitet als sie so schon haben. Ist ein Bein gebrochen, dann wird einfach ein Gips drum geknallt. Egal, ob die Knochen vielleicht völlig verschoben sind, egal ob es ein offener Bruch ist, egal dass die Haut unter dem Gips infiziert und verletzt ist.

"Helocopter" ist so ein Beispiel. Aufgrund einer Verletzung am Knie wurde sein Bein einfach in einen Gips gepackt. Da er sich durch die ungünstige Konstruktion nur mit kreisenden Arm- und Beinbewegungen fortbewegen kann, bekam er seinen Spitznamen.

 

"Helicopter" in seiner spezial-Rikscha. Sein linkes Bein ist versteift.

Nach mehreren Monaten im Gips, ohne dass dieser zwischendurch gewechselt wurde, ist sein Kniegelenk jetzt nicht mehr beweglich.

Was so etwas in einem Land wie Indien bedeutet, kann man sich als westlicher Wohlstandmensch kaum ausdenken. Wer in Indien einen Fuß, ein Bein, oder Arm verletzt, der ist ganz schnell zur bittersten Armut und zum Tode verurteilt - auch wenn die Wunden abheilen. Wer nicht laufen kann, kann auch nicht arbeiten. Somit verliert er die wenigen Rupies als Einnahmequelle - der Teufelskreis nimmt seinen Lauf.

 

"Fast tot? Kommen Sie doch morgen wieder!"

Ich begleitete oft Patienten in die Krankenhäuser. Jedes mal bedeutete es für alle Beteiligten einen Kraft- und Balanceakt. Mit einem Ambulanzwagen fuhren wir die 30km bis nach Delhi rein in ein, manchmal auch zwei Stunden. Mitten durch den dicken Verkehr.

 

Fahrt ins Krankenhaus

 

Auch bei Notfallpatienten machte niemand dem Krankenwagen mit "Tatütata" Platz - Blaulicht, Ampeln: Ist doch nur zur Dekoration, oder? Und wen stört es schon, wenn ein armer Mensch in einem Krankenwagen stirbt. So kam es mir oft vor, sogar im Krankenhaus.

Die Ärzte, chronisch überlastet, meistens genervt, die Krankenhäuser dreckig und in den Betten manchmal zwei bis drei Patienten. Das war der zweite Kulturschock, den ich erlebte. Krankenhäuser - Orte an denen Menschen genesen sollen, in denen Menschen gerettet werden. So dachte ich eigentlich immer. Nicht aber in Indien.

 

Onkologie im Lok-Nayak-Hospital, Delhi

 

Hier wird das Leiden gegen Geld mehr oder weniger verwaltet und hin- und hergeschoben. Bis ein Patient endlich stationär aufgenommen wird, kann er schon mehrfach gestorben sein. Die Krankenhäuser sind überfüllt und wie der Straßenverkehr ständig in der Gefahr eines Kollapses.

Ein Gang ins Krankenhaus gestaltet sich in den meisten Fällen zu einem Hürdenlauf. Zuerst muss der Patient zum OPD (out-patiens-department), wofür er sich in mindestens zwei Schlangen anstellen muss, um wieder von Tür zu Tür geschoben zu werden.

Die wartenden Menschen sind gereizt, zuweilen aggressiv, und ein schwacher kranker Mensch hat in der Regel schlechte Karten, wenn er den Kampf alleine aufnimmt. Wer in einen Behandlungsraum möchte, muss sich mit aller Kraft durch eine Menschenmenge durchdrängeln, ansonsten kann es sein, dass er trotz Registrierung einfach nicht mehr drankommt.

Die Luft ist schlecht, es ist heiss und nur ein paar Ventilatoren sorgen für etwas Linderung.

 

Sauberkeit wird groß geschrieben in indischen Krankenhäusern

Wirklich?

Oft fällt in Delhi der Strom aus, auch in den Krankenhäusern. Dann stehen die Menschenmassen im Dunkeln in diesen manchmal verliesähnlichen Bunkern, die sich Krankenhäuser schimpfen.

Ist man endlich mal im Doctor's room, dann heißt es wieder warten. Meist sitzen die Ärzte um einen großen Tisch herum und behandeln gleichzeitig mehrere Patienten - Datenschutz, Schweigepflicht, Privatsphäre? Was ist das?

Dann ist man endlich dran, und wenn man Glück hat wird man nicht wieder nach Hause geschickt. Glück?

 

Dunkle Gänge, eng, stickig, überfüllt. Hier: ein ruhiger Moment mit sehr wenig Menschen.

 

Meistens erklären die indischen Ärzte den Patienten nichts! Die einfachen Bürger haben meist überhaupt gar kein Wissen über Gesundheit und Medizin. Keine Werbung, keine Gesundheitsmagazine, nichts - zumindest nicht für die Ärmeren.

Wenn man dann "Glück" hat aufgenommen zu werden, dann geht der Marathon weiter zur entsprechenden Fachabteilung. Und wenn die dann noch Kapazitäten und Lust haben, dann ist der Patient vielleicht stationär aufgenommen. Glück für denjenigen, der sein nicht besonders sauberes Bett nicht auch noch mit ein bis zwei Mitpatienten teilen muss…

Auch wenn man die Patienten nur begleitet, so beschleicht einen ein bedrückendes Gefühl von Leiden, Tod, Dreck und Willkür. Diese Häuser sind so grausig, dass wir sie einfach in "Auschwitz" umbenannt haben. Das klingt moralisch verwerflich, aber man kann einfach nicht mehr anders, wenn man die Menschen dort so leiden sieht.

Come tomorrow

An einem Nachmittag brachte der Krankenwagen einen sterbenden Mann. Wie immer nichts als Haut und Knochen. Er war unter einer Brücke gefunden worden, in einem sehr schlechten Zustand. Als er in einem Rollstuhl in die Klinik geschoben wurde, war er bereits im Begriff zu sterben. Mit Müh und Not gelang es uns Zugänge zu legen und Sauerstoff zu verabreichen. So konnten wir ihn tatsächlich stabilisieren.

Um sein rechtes Bein war eine Plastikplane gewickelt. Nachdem er stabil war, entfernten wir die Plane, und ein gewaltiger Gestank kam uns entgegen. Das gesamte Bein war vom Fußknöchel bis über das Knie weggefault! Man konnte die Tibia erkennen und sogar die Menisci. In dem übrigen herumhängenden Fleisch tummelten sich die Maden, sodass dies eher eine sich bewegende Masse war. Es war ein grausamer Anblick.

 

Mein holländischer Kollege Gerwin beim Patienten

 

Wie konnte dieser Mensch bis dahin überleben?

Am Abend brachte ich den Mann mit einem anderen Patienten ins Krankenhaus. Die anderen wetteten mit mir, dass ich es nicht schaffen würde, dass dieser und ein anderer Patient mit vermutetem akutem Blinddarm, aufgenommen würden.

Ich war froh, dass er die Fahrt nach Delhi überlebte. Als wir in der Notaufnahme angekommen waren und ich die Situation geschildert hatte, sagte der Dienst habende Notarzt zu mir "Come tomorrow!"

Es war unfassbar! Nach einigem Diskutieren gelang es mir aber ihn zu überzeugen, beide Patienten aufzunehmen.

Die Laborergebnisse bestätigten die drastische Situation: septischer Schock.

Die drei jungen Chirurgen, die sich den Patienten anschauten, sahen allerdings keinen dringenden Handlungsbedarf. Sie standen da, und spielten scheinbar mit den Maden.
"We can keep him for one week, he will get antibiotics and then we will see" sagten sie lächelnd.

Im Endeffekt spekulierten sie wohl auf die Einnahmen, die ein einwöchiger Aufenthalt bringen würde. Wahrscheinlich würde der Patient sowieso sterben, aber so würde man wenigstens noch etwas Geld rausholen können. So jedenfalls erklärten es mir die anderen Mitarbeiter, die schon jahrelange Erfahrung haben.

Die Notwendigkeit den septischen Herd zu entfernen sahen die drei nicht. Stattdessen versuchten sie mir medizinischen Unsinn zu erzählen, den jedes 3-jährige Kind in Deutschland durchblicken kann: "He is fine".

Ich ließ es mir nicht nehmen, mit den drei Docs ein Wortgefecht zu führen - hier ging es nicht um meinen Stolz, sondern um das Leid des Patienten.

Müde aber happy fuhren wir nach Hause. Ich hatte nichts Weltbewegendes geleistet, keine Menschen spektakulär und fachmännisch gerettet, keine Heldentat vollbracht. Aber ich hatte meine Wette gewonnen!

 

Mit Terpentin auf Madenjagd

Mein Alltag wurde geprägt vom morgendlichen Verbandswechsel. Jeden Morgen mussten über 20 Patienten versorgt werden, einige hatten mehr als 1 oder 2 Wunden.
Einen Grossteil nahmen die Beinamputierten ein, deren Beinstümpfe sich entzündet hatten. Geradezu angenehm, wenn es mal kein stinkendes Gangrän war. Mal saß ich vor einem doppelt beinamputierten Mann, und versuchte mit aller Kraft den Eiter aus seinen Abszessen zu drücken.

"Beeindruckend" waren auch die noch nicht amputierten Beine: Mit dem Verband löste sich dann meist schon eine dicke Eiterschicht und ließ blutige, bis auf die Fascie freigelegte Füße erkennen. Wahnsinnig war zum einen der Gestank, zum anderen dieser Anblick. Das letzte Mal hatte ich so etwas im Präp-Kurs gesehen, aber wie diese Menschen solch höllische Schmerzen ertrugen, ohne Suizid zu begehen, konnte ich nicht begreifen. Einfach unfassbar, woher diese Menschen den Mut nahmen, jeden Tag von Neuem zu beginnen.

"Schaut doch gut aus", meinte mein Schweitzer Kollege, und meinte damit eine rosige, etwas blutige Wunde am Fuss eines Patienten. Tatsächlich war kein Eiter mehr zu sehen, das Gewebe vital. Naja, begeistern konnte ich mich nicht wirklich, zumal die Wunde eine riesige Fläche von den Zehen bis zum Sprunggelenk umfasste!

Im Gegensatz dazu hatte der nächste Patient noch Einiges vor sich. Wegen einer Kopfverletzung und dem Leben auf der Strasse, hatte er eine massive Infektion der Kopfhaut bekommen. Nach dem Haareschneiden konnten wir das Ausmaß erkennen: die gesamte Kopfhaut war geschwollen, und an der linken Seite befand sich ein grosses Loch.

Unter der Oberfläche musste sich eine massive Entzündung abspielen, es schimmerte Gelb durch die Haut. Ich wusste gar nicht wo ich anfangen sollte. Aus dem grossen Loch fischte ich Eiter und Maden, wobei der Patient furchtbare Schmerzen hatte.

Der Patient bei der Ankunft

 

Nach etwa zwei Wochen war die Entzündung deutlich zurückgegangen - Dank Terpentin

Wir machten einen Terpentin-Verband, und nach wenigen Tagen konnten die toten Maden aufgesammelt werden und die Entzündung war fast verschwunden!
Terpentin!

Da er aber schon einen Tremor hatte, wollte ich ihm gerne Antibitika geben, die auch ins Gehirn gelangen - Pharma? Wie war das noch mal?

Teil 2 des Berichtes: weiterlesen

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