• Bericht
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  • Patrick Richter
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  • 19.10.2017

Famulatur Pädiatrie und Gynäkologie in Indien

Schon der Heilige Augustinus meinte: „Die Welt ist wie ein Buch, und wer nicht reist, liest davon nicht eine einzige Seite.“ In diesem Sinne habe ich mir vorgenommen, für ein Jahr dieses Buch „Welt“ zu studieren und verschiedene Seiten zu lesen. Das erste Kapitel führte mich nach Indien...

Traditionelle Shivastatue. © Patrick Richter

Motivation

Als Medizinstudent hat man viele Möglichkeiten ins Ausland zu gehen und neben der Entdeckung einer anderen Kultur kann man auch verschiedene Gesundheitssysteme kennen lernen und Pflichtpraktika absolvieren. So habe ich mir ein Jahr frei genommen um in drei Ländern mit unterschiedlichen Gesundheitssystemen und Kulturen vor Ort im Krankenhaus zu arbeiten.

Bewerbung

Das große Projekt Auslandsfamulaturen begann schon ein Jahr vor Abreise mit der einfachen Idee, die ich zusammen mit einem guten Freund und Kommilitonen hatte. Daraufhin suchten wir uns Länder aus, die wir besuchen wollten und organisierten für jedes Land individuell unsere Aufenthalte. Es gibt verschiedene Wege einen Praktikumsplatz an einem Krankenhaus zu bekommen. Neben Initiativbewerbungen und Kontakten im Krankenhaus kann man sich auch über Organisationen, die internationale Praktika anbieten, bewerben. 

Da wir von Indien keine Vorstellungen hatten und lieber den sicheren und etwas bequemeren Weg wählen wollten, beschlossen wir, unseren Aufenthalt über die Organisation Green Lion India zu organisieren. Daraufhin wurden wir problemlos an ein Krankenhaus, das am Green Lion-Projekt angeknüpft ist, vermittelt. Außerdem stellte man uns eine Unterkunft, Verpflegung und einen Ansprechpartner vor Ort mit einem internationalem Team von Freiwilligen.

Vorbereitung und Anreise

Aufgeregt auf diesen ersten Abschnitt holten wir uns noch alle nötigen Impfungen, packten unsere Koffer mit allem was man benötigt (unbedingt an Handschuhe und Mückenschutz denken!) und schon bald hieß es Abschied nehmen von Freunden und Familien. Unsere Reise begann am 11.10.2015 von Berlin. Erschöpft vom Flug, aber aufgeregt und voller Vorfreude kamen wir in Indien, Bengalore, an. Der Transfer vom Flughafen zu unserer Unterkunft in Madikeri verlief problemlos mit Hilfe der Organisation. Vor Ort hatten wir tolle Koordinatoren und die Unterkunft im Haus mit anderen Freiwilligen förderte einen internationalen Austausch und eine hervorragende Gruppendynamik. Natürlich sollte man keine deutschen Standards erwarten, aber alles nötige gegeben.

Segnung des OP-Saals. © Patrick Richter


Das Krankenhaus

Schon in unserer ersten Orientierungswoche wurden wir im Krankenhaus den Direktoren und Ärzten vorgestellt. Es handelt sich um ein staatliches Krankenhaus, das auf Pädiatrie und Gynäkologie/Geburtshilfe spezialisiert ist. Die Arbeit im Krankenhaus in Indien gestaltet sich als ausgesprochen unterschiedlich zu dem was wir in Deutschland gewöhnt sind. Zunächst ist das Arztsein in Indien nicht nur Beruf, sondern eine Aufgabe an die Gesellschaft. Der typische Arbeitstag beginnt um 5 Uhr morgens und hört um ca. 21 Uhr abends auf. Natürlich waren die Ärzte auch immer für Notfälle erreichbar. Sie lebten wortwörtlich im Krankenhaus. Unsere Arbeitszeiten gestalteten sich flexibel, abhängig von dem was wir sehen und miterleben wollten, begannen wir manchmal um 5:00 Uhr mit einer Kaiserschnitt-OP, manchmal aber auch erst 9:00 Uhr in der ambulanten Kinderklinik.

Vormittags und am späten Nachmittag war die ambulante Kinderklinik immer geöffnet. Dr. Naveen Kumar B.C. betreut dort im Schnitt 80 Kinder täglich. Diese Menge macht schon ersichtlich, dass der Ablauf einer Patientenbehandlung anders verläuft als bei uns in Deutschland. Aufgrund fehlender moderner technologischer Ausrüstung im Krankenhaus, bis auf ein Röntgengerät und grundlegende Laboruntersuchungen, war keine weitere apparative Diagnostik vorhanden. Hierbei verließ sich der Pädiater sehr auf die klinische Untersuchung, mit dessen Hilfe zum Beispiel ein Husten exzellent differenziert werden konnte und so die verschiedenen Krankheitsbilder behandelt werden konnten. Nach der Arbeit in der Ambulanz ging es zur Visite auf Station.

Da das Pflegepersonal in Indien nur für die Medikamentenvergabe zuständig ist, nicht aber für die Pflege oder das Essenreichen der Patienten, sind auf jedem Zimmer immer noch Extrabetten für einen Angehörigen vorhanden, der sich um das kranke Kind und dessen Pflege kümmert. Allgemein muss ich sagen, konnten wir so sehr viele Patienten mit unterschiedlichsten Krankheitsbildern sehen und untersuchen. Wir kamen mit Krankheitsbildern in Kontakt, die in Deutschland rar sind, wie etwa Behinderungen aufgrund von geschwisterlichen Eltern. Obwohl wir die regionale Sprache, Kannada, nicht sprachen, waren die Eltern trotzdem sehr zuvorkommend und freundlich zu uns und wir konnten alle Kinder jederzeit untersuchen. Leider war die Anamneseerhebung aufgrund der sprachlichen Barriere etwas schwierig, aber dafür hat uns der perfekt englisch sprechende Arzt immer unterstützt.

Neben der Pädiatrie konnten wir auch die Gynäkologie kennen lernen. Jeden Tag gab es Operationen, bei denen wir zuschauen durften. Durch die Masse an Patientinnen, die jeden Tag von Dr. Rajeshwari Naveen operiert wurde, verliefen die Operationen sehr schnell und präzise. Sie konnte Wunden nähen, ohne die Spur einer Narbe zu hinterlassen. Allerdings ist der Hygienestandard in staatlichen Krankenhäusern bei weitem noch nicht so fortgeschritten wie bei uns in Deutschland. Beispielsweise trugen wir im OP-Saal Flipflops oder waren barfuß. Die Ärztin trug keinen Mundschutz und wenn im Laufe der Operation ein Handschuh gerissen ist, wurde trotzdem weiter operiert. Auch Desinfektionsspender für die Hände sucht man im Krankenhaus bis auf den OP-Saal vergebens. Trotzdem haben wir in unserer gesamten Zeit im Krankenhaus keine einzige postoperative Infektion gesehen und alle Wunden sind ohne Probleme verheilt.

Gute Stimmung im OP. © Patrick Richter


Land und Leute

Neben unserer Arbeit konnten wir natürlich Indien und seine vielfältige Kultur kennen lernen. Neben anderen Essgewohnheiten (traditionell wird mit der rechten Hand gegessen, außerdem sind die Speisen wesentlich schärfer) zeichnen sich Land, Leute und Kultur durch eine hohe Diversität aus. Ein guter Freund meinte einst: „Indien ist wie Masala“ (Masala = traditionelle indische Gewürzmischung). Gemeint ist damit, dass es nicht das „eine typische“ Indien gibt. Man findet ein Mischung aus verschiedenen Glaubensrichtung (hinduistisch, christlich, muslimisch, buddhistisch, etc), eine Diversität von Sprachen (16 offizielle Landessprachen gibt es in Indien), eine Vielfalt der Natur (tropisches-nasses Klima, trockene Wüstenlandschaft, Berge, Strand, …), Metropolen wie keine anderen, aber auch die abgeschiedensten Orte. Diese meist friedliche Koexistenz unterschiedlichster Menschen war sehr beeindruckend.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der erste Tag in Indien, als wir versuchten, eine übliche Straße in Bengalore zu überqueren. Nachdem wir gefühlt eine Stunde an der Seite standen und auf eine nötigen Lücke im Verkehr warteten,der obwohl er für zwei Spuren ausgelegt war vierspurig verlief, fassten wir den Mut und nutzten die kleinste Lücke um die Straße zu überqueren. Schon mein Testament im Kopf schreibend wagte ich mich auf die Straße zwischen die Autos. Nach einigen Wochen in diesem Verkehr gewöhnten wir uns schnell an die Verhältnisse und die Herausforderung. „Straßenüberqueren“ war kein Problem mehr. Nichtsdestotrotz ist der Verkehr in Indien verglichen zum europäischem Standard chaotisch und ungewohnt.

Besonders hervorzuheben ist die extreme Freundlichkeit der Menschen in Südindien. Als Ausländer in einem fremden Land wurde uns zu jeder Gelegenheit immens geholfen. Außerdem waren viele Einheimische an unserer Kultur interessiert. So wurden wir schnell zum Essen oder gar zu Hochzeiten eingeladen. Natürlich herrscht in einem so großen Land der Unterschiede auch viel Armut und  Kriminalität. Grundlegende Sicherheitsmaßnahmen, sowohl für Gesundheit als auch Eigentum, sind daher immer von Nöten. Etwa beim Zubereiten von Nahrungsmittel gilt die Grundregel: „Boil it, wash it, cook it, or forget it!“ Wenn man ein paar Dinge beachtet, kommt man zum Ergebnis, dass Indien ein sicheres Reiseziel und definitiv einen Besuch wert ist. Vor allem die einheimische Küche ist, sobald man sich an die Schärfe des Essens gewöhnt hat, einfach nur köstlich und sehr vielseitig.

Meistens haben wir etwas auf der Karte bestellt, was wir nicht kannten und konnten so für wenig Geld sehr gut essen. Vor allem sind die kleinen Restaurants, die nicht unbedingt den hygienischsten Eindruck machen und wo die Küche zur Straße hin geöffnet ist, empfehlenswert. Bei solchen Restaurants ist sichergestellt, dass das Essen immer frisch zubereitet wird und nicht verdorben ist, da oft gewisse Speisen auf der Karte nicht mehr zur Verfügung stehen. Ebenfalls sind Orte an denen Einheimische speisen ein guter Indikator für sicheres Essen.

Markteinkauf. © Patrick Richter


Fazit

Indien ermöglicht es, eine komplett andere Kultur im Vergleich zur europäischen kennen zu lernen. Außerdem wird man durch ungewohnte Situationen vor neue Herausforderungen gestellt, deren Überwindung den eigenen Horizont immens erweitert. Sehr wichtig ist jedoch, dass man sich auf die Kultur und die Menschen in Indien einlässt und Unterschiede akzeptiert. Wenn man das beachtet, geben einem die Einheimischen alles um ein Vielfaches zurück. Ich kann nur jedem Medizinstudenten empfehlen, ein Praktikum in Indien zu machen, denn hier lernt man nicht nur medizinisch viel dazu, sondern vor allem auch persönlich für das eigene Leben!

 

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